Das Leben der jungen J

25.09.2015 um 12:32 Uhr

Das Geheimnis der Ausgeglichenheit

Stimmung: ausgeglichen

Anna hat natürlich Recht: Nach mittlerweile 4 Monaten Trennung ist auch endlich in MEINER Wahrnehmung Mr. Right zu Mr. Wrong geworden.

Er hat einen neuen Job angefangen. Am Anfang hat er sich quasi täglich gemeldet hat, um mir von seinem Tag zu erzählen und dann irgendwann ist er einfach abgetaucht ist. Fast von einem Tag auf den anderen. Keine Nachrichten mehr, keine Anrufe und keine Treffen. Er sagt, es liegt daran, dass er wie ein Bekloppter schuftet und keine Freizeit hat. Ich glaube eher, dass er mich gegen seinen neuen besten Freund und Arbeitskollegen ausgetauscht hat.

Dieser krasse Schnitt von Mr. Wrong und sozusagen damit auch irgendwie ein Verlust meiner letzten sozialen Kontakte, hat zu einem unfassbaren Gefühl von Einsamkeit geführt. Anfangs habe ich sehr darunter gelitten, war ihm deswegen ziemlich böse, aber irgendwann habe ich die Chance genutzt, mich wieder neu aufzustellen, zu überlegen, was ich will und vor allem welche Art von Kontakten und Menschen ich in meinem Leben möchte. Das hat mich wieder mehr zu mir geführt.

Und zu einem neuen Hobby, was ich schon seit Jahren immer betreiben wollte: dem Klettern. Meine Mutter war total Fassungslos: „Waaas? Mit DEINEM GEWICHT?" Ja! „Und das geht? Mit DEINEM GEWICHT?" Ja, es ist anstrengend, aber es geht. „Aber, aber, aber...? Mit DEINEM GEWICHT?" Ja. Verdammt. Du tust ja gerade so, als wäre ich ein Klumpen Mehl. Auch wenn ich moppelig bin, heißt es nicht, dass ich unsportlich bin.

Es macht mir verdammt viel Spaß. Und ich treffe mich dazu mit dem Pferdeflüsterer. Wir haben beiden den Kletterkurs gemacht und gehen gerade in die nächste Runde. Auch ansonsten treibe ich mich 3x die Woche in der Boulder-Halle rum (hier im Norden ist halt nichts mit echten Bergen). Es tut mir wirklich sehr gut. Es erdet mich. Man tut mal, zur Abwechslung zur Bürotätigkeit, was mit den Händen, hat jedes Mal seine kleinen Erfolgserlebnisse, weil man plötzlich etwas schafft, was man beim letzten Mal nicht geschafft habe und es ist sehr gesellig. Man ist halt mal unter Leuten und redet übers Klettern.

Aber ich bin trotzdem noch viel mit mir selbst beschäftigt. Ich habe festgestellt, dass ich im Moment ohnehin nicht viel mehr Gesellschaft, als meine Arbeitskollegen und die Abwechslung in der Halle, ertragen kann. Auch den Pferdeflüsterer halte ich mir auf Abstand. Mit ihm zum Klettern treffen ist ok, Essen hinterher auch noch, aber ich will mich nicht zu sehr mit seinen Problemen befassen. Auch bei ihm ist beruflich einiges im Umbruch, einiges macht ihn sehr traurig und anderes macht ihn frei. Aber ich merke einfach, dass ich mich da nicht in dieser Form, wie früher um ihn kümmern kann und es auch nicht will. Hauptsächlich, weil ich mir nur das aufhalsen kann, was ich alleine verarbeitet bekomme. Denn im Moment habe ich keine beste Freundin, mit der ich meine Sorgen teilen kann. Und nein. Ich WILL das mit Nitida nicht wieder kitten. Dazu hat sie mich zu sehr enttäuscht.

Also interessanter Weise führte dieses "auf mich allein gestellt zu sein", doch tatsächlich dazu, dass ich endlich mal eine gescheite Grenze ziehen kann und sie auch einhalten kann. Dass ich darauf achte, was mir gut tut und dass ich dann auch nur das tue. Etwas, was ich seit meiner Therapie im Grunde schon weiß, aber es nie so wirklich hinbekommen habe.

