Ich war fotografieren..
Weil diese Stadt einfach wunderhübsch ist.
Leider dauert ein Sonnenuntergang auch nicht ewig. Noch so viel Abend übrig.
Weil diese Stadt einfach wunderhübsch ist.
Leider dauert ein Sonnenuntergang auch nicht ewig. Noch so viel Abend übrig.
Merke: Vorabendliche Verabredungen mit der Männerwelt zukünftig nur noch unter Bibeleid, wahlweise Schwur auf die Unschuld der Mutter, eingehen. "The person you've called.."
Jetzt heißt es: Auf eigene Impulse zwecks weiterer Abendgestaltung warten.
Ich warte.
Aber nicht mehr lang. So.
Im Grunde gibt es vom heutigen Tag nichts wirklich aufregendes zu berichten. Aber ich machs trotzdem. Des guten Willens wegen. Und außerdem soll ich mal wieder meinen spontanen Impulsen nachgeben und somit meine Kreativität fördern, was aufgrund Ereignismangels in etwa dem „Aus Scheiße Bonbons machen" gleichkommt.
Was also hab ich die acht Stunden auf dem Zauberberg getrieben? (Erwähnte ich, dass die Klinik tatsächlich ein Stück oberhalb der Stadt liegt?)
Morgenrunde.
Patienten - Personal - Verhältnis: Fünf zu vier. Irgendwie fühle ich mich angesichts dieser geballten Kompetenz gehörig unter Druck gesetzt. Ich berichte von meinen zahlreichen Wochenendaktivitäten: „Rumsielen. Ausruhen. Entspannen." Man nickt wohlwollend und wendet sich dem nächsten Patienten zu.
Frühsport.
Fällt aus wegen Wanderung.
Wanderung.
Ich geh nicht mit. Bereite mich stattdessen auf mein Einzelgespräch vor. So die offizielle Version. Tatsächlich trainiere ich mit einem Mitpatienten das allgemeine Länder-Hauptstädte-Wissen in Form von Listen, die wir uns gegenseitig abfragen. Hängen geblieben sind davon zumindest Georgien, Aserbaidschan, Malaysia, Belize und noch einige mehr. Ghana zum Beispiel.
Einzelgespräch.
Keine bahnbrechenden Erkenntnisse. Dafür Beleuchtung der Arbeit mit meinem stationären Therapeuten. Und die angenehme Erleichterung, dass sich selbst promovierte Psychologen über einen Umstand einfach nur wundern können, ohne ihn zwanghaft erklären zu müssen.
Linsensuppe.
Wegen Einzelgespräch kalt geworden.
Ausgiebig auf der Terrasse Pigmente haschen.
Währenddessen musikalischer Ausflug in vergangene Stimmungen. Das muss Einstein mit seiner Relativität von Zeit und Raum gemeint haben. Die Zeiten sind längst vorbei, aber es bedarf geringer Mühe, sie im Hier und Jetzt wieder realistisch erfahrbar zu machen. Das menschliche Gehirn ist einfach anbetungswürdig. Und wenn man bedenkt, was wir mit diesem Ding alles nicht begreifen, entpuppt sich die Welt als riesengroßer mystischer Spielplatz.
Zweite Runde Hauptstadtfragerei.
Diesmal allerdings mit wild assoziierten Eselsbrücken. Sämtliche neuronalen Netzwerke laufen auf Hochtouren, und es fühlt sich verdammt gut an, so frei denken zu können. Klingt komisch, is aber so.
Feierabend.
Wenn H. sich endlich meldet, steht dem abendlichen Freiluftbier nichts mehr im Wege.
Ich: „Ach wenn ich nur nicht solchen Appetit auf Schokoladeneis hätte."
Er: „Dann?"
Ich: „Dann hätte ich keinen Appetit auf Schokoladeneis."
Er: „Wo ist das Problem?"
Ich: „Ich hab Appetit."
Er: „Auf Schokoladeneis?"
Ich: „Ja."
Er: „Das ist wirklich ein Problem."
06.00
Or nöö, bitte nicht!
