Man hört nur mit dem Herzen gut.

25.12.2007 um 22:07 Uhr

Marillion Teil III

von: sunnysightup   Kategorie: Teenagerliebe

Stimmung: 1985

Mit Dreiteilern ist es ja so eine Sache... Den ersten schreibst du mit links, den zweiten brauchst du einfach, weil du im ersten Teil so viele Dinge nicht untergebracht hast, aber beim dritten, da hab ich Angst, da gibts eine Erwartungshaltung, da will man punkten, pointieren, die Sache zu Ende bringen, ne Klimax muss her, herrje, dabei habe ich noch nicht ein Wort über Marillion selbst gesagt, geschweige denn all die Andeutungen erklärt, und die Geschichte mit Max hatte unendlich viele Höhen und Tiefen, unmöglich die alle zusammenfassen...

Fangen wir mal bei einer wichtigen Korrektur an: Ich habe Marillion's Musik in einem anderen Eintrag als 'Depri-Mucke' bezeichnet. Das ist so nicht ganz richtig. Marillion ist, so sehe ich das zumindest aus meinem erwachsenen Blickwinkel, eine Band, die den Spagat zwischen Depression und Melancholie spielend meistert. Wäre die Musik durch und durch von melancholisch-süßem Sirup geprägt gewesen, hätte sie mich nicht erreicht. Bei konsequenter depressiver Bitterkeit hätte sie mich getötet.

So schwebte ich ab Sommer 1985 Nacht für Nacht auf einem Gefühl, das mich trug, ohne dass ich es spürte. Ich schwebte durch die 'Script for a Jester's Tear', etwas weniger begeistert durch die 'Fugazi' und last but ganz sicher nicht least durch eine 'Misplaced Childhood' - und oh Gott, wie treffend, wie ungeheuer prophetisch dieser Titel auf mich passte, wenn ich mir diese Anmerkung gestatten darf.

Vor einem Jahr ging Fish mit dieser Platte nochmal auf Tour. Wir dachten zuerst, dass er vielleicht ein paar Titel davon spielen wird, nicht mehr nicht weniger - aber nein, er hat sie von vorne bis hinten durchgespielt. Ich stand mit geschlossenen Augen an der Wand und sah mein Kinderzimmer, den schwarz lackierten Tisch, die Bücherregale, den in einen Kleiderschrank integrierten Schreibtisch, die roten Vorhänge, ich sah die Schatten, hörte die Geräusche, die übertönt wurden von dem kleinen Kassettenrecorder, in dem unermüdlich die Kassette spielte, auf deren eine Seite Max mit einer erstaunlich mädchenhaften Schrift 'Marillion - MC' notiert hatte und auf deren anderen 'Dire Straits - MfN' stand.

Ja, die Money for Nothing, die hat mich damals nicht so sehr geflasht - für mich der Beweis, dass es nicht ausschließlich an Max lag, dass ich Nacht für Nacht auflag und Marillion hörte.

Aber der Zusammenhang mit Max ist natürlich keinesfalls zu leugnen. Aber auch Max schaffte einen Spagat spielerisch: Den zwischen Traurigkeit und Coolness. Und das ist - wie ich finde - im Alter von 15/16 nicht leicht. Max hatte einen leichten russischen Akzent, ganz ganz leicht, er rollte das r und suchte manchmal nach Worten, was aber auch daran liegen konnte, dass er so wenig sprach. Bei der Nachtwanderung zum Beispiel sprach er kein Wort. Er hatte mir den Walkman aufgesetzt und lief lächelnd neben mir. Nachdem das Lied zu Ende war, nahm ich die Kopfhörer ab und fragte: Was war das? Da wies Max nur auf sein ausgebleichtes T-Shirt, und das war es erstmal mit Konversation. Aber wir hatten ja noch vier Tage. Und wie es auf solchen evangelischen Fahrten so ist, wurde auch noch viel diskutiert, so über Gott und Jesus und so, und Max sagte auch ein paar Sachen, und beim Essen schauten wir uns manchmal an, d.h. genau immer dann, wenn er zu mir rüberschaute, denn ich konnte fortan kein Auge mehr von ihm lassen. Wir haben uns noch oft getroffen, Max und ich. Er schenkte mir Marillion-Kassetten, und er schwänzte mit mir ab und zu den Unterricht. Und er nahm mich auch mit zu sich nach Hause, wo ich seinen kleinen Bruder kennen lernte. Seine Mutter sagte am Ende meines Besuchs etwas auf russisch zu ihm. Er brachte mich nachdenklich schweigend nach Hause und vor meiner Haustür sagte er:

"Meine Mutter hat etwas über dich gesagt."

Meine Romantik-Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Ich rechnete mit dem Lob meiner Schönheit, meines Lächelns, meiner lieblichen Art, meiner Paßgenauigkeit in Max' Leben.

