Grün und Grau, Teil I
Stimmung: 1989
Bezeichnenderweise während eines Sturms auf der Fähre von Deutschland nach Dänemark lernte ich einen ärgerlichen jungen Mann, namens Justin Sullivan, kennen. Nein, vielmehr lernte ich einen harmlosen jungen Mann, namens Silvio Kowalski, kennen, der Justin Sullivan bei sich trug.
Wir hielten uns mit unserer Gruppe (evangelische Jugendfreizeit, Ferien in Schweden sollten gemacht werden) unter Deck auf. Andere Jugendtruppen tummelten sich da und weil man mit 16 schließlich immer auf Brautschau ist, hielten wir alle nach akzeptablen Mitgliedern des anderen Geschlechts Ausschau. Silvio war wirklich akzeptabel und dachte das Gleiche von mir. Als wir uns dann ansprachen, waren wir uns schnell einig, dass man möglichst schnell alkoholische Substanzen erwerben müsste, um sie dann heimlich und nutzbringend zu vernichten.
Es gab Schnaps, leider wirklich nur Schnaps, im Dutyfree-Shop, Asbach Uralt kannten wir aus der Werbung und war auch recht günstig, entsprechend wurden die ersten zwölf DM fünfundneunzig der Reise ausgegeben. Mit unseren 16 Lenzen ja sogar illegal. Was waren wir evil.
Heimlich saufen ging nur an Deck, wo sich nur einige einsame Gestalten aufhielten, die gegen den Wind kotzten. Es war stockenduster, roch nach Motoröl, der Regen peitschte uns ins Gesicht, der Wind zerrte an unseren Haaren, die Wellen schlugen lautstark immer und immer wieder gegen das Schiff, das sich spürbar hob und senkte. Silvio und ich schlitterten in eine Nische, wo wir zitternd unsere Beute öffneten und immer wieder lachend an den Mund setzten.
Silvio hatte sicher nicht Max's Klasse, aber er besaß ebenfalls ein Walkman, und offensichtlich besaß er auch einen Sensor für die Situation, denn er spulte wie wild, während ich (nass wie eine gebadete Katze) schon bereute, nicht doch der dunkelhaarigen Alternative zugelächelt zu haben. Naja, was solls, jetzt stand ich hier, drücken gilt nicht, sagte ich mir. Über Silvios Gesicht ging ein strahlendes Lächeln, als er endlich fand, was er suchte.
"Das passt jetzt.", sagte er und setzte mir die Kopfhörer auf.
Donner. Leiser zorniger Dorner. Regengeprassel. Ein Blitz. Wieder Donner. Ein Gewitter ertönt in meinen Ohren. Ein Ruf. Gitarre. Die Gitarre spielt gegen den Regen. Und mit ihm. Kämpft mit dem Donner. Bricht ihn, verstärkt ihn, umschmeichelt ihn. Während ich in die regennasse Nacht blicke, das Meer höre, die Gischt sehe, die über die Reeling spritzt, erreicht Justins verärgerte Stimme mein Herz. Eine zornige Traurigkeit, die auf direktem Wege meinem Herzen hätte entrissen sein können.
Vom Wind umwirbelt, vom Regen- und Meerwasser durchnässt, vom Asbach beduselt, stand ich auf einem bebenden, ächzenden Schiff, den Duft nach Öl in der Nase und die Ohren voll von betörender Musik.
No, not for one second did you look behind you
As you were walking away
Never once did you wish any of us well
Those who had chosen to stay
And if that's what it takes to make it
In the place that you live today
Then I guess you'll never read these letters that I send
From the valleys of the green and the grey