Es gibt da noch etwas, was mir gerade wirklich gut tut. Seit ca. 6 Wochen treffe ich mich regelmäßig mit meiner Waage zum Sex. Ich hatte ihn angetriggert, weil ich einerseits Mr. Wrong aus meinem System haben wollte (und was hilft besser, einen Mann zu vergessen, als ein anderer Mann?) und anderseits wirklich rattig war. Ich kenne ihn schon eine Weile aus so speziellen „Clubs", die ich mit dem Pferdeflüsterer und auch mit Mr. Wrong besucht habe und deswegen wusste ich auch, dass er es drauf hat. (Ihr wisst schon was ich meine. Was bringt es mir, wenn ich mich mit jemanden zum Sex treffe und hinterher frustrierter bin als vorher... *g*) Er ist was das angeht wirklich ein Geschenk für an die Frauen. Es gibt wenige Männer, die sich so auf eine Sache konzentrieren können, so präsent sind, dass man denkt, man ist die einzige Frau auf der Welt und dann selbst auch noch so viel Spaß daran haben Lust zu bereiten...

Anfangs, muss ich gestehen, habe ich ihn benutzt. Ich wollte Befriedigung und habe sie bekommen. Aber so nach und nach, wurde aus „nur Sex", „Sex und Gespräch" und dann „Sex und Ausflug", kurze Zeit später „gemeinsame Freizeitaktivität und Sex" und schließlich „Vertrautheit, Zuneigung und Sex". Er ist eine echte Waage und damit perfekt ausbalanciert, ruhig und gelassen. Er ist eher leise und still, aber wenn man mit ihm redet merkt man, dass er wirklich witzig, intelligent und tiefgründig ist und wirklich was zu sagen hat. Er hat eine interessante Art die Welt zu sehen, denkt unfassbar Lösungsorientiert und regt sich (außer beim Autofahren) über nichts auf. Wie gesagt, es ist irgendwie mehr als Sex. Ich würde es noch nicht mal als Verliebtheit bezeichnen. Und ob er der Mann fürs Leben ist, weiß ich nicht. Vermutlich eher nicht. Er sagt, er kann es sich nicht vorstellen, länger als 2-3 Jahre mit einer Frau zusammen zu sein. Das ist auch irgendwie alles nicht wichtig.

Er hat irgendwie einen Heilungsprozess in Gang gebracht. Eben weil er so total anders ist als Mr. Wrong. Dafür gibt es zig Beispiele:

Wir sind unterwegs und eine Baustelle verhindert, dass wir weiter fahren können. Mr. Wrong hätte sich tierisch aufgeregt und am Ende mir Vorwürfe gemacht, weil ich es nicht vorhergesehen hätte und vor allem hätte er behauptet, dass jetzt schon der ganze Abend gelaufen ist, wo das doch, wegen [hier bitte beliebigen Grund einsetzen, z.B. das erste Mal diese Art von Veranstaltung oder das erste Mal in dieser Stadt oder das erste Mal mit diesem Outfit] ein besonders besonderer Abend sein sollte. Meine Waage und ich, haben uns daraus einen Spaß gemacht, einen alternativen Weg zu finden, haben die Männer-Art und Frauen-Art diskutiert, wie man zum Ziel kommt, haben schließlich die Frauen-Art gewählt, weil die Männer-Art nicht funktioniert hat und hatten unfassbar viel Spaß. Es war so toll und hat mich daran erinnert, dass das Leben kein einziger Kampf sein muss, sondern auch lustig und entspannt sein kann.

Dann hat Mr. Wrong IMMER hellbraune Schuhe und eine hellbraune Lederjacke angehabt. Klar... beruflich läuft er immer im Anzug rum und deswegen will er das in der Freizeit nicht. Ja. Sicher. Aber dennoch kann man doch mal was anderes anziehen, oder? Es ist ja nicht so, als könnte er sich nichts anderes leisten. Irgendwann konnte ich es nicht mehr sehen und habe mich öfter mal tierisch darüber aufgeregt. Er hat dann genau einmal was anderes angezogen und dann beim nächsten Mal wieder hellbraune Schuhe und die hellbraune Jacke. Überraschenderweise hatte meine Waage bei unserem ersten „wir machen mal Kultur, statt immer nur Sex"-Date auch hellbraune Schuhe und eine hellbraune Lederjacke an. Bei mir stieg schon wieder die Galle hoch, als ich das sah. Aber dann war es bei ihm irgendwie anders. Die Schuhe hatten eine sehr ungewöhnlichen Form, ein schicker Gürtel, Hemd statt T-Shirt. Alles viel modischer. Pfiffiger als bei Mr. Wrong. Und so legte ich im Laufe des Abends meine Aversion gegen diese Art des Outfit ab.

