Man hört nur mit dem Herzen gut.

04.08.2008 um 14:33 Uhr

Impressionen eines klassischen Open-Air-Konzerts

von: sunnysightup   Kategorie: Growing up?

Samstag abend. Beschaulich geht es zu in einer kleinen Stadt am Rhein. Das Ambiente zum Seufzen schön. Abenddämmerung am Schlösschen. Ein malerischer Innenhof lädt ein zum Lauschen der alten Meister.

"Das sind UNSERE Plätze." "Nein, die haben WIR uns ausgesucht." "WIR haben hier aber freigehalten." "Nein. Haben Sie nicht. Sie haben lediglich Ihre Mäntel hier auf den Boden gelegt. Haben Sie denn schon Stühle? WIR haben Stühle." Hektisch laufen bieder gekleidete Menschen mit Klappstühlen umher. Ausverkauft. Schockschwerenot. (Memo an mich: Sollte ich mir jemals einen Trenchcoat kaufen, werde ich jemanden bitten, mich zu erschießen. Lorelei, übernimmst du das?)

Es sind rosa Wolken am Himmel, was einige Konzertbesucher dazu animiert, die hellblauen Müllsäcke-ähnlichen Kapuzenponchos auszupacken, die man nebst Eintrittskarte an der Kasser erhalten hat.Man weiß ja nie. Rosa verwandelt sich schnell in Grau, damit scheint man Erfahrung zu haben. Dafür schmückt jetzt blaues Plastik graue Garderobe. Mit so viel Farbe war nicht zu rechnen.

Applaus. Oha. Die Musiker. Ich klatsche routiniert mit. Mein erstes Klassik-Konzert? Mitnichten. Mit der Muttermilch habe ich das Zeugs aufgesaugt. Mozart war der Freund meiner Kindertage, weiß-glitzernde Kniestrümpfe meine sonntägliche Freude. Heute trage ich graue. Graue Strümpfe und schwarze High-Heels mit Reißverschluss, den zu schließen ich vergessen hatte, wie mir das Naserümpfen meiner Nachbarin zu verstehen gibt. Der Applaus verebbt. Stille. Ein Handy klingelt. Schrillt zwei Mal. Begeisterter Applaus. "Hey," denk ich. "Die haben ja Humor." Aber da hatte ich den Rheinländer überschätzt und einen Teil des Konzertrituals übersehen. Der Dirigent. Der fehlte ja noch. Weiterhin begeisterter Applaus. Die Musiker stehen stramm. Er lächelt huldvoll. Geht in Position.

Stille.

Bach. Irgendwas von Bach. Was auch immer. Schön. Es fließt. Wie die Wolken, die an Rosa zu gewinnen scheinen. Ein leichter Wind weht eine Extraportion Bach an mein Ohr. Tränchen erfüllen meine Augenwinkel. Eines kullert beim Senken der Lider. Gebt mir Musik. Viel Musik. Mehr davon. Aber zuende geht der erste Satz. Ich spitze die Ohren. Mh? Und? Na also. Einer klatscht immer zwischen den Sätzen. Schön. ZWeiter Satz. Dritter Satz. Applaus. Doller Applaus. Schön. Schön wars. Aber jetzt weiter. Weiter mit Haydn. Heiteres von Haydn. Was lustiges. Mein Fuß. Himmel mein High-Heel-Fuß wippt. Haltet den Fuß, verdammt. Ich schaue mich um. Heitere Musik. Ernste Gesichter. Denkerposen. Ein alter, eleganter Mann spuckt ein Bonbon in ein Papierchen und fummelt es umständlich zurück in seine Manteltasche. Erster Satz. Zweiter Satz. Dritter Satz. Keiner klatscht mehr dazwischen. Schade. Haydn zuende. Applaus.