"Was denn?" fragte ich atemlos.

"Nun. Man kann das Wort nicht genau übersetzen. Aber sie sagte mir, du seist... Mmh... Am besten trifft es 'scheu', aber da ist auch 'ängstlich' drin und 'verletzt'." Er überlegte kurz, ob er weiter sprechen sollte, sagte dann aber doch nach einem tiefen Atemzug:

"Und dass ich gut auf dich aufpassen soll, hat sie gesagt."

Oh. Ich wusste nicht, ob ich das hatte hören wollen. Aber Max passte wirklich auf mich auf. Und jedes Mal, wenn wir uns sahen, lächelte er mich mit dieser Mischung aus Traurigkeit, Spott und solidarischer Verachtung an.

Ich lächelte jedes Mal tapfer wie beim ersten Mal zurück. Was blieb mir auch anderes übrig? Das, wonach ich mich in seinen Augen sehnte, war lange nicht da, und als es auftauchte, da habe ich es nicht mehr sehen können.

Aber wichtig war er, mein Max, und ich denke voller Liebe und mit großer Zärtlichkeit an ihn, wo immer er jetzt sein mag...

 

So I see it's me, I can do anything
And still the child,
'Cos the only thing misplaced was direction
And I found direction.
There is no Childhood's End.
There is no Childhood's End.
Cos' you are my childhood friend.
Cos' you are my childhood friend.
Oh lead me on.

22.12.2007 um 15:13 Uhr

Zwischeneinspieler

von: sunnysightup   Kategorie: Kinderlieder

Stimmung: 1977

Als Kind ist man ja um jede Aufmerksamkeit froh. Man nimmt alles, was man kriegen kann. Lacherfolge weiß man besonders zu schätzen. Aber irgendwie fühlte ich mich an dem Tag, an dem ich Costa Cordalis im Fernsehen Anita zum besten geben sah, laut mitsang, mich danach mit leuchtenden Augen zu den Erwachsenen umsah und mit kindlicher Inbrunst feststellte, das sei der "schönste Mann, den ich je gesehen habe", nicht ernst genommen.

Sie hörten einfach alle nicht mehr auf zu lachen. Man tätschelte mir den Kopf und man sagte Dinge, wie "Werd mal größer, Geschmack kommt mit den Jahren" und "Hahahaaa! Costa Codaaaaaaarlis! Hahhaaahaa!" "Ausgerechnet! hihihi!".

Dabei fand ich ihn wirklich, richtig, ganz und gar unglaublich schön.

Ich hatte später eine Ahnung, was die Erwachsenen gemeint haben könnten, nämlich, als Costa fünfundzwanzig Jahre später im Jungle-Camp auftauchte. Aber guckt doch ma. 1977 war der doch ganz, äh, ganz schnuckelig, oder?

guckst du hier, weil Bildeinfügung zurzeit unmöglich, wenn ich es auch gerne hier in den Text integriert hätte und ziemlich sauer bin, dass hier ständig was nicht funktioniert und total genervt und brummelig und das kann doch nicht sein, dass man mal was machen kann und mal was nicht, aber das gehört jetzt auch nicht hierher...

 

 

21.12.2007 um 01:52 Uhr

Marillion Teil II

von: sunnysightup   Kategorie: Teenagerliebe

Stimmung: 1985

So here I am once more
In the playground of the broken hearts
One more experience, one more entry in a diary, self-penned
Yet another emotional suicide
Overdosed on sentiment and pride
Too late to say I love you
Too late to restage the play
Abandoning the relics in my playground of yesterday
 
