Die Magie des Augenblicks

25.08.2008 um 15:43 Uhr

~> Eine Welt dazwischen

von: Jari   Kategorie: ~ Liebe

"Vielleicht hilft es ja, wenn du es aufschreibst. Schreib alles auf, was in den vergangenen Monaten passiert ist, schaff Ordnung, indem du in Worte fasst, was du empfindest. Schreib nieder, was geschehen ist, alles, woran du denkst und zweifelst. Alles, was du gefühlt hast und fühlst. Vielleicht schreibst du dann deinen eigenen Grund."
Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte es eigentlich nicht so mit dem Schreiben. Aber vielleicht hatte sie recht und es war die einzige Möglichkeit, zu einer Entscheidung zu gelangen.
"Lass uns schlafen gehen. Dein Problem wird nachts nicht verschwinden, dein Grund wird morgen nicht unter dem Kopfkissen liegen, aber dein Kopf wird ganz bestimmt viel klarer sein. Und du darfst so lange hier bleiben, wie du willst."
"Danke." Meine Stimme klang tränenerstickt.
JoAnne hockte sich vor mich, legte mir ihre Arme um die Schultern und sah mir tief in die Augen.
"Ich bin sicher, dass du die richtige Entscheidung treffen wirst."
Wir zogen uns aus und legten uns gemeinsam ins Bett. JoAnne kam ganz dicht neben mich und ich war ihr dankbar dafür. Irgendwie fühlte es sich an, als müsse ich die Entscheidung nicht allein treffen.


Aus: "Eine Welt dazwischen" von Aline Sax

 

 

24.08.2008 um 16:50 Uhr

~> Alle Familien sind verkorkst

von: angelmagia   Kategorie: ~ Humor/Satire

"Sarah beantworte mir eine Frage - wenn du draußen im Weltraum einen Gegenstand auf die Erde hinabwerfen würdest, würde er doch beim Wiedereintritt in die Atmosphäre Feuer fangen, stimmt's?"

"Ja, klar."

"Gut." Sie reichte Sarah den Pferdeschwanz. "Tu das für mich, Schatz." "Was- ihn auf die Erde runterwerfen?"

"Ja, Liebes."

"Aber warum?"

"Weil die Menschen zu der Spur hinaufschauen werden, die er im Fallen hinterlässt. Sie werden es nicht wissen, aber das, was sie sehen, werde ich sein."

"Und - ?"

"Und sie werden glauben, sie hätten gerade einen Stern gesehen." 


Aus: "Alle Familien sind verkorkst " von Douglas Coupland.

 

 

23.08.2008 um 19:24 Uhr

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

von: skindeep   Kategorie: ~ Prosa

Ich malte mir ebenfalls Regen aus. Er war so fein, dass man nicht wusste, ob es regnete oder nicht. Doch es war Regen. Er fiel auf Schnecken, auf Hecken, auf Kühe. Niemand konnte ihn stoppen. Niemand konnte sich ihm entziehen. Regen fällt immer gerecht.
Schließlich legte sich der Regen als verschwommener, undurchsichtiger Vorhang auf mein Bewusstsein. Der Schlaf kam. Nun bekomme ich zurück, was ich verloren habe, dachte ich. Ich hatte es verloren, doch verloren war es nie. Ich schloss die Augen und überließ mich dem tiefen Schlaf. Bob Dylan sang A Hard Rain's A-Gonna Fall.

 


 

Es ist blau und still wie die Augen der Tiere. Ich habe meinen Schatten verloren - ein Gefühl, als wäre ich ganz allein an einem entlegenen Flecken im Universum zurückgelassen worden. Ich kann jetzt nirgendwo mehr hin und zu nichts mehr zurück. Hier ist das Ende der Welt, und von hier führt kein Weg mehr irgendwohin. Hier tut die Welt ihren letzten Atemzug und steht still.
Ich we
nde dem See den Rücken zu und mache mich durch den Schnee auf den Weg, Richtung Westhügel. Hinter dem Westhügel liegt die Stadt, fließt der Fluss, ist die Bibliothek, wo sie und die Konzertina auf mich warten.
Im Schneetreiben sehe ich einen weißen Vogel Richtung Süden davonfliegen. Er überwindet die Mauer und wird vom weißen Himmel verschluckt. Danach bin ich mit dem Knirschen meiner Schritte im Schnee allein.


