Friedhofsgänge
Wenn man nichts zu erzählen hat, kann man ja immer noch sinnlos nörgeln, meckern und motzen. Über das heutige Fernsehprogramm zum Beispiel. Ich bin einfach zu müde, nein eher zu leblos, um heut Abend das Bett oder gar das Haus zu verlassen, möchte aber trotzdem unterhalten werden! Nicht durch Literatur, Musik oder sonstige schönen Künste, nein, denn das hieße ja aktiv werden (und mein unterirdisches Aktivitätsniveau ist nicht nur auf die Option Außenwelt begrenzt, sondern umfasst sämtliche Lebensbereiche), sondern schlicht und einfach durch die Glotze, Television, das flimmernde Ding da in der Ecke. Ja, ich gebe zu, ich bin heut stinkendfauler Konsument. Aber darf ich deswegen nicht auch Ansprüche haben? Seit wann gibt es zum Wochenende keinen guten Spielfilm mehr zu sehen? "Küss niemals einen Flaschengeist", "Let's Dance", "Im Tal des Schweigens" … das kann doch nicht wirklich ernst gemeint sein, oder? Und wenn ich schon mal in Beschwerdelaune bin: Mich nervt die plötzliche Kälte. Meine Zimmereinrichtung ist auf angenehmes Klima umgestellt. Sprich, die Fenster sind offen, sämtliche Grünpflanzen auf der Fensterbank platziert und exakt nach optimaler Sonnenlichtnutzung ausgerichtet. Dass mir jetzt nicht der Sinn nach einer Umräumaktion steht, muss ich wohl nicht erwähnen. Ich weiß, es gibt Leute, die haben echte Probleme. Welche mit Tiefgang und richtig Tragweite. Meinetwegen dürfen die auch meckern. Bin ja nicht so.
Nichts ist anstrengender, als mit schlechter Laune zu arbeiten. Und Schuld an der meinigen waren nicht etwa irgendwelche Gäste, sondern die lieben Kollegen. Ganz vorn dabei, allen Unkenrufen zum Trotz nicht etwa M., nehee, der B. war's. Einzelheiten lasse ich jetzt, meinem Blutdruck zuliebe, mal aus. Manchmal hat er es ganz einfach drauf.. Obwohl es doch so schön hätte sein können. Schließlich waren ein Dutzend Freunde zu Besuch… und nur ne Handvoll pöbelnder Idioten. Aber nun isses ja vorbei. Zwölf Kreuze dafür.
Ich hatte Besuch. Und was für welchen!! Meine liebste B. ist übers Wochenende in der Stadt, und diesen Aufenthalt haben wir gestern zünftig eingeläutet.. Ach, wat war dit schön. Angefangen haben wir mit der zweiten Folge "Expedition ins Gehirn". Hört sich vielleicht nach einem seltsamen Einstieg an, aber Bildung muss schließlich sein, nech? Dann wurden sämtliche Decken und Kissen auf die Balkonbrüstung geschleppt. Bequem sitzen ist, neben einer gut gekühlten Flasche Sekt, die wichtigste Voraussetzung für einen traditionell zelebrierten Frühlingsabend. Und dann sitzen wir so da, Mitbewohner A. leistet uns Gesellschaft, wir hören unsere CD, singen lautstark gegen den Straßenlärm an, die ein oder andere Träne fließt, aber ich bin so froh, dass sie da ist. Weil ich sie, und diese Abende doch so vermisst habe. Während der zweiten Flasche Sekt und der x-ten Wiederholung von Lied Nr. 15 plärrt F. vom Balkon oben drüber irgendwas herunter. Wir verstehen kein Wort und statten ihm, der besseren Kommunikation wegen, kurzerhand einen Besuch ab. Und siehe da, C. und S. sind auch anwesend. Nach einer kurzen Umbauaktion wird aus der anfänglichen gemütlichen Zusammenkunft eine nette kleine Balkonparty. Mit noch mehr Musik, noch mehr Erinnerungen und ein paar zu Bruch gegangenen Eiern. Hä? Auch so eine Tradition. Nicht so wichtig.
Anschließend heilen wir bei www.parapluesch.de noch ein paar arme kranke Seelen und hören ein bisschen weniger emotionsschwangere Melodien, bis B. schließlich von ihrem Liebsten abgeholt wird. Ach, wat war dit schön. Sagte ich das schon?