 
Ein Debut-Album mit diesen Worten zu beginnen ist eine Frechheit, eine kackendreiste Angelegenheit. Überhaupt ist es unverschämt, wenn manche Menschen meinen, einfach mal Gedanken aus deinem Herzen zu reißen und sie mal so eben mir nix dir nix in Worte zu fassen und die dazu passende Musik zu schreiben.
Aber so ist das Leben, und Gottseidank ist es so, denn dies schweißt ein Band von nuklearen Grundgefühlen um uns alle.
Aber ich greife vor. Noch wusste ich schlecht frisiertes Mädchen ja noch nichts von diesem musikalischen Wunder. Aber immerhin: Ein Wunder kannte ich schon. Max. Max und sein Lächeln, sein bezauberndes trauriges Lächeln.
Als ich ihn am nächsten Tag wieder im Bus stehen sah, diesmal aber morgens, blieb mir das Herz stehen. Nein, nicht fast - ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass es einfach für wenige Sekunden nicht mehr schlug, schlicht überlastet, das kleine Ding. Schließlich hatte ich die eine Hälfte der Nacht damit zugebracht, mir vorzustellen, ob, wann und wie ich ihn das nächste Mal sehen werde, und die andere hatte ich von ihm geträumt, nur um dann wenige Minuten nach dem Aufwachen vor ihm zu stehen. Das war zu viel.
Um nicht in Ohnmacht zu fallen oder andere Peinlichkeiten zu riskieren (in die Hose machen wäre nicht unwahrscheinlich gewesen), tat ich so, als sehe ich ihn nicht und setzte mich demonstrativ mit dem Rücken zu ihm. Scheiße! Scheiße-scheiße-scheiße. So konnte ich ihn natürlich nicht sehen. Tja, aber so ist sie, die Pubertät. Kurzschlusshandlungen sind an der Tagesordnung, vorausschauendes Verhalten so gut wie unmöglich, heutzutage spricht man ja sogar von einer akuten geistigen Störung - das finde ich nicht abwegig.
Diese Busfahrt verbrachte ich schwitzend auf diesem blöden Sitz und er stand zwei Reihen hinter mir, an die Stange gelehnt, wie immer, und ich kann nicht sagen, ob er mich wieder erkannte, er schaute nicht zu mir rüber, wie ich zumindest in einigen halsbrecherischen Rückenkratz-, Schuhzubind- und Stiftefallenlass-Aktionen feststellen konnte.
Und so ging es ab da nahezu jeden Tag. Manchmal sah ich, dass er nicht im Bus war und stieg dann einen später ein. Ich bin auch einfach mal da ausgestiegen, wo er aussteigt, und habe mich in der fremden Weststadt beinahe verlaufen. Ich sag's ja: Kurzschlusshandlungen.
Aber ich komme jetzt ganz weit vom Thema weg und muss sogar noch weiter weg, weil ich nämlich, nachdem ich ein halbes Jahr mit Max Bus gefahren bin und gefühlte 267 Mal von fiesen Mädchen, denen gegenüber ich nicht den Mund halten konnte, gegen ihn geschubst worden war, endlich seinen Namen rausfand und er begann mich zu grüßen.
Ach, ich kanns jetzt einfach nicht lassen: Was war das für ein wundervoller Tag, als er bei meinem Anblick lächelte und die Augenbrauen hob. Ich hob die meinen, lächelte aber nicht und schaute böse. Na gut. Aber dafür lächelte ich am nächsten Tag und am nächsten auch und am übernächsten. Toll. Wie einfach damals alles war und wie ungeheuer schwierig.
Etwa zur gleichen Zeit, als ich seinen Namen herausfand (Max Bauer, Max, Max, oh Max, du Traum, du bittersüßer Traum) also etwa zur gleichen Zeit begann mein Konfirmandenunterricht. Die Zeiten wurden etwas besser, denn die Leute da waren sehr nett. Es gab dann irgendwann nach wenigen Monaten eine einwöchige Konfirmandenfreizeit.
Und da trug ich mich mit einem Pelikan-Füllfederhalter (mein Gott, wie banal das Ziel der Träume manchmal vonstatten gehen kann...) direkt unter dem Namen Max Bauer in die Namensliste ein. Ich stutzte, lief hochrot an und bekam einen Lachkrampf. Das ist schon ein Kreuz bei Mädchen in dem Alter. Jeder Scheiß wird durch Kichern kompensiert.
Da saß ich nun und bekam vor Gackern keine Luft mehr - ja wie soll man da noch ordentlich denken?
Ein Zufall. Fatalistisch, wie ich war, konnte ich nur an einen Zufall glauben. Was denn sonst. Max Bauer war bestimmt ein zehnjähriger Idiot mit einem Pickel auf der Nase. Und ob meine Quelle, aus der ich den Namen meiner Omnibus-Liebe herausgekitzelt hatte, zuverlässig war, wusste ich schließlich auch nicht.
Max sah mich am Abfahrtstag erst beim Einsteigen. Ich hatte ihn schon viel früher entdeckt und schüttelte mich in hysterischen Lachanfällen. Er grinste überrascht und zog (ganz Max, ganz Achtziger) mal wieder die Brauen hoch.
Selbst auf dieser Busfahrt hat Max gestanden. Er stand die ganze Zeit im Gang, hielt sich an den oberen Haltestangen fest und hörte Walkman. Ich kicherte mich hilflos durch die anderthalb Stunden Fahrt und als wir ankamen und unsere Zimmer bezogen hatten, ging ich erst Mal aufs Klo, setzte mich auf den Boden, schnaufte durch und versuchte mit aller Macht meinen Körper vom vollständigen Organversagen abzuhalten.
Und dann zwei Tage später: Die Nachtwanderung. Als Max mir ohne Vorwarnung seinen Walkman aufsetzte und die Klänge von Script for a Jesters Tear zum ersten Mal mein Ohr und alles, ja wirklich alles andere, erreichten.
Aber davon morgen. Ich muss jetzt erstmal in aller Ruhe Musik hören...

