~ Panta Rhei ~

17.12.2012 um 23:29 Uhr

Vom Gehenlassen

von: Tigerschnute   Kategorie: Lebensphasen

 

Loslassen ist das Schwerste, sagt man.
Bisher fiel es mir recht leicht loszulassen. Ich kann mich jedenfalls nicht bewusst an Situationen erinnern, an denen ich lange und schmerzhaft unter einer Trennung -von wem oder was auch immer- gelitten hätte. Sicher war ich traurig und weinte meine Tränen, aber ich hatte immer Urvertrauen und immer diese Gewissheit, dass alles gut so ist und seinen Sinn hat. Es gibt immer eine Instanz in mir, die sich von Emotionen loslösen kann und beobachtet. Das ist sehr hilfreich bei schmerzhaften Prozessen. In verschiedenen Dimensionen gleichzeitig umherwandern zu können. Das macht es komplex und schwierig verständlich für meine Umwelt und es trainiert immer wieder meine Geduld und Akzeptanz. Zumindest konnte ich mich mit aktivem Ausleben meiner Gefühle immer ganz gut ausdrücken und somit den Schmerz gut auflösen und loslassen.

Jetzt allerdings stecke ich etwas tiefer. Jetzt gibt es da Ängste in mir, die ich so kaum kenne. Verlustängste, Angst vorm Verlassenwerden, tiefe Angst loszulassen. Sie bohrt sich von ganz Innen nach Außen und lässt mich den Schmerz teilweise extrem spüren. Es ist, als fühlte ich, eine Lebensphase endgültig zu verlassen und zu verabschieden. Und hier zeigt sich, wer an meiner Seite bleibt, weiter an meinem Leben teilhat, und wer geht. Es ist eine Prüfung. Eine Prüfung mich aus Abhängigkeiten endgültig zu lösen. Und ich ahnte ja nicht, wie tief diese einst lange gesäte Wunde sitzt. Es schmerzt. So richtig. Ich drehe mich im Kreis. Mir geht’s so schlecht wie lange nicht. Und ich weiß, ich „muss“ durch diese Enge um mich endgültig zu befreien. Ich möchte wieder so tiefen Frieden finden, dass ich alles akzeptieren kann, womit mich das Leben konfrontiert. Doch dafür muss ich zum Ursprung dieses Gefühls und mir erlauben, alles zu fühlen. Und trotzdem meiner Objektivität und Klarheit Raum geben.

Vielleicht wird es hier noch etwas länger dauern, als *schnipps*, aber vielleicht auch nicht. Vielleicht kommt *schnipps* auch in der nächsten Sekunde. Ich warte, beobachte........

…und weine trotzdem.

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenZwischenweltler schreibt am 18.12.2012 um 13:44 Uhr:Liebes Tigerli,

    von Dir durfte ich viel lernen in den letzten Jahren – auch über das Loslassen, und speziell darüber, dass es beim Versuch loszulassen darauf ankommt, möglichst nach vorne zu blicken. Inzwischen habe ich auch erkannt, wie viele verschiedene Formen des Loslassens es gibt.
    Da ist z.B. das langsame Entgleiten, wo man etwas halten möchte, es aber nicht zu greifen bekommt. Es entzieht sich schmerzhaft aber unweigerlich.
    Oder die Entwöhnung – auch eine Form des Loslassens. Da gibt es tausend Varianten, und wir tun uns für gewöhnlich sehr schwer damit.
    Auch das Abschneiden alter Zöpfe gehört zum Loslassen. Eine radikale und meist rational geplante Methode, die auch dadurch nicht leichter wird, wenn wir uns die zwingende Notwendigkeit vor Augen halten.
    Die mit Abstand schlimmste Form dürfte jedoch sein, wenn man selbst fallengelassen wird, ohne die Chance, sich irgendwo festzuhalten. Da wird das Loslassen kompromisslos und brutal.

    Wenn Du jetzt einen neuen Lebensabschnitt betrittst, wie Du schreibst, so sind dabei wohl ziemlich viele Farben des Loslassens vertreten. Manche fühlen sich gut an, weil man es endlich geschafft hat, loszulassen. Zu anderen muss man sich rational zwingen, weil sie mit dem Verlust von Liebgewonnenem oder Gewohntem einhergehen. Allen gemeinsam ist jedoch, dass man es selbst in der Hand hat, in welchem Maß man dabei leiden muss. Das muss ich Dir nicht näher erklären, denn diese Erkenntnis stammt von Dir, und ich habe sie dankbar für mich übernommen.