07.20
Klapsenkaffee. Ausnahmsweise wirklich angemessen stark.
07.42
Das Therapeutenteam beliebt zu scherzen und überrascht zur Morgenrunde mit neuer Sitzordnung.
08.37
Frühsport. Mit auffallend geringer Beteiligung. Sowas aber auch.
09.00
Frühstück. Keine Erdbeermarmelade. Ich brauche ein Einzelgespräch!
09.31
Einzelgespräch.
Themen: Wer hat das Penicillin entdeckt, wie heißt das israelische Parlament und wann flog der erste Sputnik ins All?
Außerdem: Rationalität mit Emotionalität kreuzen! Das macht den Weg frei für Barmherzigkeit. Oder so ähnlich.
10.15
Kunsttherapie. (Siehe 18.04.2007). Kleine Abweichung: Den Schnipsel sucht jemand anderes für mich aus. Kein Hundertwasser, aber trotzdem spontan ansprechend.
10.51
Das israelische Parlament hängt mir noch gewaltig nach. An künstlerische Betätigung ist irgendwie nicht zu denken. Ich gehe eine rauchen und bin pünktlich zur Bildbesprechung zurück. Viel zu sagen hab ich allerdings nicht.
11.45
Noch eine rauchen. Auch der Sputnik macht mir zu schaffen.
12.30
Seelachsfilet mit Kartoffeln und Soße.
12.50
Yann Tiersen so laut es geht.
Der ganze Zauberberg da oben fühlt sich inzwischen wie eine große Sippe an. Kaum einen Schritt, den man geht, ohne jemanden zu grüßen. Unheimlich.
14.30
Endlich Kaffeepause. Vor lauter grüßen vergisst man glatt das Wesentliche.
14.40
Wiederkehrer überflüssigerweise willkommen heißen.
Über „alte Zeiten" plaudern. Feststellen, dass es nicht immer gute waren.
15.33
Beinahe den Feierabend verpasst. Nun aber husch.
16.02
Versuch, das „Leben danach" zu regeln.
In der Summe kann ich einen dreiviertel Punkt von der to-do-Liste streichen, lobe mich trotzdem.
17.30
Mit ner „Ehemaligen" im Biergarten auf ne Apfelschorle getroffen. Die Realität ist anstrengend, das ist ihr anzusehen. Wir halten das Treffen kurz.
19.00
Mitbewohner A. erzählt mir ohne Punkt und Komma von seinem Tag. So überdreht hab ich ihn selten gesehen. Ich will höflich sein und bleibe sitzen. Ertappe mich dabei, den gedanklichen Sputnik zu mimen.
20.00
Vollkornbrot mit Käse.
20.34
Warten auf die Nacht. Akku leer, und ich weiß nicht mal wovon.
Das heutige Gespräch mit meinem Therapeuten war wieder mal sehr vergnüglich.
Erstens:
War er sehr begeistert von meinem Gemütszustand. Für ihn sei sogar ne Entwicklung über die letzten zwei Wochen sichtbar. (Ich sehe was, was du nicht siehst? Na meinetwegen)
Zweitens:
Da ich (Zitat) „nicht mehr patientig" (ein gigantisch schönes Wort, wie ich finde) sei, wisse er auch gar nicht so richtig, worüber wir noch reden könnten. (Na prima! Dann schweigen wir uns die verbleibenden 5 Sitzungen doch einfach an. Ist immerhin auch Training!)
Drittens:
Gute Prognose. An biologisch relevanten Faktoren bringe ich alles mit, was ein Rezidiv unwahrscheinlicher macht.
Viertens:
Hab ich dank seiner sprühenden Phantasie eine Idee für meine Diplomarbeit.
Fünftens:
Therapeutischer Auftrag: Kalender besorgen. Wurde umgehend erledigt. (Und es ist wirklich nicht leicht, im fortgeschrittenen Jahr noch einigermaßen ansehnliche UND brauchbare zu finden)
Sechstens:
Hab ich die Erlaubnis, weiterhin To-do-Listen führen zu dürfen.