20.12.2007 um 01:01 Uhr

Marillion Teil I

von: sunnysightup   Kategorie: Teenagerliebe

Stimmung: 1985

Ich habe mich gescheut, diesen Eintrag zu machen. Aber er musste sein. Die Chronologie stimmt, die Bedeutung, die Intensität, Marillion trat nun mal im Sommer 1985 in mein Leben. Nur: Diese Beziehung hat sich bis heute gehalten. Wie den Anfang finden, wo dem ein Ende bereiten? Ich fang jetzt einfach mal an, wer weiß, wo und v.a. WANN es endet

Naja, bleiben wir vielleicht noch ein bisschen beim traumatischen Wechsel vom Osten in den Westen. 1984. Frühling. Neue Stadt, neue Wohnung, neue Schule, alles neu. Das schlimmste waren die Farben, diese unendlich vielen unglaublich schrillen Farben, all diese Plakate ind pink und türkis und gelb (mein Gott, ich kannte doch nur schmutzig-rot, schmutzig-orange und grau, und eben die 6 Farben im Malkasten), es bewegte sich alles in einer unberechenbaren Geschwindigkeit - ich begann wieder Mittagsschlaf zu machen, war müde immer nur müde.

In der Klasse, die fünfte wars, mochte man mich nicht besonders, nicht nur, weil ich keine drei Streifen auf den Schuhen hatte (sagt mal, ist das nicht absolut hirnrissig, dass das einen Unterschied macht? Zwei rosa Streifen versus drei. Haste zwei - BUMMS - biste unten durch! Noch schlimmer - fällt mir grade auf - ist, dass ich das heute verstehe), ja aber der Mangel an Adidas-Schuhen war es nicht allein, es war - ähm - ich - ja wie soll ich sagen - äh , ich war - mh - tja - anders eben.

Ich mochte es zu lernen. Das war gar nicht so schlimm. Aber sagen, sagen durfte man das nicht. Im Grunde durfte man gar nichts echtes sagen. Es war wie mit diesen Farben. Alles, was man sagte, musste schrill leuchten, appetitlich irgendwie, wie auf einem Werbeplakat. Nichts durfte normal sein, alles war übersteigert, grenzenlos unnatürlich, aber so war diese Welt nunmal. Ich sollte Klassenkeile bekommen. Rädelsführerin war Carmen, die Anführerin der Mädchenclique und was eine Clique war, wusste ich nicht, ich habe dazu Bande gesagt.

Eines Tages bekam ich mit Kreide ein Hakenkreuz auf den Ranzen gemalt. Ich hatte da schon auf stumpf geschaltet, versucht es wegzuwischen, aber die Kreide hatte sich in den Ritzen des groben Stoffes eingenistet und so habe ich ein kleines Tuch drüber gehängt. Und auf der Fahrt nach Hause in diesem bunten lauten schnellen Bus, da habe ich ein kleines Wunder erlebt. Wenn man mit elf Jahren als heulendes Elend ein aufmunterndes Lächeln von einem mindestens schon drei Jahre älteren Jungen bekommt, dann ist das, als sei man von den Toten auferstanden, als sei der Aussatz nun endlich geheilt, ich konnte wieder laufen, sehen und sprechen. Vor allem habe ich das für diesen Tag erfühlte Unmögliche geschafft: Ich habe zurück gelächelt. Hosiannah, oh Maria voll der Gnaden, Danke für diesen Guten Morgen, Laudato si amen.

Max. Max traf mich und ich traf Max. Max sah ein kleines Mädchen mit schlecht frisiertem arschlangen braunen Haar und einer seltsamen schlecht sitzenden hellbraunen Jacke mit Kapuze, das alleine auf dem Vierer im Bus saß und verschämt die Kreideschmiere auf dem Ranzen verbarg, er sah die anderen Mädchen zu dem Mädchen rüber schauen und hörte sie flüstern und kichern, er sah den starren Gesichtsausdruck des schlecht gekleideten Mädchens, den gequälten Ausdruck in seinen Augen. Lass diese Fahrt bald vorüber sein, bitte Gott, lass mich bald aussteigen...

