Yentl
Stimmung: 1987
Besagte Englischlehrerin hatte einen seltsamen Narren an mir gefressen. Seltsam darum, weil sie so zuckersüß und glatt war. Zuckersüße und glatte Menschen mögen mich normalerweise nicht. Das war seit Anbeginn meiner Kindheit so. Ich war selbst immer weit entfernt davon zuckersüß und glatt zu sein.
Naja, als Baby vielleicht, so als ganz kleines, aber dann wurde ich recht schnell dick, danach kräftig und irgendwie habe ich es nie geschafft sauber zu sein, ich hatte stets feuchte Rotze an der Nase und eingetrocknete am Ärmel. Das hörte zwar zu Schulzeiten auf, aber ab da hatte ich immer verfilzte HAare und gelächelt wurde nicht, das war strengstens verboten.
Frau Bachtal lächelte häufig, was rede ich, sie lächelte immer. Sie lächelte dieses amerikanische Lächeln. Sie hatte amerikanische Haare und amerikanische Zähne und eine amerikanische Figur hatte sie auch.
Frau Bachtal kam zum ersten Mal zu uns in die Klasse und hatte eine gelbe bommelige Handpuppe namens Larry in ihren manikürten Händen. Larry sprach zu uns mit einem zuckersüßen glatten Stimmchen, er stellte sich vor, wollte von einzelnen Schülern ihren Namen wissen. Man bedenke: Wir waren alle so gut wie 13 Jahre alt. Diese Art von '13 Jahre alt', wo man über jeden Scheiß kichert und trotzdem cool bleiben muss. Wie konnte von uns erwartet werden, dass wir mit einer Handpuppe sprachen? Für mich, die ich damals schon hart an meinem Coolnessfaktor gearbeitet hatte, eine absolute Katastrophe. Ich starrte Larry böse an und gab ihm keine Antwort. Er hakte nach, genauer, Frau Bachtals süßes und glattes Stimmchen fragte nach: "Hey, I am Larry, and I'm talking to you." "Du nervst." gab ich zur Antwort. "Pardon? I don't understand you. Could you please answer in English?" Schweigen auf der Teenagerseite. "Oh. She is a shy girl. But I like you. I really do." Schweigen. Kein Lächeln.
Frau Bachtal aber schien Larry's Überzeugung zu teilen, sie hielt mich für schüchtern und beschloss wohl, mich darum besonders in ihr Herz zu schließen. Zwei Jahre später war sie zum sechsten Mal in diesem Halbjahr mit uns auf dem Weg zum Filmraum. "Sunny, ich glaube, du wirst diesen Film mögen. Und weißt du, was ich noch glaube?" Haaaaaah, dieses semiseriöse Lehrerinnenlächeln, dieses pseudovertrauliche Herabbeugen, dieses unerschütterliche Timbre in der Stimme, ich hasste es und schwieg. "Ich glaube nämlich", fuhr Frau Bachtal unerschüttert fort, "dass du Musik sehr magst. Und dieser Film geht auch um Musik. Kennst du Barbara Streisand?" Schweigen. "Mmh?" Aufmunterndes Stubsen. Herrje, dann schüttel ich halt mit dem Kopf, wenn ihr das gefällt. "Dann wirst du sie heute kennen lernen. Es wird dir gefallen. Da bin ich mir sicher."
Das war natürlich sehr unangenehm, dass Frau Bachtal damit so ungeheuer Recht hatte. Und noch viel unangenehmer war es mir, als Frau Bachtal ein triumphierend mitfühlendes Lächeln aufsetzte, als sie die Tränen in meinen Augen sah, als Barbara Streisand eine Ode an ihren Papa sang.
Ich hatte keinen Papa , das wusste Frau Bachtal schließlich auch.
Ihr Lächeln wurde noch breiter, als ich mir nach der Stunde ein Herz fasste und sie nach der Musik fragte. Oha. Der Durchbruch. Sie zog, als hätte sie damit gerechnet, eine Kassette aus ihrer Tasche. "Schau! Die schenk ich dir. Viel Spaß damit." Breite, weiße, gerade Zähne versuchten, mich mütterlich anzulächeln. Und selbst wenn es ihr gelungen wäre (und vielleicht ist es das ja auch, und mein mürrisches Teenager-Ich verweigerte nur die Anerkennung), ja, selbst wenn mir von Frau Bachtal ein richtig liebevolles, warmes und fürsorgliches Mutterlächeln dargebracht worden wäre, es wäre nicht das gewesen, was ich gebraucht hätte.
The trees are so much taller
And I feel so much smaller.
The moon is twice as lonely
And the stars are half as bright.
Papa, how I love you.
Papa, how I need you.
Papa, how I miss you
Kissing me goodnight