Aus: "Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt" von Haruki Murakami

 

 

23.08.2008 um 15:59 Uhr

~> Kreuzzug in Jeans

"Nein!", schrie er. "Ich muss auf dem Kreuz stehen bleiben!"
"Rolf..."
Wer nannte ihn Rolf? Er war doch Rudolf von Amsterdam. Mit den Augen zwinkernd und sich immer noch gegen die Hände wehrend, die ihn festhielten, kreischte er: "Verflucht, so lasst mich doch los! Leonardo, hilf mir!" Er tastete nach seinem Messer.
"O nein, es ist wieder der Falsche!"
Die Stimme kannte er. Auch die fremde Sprache, in der die Worte gesprochen wurde, kam ihm plötzlich bekannt vor. Der Nebel wich, die Hände liessen ihn los. Er wankte einen Augenblick und schaute dann nach unten. Wo war das Kreuz.
Unter seinen Füssen sah er glatten, grünen Boden. Wärme schlug ihm entgegen, Stimmen drangen an sein Ohr.
"Natürlich ist es Rolf! Rolf..."
Die Glocken läuteten nicht mehr. Langsam schlug er die Augen auf und sah eine Frau, eine auffallend grosse Frau mit grauen Augen, die ihn forschend und ängstlich anblickte. Und da waren noch andere Leute, seltsam gekleidet, und alle starrten ihn an...
Waren das nicht Mariechens Augen? Nein, aber er kannte sie von irgendwo her. Die fremde Sprache umsummte ihn, und doch verstand er jedes Wort. Benommen schüttelte er den Kopf.
"Lasst ihn zuerst zu sich kommen."
"Mein Gott, wie sieht er aus!"
"Es ist der Schock..."
"Rolf... lieber Rolf..."
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er mit drohend erhobenem Messer dort stand. Die Frau schluchzte, näherte sich ihm vorsichtig und berührte seinen Arm. Jetzt erst drang allmählich die Wahrheit in sein Bewusstsein. Er stand im Laboratorium von Dr. Simiak. Die Frau mit den schönen grauen Augen war seine Mutter. Der seltsame Geruch, der ihn umgab, stammte von der halb geschmolzenen zeitmaschine, und der Mann, der ihn sanft auf einen Stuhl niederdrückte, war niemand anders als sein eigener Vater. Das Messer entglitt seiner kraftlosen Hand und blieb irgendwo im boden stecken. Rudolf von Amsterdam war zu Hause."


Aus: "Kreuzzug in Jeans" von Thea Beckmann

 

 

10.08.2008 um 21:05 Uhr

~> In freiem Fall

von: Jari   Kategorie: ~ Kriminalroman

"Ich schloss die Augen und liess mich fallen.
Einige Sekunden, und einige Jahrhunderte später, hörte ich das dumpfe Knallen des sich öffnenden Fallschirm. Und die unglaubliche Stille der Leere - das Flugzeug war bereits weit weg.
Ich hielt noch immer die Augen geschlossen, als ich ein seltsames und doch vertrautes Geräusch vernahm. Ich brauchte eine Weile, bis ich begriff, dass es mein eigener Atem war, der aus der Tiefe der Stille, des Fluges, der Angst emporstieg.
Ich hielt die Augen noch immer geschlossen, als ich meinen Namen rufen hörte. Erst in diesem Moment öffnete ich sie und sah, wo ich war. Sah die Welt unter mir, sah, dass ich flog, ohne Angst zu haben. Und sah Margherita, dreissig oder vierzig Meter von mir entfernt, die mir zuwinkte.
Ich fühlte etwas, was man nicht beschreiben kann, während auch ich die Hände hob.
Während ich beide Hände hob und winkte wie früher, als kleiner Junge, wenn ich sehr glücklich war."


Aus: "In freiem Fall" von Gianrico Carogiglio

 

 

10.08.2008 um 12:56 Uhr

~> Firmin - Ein Rattenleben

"Die Worte hallten wie Trompeten in meinen Ohren wider: "Ho hänge! Hänge Hoch! Und das Geklirre unsres Gekreisches bis wir entspringen um frei zu sein."
Ich drehte mich einmal in meinem Nest um, faltete die Pfropfen auseinander, bis er wieder ein Stück von einer Seite war, einer Seite aus einem Buch, einem Buch von einem Mann. Ich faltete sie ganz auf und las: "Doch ich verleere sie die hier und alles verlor ich. Einersamm in Lassenehit mein. Für all ihre Fehler. Ich entfleusse. O bittres Ende! Sie werden's nie sehen. Noch wissen. Noch mich vermissen. Und's ist trübe und trübe es ist bejahrt und trübe es ist bejahrt und benommen."
Ich starrte auf die Worte, und sie verschwammen oder verschleierten sich nicht. Ratten haben keine Tränen. Trocken und kalt war die Welt, wunderschön die Worte. Worte des Abschieds und des Lebewohls, adieu und bis dann, von dem Kleinen und dem Grossen. Ich faltete die Passage wieder zusammen und ass sie auf.


