Ich bin gegen Tabuthemen. Gegen so ziemlich alle. Denn ein Tabuthema ist immer auch ein Zwang. Der Zwang, zu schweigen, zu unterdrücken. Ich bin gegen Zwänge. Denn was man versucht, immer kleiner werden zu lassen, damit es möglichst bald verschwindet, ist das, was einen am meisten vergiftet und was schließlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irgendwann ausbricht. Dieses Irgendwann sind manchmal nur Monate, manchmal Jahre oder sogar Jahrzehnte, aber irgendwann ist Irgendwann.
"Untersuchungen belegen, dass etwa jedes 4. Mädchen und jeder 10. Junge vor dem 18. Lebensjahr einen sexuellen Missbrauch erlebt."
Quelle: http://www.missbrauch-opfer.info/main.asp?ID=19
Das ist viel. Natürlich sind das nur statistische Werte, aber man stelle sich eine Schulklasse mit 30 Jugendlichen im Alter von 18 Jahren vor. Weil Mathe so schön realitätfremd sein kann, gehen wir davon aus, dass 15 Jungen und 15 Mädchen in die Klasse gehen. Dieser Klasse würden der Statistik nach 1 Junge und 3 Mädchen angehören, die sexuell missbraucht worden sind.
Ich selbst war damals 12 bzw. 13. Das ist schon lange her, vielleicht. Manche Dinge brennen sich so in einem ein, dass sich die Frage nach dem Zeitbegriff gar nicht stellt. Und manche Dinge, die sich damals abgespielt haben, sind mir erst dieses Jahr wieder eingefallen. Meine Psyche scheint zu wissen, wann sie mir etwas antun kann.
Ich bin kein Mensch, der gerne gegen Windmühlen kämpft. Ich glaube nicht, dass Aufmerksamkeit in der Öffenlichkeit und Sensibilisierung für dieses Thema hilft, Missbrauch zu vermeiden. Wovon ich allerdings überzeugt bin, ist, dass viel eher wahrgenommen wird, dass viel mehr Mädchen und Jungen es wagen, sich hinzustellen und die Wahrheit zu erzählen, über das, was man ihnen angetan hat oder in welcher Hölle sie noch immer leben müssen. Über etwas, was nicht totgeschwiegen wird, kann man viel leichter sprechen.
Es ist keine Schande, missbraucht zu werden. Es ist eine Schande, zu missbrauchen.
Wahrscheinlich ist es mit die größte Schuld, die man auf sich laden kann. Überschreitet man diese Grenzen eines Kindes oder eines Jugenlichen, wird man dessen ganzes Leben nachhaltig verändern. Vielleicht nicht zwangsläufig zerstören, aber in unterschiedlicher Weise beeinträchtigen. Und nicht nur der/die Missbrauchte leidet, sondern auch immer das jeweilige Umfeld.
Die Spätfolgen, die weit ins Erwachsenenalter hineinreichen, sind Persönlichkeitsstörungen wie Borderline, Schizophrenie und die multiple Persönlichkeitsstörung. Es treten in den meisten Fällen mittelschwere bis schwere Depressionen auf. Essstörungen zählen ebenfalls zu den Folgen.
Bis zu 70% der Missbrauchopfer verletzen sich selbst.
Ich bin kein kleines Mädchen mehr. Aber ich weiß, dass da draußen eine Menge kleiner Mädchen und Jungen sind, die erleben, was ich erlebt habe und noch viel schlimmeres. Und ich möchte einfach nur, dass diese Kinder und Jugendlichen den Mut fassen können, in einer Gesellschaft die Stimme zu heben, die nicht mehr wegschaut und totschweigt. In der Kindesmissbrauch kein Tabuthema mehr ist, dass unter den Teppich gekehrt gehört. Kindesmissbrauch ist Fakt. Jeden Tag.