Nun gut. Der Höhepunkt. Beethoven. Sinfonie Nr.1. Nicht die schönste. Aber warum nicht. Beethoven geht immer. Ah. Endlich. Berührte Menschen. Genau zwei. Sie sind verliebt. Sie hat sich bei ihm untergehakt und wiegt sich ein wenig im Takt der Musik. Ein entrücktes Lächeln auf beiden Gesichtern. Die Liebe. Und die Musik. Wie schön. Die Sinfonie neigt sich dem Ende. Mein Popo tut weh. Es beginnt zu nieseln. Mitten im beethövlichen Showdown knistern die Mülltütenkapuzen. Triumphierende Blicke der schon verhüllten Pessimisten. "Ha! Hättet IHR mal vorausgedacht." Nach einigen Minuten enttäuschte Blicke in den Himmel. Kein Regenguss. Weiterhin rosa Wolken.

Die letzten Klänge. Dramatische Pose des Dirigenten. Demütig, mit gesenktem Haupt nimmt er den tosenden Applaus entgegen. Der Triumph weilt nur kurz, denn es regnet doch noch ein paar Tröpfchen. Stühle werden zusammengeklappt. geschäftiges Treiben. Man klatscht im Gehen. Verwirrt lässt der Dirigent sein Orchester aufstehen. Der Applaus bäumt sich nochmal kurz auf, um in ein peinliches Geplätscher überzugehen und dann vollständig zu verebben. Klappern, Räuspern, Plaudern. Das Nieseln lässt nach, ihm ergeht es wie dem Applaus. Nochmal zu klatschen zu beginnen wär jetzt auch doof. Ich zünde mir eine Zigarette an. Sitze auf meinem Klappstuhl und lasse die beginnende Nacht auf mich wirken. Immerhin hat der Rheinländer noch genug Zeit, um mir Luftverpesterin finstere Blicke zuzuwerfen.

Beschaulich ging es zu am Schlösschen.

Beschaulich.

01.05.2008 um 01:59 Uhr

Im Kaffeehaus

von: sunnysightup   Kategorie: Growing up?

Ich gehe unheimlich gerne in Kaffeehäuser. Naja eher Cafés, äh Bistros, öhm tagsüber geöffnete Kneipen? Das Geklapper, das Gemurmel, die Kellner, der Qualm, die Musik, witzigerweise kann ich mich genau in dieser Atmosphäre am besten auf meine Arbeit konzentrieren. Verranzte Tischchen, staubige Böden, 'n bisschen dunkel, halb verwelkt Blümchen in selbstgebastelten Vasen und der geilste Milchkaffee, den die Welt sich vorstellen kann - so würde ich in wenigen Worten mein Lieblingscafé zu beschreiben versuchen...

Zwei wundervolle CDs habe ich diesen Kaffeehausbesuchen zu verdanken. Ich bin - wie ich nicht müde werde zu betonen - schüchtern. Ich seh zwar nicht so aus und die meisten Menschen werden mich entweder für arrogant oder für verschroben halten, aber in meinem tiefsten Inneren habe ich permanent eine knallrote Birne. Nach Musik fragen, die grade läuft? Horror. Der absolute Horror. Dafür muss schon Musik laufen, die mich mitten ins Herz trifft, ganz genau in meinen Musiknerv hineinfährt und die mich dann ganz automatisiert den Mund auf und zumachen lässt: 'Was läuft da grade?' Mensch, so schwer isses doch nicht, Sunny, stell dich nicht so an.

