Die Magie des Augenblicks

23.07.2008 um 20:36 Uhr

~> Der letzte Elf

von: Jari   Kategorie: ~ Fantasy

"Und die Prophezeiung?", fragte sie noch. "Dein Schicksal? Das Mädchen, deren Name dem der Morgenröte gleicht?"
Yorsch zuckte die Achseln und sah sie an. Er errötete heftig und machte eine unbestimmte Bewegung.
"Unser Schicksal ist das, was wir wollen, nicht das, was in eine Wand gemeisselt wurde, es ist unser Leben, nicht der Traum, den jemand anderer geträumt hat."
Robi nickte zustimmend. Sie beugte sich hinunter und setzte ihr Schiffchen mit der kleinen Puppe darin aufs Wasser und sah ihnen zu, wie sie sachte schaukelten. Das waren die Spielsachen, die ihre Eltern für sie gemacht hatten, alles, was von ihnen übrig war, ausser einer Schleuder, ihrem Namen und ihr selbst.
"Meine Kinder werden damit spielen", sagte sie mit Bestimmtheit. Sie wusste das. Sie hatte es gesehen.
Sie fragte sich, ob sie es ihm sagen sollte, Yorsch, das mit ihrem Namen und der Prophezeiung.
Sie konnte sich das in aller Ruhe überlegen.
Sie hatte ein ganzes Leben lang Zeit dafür."


Aus "Der letzte Elf" von Silvana de Mari

 

 

17.07.2008 um 21:32 Uhr

~> Der Mondhund

"Das sind Sterne", sagte Tirkyneu lachend. "Von nun an werden sie den Liebenden leuchten."
Dann öffnete Monder den zweiten Sack, und Tirkyneu begann, farbige Streifen zum Himmel zu werfen.
"Das ist das Polarlicht", erklärte sie Monder. "Schön, nicht?"
Monder brachte kein Wort heraus. So etwas hatte er noch nie gesehen.
Bis zu dieser Nacht der Grossen Liebe zwischen Tirkyneu und Monder war der Himmel, wenn der Mond nicht leuchtete, dunkel und undurchdringlich, und es schien, als gäbe es in der Natur nichts, was diesen grossen dunklen Raum erhellen könnte.
"Jetzt wird der Himmel immer so schön sein", sagte Tirkyneu. "Und alle, die die Grosse Liebe erfahren, werden sich am Funkeln der Sterne und an den Farben des Polarlichts erfreuen, und mein Mond wird ihnen leuchten. Und in Grosser Liebe werden neue Menschen gezeugt."
"Ja, Menschen", entgegnete Monder und drückte Tirkyneus zarten Körper an sich."


Aus "Der Mondhund" von Juri Rytcheu

 

 

08.07.2008 um 18:49 Uhr

~> Die Paprikantin

von: Jari   Kategorie: ~ Reiseliteratur

"Kurz nach meinem Abflug aus Berlin nach Budapest ereilt mich noch ein letztes Missverständnis: An der Gedächtniskirche spricht mich ein Mensch an, der eine Meinungsumfrage durchführt. Ich verstehe alle Fragen, antworte nach bestem Wissen und Gewissen und will auch schon triumphierend weitergehen, als er mich nach meiner Adresse fragt, um mir die Umfrageergebnisse zukommen zu lassen. Ich sage: "Ich wohne in Budapest."
Darauf er: "Ach. und wie lebt es sich so in der Tschechoslowakei?"
Nichts wie weg hier und ja keinem Ungarn von dem Gespräch erzählen.


Aus "Die Paprikantin" von Lysann Heller

 

 

04.07.2008 um 12:17 Uhr

~> Mieses Karma

von: Jari   Kategorie: ~ Humor/Satire

"Da räusperte sich Alex. Ich öffnete die Augen und schaute zu ihm.
"Darf ich mitdrücken?", fragte er. Unter seinen Lächeln war er immer noch völlig aufgwühlt.
"Klar!", antwortete ich.
Und dann drückte ich auch ihn an meinen Schwabbelbauch.

Ich schloss wieder die Augen.
ich spürte meine Tochter.
Und meinen Mann.
Meine Familie war wieder vereint.
Und wir waren uns näher denn je.
So nahe, wir ich ihr als Kim Lange nie kommen konnte.
Oder wollte.

Es war wunderschön.
Meine Familie umhüllte mich.
Sanft.
Warm.
Liebevoll.
Ich umarmte sie und ging in ihr auf.
Gott, ich fühlte mich so wohl.
So geborgen.
So glücklich.

Und in diesem Augenblick verstand ich, warum Buddha mich ins Leben zurückgeschickt hatte:
Fürs Nirwana braucht man kein Nirwana!


Aus: "Mieses Karma" von David Safier