Man hört nur mit dem Herzen gut.

17.01.2008 um 21:48 Uhr

Yentl

von: sunnysightup   Kategorie: Generationen

Stimmung: 1987

Besagte Englischlehrerin hatte einen seltsamen Narren an mir gefressen. Seltsam darum, weil sie so zuckersüß und glatt war. Zuckersüße und glatte Menschen mögen mich normalerweise nicht. Das war seit Anbeginn meiner Kindheit so. Ich war selbst immer weit entfernt davon zuckersüß und glatt zu sein.

Naja, als Baby vielleicht, so als ganz kleines, aber dann wurde ich recht schnell dick, danach kräftig und irgendwie habe ich es nie geschafft sauber zu sein, ich hatte stets feuchte Rotze an der Nase und eingetrocknete am Ärmel. Das hörte zwar zu Schulzeiten auf, aber ab da hatte ich immer verfilzte HAare und gelächelt wurde nicht, das war strengstens verboten.

Frau Bachtal lächelte häufig, was rede ich, sie lächelte immer. Sie lächelte dieses amerikanische Lächeln. Sie hatte amerikanische Haare und amerikanische Zähne und eine amerikanische Figur hatte sie auch.

Frau Bachtal kam zum ersten Mal zu uns in die Klasse und hatte eine gelbe bommelige Handpuppe namens Larry in ihren manikürten Händen. Larry sprach zu uns mit einem zuckersüßen glatten Stimmchen, er stellte sich vor, wollte von einzelnen Schülern ihren Namen wissen. Man bedenke: Wir waren alle so gut wie 13 Jahre alt. Diese Art von '13 Jahre alt', wo man über jeden Scheiß kichert und trotzdem cool bleiben muss. Wie konnte von uns erwartet werden, dass wir mit einer Handpuppe sprachen? Für mich, die ich damals schon hart an meinem Coolnessfaktor gearbeitet hatte, eine absolute Katastrophe. Ich starrte Larry böse an und gab ihm keine Antwort. Er hakte nach, genauer, Frau Bachtals süßes und glattes Stimmchen fragte nach: "Hey, I am Larry, and I'm talking to you." "Du nervst." gab ich zur Antwort. "Pardon? I don't understand you. Could you please answer in English?" Schweigen auf der Teenagerseite. "Oh. She is a shy girl. But I like you. I really do." Schweigen. Kein Lächeln.

Frau Bachtal aber schien Larry's Überzeugung zu teilen, sie hielt mich für schüchtern und beschloss wohl, mich darum besonders in ihr Herz zu schließen. Zwei Jahre später war sie zum sechsten Mal in diesem Halbjahr mit uns auf dem Weg zum Filmraum. "Sunny, ich glaube, du wirst diesen Film mögen. Und weißt du, was ich noch glaube?" Haaaaaah, dieses semiseriöse Lehrerinnenlächeln, dieses pseudovertrauliche Herabbeugen, dieses unerschütterliche Timbre in der Stimme, ich hasste es und schwieg. "Ich glaube nämlich", fuhr Frau Bachtal unerschüttert fort, "dass du Musik sehr magst. Und dieser Film geht auch um Musik. Kennst du Barbara Streisand?" Schweigen. "Mmh?" Aufmunterndes Stubsen. Herrje, dann schüttel ich halt mit dem Kopf, wenn ihr das gefällt. "Dann wirst du sie heute kennen lernen. Es wird dir gefallen. Da bin ich mir sicher."

Das war natürlich sehr unangenehm, dass Frau Bachtal damit so ungeheuer Recht hatte. Und noch viel unangenehmer war es mir, als Frau Bachtal ein triumphierend mitfühlendes Lächeln aufsetzte, als sie die Tränen in meinen Augen sah, als Barbara Streisand eine Ode an ihren Papa sang.

Ich hatte keinen Papa , das wusste Frau Bachtal schließlich auch.