Das erste Mal war es Winter 2003. Zu dieser Musik betrat ich das Café. Hinter der Theke nicht gerade meine Lieblingbedienung. Eine Frau, die nie lächelte. Mit harten Gesichtszügen flink und kompetent ihre Arbeit verrichtete. Ein wenig hatte ich (oje ich gebs ja zu) Angst vor ihr. Aber Leute, ich sags Euch, diese Musik, dieses Klavier, dieses Gefühl, diese Akzente, ich hätte lächelnd weinend zusammenbrechen können und fragte stattdessen nach einem Kaffee zum Mitnehmen. Während die röhrende Milchdüse das Klavier zunichte machte, dribselte ich von einem Fuß auf den anderen und formulierte und verwarf Sätze wie 'Äh geile Musik, was ist das?' bis hin zu 'Was is'n das für Musik?' Schlussendlich fragte ich: "Was läuft denn da?" Auch nicht schlecht. Mit unbeweglichen Gesicht informierte mich die Kellnerin: "Fabelhafte Welt der Amélie. Soundtrack. Ein Euro neunzig, bitte." Ich schob ihr ein Zweieurostück hin und seufzte: "Wunderschön." EIn Mundwinkel hat sich gehoben, ich behaupte, sie hätte beinahe gelächelt. Meine Tochter liebt diese Platte. Höchstwahrscheinlich deshalb, weil sie sie mit einem Jahr ungefähr fünfhundertdreiundsiebzig Mal gehört hat. Das prägt ja.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich mit Lhasa de Sela. Einen ganzen Vormittag verbrachte ich schreibend und Milchkaffee schlürfend im ranzigen Café meines Vertrauens, während Melancholie durch den Raum schwebte und sich zu einem weinroten, dicken, plüschig weichen Teppich verdichtete, der mich durch Zeit und Raum trug und mir ein seltsames Gefühl von tieftrauriger Geborgenheit gab.

Auch da fasste ich mir ein Herz und fragte nach. Der Kellner verwies verächtlich auf den Barkeeper und riet mir davon ab, ihn direkt zu fragen, sonst fühle sich dieser animiert und würde noch den Rest der Schicht solche Scheißlangweilermusik spielen.

Nun. Darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen. Der Barkeeper und ich strahlten uns ein paar Minuten später konspirativ an und tauschten Musikerfahrungen. Die Platte wurde gekauft. Inzwischen mindestens zehn mal weiter verschenkt.

Manchmal finde ich es erschreckend, wie nah Musiker an meinem tiefsten Inneren kratzen.

Con Toda Palabra

 

09.04.2008 um 13:13 Uhr

Rage

von: sunnysightup   Kategorie: Growing up?

Manchmal, ja manchmal bricht jemand ein Puzzleteilchen aus meinem Ganzen. Vorsichtig, ganz vorsichtig kauert sich mein Innerstes dann zusammen, blind sucht es am Boden nach einem Passepartout, und es erhebt sich wieder, leise, sehr sehr leise, und drückt sanft von innen ein neues Teilchen in das Loch in der Hülle, bis alles wieder verschlossen ist.

Aber in Einzelfällen kann eine Stelle getroffen werden, von der aus plötzlich alle Puzzleteilchen in einem Mal auf den Boden rieseln. Das Innerste steht in einem Berg von Kleinstteilen und wundert sich. Der erste Impuls ist Teile sortieren, der zweite ist Davonlaufen, der dritte: Feiern, bis der Arzt kommt.

Dem dritten folgt es dann meist. Leider kommt nie ein Arzt. Es beginnt dann zu frieren und zittert, zittert vor Angst und vor Kälte, rafft schlotternd die Teilchen zusammen und läuft, als ginge es um Leben und Tod, und das geht es auch.

Dann sitzt es stundenlang über den Bildern, Ecken und Kanten, was nicht passt, wird passend gemacht, die Hülle ersteht wieder in alter Pracht, ja, besser noch, stabiler, strahlender und überzeugender denn je.

Was aber mein Innerstes dann braucht, ist ein Wutanfall, barbarische, schneidende Wut, solche, die gleichzeitig durchdringt und abgrenzt, eine Wut, die das Innerste mit intakter Hülle nach außen kehrt. Der Zorn von Justin hilft dann nicht, auch nicht der Spott Morrisseys, Marillions Depricholie schon gar nicht. Was dann hilft, ist (oh wie treffend): Rage against the machine!

Es ist mal wieder Zeit zu tanzen.

 

FUCK YOU, I WON'T DO WHAT YOU TELL ME!

 

 

 

24.03.2008 um 12:36 Uhr

Grün und grau, jetzt wirklich Teil III

von: sunnysightup   Kategorie: Growing up?