Dann ist mir durch diese Ausgeglichene Art meiner Waage und weil er mich eben nicht permanent versucht zu verändert oder durch Lob und Kritik in eine Richtung drücken möchte, aufgefallen, wie oft Mr. Wrong das gemacht hat. Und vor allem wie abhängig ich davon war. Er hat etwas gelobt und ich habe das aufgenommen wie ein Schwamm und mich in diese Richtung entwickelt. Oder er hat was kritisiert und ich habe es abgestellt und mich dafür auch noch selbst gegeißelt, dass ich diesen vermeintlich schlechten Charakterzug hatte. Das war am Anfang mit meiner Waage wirklich merkwürdig und hat mich sehr verunsichert. Ich wusste halt nie, ob ich ihm gefalle. Aber irgendwann habe ich das Hecheln nach Bestätigung abstellen können. Schließlich würde er sich ja nicht so oft mit mir treffen, wenn er keinen Spaß hätte. Er hat ja Auswahl. Und es ist für mich eine gute Gelegenheit mich mal nicht den Wünschen eines Mannes anzupassen, sondern mein eigenes Ding durchzuziehen. Meine eigene innere Stärke zu finden. "Ich" zu sein und zu bleiben.

Überhaupt haben die viele Regeln und Grenzen, die Mr. Wrong aufgestellt hat, mich unterschwellig immer wieder dazu angestiftet, dagegen zu rebellieren. Auch sein unfassbarer Egoismus und seine Nehmer-Mentalität haben meinen Sinn für Gerechtigkeit und Ausgewogenheit aufschreien lassen. Alles Gründe für meine exorbitanten Wutanfälle. Das habe ich damals alles nicht erkannt. Auch nicht, dass er einfach der Typ ist, Dinge heimlich zu machen, mich zu hintergehen und unehrlich zu sein. Mittlerweile glaube ich, dass er selbst der böse Mensch ist, den er immer überall hinter die Ecke lauern sieht.

Witziger Weise war es am Ende mit Mr. Wrong weit mehr eine reine Sex-Geschichte, obwohl es mit Ausblick auf eine gemeinsame Familie angefangen hat, als mit meiner Waage, die eigentlich „nur Sex" sein sollte. Während der Beziehung mit Mr. Wrong haben wir, außer zum Essen, nie den Sprung in die richtige Welt hinbekommen. Wir sind so oft in „Sex-Clubs" rumgelaufen, dass mir bestimmte Orte und vor allem die Leute dort immer noch regelrecht zuwieder sind. Aber auch das hat meine Waage wieder ausbalanciert. Wir hatten schon sehr viel Spaß auf einer solchen Veranstaltung, wo ich doch eigentlich nie wieder zu sowas hin wollte.

Und jetzt nach ca. 4 Monaten Trennung bin ich bereit auch die letzten Fäden zu Mr. Wrong abzuschneiden. Ich bin ihm auch nicht mehr böse. Er hat auch vieles in Gang gebracht, was dazu geführt hat, dass ich bestimmte Muster aufgeben konnte und letztlich mich selbst wieder finden konnte, dass ich keinen Groll gegen ihn mehr hege. Ich bin auch nicht mehr sauer auf mich, weil ich auf ihn reingefallen bin. Am Ende ist Gutes daraus entstanden und das ist das Einzige was zählt.

Wie gesagt, meine Waage ist irgendwie heilsam. Er bringt alles Mögliche wieder ins Gleichgewicht. Und das in genau der richtigen Zeit mit genau richtigen Mischung aus Nähe und Abstand. Zeit mit ihm zu verbringen tut mir wirklich gut. Ich glaube er weiß gar nicht, wie wertvoll er für mich ist. Vielleicht ergibt sich irgendwann mal die Gelegenheit, es ihm zu sagen. Aber bis dahin reicht es mir, das was ist zu genießen.