Das wird schon wieder. Lach doch mal! Man muss sich nur an den kleinen Wundern des Alltags freuen!
Es gibt Äußerungen, die, selbst wenn sie von außen an jemanden herangetragen werden, der momentan in einer depressiven Episode steckt, hilfreich sind oder motivierend wirken. Die oben genannten gehören mit Sicherheit nicht dazu.
Natürlich möchte man so einen elenden Jammersack dazu bringen, nach gefühlten fünf(zig) Wochen endlich mal den Hintern hochzukriegen, der Abwasch macht sich schließlich nicht von alleine. Die Rechnungen bezahlt auch niemand sonst. Und das Geheule jeden Tag macht selbst das stabilste Nervenkostüm irgendwann nicht mehr mit.
Die Verlockung, da in einem kleinen Nebensatz so was wie: 'Nimm nicht alles so schwer, das Leben ist schön, und übrigens, der Mülleimer könnte auch mal geleert werden', fallen zu lassen, ist in der Tat groß. Aber.
Liebe Leute lasst Euch sagen, derartige Phrasendrescherei bringt keine Punkte. Denn: Das Gegenteil von gut ist? Aber ja. Gut gemeint. (Dieser Hinweis ist übrigens in jeder handelsüblichen Depressions-Broschüre nachzulesen.)
Wie komme ich überhaupt darauf?
Well, ich saß vorhin gemütlich auf einer Bank im Klinikpark, überbrückte die Zeit bis zur nächsten Therapie mit Nichtstun, und fühlte mich gut. Richtig gut. Weil sich nämlich einiges verändert hat:
Das Vogelgezwitscher ist kein bedrückender Lärmbrei mehr. Die Sonne scheint nicht, um ausgerechnet mich zu blenden. Das Eichhorn provoziert mich nicht mit seiner Lebenslust. Und das Stricknadelgeklapper der Dame neben mir ist keine Aufforderung zur Flucht, sondern gibt mir das wohlige Gefühl, hier nicht alleine die Zeit totzuschlagen.
Derartiges von mir zu hören - vor ein paar Monaten so was von undenkbar. Undenkbarer geht fast nicht.
Heißt das also, dass an den Fröhlichkeitsparolen doch was dran ist? Türlich. Aber die Erfahrung kann man keinem aufdrücken. Die muss man hübsch selber machen.
Und trotzdem (Ich brech ne Lanze für die F32- und F33er):
Diese entzückenden Alltagskleinigkeiten sind nicht das, was das Leben ausmacht.
PS: Aber sie bereichern es ungemein.
Es gibt Situationen, in denen Menschen den ein oder anderen „Kunstgriff“ benutzen, um ihr kreatives oder geistiges Potenzial brillanter darzustellen, als es möglicherweise ist. Die harmloseste Variante dürfte das Nachschlagen im Duden der Rechtschreibung wegen sein, die höchste Form vermutlich das Plagiat.
Um die Diskussion „Wie viel Diebstahl ist erlaubt?“ geht’s mir allerdings grad nicht, ich beschränke mich auf die legalen Alternativen.
Und ich hab mir die Frage gestellt, was einen Menschen dazu motiviert, den Gebrauch derartiger Hilfsmittel als solche bei jemand anderem zu „enttarnen“. Wenn’s geht auch noch öffentlich.
Doofes Beispiel: Jemand erzählt einen Witz und alle lachen. Bis auf einen in der Runde, der nichts besseres zu tun hat, als dem Erzähler meinetwegen an den Kopp zu knallen: „Wääh, kenn ich schon, den hat doch XY letztens erzählt, als wir zusammen blablabla.“ Das schmälert nicht unbedingt den komischen Gehalt des Witzes, hinterlässt beim Witzmachenden mitunter ein schlechtes Gefühl, das doch eigentlich nicht sein müsste.
Nun muss man sich das nur noch auf Situationen übertragen vorstellen, für die ich leider keine Beispiele habe und die ich auch nicht annähernd beschreiben kann, und schon ist man an dem Punkt, der eigentlich niemanden interessiert, und an welchem jedes Kopfzerbrechen darüber die reinste Zeitverschwendung ist.
