grenzwandel

10.06.2013 um 03:16 Uhr

des nächtens

von: grenzgaenger   Kategorie: briefe an den mond

Stimmung: nachdenklich

 

eine meiner vielen nachtschichten. ruhig. oder vielmehr: ruhig gestellt. medikamentös, weil alles andere unverantwortlich gewesen wäre. ich habe den laptop mitgebracht, um lernen zu können. dem kamen und kommen jedoch zwei dinge in die quere. zum einen das offene wlan, das ich hier zufällig erwischt habe, und zudem mein kopf, der keine ruhe geben will. und im ohr habe ich linda ronstads unendlich schöne stimme. passend zur stimmung.

nachdenklich. gedanklich umherirrend. irgendwie ziellos. richtungen, ruhe und halt suchend. melancholisch. traurig. nein, nicht unglücklich, aber eben traurig. abwägend. ordnen wollend. ruhig und gelassen. ich habe das gefühl, dass irgendein teil von mir gerade erwachsen wird. ich weiß nicht, wie ich das anders ausdrücken soll. das trifft es nicht hundertprozentig, aber noch am aller ehesten von allen beschreibungen oder besser gesagt umschreibungen. irgendwie macht sich gerade irgendwo ein gefühl breit, das sich eben erwachsen anfühlt.

nüchtern. ja, das passt. nüchtern. oder zumindest nüchterner als vorher, von heute auf morgen.

warum assoziiere ich mit nüchtern erwachsen? wann wird/ist man nüchtern? wenn man erwachsen ist eben. wenn man schon so viel erlebt hat, dass die emotionalen ausschläge nach oben und nach unten abnehmen, wenn man sie nicht mehr als ausschläge, sondern viel eher als fluktuationen um einen mittelwert bezeichnen kann. wenn nicht jede enttäuschung einem weltuntergang gleichkommt. wenn man mit distanzen umgehen kann. wenn man in emotionalen situationen rational denkt und handelt. wenn man entscheidungen treffen und die konsequenzen zu tragen bereit und in der lage ist. wenn man dinge ohne emotionale beteiligung zu betrachten gelernt hat. und ja, ich sage bewusst: gelernt. man kommt nicht nüchtern auf die welt. man wird es, auf der basis seines charakters und in abhängigkeit dessen, was man erlebt und wie man das erlebte wahrnimmt.

probably you've only really grown up when you can bear not being understood. viele jahre hing dieser ausspruch des leadsängers einer meiner damaligen lieblingsbands in meinem zimmer. in riesen lettern geschrieben, einer pro blatt, dann ausgedruckt, fein säuberlich ausgeschnitten und in mühevoller kleinstarbeit an die wand über meinem bett geklebt. ich war ein teenager, auf der suche nach mir selbst und ich konnte stundenlang der musik alphavilles lauschen und über diese aussage nachdenken. ich hatte eine ahnung, nicht mehr als eine leise ahnung, was diese worte bedeuten konnten, bedeuten würden. was sie bedeuten werden wenn man eben weiß, was sie bedeuten. wenn man so alt geworden ist, so erwachsen, so erfahren und nüchtern, um es nicht nur wissen, sondern fühlen zu können. 

ich eier herum. um ein gefühl, das ich (noch) nicht zu fassen bekomme und das ich momentan nur vage beschreiben kann. aber ich werde es mir angucken, auch wenn ich den leisen verdacht habe, dass es wehtun könnte...

...dachte sie, während ihr die tränen über das gesicht liefen.

 

19.10.2012 um 03:50 Uhr

des nächtens

von: grenzgaenger   Kategorie: briefe an den mond

 

ich kann nicht schlafen. früh ins bett, weil totmüde, aber seit halb eins liege ich wach und kann nicht mehr schlafen. viel zu viel geht mir durch den kopf und so bin ich aufgestanden um zwei dinge zu tun, die ich so wohl noch nie in meinem leben getan habe: ich habe mitten in der nacht eine geraucht und zudem trinke ich einen heißen kakao. müder kann man kaum sein, aber wenn der kopf dem körper nicht folgen will gibt es kaum etwas frustrierenderes, als grübelnd im bett zu liegen und ständig auf die uhr zu gucken um zu sehen, wieviel weniger werdende zeit man noch zum schlafen hat.

die woche bisher war anstrengend. die erste woche des semesters, das das anstrengendste bisher zu werden verspricht. täglich nahezu ganztägig vorlesungen, seminare, kurse, patienten und besprechungen. ein realistischer ausblick auf das spätere arbeitsleben, zumindest was die tägliche aufenthaltsdauer in der klinik, die psychische belastung und die anstrengung betrifft. nebenher noch die doktorarbeit und nicht zu vergessen meine nachtschichten und gelegentlichen anderweitigen arbeitseinsätze. willkommen im leben, frau dr. grenzi. 

und so sitze ich hier, versuche, das kopfkino abzuschalten und den tag mit allem, was er noch so mit sich brachte, irgendwie zu verdauen und abzuhaken.

ich kann gerade nicht einmal geradeaus denken, geschweige denn formulieren, irgendwie ist alles blockiert. kein wunder, dass ich nicht schlafen kann. die gedanken tröpfeln von meinem hirn lediglich in meine finger, träge und zäh und wollen nicht beim namen genannt werden. sie entziehen sich der kommunikation. selbst die mit mir klappt heute ganz offensichtlich nicht besonders gut, wie soll sie da mit anderen funktionieren? traurig nur, wenn daraus situationen entstehen, die so niemals gewollt waren und am ende zwei menschen dasitzen, verletzt sind und, in meinem fall, auch noch mittelprächtig unglücklich und sich fragen, was denn jetzt, aus heiterem himmel, schon wieder schief gelaufen ist.

ich wollte das nicht, hörst du?