Und ich sah einen ca. 15-jährigen Jungen, mit längeren braunem Haar, das ihm in die Augen fiel, er stand da mit dem Rücken an eine der Haltestangen gelehnt, hatte eine grüne Feder als Ohrring und sanfte graue Augen und einen ganz weichen Zug um den Mund und cool war er auch irgendwie, seine Jeans war zerrissen, sein T-Shirt schwarz mit einem Schriftzug drauf, und er schaute mich an und dann trafen sich unsere Blicke und er lächelte und in diesem Lächeln lag so viel. Es war ein schmerzliches Lächeln, ein verständnisvolles, ein mitleidiges und gleichzeitig spöttisches. Es war aufmunternd und allwissend zugleich. Und da war etwas in seinen Augen: Verachtung. Keine Verachtung für mich. Solidarische Verachtung. Da mich Max die nächsten acht Jahre meiner Pubertät und Jugend begleitete, weiß ich es genau: Niemand, den ich damals kannte, hatte so viel Verachtung für die Welt im Herzen wie Max.

Natürlich wusste ich das in diesem Moment nicht. Es war der Spätsommer des Jahres 1984 und ich sah nur ein Lächeln, das mich mitten ins Herz traf.

Dass ich diesen süßen Jungen (wie es in der Bravo gestanden hätte) nochmal wiedersehen sollte, dass er nahezu jeden Tag auf dem gleichen Platz stand (Max hätte sich niemals gesetzt, niemals habe ich ihn auf einem Sitzplatz gesehen), das wusste ich damals noch nicht.

Auch nicht, dass das schwarze T-Shirt sein Lieblings-T-shirt war. Auch nicht, was der Schriftzug bedeutete. Aber ich sollte es im Sommer 1985 erfahren.

Da war das T-shirt zwar schon ein bisschen ausgebleicht, aber es stand immer noch deutlich erkennbar 'Marillion' drauf.

 

- Fortsetzung folgt -

18.12.2007 um 00:52 Uhr

a-ha - nachtrag

von: sunnysightup   Kategorie: Generationen

Stimmung: 1985

ich geb das jetzt einfach mal zu. mach ich jetzt. so ganz ohne blatt vorm mund, einfach raus damit, frei heraus, also öhm, äh, also ich hatte ein kleines poster von thomas anders in meinem zimmer hängen und konnte, mh, ja wie soll ich mal sagen, ich konnte you're my heart, you're my soul auswendig...

tja.

jetzt isses raus.

 

17.12.2007 um 23:58 Uhr

a-ha

von: sunnysightup   Kategorie: Generationen

Stimmung: 1985

Roland Kaiser, äh Ronald Keiler, oh Gott, ich könnt mich immer noch beeimern, wurde von Morten Harket verdrängt. Das ist gut. Ungut ist, dass auch Elvis Presley und John Lennon dabei auf der Strecke blieben.

In der Schule habe ich immer behauptet, dass ich Pal am süßesten fand. Weil alle von Morten schwärmten und ich was besonderes sein wollte. Oha. Da hätte ich gleich sagen können, dass Marillion bessere Musik machen (ja, und das wusste ich damals schon - aber, na eben eine andere Geschichte), aber nee, auch ich trällerte Take on me rauf und runter, hatte es in der Hitline aufgenommen, damals mit Elmi und es befand sich auf meiner Kassette an vierter Stelle und ich dachte des Nachts nur noch an Morten (wofür sich Fish oder der Harlekin von Marillion zugegebenermaßen nicht eignen). In Steckbriefbücher wollte ich wenigstens eine winzige Abweichung haben, deshalb Pal und nicht Morten, aber diese Steckbriefbücher sind nun wirklich ein Thema für sich und für eine aus dem Osten, die nur Poesie-Alben kannte, ein wahres Mysterium. Unter 'was ich nicht mag' stand bei uns immer: Nena und Heino. Ein Muss. Ohne das zu schreiben, kam man nicht weiter. Hallo? Nena war doch großartig, oder?

Jedenfalls zur Musik: Um ehrlich zu sein, ich hör die heut noch gerne. Ich habe das legendäre Video von Take on me damals nicht gesehen. Meine Mutter hatte zwar nichts dagegen, dass ich mir als 4-Jährige lange Abende um die Ohren schlug, um Elvis-Filme zu sehen, aber mit Formel 1 als 12-Jährige hatte sie echte Probleme, aber sie war um es positiv auszudrücken recht verschroben, das kann man wirklich nicht anders sagen.

Aber back to the music. Eines der schönsten Lieder, die es von a-ha gibt, ist Hunting High and Low, und immer wenn ich das heute höre, werde ich nostalgisch und ein wenig melancholisch, denn es erinnert mich an eine sehr wirre Zeit, an eine Zeit, in der ich wie viele Pubertierende völlig vergaß, wer ich war, wo ich stand, wo ich hingehörte. Und eine Entwurzelung hat da nicht wirklich bei dem ohnehin schwierigen Prozess geholfen. Hunting high and low war genau die Stimmung, die ich damals brauchte. Weder Take on me noch The Sun Always Shines on TV waren so gut dafür geeignet. Ich habe dann depressivere Musik entdeckt, so richtig schöne Depri-Mucke. Alles wurde ein wenig erträglicher, als ich mich schwarz zu kleiden begann und mit mürrischen Gesicht durch die Schule stiefelte, ein Walkman auf den Ohren, sprecht mich bloß nicht an, ich höre Script for a Jester's Tear, bitte nicht stören, aber das erzähl ich morgen...