Und ich frage mich trotzdem: Ist es einfach ne Profilneurose? Definieren solche „Witzzerstörer“, die scheinbar immer über den Dingen stehen, ihren Selbstwert über das Bloßstellen der vermeintlichen Schwächen eines anderen? Ach, ich weiß es nicht. Aber es kotzt mich trotzdem an. So.
Seit heute morgen pfeife ich ununterbrochen den absoluten Kracher der Heimatmusik vor mich hin: Das Waaandern ist des Müllers... und so weiter. Weil wir heut ausgeflügelt sind. Und wären wir nicht so durch den Wald gerannt, hätten wir vermutlich noch viel mehr wilde Tiere gesehen. Aber für den Anfang nicht schlecht.
Also. Bewertungen.
Wie stelle ich mir das vor?. Nun, ein Individuum begibt, nein, befindet sich in einer Situation. („Begibt" setzt schon wieder so viele Entscheidungen voraus, die die Sache an diesem Punkt unnötig verkomplizieren würden.)
Eine der ersten vorgenommenen Bewertungen in einer Situation könnte sein: Angenehm vs. Unangenehm.
Darauf folgt recht bald: Situation verlassen oder bleiben.
Eine sich unter anderem anschließende Entscheidung wäre vielleicht: Passiv bleiben oder aktiv werden.
Derartige Fragen würde ich mal auf der ersten Meta-Ebene ansiedeln. (Meta-I meinetwegen)
Dass sich mit jeder dieser zu treffenden Entscheidung die möglichen Handlungsvarianten potenzieren, wird schon anhand dieser drei genannten Aspekte deutlich. (Hach, und da gibt's ja noch einige mehr!)
Man könnte sich also vorstellen: Individuum nimmt Situation als angenehm wahr, entscheidet zu bleiben, sich aber nicht bewusst aktiv einzubringen.
Zum Beispiel: (Ha!)
Ich befinde mich in einem Raum, in dem sich mehrere Menschen angeregt unterhalten.
Ich empfinde es als angenehm dort zu sein (Weil ich die Leute mag, und/oder das Thema interessant finde usw.), und beschließe zu bleiben (Um das angenehme Gefühl aufrecht zu erhalten), mich aber nicht aktiv an dem Gespräch zu beteiligen (Weil ich nichts zum Thema beizutragen habe, weil ich Angst habe vor Leuten zu sprechen oder was auch immer)
Oder auch: Individuum erlebt Situation als unangenehm, entscheidet sich aber bleibend aktiv zu werden, um die Situation zu beeinflussen.
Usw. Usw.
Dass sich die bisher angeführten Entscheidungen im Situationsverlauf durchaus flexibel gestalten, muss ich jetzt einfach mal außen vor lassen.
Nun ist es ja so, dass sich das ganze X-oder-Y-Gedenke überwiegend im Reich des Unbewussten bewegt, und damit der gerichteten Aufmerksamkeit nicht allzu viel abverlangt.
Es sei denn, man macht gerade eine Psychotherapie.
Da setzt man sich nämlich irgendwann nicht mehr einfach so in eine Runde, schwatzt mit oder hält die Klappe, wenn man nichts zu sagen hat. Steht auf, wenns genug ist oder bleibt, weil man zu betrunken ist, um aufzustehen. Naahein!
Da ist man nämlich so hochgradig selbstfixiert, dass man sich, noch bevor man irgendwo eine Gruppe erahnt hat, auf Meta II begibt und fragt: „Verspüre ich das Bedürfnis nach sozialem Kontakt? Verspüre ich es wirklich? Kommt es aus mir selbst oder denke ich nur, dass es aus mir selbst kommt? Warum verspüre ich das Bedürfnis? Kann ich etwa nicht allein sein? Bin ich gar so narzisstisch, dass ich denke, nichts verpassen zu dürfen?"
