Um 6 Uhr erwachte ich vollkommen uebermuedet und ich hatte so meine Muehe, den alltaeglichen Krams zu bewaeltigen, ausserdem musste ich nun noch dieses daemliche Schulzeug zusammensuchen... Mein Vater erleichterte mir das Leben auch nicht gerade und das Essen war schlichtweg miserabel. Dann verliess ich die Wohnung und den gesamten Weg ueber liessen mich die Gedanken nicht los, die mich auch gestern Abend bereits beschaeftigt hatten... Gedanken ueber die Gothicszene 'heutzutage'. Wenn ich nun sage, es war frueher alles besser gewesen, klaenge das zu sehr nach dem Gerede einer alten Frau. Auch bin ich mir bewusst, dass man immer dazu neigt, die Vergangeheit zu idealisieren. Aber ich sage es dennoch: Die Szene hat sich so entwickelt, wie es mir absolut nicht passt, mittlerweile habe ich sogar schon Ansaetze,sie zu hassen. Dabei hatte es so 'schoen' anfangen... Damals, im Jahr 2000, hatte ich die ersten ernsthaften Verbindungen in die Szene. Die Musik hatte ich bereits zuvor geliebt und auch eine Vorliebe fuer dunkle Kleidung, Schwarzromantik und all den Kram hatte ich bereits zuvor ;) Ich will jetzt nicht ueber mich selbst sprechen, nein, ich will nur von meinen Erfahrungen damals und heute schreiben. Und an diesen laesst sich deutlich die Tendenz ablesen, die mich sehr stoert, die Tendenz zu immer mehr Oberflaechlichkeit, Eitelkeit und Intoleranz! Als ich begann, mich in der schwarzen Szene heimisch zu fuehlen, war ich noch nicht sonderlich alt. Ich knuepfte doch schon bald engere Kontakte, mein Alter spielte fuer die Damen und Herren absolut gar keine Rolle, auf den Charakter kam es an. Wir fuehrten schnell sehr tief gehende Diskussionen, philosophierten ganze Abende lang und nie spielte es irgendeine Rolle, was fuer Kleidung der einzelne von uns trug oder was fuer Musik er genau hoerte. Und wenn ich als Neuling mit einem Fachterminus nicht sonderlich vertraut war, konnte ich ruhig nachfragen... Schliesslich ist niemand schon mit dem Wissen auf die Welt gekommen, was ein 'Undercut' ist.
Neulingen gegenueber war man natuerlich vorsichtig, aber immer freundlich, und die Integration war nie ein Problem. Man war auch allen Religionen gegenueber aufgeschlossen... Sicher, Satanisten waren nicht sonderlich gerne gesehen, gerade, weil man immer diese daemlichen Vorurteile an den Kopf geschmissen bekommt, aber egal, ob man Christ war, Moslem, Jude, Atheist oder ob man an aeltere Religionen glaubte, ob man Pagane war oder was auch immer... Man musste nicht immer der gleichen Meinung sein, aber man wurde nie fuer seinen Glauben verdammt. Man war tolerant... Das liebte ich sehr an der Szene, das war wohl auch der Hauptgrund, mal abgesehen von der dunklen Romantik, wieso ich diese Szene so schaetze. All das, was ich von meiner Kindheit an hasste: Uebersexualisierung, verdummende Massenmedien, das Immermitdemstromschwimmenmuessen, die Oberflaechlichkeit, das Gelaester, die Falschheit und Luegen, die einem ueberall entgegen schlugen... Hier schienen diese menschlichen Gesetze fuer eine Weile ausser Kraft gesetzt. Ich genoss das schmoren in duesteren Traeumen ( ;) ), ich mochte die Diskussionen, die wir Tag und Nacht fuehrten, ich mochte es, neues kennen zu lernen, Gedichte zu schreiben, Kunst zu machen, Parks und Friedhoefe zu besuchen, ich liebte das Leben, das man so als 'typisch gothic' bezeichnet... Ich hatte Freundinnen, die Probleme mit den Eltern hatten, die sich daher nicht so kleiden durften, wie sie es wollten, doch auch das war kein Problem... Ich habe es erlebt, dass Maedchen, die gar nicht schwarz gekleidet waren, weil sie es nicht durften, in Gothiclokale hineingekommen sind, vollkommen problemlos, zwar war man anfangs natuerlich misstrauisch, aber man entwickelte Gespraeche und da kam gewoehnlich schon bald eine Akzeptanz, oft sogar Freundschaft, zustande. Und es spielte keine Rolle, ob jemand Schwarz, Weiss oder Bunt trug. Aber heute siehts leider ein wenig anders aus...
