Betäuben in Benin

02.06.2009 um 21:01 Uhr

Starbucks

Dienstagabend. Ich sitze im Starbucks Café, ein offener Bereich mitten im Schiff. Hier gibt es zu den Öffnungszeiten eine große Auswahl aromatisierter Kaffees, sozusagen die Nachtbar der Antialkoholiker. Hier kann man sich verabreden oder auch per Zufall auf Gesprächspartner treffen. Im Hintergrund übt gerade jemand am Klavier (glücklicherweise auf hohem Niveau), und manchmal wird hier auch ein Konzert gegeben.Sogar eine WLAN-Verbindung für meinen Laptop gibt es.

Gestern war ein normaler Arbeitstag. Der Pfingstmontag, auch nach Aussage eines mir bekannten Pastors der überflüssigste deutsche Feiertag, wird an Bord nicht gefeiert. Selbst Pfingsten ist erstaunlich glanzlos an der Africa Mercy vorübergegangen, ist es doch als Gründungsfest der Kirche eigentlich ein wichtiges Datum. Drei „Anesthesia providers“ sind am Wochenende neu eingetroffen, alles Fachärzte. Die eine ist altgedient an Bord und braucht keinerlei Einarbeitung. Für die beiden anderen ist Anästhesie in Afrika und auf einem Schiff eine neue Erfahrung. Vor allem müssen sie natürlich wie an jedem anderen Arbeitsplatz auch erstmal in Örtlichkeiten, Gerätschaften und Gewohnheiten eingewiesen werden. Welche Narkosemaschine benutzen wir (Ohmeda)? Wo finde ich den Tubus Größe 5,0 (Schrank 4 in der Pharmacy im OP)? Sollte ich bei Dr. Bruce wirklich damit rechnen, dass die Struma in gut 20 Minuten raus ist oder ist das Chirurgenlatein (20 Minuten, keine Angeberei, man glaubt es kaum!)? So schnell wird man zum alten Hasen und teilt seine geballten Erfahrungen aus zwei Wochen Anästhesie an Bord. (Was nicht ganz stimmt, ist ja schon mein dritter Aufenthalt.)

Die Patienten verlassen hier schon recht schnell das Schiff, so ist heute Nachmittag Albert aufgebrochen. Dem hat Dr. Gary erst vor fünf Tagen die rechte Gesichtshälfte regelrecht hochgeklappt, um dort einen erneut aufgetreten Tumor auszuräumen. Schon direkt am Tag nach der OP war Albert erstaunlich beschwerdefrei. Es gibt schon erstaunliche Dinge. Einige Patienten finden - um die Raumnot auf den Stationen zu lindern - Platz in der sogenannten „Hospitality“, einer für diesen Zweck zurechtgemachten Lagerhalle in Hafennähe. Aber das ist nur eine Notunterkunft für diejenigen, die weit entfernt wohnen und nach zwei Wochen zur Wiedervorstellung kommen, z.B. zum Verbandswechsel.

Nach dem Tag im OP ist es oft schon schnell dunkel. Wir sind hier nur noch 700 km vom Äquator entfernt. Da sind die Tage im Sommer wie Winter fast gleich lang, zwölf Stunden. Hier gibt es also keine dunklen Winter, aber auch keine hellen Sommerabende bis zehn Uhr. Die Temperatur schwankt im Jahresverlauf nur wenig zwischen 27 und 32° C, es gibt nur nasse oder trockene Hitze. Eigentlich sollte die Regenzeit schon eingesetzt haben, aber noch sind wir von größeren Wassermassen von oben verschont geblieben. Ich erinnere mich gut an die frustrierte Crew in Liberia, die 2007 gerade drei Monate ununterbrochenen Regen hinter sich hattte. Da sieht man wohl die sprichwörtlichen Felle davonschwimmen...


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