    Für mich hatte der Übergang in eine neue Lebensphase immer etwas Magisches an sich, denn es kommt einem Wunder gleich, dass sich der Mensch in solchen Situationen quasi selbst neu erfinden kann. Viele glauben ja, das würde niemals funktionieren – sich selbst neu erfinden. Und doch: es funktioniert, wenn man es schafft einen Gleichklang zwischen seinen rationalen Plänen und dem inneren Strom der Gefühle und Empfindungen herzustellen. Die Gefühle müssen die Pläne tragen, und die Pläne dürfen den Gefühlen nicht entgegenstehen. Dann führt sogar das schmerzvollste Loslassen zu einer inneren Befreiung, die sich alsbald in neuer Lebensqualität manifestieren wird. Nur das Zurückblicken sollte man sich für eine Weile tunlichst verkneifen.

    Wenn man das beachtet, werden die Chancen, die sich mit einer neuen Lebensphase auftun, immer den Verlust des Alten überdecken. So soll es ja auch sein. Wir wollen vorwärts gehen – was nicht im Widerspruch dazu steht, das Jetzt zu genießen.

    Leider bleibt es niemals aus, dass sich auch unser zwischenmenschliches Umfeld verändert, wenn wir eine solche Trennlinie im Leben ziehen. Manche Menschen bleiben an unserer Seite und erfreuen sich an den Schritten, die wir tun. Oder sie zeigen sogar Bewunderung und fühlen sich dazu inspiriert, selbst etwas in ihrem Leben zu verändern. Andere hingegen können womöglich nicht mehr folgen und reagieren schlimmstenfalls mit Befremden. Das ist dann sehr schade, doch es liegt nicht in unserer Macht, daran etwas zu ändern. Dann steigt in uns eine Sentimentalität auf, die wir besser nicht zulassen sollten.

    Bei jedem größeren Schnitt in unserem Leben, werden vertraute und liebe Menschen auf der Strecke bleiben. Doch da gibt es auch die Wenigen, die immer bei uns bleiben, egal wie oft wir neue Wege einschlagen – diejenigen, die zu so etwas wie einer konstanten Größe in unserem Leben geworden sind. Und mein Wunsch wäre es, für Dich eine solche konstante Größe zu bleiben.

    (((((@)))))
  2. zitierenTigerschnute schreibt am 18.12.2012 um 22:48 Uhr:Ey, Dein Kommentar is länger, als mein Eintrag! Schweinerei! :P

    Zu allererst: Du bist eine konstante Größe in meinem Leben und ich fühle da nichts, warum sich das ändern sollte! Dafür hatten wir schon immer die unterschiedlichsten Leben, als das irgendeine neue Lebensphase daran rütteln könnte.
    Du bist mein Fels, weißte!? ;) So untreu ich auch immer bin, so bin ich das doch nie im Herzen.

    Das Thema, welches mich mehr als beschäftigt in den letzten Wochen liegt viel weiter zurück in meiner Vergangenheit. Ich wurde verlassen. Von meinen Vätern. Zwei Mal. Ohne sich umzudrehen. Tiefe Verlassenheitswunde in mir, die nun ein so wichtiger Mensch in meinem Leben spiegelt und mir Wiederholung suggeriert. Aber ich bin heute nicht mehr, die von damals. Der Schmerz ist alt, aber die Erkenntnis neu. Und ich habe genau jetzt die große Möglichkeit, das aufzulösen. Mit allem, was ich bisher gelernt habe. Das kostet viel Geduld und Akzeptanz. Und ich sehe mich Stück für Stück immer weiter wachsen... durch dieses Leid. Täglich bekomme ich neue Impulse und neuen Mut. Auch wenn es sooo leicht ist, immer wieder in die alte Falle zu tapsen und sich in Selbstmitleid und Anschuldigungen im Außen zu ergehen. Kopfkino tut sein übriges, wie auch mein Körper, der den Scheiß loswerden will und reagiert. Schritt für Schritt...

    Danke für deine vielen wahren Worte. Da werde ich sicher noch öfter mal drin lesen!

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