Wenn ich das Pech habe, dann tatsächlich auf eine Gruppe zu stoßen, schließt sich gleich der nächste Fragenkatalog an:
„Ob ich mich jetzt einfach dazusetzen darf? Was, wenn die mich nicht leiden können? Und warum stell ich mir überhaupt die Frage, ob ich mich dazusetzen kann? Was macht mich so unsicher? Sieht man mir die Unsicherheit womöglich an?"
Spätestens jetzt ist der Punkt erreicht, an dem sich das psychotherapeutisch gezüchtete dritte Meta-Ich einschaltet. Das ist nämlich dafür zuständig, zu analysieren, ob es sich bei der ganzen Fragerei (und dem sich anschließenden Verhalten) um gewohnte Tendenzen handelt (die man im Zuge der Behandlung ja gerade abzulegen wünscht), und wenn dem so ist, Motivation und Strategien bereitzustellen, um diesen Gewohnheiten eben nicht nachzugeben, sondern bewusst alles anders zu machen als bisher.
Ein beliebtes Mittel, derartige Situationen zu trainieren, ist übrigens, den Patienten beispielsweise auf die Straße zu schicken und fremden Leuten Komplimente machen zu lassen.
Jahaa, weil diese Meta-III-Prozedur aber noch nicht genug Energie frisst, muss das vierte Meta-Ich zusätzlich darüber nachdenken, ob und wie man den ganzen Kram am besten dem Therapeuten erzählt. Schließlich will man ja zeigen, dass man mitarbeitet und -denkt, und nicht nur sinnlos Zeit absitzt. Ein guter Patient sein eben.
Und als absolute Krönung überlegt sich das blogschreibende fünfte Meta-Ich, wie es diese wunder- und vor allem sinnvollen Gedanken einer unbekannten Leserschaft berichten kann, von der es nicht einmal weiß, ob es sie gibt.
Na, ist das nicht Multitasking in Reinkultur? Und da fragen mich die Leute, warum ich mich nach nem Acht-Stunden-Klinik-Tag nicht einfach zu ihnen auf die Couch setze, um übers Wetter zu plaudern. Ich kann gar nicht! Bis ich alle Entscheidungen getroffen habe, die es mir ermöglichen, mich zu setzen, sind alle anderen schon wieder weg!
Weil mir Blau eben doch immer noch ein bisschen Spaß macht. Abkoppeln alter Assoziationen, und schon ist es nicht mal mehr problematisch.
Male ich jetzt organisch. Und grün. Grün! Ich! Meine künstlerisch bildende Welt bestand lange Zeit aus Rot, Schwarz, Weiß, Grau und bestenfalls Blau. Der Kontraste wegen. Und jetzt? Grün. Das erweitert meinen farblichen Horizont um einiges.
nicht in der Lage, vernünftige Absätze in den Text zu bringen.
Randnotiz: Kein Weltuntergang!
Ich hab jetzt ne Weile überlegt, ob und wie ich erkläre, weshalb es überhaupt zu dem „Mein Therapeut sagt.." kommen konnte.
Also ganz kurz: Ich brauchte ganz dringend jemanden, der sich mit Irrungen und Verwirrungen im Oberstübchen allgemein und in meinem speziell so richtig auskennt. Einen Profi eben. Madame hat also einen Dachschaden, jetzt sogar richtig offiziell und schwarz auf weiß.
Und weil da nicht nur ein paar Ziegel fehlen, im Gegenteil, man auf der Esse sitzend bis in den Keller gucken kann, bemühen sich gleich Schornsteinfeger, Zimmermann und Dachdecker gemeinsam um die Reparatur. Die kommen natürlich nicht alle Nase lang hier vorbei, deshalb bin ich mit Sack und Pack zu denen in die „Firma" gefahren und hab mich gleich mal ein paar Monate dort eingenistet.
Statt mit schwerem Gerät gehen die da ganz subtil an die Sache ran... ein paar kleine Kügelchen in den Mund geworfen (zum Füllen der Lücke von innen vermutlich), Besprechung der Schadensursache und eigener Instandsetzungsversuche, und nicht zuletzt Bildung einer Gruppe von ähnlich Betroffenen zum Besingen, Betanzen und Bemalen der Gefühle, die mit der drohenden Einsturzgefahr einhergehen.
