Kulinarisches – Literarisches – Fragmentarisches

18.04.2010 um 17:00 Uhr

Arbeitszimmer von OMG

von: buchzeiger   Kategorie: Literatur

Oskar Maria Graf:

Mein Zimmer

  OMG_Mein Zimmer

Mein Zimmer
 

"Was ich im Lauf der Zeiten liebgewann, das hängt verstreut an meinen Zimmerwänden: Tolstoi und Goethe, Lincoln und Lenin, ein Bild von Marx, von Masaryk und Thomas Mann, drei Aquarelle (Wiesen, Berge, Wolken drüberhin) dazwischen, werktäglich und ohne Drum und Dran und dennoch wie das Krönende schlechthin, hängt meine alte Mutter, und mir vollenden sich gleichsam nach geheimnisvollem Sinn Zusammenhänge, die mir erst nach schweren Jahren und wie durch einen Zufall offenbar geworden sind. Denn manchmal, wenn ich grübelnd oder sehr zerfahren in meinem Zimmer auf und nieder gehe und zerquält nach Worten ringe, eine klare Ordnung im Geschehen suche, wird das, was ich bisher für einen Wandschmuck hielt, zu einer in sich ruhenden und beispielhaften Welt, aus der mein Herz den größten Trost gewinnt. Mein Blick fällt unverhofft auf so ein Bild, und langsam rührt mich eines Menschen Leben an, in seinem Glück, in seiner Lust und seinem Fluche, und wenn es sich zutiefst entblättert und entschält, erglänzt es als ein Gleichnis aller Menschenmühen. Doch nie erschöpft es sich in einem Werk, in einem Buche, weil es zu vielgesichtig ist und unaussprechlich bleibt. Es mag wohl sein, daß manchmal einer es erfühlt und überwältig zittert wie in innerstem Erglühen, wenn er sein Denken bis zum Grund der Gründe treibt, wie ich in manchem Anflug starker Freudigkeit. Dann wird es mir erst ganz bewußt: Nicht hohle Schemen und bildgewordne Zeugen der Unsterblichkeit sind all die Männer, die von meinen Wänden schauen. Ihr tiefstes Wesen ist dem Leben einverleibt wie jede Wiese, jeder Berg, die Wolken hoch im Blauen. Und auferlegt ist jedem jene schwere Fruchtbarkeit der Mutter, die nur geben kann und niemals nehmen und sich erfüllt als das Verschenkende in jeder Zeit. In solchen Augenblicken will mir manchmal scheinen, als sei in meinem Zimmer etwas von dem reinen Zusammenklang von Menschensein und hoher Ewigkeit."

Oskar Maria Graf

 

 

Foto (s): Brigitte Stolle

 

(fotografiert im Stadtmuseum München)