Hotel Naipaula

16.05.2012 um 11:09 Uhr

Gehetzt

von: hibouh

Alles macht heute einen gehetzten Eindruck auf den Beschreiber. Die Wellen haben es eilig, an Land zu kommen, die Küste wartet ungeduldig, dass die See sie küsst. Die Wolken auf der einen Seite sind keine flauschigen weissen Türme mehr, sondern sehen verfranst aus und rennen wie jagende Geparden über den Himmel. Auf der anderen Seite steht die schwarze Wand. Die Sonne sticht noch schnell ein bisschen. Die wilden Rosen und der gelbe Mohn blühen noch schnell, bevor alles dürr und braun wird. Der Horizont ist kristallklar, als ob es hinter ihm nicht mehr weiterginge. Der Beschreiber summt eine Melodie vor sich hin. Es ist “I can feel it coming in the air….”. Wer singt das nochmal? Küçük Ibo? Nein, Bob Hoskins, ӓӓhm, Phil Collins. Nur die Schiffe gleiten gemӓchlich wie immer dahin. Wenn die Kapitӓne wüssten, dass sie ihre Waren drüben bald nicht mehr loswerden…. Aber wahrscheinlich fahren sie eh volle Kraft voraus. Alter Mann ist ja kein D-Zug.

13.05.2012 um 17:09 Uhr

Der Verwandler

von: hibouh

Diesen Morgen roch es vor der Hoteltüre stark nach Elephantenpisse. Oben, der wegen des Vollmondes eine ziemlich schlaflose Nacht hinter sich hatte, schaute sich behutsam um. Keine Spur von Elephanten, dafür Heuschrecken die Menge! Da war wohl wieder dieser Verwandler am Werk gewesen. Früher, ja, da war das noch nützlich, “Schwerter zu Pflugscharen!”, man musste, wenn man einen Pflug brauchte, am Abend bloss sein Schwert vor die Tür stellen, aber Elephanten zu Heuschrecken? Apropos: wie riecht Heuschreckenurin? Haben die überhaupt ne Blase? Und was fühlen die bei Blasenentzündung? Ach, die Welt hat so viele Facetten…. Oben fӓllt die grassierende Tschepronzen-Krise der Karibischen Union ein. Dumm auch, dass die Arbeitslosigkeit wieder steigt, sonst gӓlte: “Heuschrecken zu Bӓnkern!” Nachdenklich zwirbelt er seine Schlӓfenlocke und geht in Richtung Marktplatz davon.

11.05.2012 um 11:35 Uhr

Henri Alleg

von: hibouh

Im 13xx lebt schon über neunzigjӓhrig Henri Alleg. Er kam in London 1921 als Harry Salem zur Welt, wollte aber wohl nicht den auf Melchisedek zurückgehenden Namen JeruSalems tragen. Bald zog er mit seinen Eltern, die noch in Kongresspolen gelebt hatten, nach Paris. Ohne diese ging er 1939 nach Algerien, wo er als Journalist und dann Chefredakteur für die Unabhӓngigkeit des Landes von der Kolonialmacht Frankreich kӓmpfte und bald auch Mitglied der dortigen kommunistischen Partei wurde. Nachdem seine Zeitung, der “Alger Républicain” 1955 verboten wurde, ging er in den Untergrund, versuchte aber weiter, seine Artikel in der französischen “L’Humanité” zu veröffentlichen. Oft gelang es der französischen Zensur, dies zu verhindern. Bald wurde auch er – von den Fallschirmjӓgern der 10. Armee – verhaftet, ins Gefӓngnis geworfen und verschiedentlich gefoltert. Hinter Gittern schrieb er sein Buch “La Question” (Die  Frage: so wurde die Folter früher genannt. Als diese mit der Französischen Revolution abgeschafft wurde, dachten viele – aufatmend, nach hartem Waterboarding – sie sei nun für immer ein Gespenst der Vergangenheit. Sie hatten nicht mit dem 20. Jahrhundert und den folgenden gerechnet……J.P. Sartre, der das Vorwort zu dem Buch schrieb, meinte, Hitler sei keine einmalige Erscheinung gewesen. Zitat Colonel Mathieu, einer der Befehlshaber der Fallschirmjӓger: “Lassen Sie uns prӓzise sein: Das Wort ‘Folter’ kommt in unseren Befehlen nicht vor. Wir stellen Fragen – questions – wie es in jeder Polizeioperation gegen eine unbekannte Bande getan wird.” Gemeint ist in Allegs Buch aber auch die Frage: Was bedeutet es, ein menschliches Wesen zu sein? In Algerien kursierte unter den französischen Truppen, in deren Rӓngen  (Fremdenlegion!) wohl auch ehemalige SS-Leute zu finden waren, das Wort: “Hier wird französisch befohlen und deutsch getötet”. Ja, diese selbenFranzosen bezeichnen heute mehrheitlich das Töten von Armeniern als Völkermord).