Ihr Lächeln wurde noch breiter, als ich mir nach der Stunde ein Herz fasste und sie nach der Musik fragte. Oha. Der Durchbruch. Sie zog, als hätte sie damit gerechnet, eine Kassette aus ihrer Tasche. "Schau! Die schenk ich dir. Viel Spaß damit." Breite, weiße, gerade Zähne versuchten, mich mütterlich anzulächeln. Und selbst wenn es ihr gelungen wäre (und vielleicht ist es das ja auch, und mein mürrisches Teenager-Ich verweigerte nur die Anerkennung), ja, selbst wenn mir von Frau Bachtal ein richtig liebevolles, warmes und fürsorgliches Mutterlächeln dargebracht worden wäre, es wäre nicht das gewesen, was ich gebraucht hätte.

 

The trees are so much taller
And I feel so much smaller.
The moon is twice as lonely
And the stars are half as bright.

Papa, how I love you.
Papa, how I need you.
Papa, how I miss you
Kissing me goodnight

 

 

14.01.2008 um 12:01 Uhr

Rocky Horror

von: sunnysightup   Kategorie: Generationen

Stimmung: 1987

"Filmraum! Filmraum!", das war immer der alles erlösende Ruf. Ob im Englisch oder Deutschunterricht, Musik oder Erde, selbst Bio und Geschi ab und an, manchmal wurde überraschend ein Film gezeigt. Heute meine ich zu wissen, dass das für Lehrer ein ebenso schöner Joker war. Mal nicht vorbereitet? Filmraum! Mal keinen Bock? Filmraum! Mal verkatert? Filmraum!

Wir fanden's toll. Selbst so ein Schnulz wie Emilia Galotti oder Effi Briest war immer noch besser, als dieses alte Frage-Antwort-Spiel in der Klasse. Ich zählte dann entweder die Sekunden und machte eine Minutenstrichliste mit dem Ehrgeiz, bis zum Klingeln möglichst nahe an die 45 zu kommen, oder ich zählte die Marotten der Lehrer. Bei dem Religionslehrer des Schnurrbartzwirbeln, bei der Deutschlehrerin das Rock oder Pullover zuppeln und bei der Englischlehrerin war es die Verwendung von 'definitly', die mich beim Zählen mal so aus der Fassung brachte (nach zehn Min über 18!!!), dass ich den Raum verlassen musste.

Aber eben jene Englischlehrerin hatte gute Ideen, was den Filmraum anbelangte. Sie ging oft mit uns, wahrscheinlich weil sie so eine heiße Biene war, ich denk, die hat viel gefeiert in ihrem Leben, irgendwann ist sie mit dem Bürgermeister der Nachbarstadt durchgebrannt - gewundert hat es mich nicht...

Eines Tages, nachdem sie schon Amadeus, Life of Brian, Little Shop of Horror, Oliver Twist und Dead Men don't wear Plaid (GANZ UND GAR GROSSARTIG; EIGENTLICH MÜSSTE ICH NOCH EINEN FILMBLOG ANLEGEN) angeschleppt hatte, kamen wir auch irgendwann an der Rocky Horror Picture Show nicht mehr vobei. Und die hat mich RICHTIG umgehauen. Mich hat in dem Alter eigentlich nichts so wirklich berührt. Am wichtigsten war, einen möglichst mürrischen und gleichgültigen Gesichtsausdruck aufzusetzen und so auszusehen, als sei man kein Teil dieser Gesellschaft, aber hier in dieser Englischstunde im Herbst 1987, da wippte ich mit, strahlte, lachte, schnippte und summte mich um mindestens zweikommafünf Punkte meines Coolnessfaktors. Aber egal. Gegen Ende sah ich Frank'N'Furter mit zerlaufener Wimperntusche im Swimming Pool liegen und "Don't dream it" zum besten geben...

Das hat mich dann noch eigenartiger berührt als all die anderen schönen Songs, die ich kurz darauf alle auswendig konnte. Eine Erkenntnis wühlte sich durch mein pubertäres Bewusstsein, aber sie drang nicht ganz durch. Doch immerhin war mir der Satz: "Don't dream it, be it." so wichtig, dass ich ihn neben den Namen 'Max' auf mein Mäppchen pinselte. Mit Blumen und schnörkeligen Linien drum herum (Tribals würde man heute dazu sagen).