Ok, Zeit die Dinge beim Namen zu nennen.
Im November bin ich rein in die Klapse, seit Ende März nur noch halbtags dort, und Mitte Mai werd ich voraussichtlich wieder ganz zu Hause sein.
Ich bin ja fast dazu geneigt zu sagen:
Die Erfahrung sollte jeder mal gemacht haben!
Eine Mischung aus Knast und Klassenfahrt, Freundschaft und Intriganz, Ohnmacht und Manipulation, Drama und Komödie. Das ganz normale Leben eben.. allerdings auf engstem Raum und unmittelbar intensiv.
Und obendrauf gibt's die Lizenz zum Irresein.
Immer schon mal Lust gehabt, aus Wut irgendwas (etwa eine Tasse, einen Winterstiefel oder Tennisschläger) gegen einen Baum oder eine Mauer zu schleudern? Ab in die Klinik, da gilt das sogar als adäquater Erregungsabbau!
Hatten Sie je das Bedürfnis, schwarze Farbe auf Leinwand zu spucken und im gleichen Atemzug zu verkünden, Sie freuen sich des Lebens? Na Hopp, in die Klapper, da werden Ihre Bilder als besondere Beispiele expressiver Affektvisualisierung zur Belohnung im Treppenhaus ausgestellt!
Aber eigentlich sind es andere Erfahrungen, die ich meinte. Und zwar die in Form von Begegnungen. Begegnungen mit Menschen, mit denen man innerhalb weniger Wochen eine Verbundenheit entwickelt, als kenne man sich schon Ewigkeiten.
Die Gemeinsamkeit, dass jeder dort Einsitzende irgendein Problem mit sich und/oder der Welt hat, erleichtert den Erstkontakt natürlich gewaltig.
„Na, und weswegen bist du hier?"
Es folgt die Nennung der Diagnose und die Aussage, man rechne mit vielleicht zwei, höchstens drei Wochen Aufenthalt.
Allgemeines Gelächter.
„Ja, das dachte jeder hier. Bei mir sind's inzwischen [hier könnte jetzt 2, 3 oder 4, gar 5 oder 6 eingesetzt werden] Monate."
Entsetzter Blick und offensichtliche Irritation.
Noch mehr Gelächter.
Der erste Schock wird mit ner spendierten Zigarette weggeraucht, das Eis ist gebrochen, und ehe man sich's versieht, spricht man über Ängste, Traumata und das Gefühl, für's Leben einfach nicht geschaffen zu sein. Man heult und lacht zusammen, ist ehrlich und experimentell wie nie:
Sich ein-lassen ist das Zauberwort.
Auch los-lassen.
Wenn zum Beispiel jemand Ausgang hat und nicht mehr wiederkommt, weil ihm zwischendurch eine Brücke verlockender schien als die Aussicht auf abendlichen Kräutertee und einfach nie enden wollenden Weltschmerz.
Und zu-lassen.
Dass da jemand ganz tief zu hören scheint, obwohl du kein Wort sagst. Ohne therapeutischen Hintergrund, einfach um des Da-Seins willen.
Auch aus-lassen.
Und zwar herzlich. Über Essen, Personal oder Parkbepflanzung, Therapiepläne, verstopfte Abflüsse und auch Mitinsassen.
Und was ist mit ver-lassen?
Ja, und zwar gemeinsam. Alte Pfade nämlich.
Natürlich, solche Menschen trifft man auch „da draußen" (tschuldigung, dieses Klischee musste ich mir jetzt gönnen). Aber man muss länger suchen, denke ich.
Der Preis für die Erfahrungen war nicht ganz ohne (Mal ganz abgesehen von den zweihundertachtzig Euro „Eintritt" Ha!) aber ich denke mal, es hat sich gelohnt. Und so ganz fertig sind wir ja noch nicht.. wer weiß, was da noch so auf mich wartet.