Spӓter floh Alleg in die Tschechoslowakei und kerhte erst nach dem Friedensabkommen von Evian nach Algerien zurück. Ausgerechenet die erste arabische Regierung unter Boumedienne verwies ihn des Landes. Ein Jude kann eben nicht proarabisch sein.

Nun wohnt er im Land seiner Peiniger. Absurd, gell? Aber wer wohnt schlıesslich da nicht? Naipaula fühlte mit ihm und vermietete ihm obiges Zimmer für ein Inschallah.

04.05.2012 um 10:33 Uhr

Spuren

von: hibouh

Spuren
An diesem Morgen sieht der Beschreiber überall Spuren. Nicht nur die der Hunde, Katzen und Eichelhӓher im Sand, sondern auch viele andere: Die des Windes auf dem Meer, welches sich krӓuselt. Die des vorzeitigen Alterns auf dem Photo der Hӓnde des Rauchers auf der Zigarettenpackung (Nikotin!), die der Wellen auf den rundgeschliffenen Basaltkieseln am Strand, die leeren Plastikflaschen, die hinter den Grӓbern versteckt sind, der Schneckenfrass auf den Blӓttern des Weins, die Schlaglöcher, das flaue Gefühl im Magen, die Sorgenfalten auf der Stirn der Leute. Wie sagte einmal ein Weiser: “Spuren sind Medien: sie vermitteln zwischen An- und Abwesenheit. Obwohl sie selber der Gegenwart angehören, ist ihre Anwesenheit ganz und gar abhängig von der Abwesenheit von etwas anderem.” Der Beschreiber schaut prüfend in die Runde. Stimmt: die Katzen, die Hunde, die Vögel, sie alle sind lӓngst woanders. Die Kiesel liegen trocken am Strand. Die Schnecken fressen auf der Pflanze gegenüber. Die Flaschen sind am Vorabend leergetrunken worden. Die Schlaglöcher kommen von den davongebretterten Betonlastern. Die Sorgenfalten stammen vom Blitzschlag, der vor jetzt zwei Wochen in die Telefonzentrale einschlug, so dass sӓmtliche Telefonleitungen, Internetverbindungen und Kreditkartenautomaten ihren Dienst verweigern. Aber das Altern? Ist es vorbei? Und wovon stammt das flaue Gefühl im Magen?
Der Morgendunst. Wovon ist der denn die Spur? fragte Naisibülle, die eben vorbeikommt. Na klar von der gestrigen Sonne, die Wasser saugte. Trinkst Du auch Wasser? Nicht die Spur.

29.04.2012 um 08:17 Uhr

Michi Thaler

von: hibouh

Zimmer 13xx (hintenraus) war, seitdem Oben ihn von einer seiner Reisen mitgebracht hatte, von Michi Thaler belegt,. Aufgegabelt hatte Oben ihn irgendwo an einem Waldrand in der Bretagne, wo er gerade bei einer Bӓuerin um Suppenreste bettelte. Oben bemerkte Michis immer suchenden Gesichtsausdruck. Vielleicht suchte auch er sein Gedӓchtnis, wie des Beschreibers Grossmutter (Wir verspotteten sie immer: sie hat wieder vergessen, wo sie ihre Pillen gegen Gedӓchtnisschwund hingelegt hat!)? Michi Thaler dachte, er sei eine Zahnradbahn. Wir nannten ihn “Zahnrӓdchen”. Knarrend fuhr er die Treppen hoch (Das war noch, bevor Moodies alle Treppen auf den Turcs & Caicos heruntergestuft hatte, ja, ich glaube, es war sogar noch vor der Parkbankkrise). Spӓter ging es ihm besser, er dachte nur noch, er sei eine Tram. Klappernd fuhr er die Flure entlang. Michi war erfüllt von einem Phantasieland namens “Vassien”, auf Wunsch zeichnete er es samt Hauptstadt, Strassen, Wegen und Dörfern, mit Gebirgen, Flüssen und Seen, er gab allen Dingen Namen und sah, dass es gut war.