Stimmung: 2003

Ich bin ein unflexibler Mensch. Zurückhaltend bis reglos. Fürchterlich unspontan. Vielleicht sollte ich die Vergangenheitsform verwenden. Vielleicht bin ich das alles nicht mehr, vielleicht war es auch nur. Wer weiß das schon. Jedenfalls hab ich Blockaden. Also richtige, bis heute ungelöste Blockaden. Nee, Blockaden, sag ich Euch, Blockaden, an denen sich so mancher Psychotherapeut  die Zähne ausgebissen hat. Naja, einer vielleicht nicht, aber der hatte beneidenswert gute Zähne, doch das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

Derartige Blockaden sorgen einerseits dafür, dass ich auf keinen Fall zu so einem LyrikkackmitSoßeKonzert will. Das heißt, ich will natürlich zu GAR keinem Konzert, zu keinem zumindest, was mir nicht auf dem Marktplatz vor die Füße fällt oder von musikkundigen Verehrern in die Ohren gestopft wird. Ich will mich nicht bewegen. Nein. Keinen Schritt. Denn jeder könnte mein letzter sein. Mit einer solchen Einstellung erlebt man nicht viel, aber das Leben schickt einem ungeflügelte Engel mit babyblauen Augen und gutem Karma, die einen lange genug bearbeiten, und Gott hat mir (herzliches Gottseidank auch) darüber hinaus äußerst differenzierte Blockaden geschenkt. Andererseits nämlich habe ich einen wirklich ausgprägten Harmoniezwang, der mich grundsätzlich vom NEIN sagen abhält.

'Nein' sagen. Kann ich nicht. Kann ich gar nicht. Damit das keiner merkt, beweg ich mich nicht (oha, die Kreise schließen sich) und schaue gelangweilt. Ok, ich weiß immer noch nicht, was Angelina bewegt hat, sich in mir festzukrallen mit ihren sanften Pfötchen, aber sie hat es getan, und auch, wenn ich mich noch aufbäumte und mit Krankheit meiner Tochter aufwartete, so zog diese Tour bei Angelina nicht, die mich sehr bestimmt und sehr konkret wissen ließ, dass das Konzert ohne mich nur halb so viel wert wäre für sie. Warum bloß, warum? Ich weiß es bis heute nicht.

Also zogen wir los, an diesem Mittwoch im August. Angelina strahlte mich über alle Backen an, als ich in ihr klappriges Auto stieg. Ich strahlte nicht zurück. Ich machte mir tatsächlich Sorgen um meine Tochter. Gut, 38.5 ° war nicht die Welt, sie schlief, der Papa war da, aber trotzdem. "Ich bin zu alt für den Scheiß", dachte ich noch, als Angelina die Anlage volle Lotte aufdrehte und nicht minder heftig aufs Gas trat. "Was mach ich bloß hier?"

Die Fahrt plätscherte. Plätscherte vor sich hin, Angelina plätscherte, um genau zu sein. Bei mir plätscherte gar nix. Ich versuchte, freundlich zu sein, und schaffte es wohl auch, aber in mir tobte ein Sturm (aufgemerkt: schon wieder ein Sturm), ein Sturm gegen mich selbst, gegen den Sommer, die Sonne, die Leichtigkeit.

Irgendwann kam der Zeitpunkt, wo man auf Autofahrten schweigt. Wir lauschten der jüngsten Armyplatte und der Sturm wich einem lauen Lüftchen. Und je weiter wir fuhren, umso bunter schimmerte der Horizont. Zartlila Wolken türmten sich an beiden Seiten der Sonne, die sich langsam, ganz langsam, in eine rotglühende Kugel verwandelte und aus dem Himmel ein Inferno machte. Wir sprachen nicht mehr. Eine Stunde lang sahen wir einem Spektakel zu, was ich nie wieder seitdem so habe sehen dürfen. Von überall kamen Wolken angeschwommen, aber keine schob sich vor die Sonne. Als seien himmlische Bühnenarbeiter unterwegs, die ganz allein für uns Kulissen schoben, allein für die zwei Mädchen, jawohl Mädchen, die zum Konzert fahren, zum Red Sky (!) Coven Konzert.