5 Jahre sind vergangen und ich sehe nur noch Dresscode-Vorschriften bei jeder Veranstaltung, Gothickleidung gibts mittlerweile vollkommen unindividuell von der Stange, alle streben, wie die 'bunte' Gesellschaft auch, nur noch nach Moden, Markenkleidung, und aehnlichem Mist. Und nicht selten hoere ich mittlerweile davon, dass Leute nicht in eine Gothdisko gekommen sind, weil ihre Haut nicht weiss genug war, oder aber weil sie bei ansonsten vollkommen schwarzer Kleidung braune Stiefel trugen - Verdammte Oberflaechlichkeit! Wenn ich soetwas hoere, koennte ich heulen. Daneben hat sich die Tendenz herausgebildet, allen Nichtschwarzen gegenueber extrem aggressiv und feindlich zu sein, so, dass ich es schon verstehen kann, dass viele Menschen Gothics nicht leiden koennen und sie als eitel beschimpfen, und wenn ich dann daran denke, dass sich die aelteren Mitglieder der Szene mittlerweile als 'Uebergoths' aufspielen... Ihr wollt nicht wissen, wie viele dieser sehr unangenehmen Menschengruppe ich schon sehen musste! Nur, weil sie Gothkleidung einer bestimmten Marke tragen, nur, weil sie so bloed sind, fuer viel zu teure Preise Einrichtungsgegenstaende zu kaufen, die als ach wie gruftig gelten, nur, weil sie ihre Wohnung schwarz gestrichen haben, glauben sie, sie waeren mehr Wert, als alle anderen Menschen. Alle anderen Gothics sind dann natuerlich gleich 'Moechtegerns', bevorzugt solche, die auch mal andere Musik als nur Gothic hoeren oder aber auch mal ein helles Kleidungsstueck tragen. Und alle Goths unter 20 Jahren koennen ja sowieso nur Moechtegerns sein, ne? *zyn* Das naechste Paradoxon findet sich darin, dass viele immernoch davon reden, wie individuell sie seien, dabei richten sie sich auch nur nach Moden und Trends, und waehrend sie sich ueber die Kommerzialisierung der Szene beklagen, kaufen sie in einem von mittlerweile sicher an die 100 oder mehr Gothicshops ein...
All das, was man einst an der 'normalen' Gesellschaft nicht mochte, all das, was einen dazu brachte, Goth zu werden, taucht nun auch in dieser Szene auf und im Grunde sind die meisten Gothics nichts mehr als ganz gewoehnliche 'Normalos in Schwarz'. Genau dasselbe Getratsche, genau dieselben Vorurteile, genau dieselbe Gewalt (Und das als frueher streng pazifistische und Gewalt absolut ablehnende Szene!), genau dieselbe Intoleranz und Oberflaechlichkeit, wie ueberall anders auch... Und auch die Sexualisierung nimmt immer merkwuerdigere Zuege an... Wie viele Leute meinen, auf SM stehen zu muessen, nur, weil sie sich schwarz kleiden, will ich gar nicht mehr wissen, aber aus diesem einstigen Vorurteil ist eine grosse Marketingstrategie geworden und die Leute beluegen sich schliesslich selbst... Endweder man mag SM oder man mag es nicht, es ist schwachsinnig, zu meinen, man muesse es moegen, nur, weil man Grufti ist... Und alle Vorurteile bestaetigen. Die meisten Gothkataloge haben mittlerweile eine riesige Fetischabteilung, jedes kleine Maedel hat eine Peitsche am Bett haengen oder wenigstens Handschellen, und auf so gut wie jedem Festival oder bei allen moeglichen Abendveranstaltungen gibts natuerlich immer irgendwie nackte Weiber in Fesseln... Und Gogotaenzerinnen in normalen Diskos werden weiterhin schoen als Huren beschimpft, dabei ist es genau dasselbe Spiel, nur in Lack und Leder... Viele schreien mittlerweile auch auf der Strasse Normalomaedels hinterher, sie liefen herum, wie Prostituierte, tragen dann aber selbst einen Rock, der nicht ueber den Schambereich hinaus reicht, und sehen selbst aus, als seien sie gerade auf der Suche nach einem Freier. Es tut mir Leid, das so hart sagen zu muessen, aber so sieht unsere Realitaet aus!