Was er bedeutet, war mir nicht klar. Dass er etwas bedeutet, wusste ich. Wenn ich zurückschaue und mir vorstelle, was ich damals mit seiner eigentlichen Bedeutung hätte anfangen können, wird mir ganz schwindelig.

"It's beyond me, help me Mommy!"

Es ist nie zu spät...

 

 

06.01.2008 um 22:23 Uhr

Andrew L.

von: sunnysightup   Kategorie: Generationen

Stimmung: 1986

"Der alte Schleimbeutel Andrew Lloyd Webber", so pflegte Helge Schneider schon vor 10 bis 15 Jahren zu sagen. Tja. Da hatte ich den Salat. Ich fand und finde jemanden gut, den Helge Schneider für einen Schleimbeutel hält. Für einen ALTEN Schleimbeutel, wohlgemerkt.

Das ist ein Konflikt.

Gut ist, dass ich im zarten Alter von 14 von Helge Schneider noch keinen blassen Schimmer hatte und dieser erst fünf Jahre später in mein Leben trat. Vielleicht hätte ich mich sonst geweigert, im Musikunterricht auch nur eine Silbe zu dem Thema Rockoper zu sagen.

Unser Musiklehrer war knorke. Er war unsagbar hässlich. So hässlich -- das kann man sich kaum vorstellen. Seine Lippen waren irgendwie immer nass und dunkel und er hatte eine Brille, die seine Augen vergrößerte, von denen das eine nach links, das andere nach rechtsblickte, das ganze wohl abgerundet durch einen fusseligen Bart - uiuiui, der Mann war geschlagen. Dazu kam, dass er nicht ein Milligramm Autorität in seinen Genen hatte. Aber wir mochten ihn. Er war die Art von Lehrer, bei dem man machen konnte, was man wollte - unter Note 3 ging er nie.

Eines Tages hatte aber Herr Drosselbart eine gute Idee. Eine Idee, die meine Note für ein Quartal von 3 auf 1- hochschnellen ließ, wobei das Minus lediglich der Tatsache geschuldet war, dass man solche Leistungen von mir nicht gewöhnt war.

Herr Drosselbart brachte Jesus Christ Superstar mit. Und als ich die Apostel hörte, wie sie sich leicht angetrunken im Garten Gethsemane gegenseitig beweihräucherten und einschliefen, und dann den Jesus, wie er dem lieben Herrn Vater zornig eine verzweifelte Ode an die Angst darbrachte - da war es um mich geschehen. Wie wild interpretierte ich die Texte, lernte alles über die Art von Musik, Assonanzen, Rhythmus und Jazz und Rock und Andrew L. und alle andren Stücke und überhaupt konnte ich innerhalb weniger Wochen die ganze Rockoper auswendig. Mit meiner besten Freundin Annabell grölte ich "I don't know how to love him" auf dem Mädchenklo, womit ich im Zweifelsfall Max meinte und alle anderen Jungs, die gerade akut waren.

Aber wirklich berührt, so richtig tief, mitten ins Herz getroffen, hat mich Ian Gillan mit der ungeheuren Wut und dem Zynismus und dieser resignativen Gelassenheit, die er der Stimme Jesu verlieh. Mal wieder passte eine Stimmung in mein Leben wie der Arsch auf den Eimer.


Can you show me now that I would not be killed in vain?
Show me just a little of your omnipresent brain
Show me there's a reason for you wanting me to die
You're far to keen on where and how and not so hot on why
Alright I'll die!
Oh just watch me die!
See how, see how I die!

Then I was inspired
Now I'm sad and tired
After all I've tried for three years seems like ninety
Why then am I scared to finish what I started
What you started - I didnt start it
God thy will is hard
But you hold every card
I will drink your cup of poison, nail me to your cross and break me
Bleed me beat me kill me take me now -
before I change my mind