Die Ärzte fragten nicht nach der Ursache - aber Gladys!
Gladys war in der Anfangszeit meiner Erkrankung eine Zeitlang bei uns gewesen, dann aber - weil sie ja doch nichts helfen konnte - nach Florida zurückgekehrt, um eigene Termine wahrzunehmen. Chris erzählte ihr am Telefon von der Wirkung, die Ethans Besuche anscheinend auf mich hatten… und Gladys erinnerte sich an etwas, das sie vor langer Zeit einmal gehört hatte. Sie suchte, forschte nach - und beschloss schließlich, einen alten Heiler ihres Stammes aufzusuchen.
Ich packte also meinen Kooffer - es war übrigens ein Samsonite Cosmolite - und machte mich auf den zu ihm.
Das war bei weitem komplizierter, als es sich jetzt so anhört, denn der alte Mann lebt irgendwo im kolumbianischen Bergland. Gladys musste für das letzte Stück sogar einen Hubschrauber chartern, der sie zu dem Ort brachte. Und wenn man dann endlich da ist, kann man auch nicht so einfach an sein Zelt (oder seine Hütte, keine Ahnung!) gehen und anklopfen - nein, der weise Mann entscheidet selbst, mit wem er spricht und wann. Ich denke, es ist wohl Geld geflossen… zwar lebt der alte Mann selbst sehr anspruchslos und einfach, aber er "sammelt" Gelder, die er in die Ausbildung von Kindern, deren Familien zu arm sind, um ihnen eine Schulbildung zu ermöglichen, investiert (und es gibt dort im Stamm viele arme Familien…).
Naja, auf jeden Fall bekam Gladys ihre Audienz und erzählte ihm von Chris, von mir und meiner Erkrankung und von Ethan und der Wirkung seiner Besuche bei mir.
Der Indianer nickte daraufhin nur und antwortete, das sei nicht selten, er habe das öfter gehört und es auch im Laufe seiner Zeit einige Male selbst erlebt. Nach seinem Wissen suche sich ein Körper, wenn Schmerzen und Krankheit zu schwer für ihn werden, oft einen "Helferkörper", der ihm helfen soll, alles zu ertragen und zu überwinden (jaaaaaa - ich weiß selbst, wie sich das anhört!!!). Das einzige, was den alten Mann wunderte, war, dass das bei mir als Europäer passierte - bisher war er der Meinung gewesen, dass dies nur bei den native people geschehen könnte. Bei ihnen sei es jedoch keine Seltenheit und zumindest früher in den Sippenverbänden nie besonders aufgefallen.
Auf Gladys Einwand, wenn ich diese Gabe hätte, würde ich mir doch sicher Chris als "Helfer" aussuchen, meinte er dann, nein, ein Kranker wähle normalerweise nie den Menschen, mit dem er noch den Rest seines Lebens verbringen will, sondern meistens einen jungen, unverbrauchten, kräftigen "Körper" aus dem näheren Umfeld. Und als Gladys wissen wollte, ob für den "Helfer" eine Gefahr bestünde, verneinte der Alte das… soweit er wusste, konnte es zwar etwas anstrengend sein, aber nicht gefährlich in der Art, dass der Helfer von dem Kranken angesteckt wird oder die Krankheit auf ihn übertragen wird.
Gladys sprach noch eine ganze Zeitlang mit dem Heiler über das Thema. Und irgendwie schaffte sie es, ihn zu überreden, mit ihr zu kommen und diese Theorie den behandelnden Ärzten zu erklären. Der Indianer sah eigentlich keinen Sinn darin, da er die Denkweise weißer Ärzte zu kennen glaubte. Gladys allerdings kennt Drew und war daher anderer Meinung - und schließlich war der alte Mann bereit, mit ihr zu kommen. (Anmerkung: er reist durchaus sehr gerne, das ist bekannt, so groß war das Opfer also nicht *g*. Und umsonst hat er es auch sicher nicht gemacht. Aber darüber redet Gladys nicht - sie sagt nur, es war eine gute Investition).
Und so kam der Tag, an dem sie im Hospital zusammen saßen… der alte Indianer, Gladys und Chris auf der einen Seite, auf der anderen Seite Drew und sein Ärzteteam.