Also manchmal isses schon seltsam. Gelesen hab ich heut einige Fakten der Neurophysiologie. Und ich war verblüfft, verwirrt, verwundert! Dieses Ding da oben drin, unser Gehirn, also das ist echt grandios. Ich weiß, das ist jetzt keine wirkliche Neuigkeit, aber heut hab ich mich irgendwie mal intensiver damit befasst. Ach, was heißt schon intensiv. Die Schneeflocke auf dem Hut eines zwölfkugeligen Schneemanns auf einem Eisberg. Aber genug, um mich zumindest heute gänzlich in Beschlag zu nehmen. Am Telefon schwatze ich dann noch mit dem Herrn Halbweltler über die Hirn-Thematik. Bewusstes, Unbewusstes, Gedächtnis, naja, eben sowas. Und was entdecke ich? 20.15 Uhr 3Sat. "Expedition ins Gehirn". Und natürlich dreht sich die komplette Sendung um genau das. Möglicherweise ist meine Begeisterung, ja meine Euphorie, an dieser Stelle nicht ganz nachzuvollziehen, aber ich bin einfach nur platt angesichts der Fülle an Informationen, die ich, da ich ja nur mit einem Durchschnittswunderhirn ausgestattet bin, gar nicht so wirklich strukturiert verarbeiten kann. Aber das beste: Ich kann jetzt das Gedächtnisphänomen "Mitbewohner A." zumindest benennen. Er muss, aufgrund seines Unfalls, unbemerkt zum Savant "mutiert" sein. Unheimlich war mir das Ganze schon immer, wenn er beliebig genannten Daten den Wochentag samt zugehöriger Aktivitäten zugeordnet hat… so ganz nebenbei, während unsereiner Mühe hat, sich an das letzte Wochenende zu erinnern. Jetzt hat das ganze einen Namen und ich mein Objekt für meine Diplomarbeit. Hihi.
Warum verlief der Abend eigentlich anders als gedacht? Weil A. mich aus der Klinik anrief. Überstunden statt Fortbildung. Schade eigentlich. Und für die alternative Grillzusammenkunft mit Kollegenfreund S. und H. war es inzwischen zu spät.
Den Besuch im Laden werde ich mir auch verkneifen. Stattdessen noch das ein oder andere Zigarettchen mit F. auf dem Balkon oder einfach mal zeitig schlafen gehen. Vorausgesetzt, der Lärm im Hof hört irgendwann auf.
4,1 Kilometer Nervenbahn auf einem Kubikmillimeter… ich komme einfach nicht drüber weg.
Soviel Weisheit.
"Was hast Du heute gemacht?" "Was ich immer mache… Ich hab eine Nektarine gekauft." Mich überkommt gerade ein Déjavu-Gefühl..
For a daydream und so weiter.. Nach meinem mehr oder weniger erfolgreichen Lerntag und einem kurzen Telekling mit Herrn Halbweltler spazierte ich zu A.. Diesmal in dem Wissen, dass er garantiert zu Hause ist. Schließlich waren wir verabredet. Ursprünglich zum Kino zwar, aber diese Pläne wurden kurzfristig über Bord geworfen. Zugunsten des zauberhaft warmen Frühlingsabends. Parksitzen, von fliegenden Fußbällen bedroht werden, und einen Probevortrag zum Thema Takotsubo-Kardiomyopathie hören. Ich weiß nicht... doch, ich weiß schon. Ich verfüge über eine enorme, phantastisch anmutende, Vorstellungskraft, aber irgendwas war heut besonders an der Begegnung zwischen A. und mir. Einbildung, reinste Einbildung. Und dennoch wünschte ich, irgendwie, so ganz entfernt, jenseits der Vernunft und abgelegter Gefühle, dass irgendetwas dran wäre an dieser Einbildung. Wir planen ein Camping-Angel-Wochenende Mitte Mai, morgen einen vereinten Fortbildungsbesuch, und dann seine detaillierten Nachfragen zu meinem Date am Sonntag… kann das nicht einfach mal aufhören?? Ich meine ja nur… der emotionalen Entspannung wegen. Mir ist bewusst, dass das wieder nur in meinem Kopf stattfindet (so wie die Fliege auf dem IKEA-Tisch), und trotzdem. Damned! Anschließend Besuch bei Kollegenfreund S. und H. im Laden. Mit Bravour die Billardpartie gemeistert und das ein oder andere Geheimnis preisgegeben. Der Dienst am Sonntag ist nun amtlich. Argh! Jetzt mach ich erstmal meinen Ventilator an und sorge für frische Luft hier oben. Vielleicht wedeln dabei ja auch ein paar ungedachte Ideen ins Köpfchen… ich wär so gern müde jetzt… so richtig, meine ich.