Ich vermisse die 'alte' Szene irgendwie. Mir koennte schlecht werden, wenn ich an all die Deppen heute denke... Wo sind jene Leute geblieben, die ich so schaetzte? Einige leben nicht mehr. Andere haben sich in ein buntes Leben, ins buergerliche Leben, zurueck gezogen. Die 'naechste Generation' der Gothics ist wirklich traurig. Wo sind die tiefsinnigen Unterhaltungen geblieben? Heute tauscht man lieber Schminktipps aus oder redet ueber Konzertbesuche. Und nichts anderes. Man verdammt jeden, der neu dazustossen will. Heute zeigen sich auch religioes immer mehr Extremisten. Irgendwie ist es seltsam geworden... Uebrigens ist die Prominenz auch nicht viel besser, als der 'gewoehnliche' Goth. Es gibt einige Menschen, die von vielen Deppen verherrlicht werden, wie Goetter, die mir sehr zuwider sind mit ihrer Art. Und ich habe schon etliche Bands kennengelernt, und viele waren mir sehr unsympathisch... Ein Beispiel ist mir noch besonders gut in Gedaechtnis, den Bandnamen will ich nicht nennen, um diese Idioten nicht noch bekannter zu machen, als sie es leider schon sind. In Gespraechen, besonders mit ihrem Saenger, bemerkte ich immer mehr rassistische und auslaenderfeindliche, vollkommen intolerante Tendenzen, ich wuerde das Gerede dieser Person in der letzten Zeit schon als 'braune Scheisse' bezeichnen, also was ich da hoerte... Man hatte etwas gegen Juden und Moslems, gegen Dunkelhaeutige, gegen Immigranten, etc. Und so eine Band wird bejubelt... In einer 'toleranten' Szene?! Frueher fanden viele es toll, wenn sie erfuhren, dass ich Auslaenderin bin. Sie wollten viel ueber meine Kultur erfahren und ueber die Sprache, viele waren regelrecht verrueckt danach, neue Sprachen und Kulturen (kennen) zu lernen. Heute? Heute scheinen sie einen gleich als Mensch 2. Klasse zu sehen, wenn man nicht Deutscher ist. Wo sind wir gelandet?! Es geht immer weiter bergab.
Es macht mich wirklich traurig, wenn ich diesen Irrsinn so beobachte. Eines ist klar: Ich will mit dieser Szene schon seit laengerem nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Ich habe keine Kontakte mehr zur Prominenz, auch nicht zu typischen Szenegaengern... Ich meide Lokale und andere Treffpunkte, ich will nichts mehr von dieser Masse wissen. Aber meinen eigenen Lebensstil deswegen an den Nagel haengen? Nein! Natuerlich nicht. Ich kleide mich weiter, wie ich es moechte, ich hoerte weiter die Musik, die ich liebe, und es kuemmert mich nicht, was andere denken. Ich bin im Grunde noch immer 'Goth', wenn man so will, viele wuerden mich so bezeichnen, aber mir ist es egal, fuer mich bin ich einfach nur ich und ich kann auch gut damit leben, mal helle Kleidung zu tragen. Ich mache mir nichts aus Zwaengen, aus Klischees oder was auch immer. Ich muss zum Lachen nicht in den Keller gehen und ich muss mich nicht selbst verleugnen, nur, um den Klischeevorstellungen gerecht zu werden. Gerade das will ich nicht. Und wenn ich mich schwarz kleide und Friedhoefe besichtige! Es ist doch meine Sache. Ich bleibe ich, soll die Szene sich entwickeln, wie sie will. Ich finde es nur schade, dort mit in einen Topf geworfen zu werden, mit all den Deppen! Sicher, in der Szene gibt es auch noch Individuen, die vollkommen in Ordnung sind, aber die Massen gefallen mir einfach nicht mehr. Die Szene als Mehrheit der Gothics. Nein danke. Ich bin nicht 'herausgewachsen', ich meine noch immer nicht, dass man zu jung oder zu alt sein koennte, um Gothic zu sein. Nein, ich mag das Gothsein an sich noch, nur die heutige Definition des typischen Goths gefaellt mir nicht. Ich bleibe weiter ich. Und nennt mich, wie ihr wollt, ich denke fast, es gibt kein besseres Wort als jenes, welches man leider in diesem Zusammenhang wohl noch viel zu selten hoert: Dunkelromantiker der Neuzeit.
cn P