Eintreten und Wohlfühlen

14.09.2006 um 18:21 Uhr

Alte Verbindung, Neue Verbindung

Stimmung: gedanklich verknüpft

Es ist ein Jahr des Wiedersehens – offensichtlich.
Da treffe ich einen jungen Mann wieder, den ich nun mittlerweile schon seit 4 Jahren kenne, aber seit ungefähr einem Jahr nicht mehr gesehen habe. Von E-Mail-Kontakten oder Telefonaten alle paar Monate mal abgesehen.

Kennen… Kenne ich ihn überhaupt? Gezeigt hat er sich mir eigentlich immer nur von einer Seite. Von der verschlossenen Abwehrseite. Was auch daran liegen mag, dass ich mich ihm ebenso wenig gezeigt habe. Eigentlich haben wir ganz klassisch auf einander reagiert. Albern und unreif könnte man heute meinen, aber wir waren so gefangen in uns und je länger wir warteten, desto schwieriger wurde ein offenes Gespräch. Wir haben uns praktisch eingebrannt in unsere Rollen.

Wir lernten uns 2002 auf einer Geburtstagsfeier kennen. Damals wusste ich noch nicht, dass ich über ein Jahr unter diesem Kontakt leiden würde. Es war ein stetiges Auf und Ab. Wobei das Ab eigentlich dominierte. Er hielt mich an der langen Leine. Suchte Vorwände um mich sehen zu können und gestand sich keiner Gefühle ein. Es gab viele Momente in denen ich mich fragte, warum ich mir das eigentlich antue. Ja warum? Was war/ist eigentlich unsere Basis? Ich fühlte mich ihm gegenüber hingezogen, konnte es aber mir selbst auch nicht eingestehen. Ich habe ihm mein Vertrauen nicht geschenkt, mich nicht geöffnet und mich ewig wie das kleine Mädchen gefühlt und wahrscheinlich auch benommen. Er hatte eine Art an sich, die mich völlig unsicher fühlen ließ. Ich hasste dieses Gefühl und jedes Mal bevor ein Treffen anstand legte ich mir zurecht, was ich ihm alles mitteilen wollte. Ich wollte ihm vermitteln, wie schlecht es mir in diesem Zustand ging. Dass ich mich nicht mal traute zu bewegen, während ich neben ihm saß und nachts kein Auge zubekam. Ich wäre am liebsten aus seiner Wohnung gerannt, aber ich war wie erstarrt und kaute auf meinen gedachten Worten herum. Ich erstickte beinah daran. Um das zu verhindern und Tumore zu vermeiden, schrieb ich ihm einen Brief. Völlig vorwurfsfrei. Er beschrieb nur meine ausgedrückten Empfindungen und Wünsche.
Ich bekam darauf wochenlang keine Antwort und mich zerfraßen die darauf folgende Trauer und die spätere Wut. Wie konnte ich mich nur so täuschen? Ich fühlte mich regelrecht gedemütigt.
Zwei Monate später rief er mich an um mir zum Geburtstag zu gratulieren und tat so als wäre nichts gewesen. Es war wie ein Schlag ins Gesicht und ein Tritt ins angebrochene Herz. Für mich war die Sache erledigt. Ich wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben.
Da er mich immer wieder mit scheinbarem Banalkram per Mail kontaktierte, teilte ich ihm dann genau das mit. Das er sich aus meinem Leben fernhalten solle. Was natürlich nicht auf Anhieb klappte. Ich konnte ihn nicht einfach aus meinem Herzen verbannen.

Es kam aber, wie es kommen musste. Ich traf ihn irgendwann „rein zufällig“ und er entschuldigte sich für sein Verhalten, das er „normalerweise“ nie derart an den Tag legen würde, wie er beteuerte. Okay, in Ordnung. Und nun?
Ich beschloss dieses Verhältnis zu beenden und wollte auch keinen Kontakt mehr. Er schien es anders zu sehen. Bis heute, war es eigentlich immer er, der den Kontakt initiierte.
Ein ansatzweise tieferes Gespräch hatten wir dann ein paar Monate später. Wir redeten und ich fühlte mich irgendwie immer noch nicht frei und ungezwungen. Wir trafen uns dann irgendwann auch mal wieder, aber es gab immer diese unentspannte Situation zwischen uns. Diese Spannungen, die ich kaum aushalten konnte.