P.S.: Was man ja sagen muss: Morten sieht auch heute noch bombastisch aus. Und Pal, ganz ehrlich, Pal war mir immer wurscht gewesen. Morten. Ach Morten.

P.P.S.: Was mir neulich bei Youtube über den Weg lief, war dies hier. Das gefällt, das ist ehrlich, das ist norwegische Solidarität.

 

17.12.2007 um 19:24 Uhr

Ach bitt'rer Winter...

von: sunnysightup   Kategorie: Kinderlieder   Stichwörter: 1984

Als wir rübermachten, war das für mich ein Schock. Ein Riesen-Schock. Ein Schock-Schock. Ich war schockiert. Ich hoffe, das ist jetzt klar geworden.

Ich war ein 11-jähriges Mädchen, war gerade verliebt in einen Jungen aus der Christenlehre (meine Mutter legte Wert auf Protest. Im Osten war Christenlehre Protest, der reine Protest. Außerdem war es protestantische Christenlehre). Noch ein halbes Jahr zuvor habe ich mit ihm das Krippenspiel aufgeführt. Ich die MAria und er der Josef. Alle neckten uns, dass wir Mann und Frau seien. Und wir protestierten natürlich (uppsi, schon wieder), aber ließen es uns innerlich lächelnd wohl gefallen. Zum Geburtstag hatte ich von ihm ein zart-rosa Alpenveilchen bekommen. Die Sache war klar. Sonnenklar. Sebastian und ich - wir waren verlie-hiebt.

Und dann sowas unfassbares: Verabschiede dich von deinen Freunden. Wir machen rüber. Du wirst sie wahrscheinlich nie wieder sehen.

Oha. Für eine 11-Jährige kein Leichtes. Es war ja nicht nur Sebastian. In der fünften Klasse hatte ich meinen Platz unter den beliebtesten Mädels erobert. Ich hatte Klavier-Unterricht und sang in einem nicht ganz erfolglosen Kinderchor. Ich hatte im Haus Freunde und drumrum auch. Ich fühlte mich wohl. Es gab noch so viel zu tun in dieser Woche noch, in diesem Monat, in diesem Jahr.

Aber nö. Verabschiede dich. In drei Tagen sind wir weg.

Was das mit Musik zu tun hatte? Naja. Musik war damals ungeheuer wichtig für mich. Allerdings gab es auch noch keine Steckbriefbücher und der Gruppenzwang war auch noch nicht ausgeprägt. Also spielte ich zwei Tage traurige Lieder auf dem Klavier. Das traurigste war ein Weihnachtslied. Dass April war, war mir scheißegal. Ich sang voller Inbrunst und mit Tränen in den Augen: 'Ach bitt'rer Winter...' und kam mir sehr verlassen vor.

Da war ich noch zu authentischem Pathos fähig. Mann waren das Zeiten. Schöne Zeiten. Wunderschöne Zeiten. Auch wenn sie traurig zu Ende gingen, sie waren voller Gefühl...

(Ihr seht ich mogel mich immer noch um den Kommerz drumherum. Aber das mit a-ha war auch eine große Geschichte, die, ja die ein andermal, ich denke, das nächste Mal erzählt wird.)

 

17.12.2007 um 13:14 Uhr

Humbala, Humbala, Humbala, Huuuaa!

von: sunnysightup   Kategorie: Kinderlieder

Stimmung: 1981

Na? Hat das jemand erkannt? Jawohl. Roland, der alte Barde.

Bevor ich meinen Weg in die Pubertät und in die damit einsetzende Kommerzialisierung meiner Musik beschreibe, guckst du hier!

Jedes Wort dieses Liedes ist mir heute noch geläufig. Wir hatten es als Tanz einstudiert. Bei Humbala, humbala wippten wir nur mit dem Knie und schauten züchtig zu Boden. Wobei wir dann bei 'Santa Maria' die Hände am Gesicht vorbeiziehen ließen, ähnlich wie der gute Travolta, nur natürlich weniger cool, die weiteren Zeilen waren mit anderen pathetischen Gesten behaftet. Unter anderem natürlich die gekreuzten Arme vor dem Herzen und all dieser Schnulz. Das Jahr 1981 (wir waren immer ein wenig später), also meine dritte Klasse, war von diesem Lied geprägt und der Tanz wurde bei jeder Gelegenheit aufgeführt. Immer und immer wieder stellten sich die Mädchen der Klasse im Schulflur auf und eine von uns fing an zu summen, die nächsten fielen mit Humbala-humbala ein, eine dritte Gruppe machte das Huhaa! und wir waren die Stars der Manege.