Die meisten Wolken hatten diese fette Zuckerwattekonsistenz. Zum anfassen. Zum draufliegen. Zum kuscheln. Es gab orangene Zuckerwatte, fliederfarbene, rostrote und taubenblaue. Es gab sie in pink und hellrosa, in gelb und hellbraun. Und dahinter färbte sich der Himmel von blau über lila zu purpur. In all diesen Farben erstrahlte der Horizont, in den wir direkt hineinfuhren, in dem klapprigen roten Auto mit der scheppernden Anlage, so lange, bis alles nur noch in einem leuchtenden scharlachroten Schleier aufflammte.

Als wir in Trier ausstiegen, dauerte es eine Weile, bis wir wieder Atem zum Sprechen hatten. Angelina sprach als erste. Sie hatte einen Plan. Sie wollte unbedingt in der ersten Reihe sitzen. Unflexible und unspontane Menschen sitzen bekanntlich nicht in der ersten Reihe. Sie könnten erstens viel mehr mitgerissen werden und zweitens veranstalten Künstler schon mal diese Erste-Reihe-muss-dran-glauben-Verarsche-Miteinbeziehung, oh mein Gott, nicht auszudenken. Aber Angelina ging noch weiter. Sie wollte sich für die rote Glitzerkerze revanchieren, hatte eine neue gekauft, eine kleine Blumenkerze mit selbst angeklebten Glitter, und die wollte sie auf die Bühne stellen, bevor das Konzert begann.

Mannomann, ich muss schon sagen, die Frau hatte ja dermaßen Eier in der Hose, sie machte das tatsächlich. Während immer mal wieder ein Roadie über die Bühne stiefelte, Instrumente begutachtete, Barhocker verrückte, sprang sie plötzlich wie der Blitz auf, rannte zu einem kleinen Tischchen an der Seite auf der Bühne, stellte ihre Kerze da ab und kam mit knallrotem Kopf zu mir in die erste Reihe (iiiiiik) zurück. Immerhin war sie rot geworden, ansonsten hätte ich an ihrer Sterblichkeit gezweifelt.

Es war so weit. Ich konnte mich zwar immer noch nicht so recht mit den Gedanken anfreunden, dass ich jetzt gleich ein LyrikkackmitSoße-Konzert hören werde, aber immerhin war ich jetzt neugierig geworden.

Die Vier betraten die Bühne. Während Rev einen netten Folksong darbot, saßen Joolz, Bret und Justin an dem kleinen Tischchen und bestaunten die Kerze. Sie lächelten sich ratlos an und zuckten die Schultern. Angelina gluckste und ich – offen gestanden – auch. Das fing ja wunderbar an. Dann las Joolz einen ihrer Texte. Sie tat es sehr humorvoll und charmant und lebensnah. Lustig war’s und unterhaltsam. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Justins Blicke waren so liebevoll, wenn er seine Frau ansah. Rev und Bret grinsten manchmal wissend und lachten sich immer wieder spitzbübisch zu. Musik. Immer wieder Musik. Coverversionen. Folk. Johnny Cash. Justins Gitarre. Brets Bass.  Joolz’ Geschichten. Das Tambourin. Bongos. Die Bühne barst vor Liebe.

Justin sang nicht. Das störte mich ein bisschen. Aber nur ein bisschen. Mir ging es gut. Ich hatte alles um mich herum vergessen. Joolz erzählte eine Geschichte von ihrer 16jährigen Tochter. Sie tat es mit so viel Gefühl, dass mir Tränen in die Augen schossen. Und dann sang Justin. Er sang „Here Comes the War“. Er sang es ganz allein. Zornig wie immer. Und irgendwann sang er „War“. Er hielt den Ton. Hielt ihn und hielt ihn. Zugegeben, sie haben ordentlich Hall draufgelegt. Aber nicht auf jede Stimme kann man Hall drauflegen und solche Effekte erzielen. Die Stimme traf mich mitten im Kopf. BAMM! Ich ergriff Angelinas Hand, die sich leise zu mir rüber geschlichen hatte. Wir waren allein in der Dunkelheit mit einer zornigen Stimme, die uns voll und ganz ausfüllte.