Bis wir uns gestern trafen.
Wir sahen uns von einer völlig neuen Seite. Einer Seite die wir schon voneinander kannten, uns aber nie zeigten.
Wir sprachen über Dinge, die uns damals völlig fern schienen überhaupt daran zu denken.

Das Ding ist, ich verstehe ihn heute und ich bin ihm überhaupt nicht mehr böse, ich glaube nicht mal, dass ich das jemals ernsthaft war.
Ich spüre ihn dennoch zu kennen, obwohl wir uns nie wirklich „sahen“. Ich bin ein Mensch, der schon immer gern hinter die Kulissen geguckt hat und versucht hat Verhaltensweisen zu verstehen. Deshalb war es mir auch nicht verwährt in sein Innerstes zu schauen – mit dem Herzen zu sehen.

Heute hat sich so vieles in meinem Leben geändert und bewegt, dass meine Umwelt mich auch ganz anders wahrnimmt. Und so ist es auch mit ihm. Er sieht mich so, wie ich mich sehe. Denn die Umwelt sieht einen so, wie man sich selbst sieht.

„Wenn Du die Welt verändern willst, beginne mit dem Menschen, den Du jeden Morgen im Spiegel siehst!“

Es ist faszinierend. Der Blick nach hinten. Und der Blick in mich hinein. Der Blick wie ich die Dinge neu sehe, aber irgendwie doch schon immer sah.

Ich weiß auch heute noch nicht, was es ist, dass uns irgendwie miteinander verbindet. Ob ich ihn nun einen Freund oder aber einen guten Bekannten nennen kann. Man muss manche Beziehungen nicht unbedingt betiteln. Wir sind, was wir sind. Und wir sind, was wir tun. Punkt.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenNimien schreibt am 14.09.2006 um 18:54 Uhr:Manche Dinge brauchen offenbar ihre Zeit - Zeit, um Widerstände zu schmelzen, neue Türen zu öffnen und alte Erfahrungen zu verwandeln. Oft kommen diese Erfahrungen dann den Menschen zugute, die neu in unser Leben treten. Umso schöner ist es, dass jemand aus deinem "alten" Leben dir nach langer Zeit wieder über den Weg gelaufen ist und ihr einander neu begegnen konntet. Ich freue mich sehr für dich, Huehnchen, weil ich selbst weiß, wie kostbar solche Erfahrungen sind. Alles Liebe!
  2. zitierenspirou schreibt am 17.09.2006 um 00:58 Uhr:mensch, das kenne ich irgendwo her...erinnerst du dich an hr. rossi? ;)))
    ich freu mich für dich, dass es euch heute möglich ist, euch ungezwungen zu begegnen und damit so zu sehen wie ihr seid.

    liebe knuddelgrüsse,
    spirou
  3. zitierenHuehnchen schreibt am 21.09.2006 um 17:51 Uhr:Witzigerweise habe ich diese neue Verbindung nicht bewusst angepeilt. Es hat sich so ergeben. Und das ist es, was mich so darüber staunen lässt und andererseits aber auch wieder erkennen lässt, dass alles seine Zeit braucht – wie Du schon sagst! Ich bin jedenfalls gespannt, wann sich der Herr wieder mal bei mir meldet – natürlich ganz erwartungsfrei. Lieben Dank, Nimien, für Deine Anteilnahme daran! Schön ist das! :) … Und bitte entschuldige, dass ich jetzt erst antworten kann!
  4. zitierenHuehnchen schreibt am 21.09.2006 um 17:52 Uhr:Spirou, natürlich erinnere ich mich glasklar an den berühmten Sorgemann Herrn Rossi! Wie ist denn euer Kontakt heute? Ich hoffe ihr könnt euch irgendwann mal genauso ungezwungen begegnen! Dafür braucht es natürlich viel Zeit, dementsprechende Geduld und auch Bewegung in Deinem Leben… die es anscheinend definitiv gibt!

    Auch für Dich ganz liebe knuddelige Grüße und ein dickes Sorry fürs späte Antworten!

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