Ja, das ist doch ein Thema, das die Welt bewegt. Biochemie, während draußen das Leben tobt, wovon ich hier drin nur Sägearbeitsgeräusche des Hausmeisters und diverses Vogelgeschrei mitbekomme. Natürlich könnte ich mit Buch und Block auch im Park sitzen. Allerdings liefe ich dort Gefahr, mich von Insekten, schönen Menschen oder auch haltungsbedingten Rückenschmerzen von meiner "Arbeit" ablenken zu lassen. Und das geht natürlich nicht. Nein, nein. Disziplin, Madam! Ha, ich kann in der Scheibe meines geöffneten Fensters die Supermarktangestellten bei ihrer Rauchpause auf der Laderampe beobachten.. und was ist das eigentlich für ein seltsamer Hund im Hof? Hat unser dummer Nachbar ein neues Auto? Ach nee, ist offensichtlich nicht seins.. Oh, Rauchpause schon beendet. Dafür wird jetzt Leergut sortiert. Auch schön. Und warum hab ich mir gerade nen Dienst für Sonntag aufquatschen lassen? Konzentration! Die wesentlichen dopaminergen Neuronen befinden sich in der Substantia Nigra, von wo aus die Axone vor allem in das Neostriatum ziehen (nigrostriatales System), sowie im ventralen Tegmentum, von wo aus die Axone vornehmlich in das limbische System projizieren (mesolimbisches System). Kleinere dopaminerge Systeme befinden sich im Hypothalamus. Der Hausmeister pflastert Rasenkanten. Als ob sich das lohnte, bei diesem kleinen Fleckchen Grün. Ich hab Lust auf nen Kaffee. Ja, ich werd mir mal einen Kaffee kochen. Wie gut, dass ich jetzt nicht im Park sitze.
Wie jetzt?! Grad mal kurz nach Zwei… Montag… und ich schon zu Hause?? Ja, das hat natürlich seinen Grund. Und der heißt: Rache. Weil mich Kollege B. am Freitag beizeiten mit Kollege M. alleine lassen wird, und ich darauf sowas von keine Lust habe, nutzte ich heute die Gelegenheit, B. diese Aktion vorzeitig heimzuzahlen. Er darf jetzt in ca. zwei Stunden ebenfalls in M.'s Gesellschaft den Laden schließen. Kindisch, ich weiß schon. Doch auch ökonomisch. Für die beiden jedenfalls. Heut war nämlich nix los im Laden. Und das ist schon dick aufgetragen. Gähääähn und so. Naja, es wird eben Frühling. Endgültig hoffentlich.
Und sonst so? Hab ich heute mit A. telefoniert. Seine Hauptstadtflucht wird morgen von Angesicht zu Angesicht erstmal ausführlichst ausgewertet. Der Gedanke, er könnte womöglich dauerhaft die Stadt verlassen, hat heute im Laufe des Tages für reichlich Unbehagen gesorgt. So ganz auf seine Gesellschaft verzichten? Unvorstellbar!
Mein Date heute am frühen Abend verlief, trotz anfänglicher Wetterkapriolen, recht angenehm. Bierchen am Wasser ist eben immer noch die Gute-Laune-Garantie schlechthin. Na mal schauen.
Anschließend war ich noch im Laden, S. besuchen. C. kam später dazu und berichtete ausführlich über seine Motivation, sein Studium abzubrechen und eine neue Liebe anzufangen.
Vielmehr Sorgen macht mir jedoch eine sms von A… morgen nicht arbeiten? Flucht in die Hauptstadt? Irgendwas stimmt doch da nicht… Vielleicht gebe ich ja kurzfristig meinen Dienst morgen ab. Neugierig? Um Gottes Willen, ich doch nicht..
War eben noch mal draußen. Wollte mir gern noch ein bisschen den Regen auf den Kopf trommeln lassen. Und Zigaretten brauchte ich außerdem. An der Kreuzung treffe ich zwei Kommilitoninnen. Erst überlege ich, sie zu ignorieren, verspüre dann aber doch Lust auf ein Schwätzchen. Das sich dann auch tatsächlich ne Weile hinzieht. Als sie mich mit zu einer Party schleppen wollen, ist mein Bedarf an Kommunikation jedoch gedeckt und wir verabschieden uns. Ich laufe noch ein paar Schritte durchs Viertel, ohne nass zu werden allerdings, der erhoffte Regen stoppte nämlich bereits abrupt, als ich das Haus verließ. Naja Und wie ich schon mal so unterwegs bin, statte ich A. noch einen Besuch ab. Ok, nicht ganz. Ich laufe an seinem Fenster vorbei, um dann festzustellen, dass er nicht zu Hause ist. Schade eigentlich. Dann werd ich den Wein wohl alleine trinken müssen… während es draußen wieder eifrig plätschert.
Klingt doof, passt aber. Mitbewohner C. und ich haben heute im Laufe des Tages die im September begonnene Korridorgestaltung zu Ende gebracht. Nicht, dass wir seit sieben Monaten unentwegt damit beschäftigt gewesen wären und heute endlich den würdigen Abschluss gefunden hätten, nein, so ist das natürlich nicht. Es ist eher so, dass wir zu Beginn ganz große Pläne hatten, diese aber aufgrund raschen Energie- und Lustverlusts nie wirklich umgesetzt haben. Oder eben nur häppchenweise. Aaaaber heute dann. Einen traumhaften roten Baldachin über die Sitzecke getackert, unter dem sich eine motorisierte und durch drei Spots beleuchtete Spiegelkugel dreht. Na, ist das nicht Porno? Ein Nachteil dieser Konstruktion: Das Ding dreht sich so schnell, dass einem kotzübel wird, wenn man zu lange auf die fliegenden Lichtflecken an der Wand guckt..