Nach dem Konzert ging Angelina rum und war das, was sie nun mal war: Fröhlich und kontaktfreudig. Sie kaufte T-Shirts und Bücher und plauderte nett. Ich saß völlig verballert in der Ecke und stieß Zigarettenqualm aus.

Auf der Heimfahrt gab es Sterne. Was sonst. Meine Tochter hatte durchgeschlafen und war am folgenden Morgen fieberfrei. Und ich? Ich zehrte mindestens drei Wochen von der Energie, die an diesem Abend floss. Sie ist bis heute nicht ganz aufgebraucht…

 

 

 

 

23.03.2008 um 22:56 Uhr

Grün und Grau, Teil III einhalb

von: sunnysightup   Kategorie: Growing up?

Ich war schon ein Jahr Mutter, als ich Angelina traf. Angelina war ein New Model Army Fan (ohne Bindestriche!) vor dem Herrn. EIngefleischt. Alle Alben. Tausende von Konzerten. Bücher zu Hause. Von Justin. Und seiner Frau. Die heißt Joolz . Und Bilder. Fotos. Poster. Alles, was das Herz begehrt.

Weiß der Himmel oder Geier, was Angelina an mir fand. Auch sie war und ist, ähnlich wie Frau Bachtal, ein ungeheuer positiver Mensch mit einem guten Karma. Angelina war und ist immer fröhlich. Immer freundlich. Kontaktfreudig. Nie zynisch. Liebevoll. Gutgläubig. Wahnsinnig schlank. Wahnsinnig blond. Und dabei noch nicht mal uncool. Sogar ein bisschen mystisch die Frau...

Brrrr.

Solche Menschen ignorieren mich entweder, oder sie haben Angst vor mir. Im Zweifel beides. Also kausal jetzt.

Nicht so Angelina. Angelina war neu in der kleinen Stadt am Rhein. Und sie stürzte sich auf mich, als gäbs kein Morgen mehr. Warum bloß, warum? Ich weiß es bis heute nicht.

Jedenfalls gibt es von Justin noch ein anderes Projekt. Red Sky Coven. Wie Angelina mir nicht müde wurde zu erzählen, werden da Gedichte von Joolz verlesen und Folk-Lieder gespielt und Justin performt auch das ein oder andere Army-Stück, aber ganz neu alles und ganz andere Atmosphäre und so, und beim letzten Auftritt, paradoxerweise in genau unserer kleinen Stadt am Rhein, hat Angelina wiederum perfiderweise der Gruppe eine riesengroße Glitzerkerze von der Bühne geklaut. "Und stell Dir vor, " Angelina bekam riesige babyblaue Augen und strich sich nervös eine blonde lange Haarsträhne aus dem Gesicht, "Sie spielen wieder! In Trier! Da MUSST du mitkommen. Joolz schreibt ja auch Romane, und Rev Hammer, der Gitarrist, der..."

Angelina erzählte und erzählte und mir wurde schnell klar, dass ich darauf absolut und partout keinen Bock hatte. Du MUSST? Ich muss gar nix. Abgefahrene Lyrikscheiße, Folk und familärer Kack, ach lasst mich doch in Ruhe. Und Glitzerkerzen klauen als nostalgische Zukunftsremineszenz? Albern! Alberner Scheißpipikakbockmist.

Nee. Nee-nee-nee.

Nichts von alledem sagte ich. Ich sagte nicht viel. Zuckte die Schultern. Ließ alles offen, bis auf die nächste Verabredung zu einer Party. Party war schließlich immer gut. Auf dieser Party haben Angelina und ich die Scheiße gerockt. Mann mann mann. Mutter hin, Mutter her. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, sagte ich mir, sie fallen schließlich immer seltener. Um Atem ringend nach einem erneuten Lachkrampf und einer Runde hüpfen zu Dschingis Khan, fragte mich Angelina mal wiede, ob ich denn nächste Woche mit nach Trier komme. Ich fiel ihr um den Hals und sagte: "Mit dir komm ich überall hin mit."

Da hatte ich den Salat.

Lyrikkacke mit Soße. Na DAS waren ja Aussichten...

- Fortsetzung folgt -