Aus: "Firmin - Ein Rattenleben" von Sam Savage

 

 

05.08.2008 um 01:41 Uhr

~> Die Meisterin (3)

von: dreifingerfaultier   Kategorie: ~ Fantasy

Als Rothen langsam dämmerte, worum es ging, starrte er Sonea an. Automatisch zählte er die Monate seit ihrer Verbannung aus Kyralia. Dreieinhalb, vielleicht vier. Die Roben würden es gut verbergen...

Sie sah ihn an und verzog dann entschuldigend das Gesicht. "Es tut mir Leid, Rothen. Ich wollte es Euch in einem besseren Augenblick erzählen, aber als ich Jonna sah, musste ich die günstige Gelegenheit einfach -"

Sie zuckten beide heftig zusammen, als Jonna plötzlich in lautes Gelächter ausbrach und auf Rothen zeigte. "Diesen Blick habe ich nicht mehr gesehen, seit ich Ranel davon erzählt habe, dass ich ein Kind erwarte! Ich denke, diese Magier sind vielleicht nicht gar so klug, wie sie es gern behaupten. "Sie grinste Sonea an. "Also. Du bekommst ein Baby. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Kind zu einem vernünftigen Menschen wird, wenn es nur von Magiern umgeben ist."

Sonea lächelte schief. "Ich auch nicht. Also, wirst du noch einmal darüber nachenken?"

Jonna zögerte, dann nickte sie knapp. "Ja. Wir werden für eine Weile bei dir einziehen."


Aus "Die Meisterin" (Dritter Teil der Trilogie "Die Gilde der schwarzen Magier") von Trudi Canavan.

05.08.2008 um 00:39 Uhr

~> Die Novizin (2)

von: dreifingerfaultier   Kategorie: ~ Fantasy

Als sie die Tür erreicht hatte, lief sie die Treppe hinauf. Bevor sie den Empfangsraum erreicht hatte, wehte eine Stimme von unten zu ihr herauf.

"Zumindest werden die Morde jetzt aufhören."

"Für den Augenblick", erwiderte Akkarin. "Bis der Nächste kommt."

Sonea drückte die Klinke herunter und stolperte in das Empfangszimmer. Schwer atmend lehnte sie sich an eine Wand, während eine Welle der Erleichterung über sie hinwegschwemmte. Sie hatte sich ihrem Alptraum gestellt und überlebt. Aber sie wusste, dass sie von nun an nicht mehr allzu gut schlafen würde. Sie hatte Akkarin töten sehen, und das war etwas, das sie niemals vergessen würde. 


Aus "Die Novizin" (Zweiter Teil der Trilogie "Die Gilde der schwarzen Magier") von Trudi Canavan.

 

05.08.2008 um 00:11 Uhr

~> Die Rebellin (1)

von: dreifingerfaultier   Kategorie: ~ Fantasy

Rothen lachte. "Ich mag deinen Freund. Ich billige nicht, was er tut, aber ich mag ihn."

Sonea nickte, dann schürzte sie die Lippen. "Rothen, besteht auch nur die geringste Möglichkeit, dass irgendjemand uns hier hören könnte?", fragte sie. "Diener? Andere Magier?"

Er schüttelte den Kopf. "Nein."

Sie beugte sich vor. "Seid Ihr Euch absolut sicher?"

"Ja", sagte er.

"Da ist etwas..." Sie hielt inne, dann glitt sie von ihrem Stuhl, ließ sich neben Rothen auf die Knie nieder und senkte die Stimme zu einem Flüstern. "Lord Lorlen hat gesagt, dass ich Euch etwas erzählen muss."


Aus "Die Rebellin" (Erster Teil der Trilogie "Die Gilde der schwarzen Magier") von Trudi Canavan.