Gerührt lächelten uns damals die Lehrer zu. Was uns glauben ließ, dass wir ECHT gut waren. Und immer, wenn ich das Lied heute höre, mache ich im Geiste diese Gesten und tanze einen Gruppentanz, mit all meinen Freundinnen, und ich kann mich an jeden einzelnen Namen erinnern. Einfach, weil es doch so schön war...

 

16.12.2007 um 23:56 Uhr

Beatles

von: sunnysightup   Kategorie: Kinderlieder

Stimmung: 1979

Wir hatten damals nur einen ollen Kassetten-Radio-Recorder (Wir hatten ja nix, damals im Osten. Mit'm Bollerwagen simmer zum Intershop gepilgert und ham uns die Nasen platt gedrückt, herrje...). Aber das war ja schonmal was. An Kassetten allerdings gab es einen gewissen Mangel. Um genau zu sein: Wir hatten eine. Eine, auf die alles, was so im Radio lief und uns gut gefiel, aufgenommen wurde. Bald kam die Zeit, wo auch ich als kompetent erachtet wurde, Musik auszuwählen und aufzunehmen. Allerdings gab es strenge Regeln. Ich musste immer das Ende eines anderen Liedes auf der bespielten Kassette abwarten und darauf achten, dass ich schon nach wenigen Sekunden eine Entscheidung traf über Hop oder Top, denn das Lied sollte ja möglichst umfangreich abspielbar sein und den Ansager, den musste man natürlich rausschneiden.

Es gab trotzdem immer ein Riesen-Kuddelmuddel auf dieser Kassette. Irgendwann waren es dann auch mal drei, da hatten wir uns welche aus dem Westen schicken lassen.

Jedenfalls war das für mich als Schulkind eine schöne Spielerei. Nachmittage verbrachte ich in unserer gemütlichen Küche und drückte das Record-Knöpfchen, unermüdlich suchte ich Lieder aus, ehrlich gesagt sehr viele Schlager und ein bisschen Pop-Musik der 70er.

Eines Tages, eines sonnigen Tages im Hochsommer 1979, betrat ich die Küche des Morgens um ca. 7.11 Uhr und ich hörte so wunderschöne Klänge, die mich mitten ins Herz trafen, so richtig tief, dahin, wo der Musik-Nerv sitzt. Geistesgegenwärtig stürzte ich mich alle Regeln missachtend auf den Record-Knopf und bekam noch ca. 7-8 Liedzeilen zu fassen:

Picture yourself on a train in a station
With plasticine porters with looking glass ties
Suddenly someone is there at the turnstyle
The girl with the kaleidoscope eyes

Lucy in the sky with diamonds
Lucy in the sky with diamonds
Lucy in the sky with diamonds
Aaaaahhhhh...

Ich war verzaubert. Trotz des ganzen Ärgers, den ich bekam, weil ich 'Ti Amo' gehimmelt hatte. Ich hörte die paar Töne immer wieder. Unser Kassettenrecorder hatte nämlich einen Trick. Der spulte nämlich Lieder bis genau der Stelle, an der sie begannen. Und das tat ich. Unermüdlich. Ich dachte: Was für eine schöne Melodie. Was für eine süße Stimme. Was für wunderschöne Bilder mir erschienen. Was für eine sonnige Musik.

Nur: Kein Schwein unserer Nachbarn und Verwandten wusste, welche Band das war. Ich rannte damit im Haus rum. Ich sang, summte und trällerte mich um Kopf und Kragen. Alle schüttelten den Kopf. Irgendwann bekam ich folgende Aussage: "Es könnten die Beatles sein, aber ich bin mir nicht sicher."

Flugs schrieb ich meiner Oma im Westen einen Brief. Ich hatte einen Wunsch. Die ganze Billig-Schokolade und den Kaffee sollte sie sich sparen. Sie sollte doch bitte eine Beatles-Platte schicken. Und dann meinetwegen nie wieder was. Oder alle anderen. Bestenfalls. Ich wollte sie. Wollte sie mit Haut und Haaren. Beatles-Musik, wollte ich. Und es dauerte auch nicht ganz ein Jahr, als ich mal wieder enttäuscht in eines dieser Pakete schaute und die mindestens dreiundzwanzigste Karl-May-Platte kritisch beäugte. Ich hatte keinen Bock mehr. Sah das nicht ein. Mama sagte ja, dass man die Beatles vielleicht nicht verschicken DURFTE. Ok, aber die Hoffnung, wisst ihr? Die Hoffnung stirbt doch zuletzt, oder?

Und in der Tat. In der Platten-Hülle von 'Der Schatz im Silbersee' war ein ein Goldschatz ein funkelnder, ein herrlicher ein wunderbarer, ein so unglaublich fantastisches Geschenk verborgen: Das Blaue Album. Zumindest Teil I. Und (ich war mir ja noch nicht ganz sicher): Das Lied war von ihnen. Es war sogar da drauf. Es hieß 'Lucy in the Sky with Diamonds. Toll. Warum nicht? Ein Mädchen namens Lucy im Himmel und Diamanten drumherum. Passte. Passte wie Arsch auf Eimer. Und erst all die anderen Songs, allen voran Strawberry Fields, dicht gefolgt von Penny Lane und und und... Ich war begeistert.

Dass die Beatles sich getrennt hatten, wusste ich zu diesem Zeitpunkt schon und meinte, auch wenn ich das Wort zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte, ein schlechtes Musik-Karma zu haben. Dass John Lennon noch im gleichen Jahr meiner ersten Beatles-Platte starb, halte ich heute dennoch für einen traurigen Zufall.

Meine Gebete fingen ab dann nicht mit 'Lieber John' an, allerdings war Elvis erstmal entthront.

Als wir 1984 rübermachten, kommerzialisierte sich mein Musik-Geschmack, aber das ist eine andere Geschichte, und sie soll ein andermal erzählt werden...

16.12.2007 um 22:27 Uhr

Elvis

von: sunnysightup   Kategorie: Kinderlieder

Stimmung: 1977

Es begab sich zu einer Zeit, als ich mich an der Schwelle vom zarten Alter von 4 zu 5 befand, da brach mir ein schöner Mann namens Elvis Presley das Herz. Er tat es in Abwesenheit. Und er tat es durch Abwesenheit. Durch totale körperliche Abwesenheit.

Verliebt hatte ich mich, als ich ihn in Girls! Girls! Girls! besagtes Lied spielen sah und hörte. Ich tanzte durchs Zimmer und ich gab bekannt, dass ich verliebt sei. Richtig verliebt. Lächelnd begab ich mich ins Bett, im Wissen, dass am nächsten Tag wieder ein Elvis-Film gezeigt würde. Jailhouse Rock. Whatever that may be. Und als ich dann diesen sah, intensivierte sich mein Verlangen.

"Let's rock! Everybody let's rock!" waren meine letzten Gedanken und ich freute mich auf den nächsten Tag und den nächsten Film. Meiner Mama wars Recht. Sie fand Elvis auch gut, und so hatten wir was gemeinsam. Meine Passion steigerte sich ins Unermessliche, als ich ihn Love me Tender singen hörte und sah. Ich hatte den Mann meines Lebens gefunden. Ich war bereit. Ich wollte heiraten. Kinder. Viele Kinder. Das volle Programm.

"Wenn du geheiratet hast, wirst du es vergessen haben." Ich hasse diesen Spruch, habe ihn schon damals gehasst - schließlich schmälert er jedes Kinder-Leid, und das ist nicht ok. Aber zumindest hatte ich in dieser Zeit den passenden Spruch zurück parat. "Ja", pflegte ich zu sagen (so die Legende), "Ich weiß auch schon, WEN ich heirate." "Und? Wen denn?" Verschämt habe ich "Elvis Presley." gesagt, wofür ich gerührte und belustigte Erwachsenenblicke erntete.

Es wurden mächtig viele Elvis-Filme gezeigt um diese Zeit. Nahezu täglich einer. Später dann wöchentlich. Ich durfte sie fast alle gucken.

Diese Elvis-Dominanz im deutschen Westfernsehen (wir saßen fest im ollen Osten) hatte einen Grund. Einen traurigen. Den man mir lange vorenthielt. Und dann, eines Tages, kam es raus. Ein besserwisserischer Onkel sagte mir Folgendes: "Du kannst Elvis nicht heiraten. Der ist nicht nur zu alt für dich, sondern auch tot."

"Tot?" Elvis konnte nicht tot sein, ich hatte ihn doch gestern noch gesehen, heute noch gehört. Ein Mensch, der tot war, konnte doch nicht singen, nicht lächeln, nicht tanzen. Gitarre spielen wäre auch schwierig.

Mönsch. Meine Mutter bestätigte mir dieses unfassbare Desaster. Sie tat es so traurig, dass ich es einfach glauben musste. (Heute bin ich selbst Mutter und weiß, wie es ihr das Herz mitgebrochen haben musste). Fassungslos lag ich an diesem Abend im Bett. Jesus war passé. Mein Gute-Nacht-Gebet begann mit "Lieber Elvis." Jesus und dem lieben Gott ließ ich nur noch Grüße ausrichten. Und so hielt ich es, bis mir ein Mann namens John Lennon begegnete. Aber das ist eine andere Geschichte, und die soll ein andermal erzählt werden.