SYDNEY

30.12.2004 um 21:48 Uhr

Fortsetzung II

von: Jessica

Langsam verstehe ich die Welt wirklich nicht mehr.

Bin gerade erst einmal raus gegangen, um mich ein bisschen abzureagieren. Ein paar anstrengende Läufe auf dem Rasen sind da das Beste. Von der Anspannung fühlte ich mich, als würde ich an der Startlinie stehen und einen Wettkampf laufen. Danach habe ich mich erst einmal in mein Zimmer verzogen. Dieser Tag lässt sich da schon noch aushalten, auch wenn gestern die Glühbirne meiner Deckenlampe durchgebrannt ist und ich dementsprechend nun im Dunkeln hier sitze beim Brote essen. Alles egal, morgen geht es in den Urlaub.

Doch da kommt Mike an, als ich in der Küche mir schnell ein paar Brote abhole und entschuldigt sich. Er meinte das nicht so und ich könne noch die letzten zwei Wochen da bleiben ohne etwas extra dafür bezahlen zu müssen, er nehme dafür den Bond.

Ich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob ich das nach dem heutigen Tag noch möchte, so krass kann man sich nicht täuschen. Ich warte jetzt erst einmal ab und sehe, wie es am Montag aussieht. Wie gesagt: ich vertraue erst einmal niemandem mehr, und Mike schon gar nicht. Vielleicht ist er aber auch nur ein armseliger Macho, der es gerne sieht, wie er andere Leute unter seiner Kontrolle hat, wenn er seine Macht ausspielt? Diese Interpretation würde jedenfalls zu seinem Verhalten passen.

30.12.2004 um 20:49 Uhr

Fortsetzung I

von: Jessica

Anstatt einen schönen Tag am Strand zu haben oder zur Leichtathletik zu gehen, verbrachte ich nun also einen weniger schönen Tag zu Hause. Einziger Trost: Es war tagsüber sowieso zu heiß für beides, angeblich hatten wir 40°C.

Gegen Abend kam Mike dann kurz nach Hause. Obwohl ich ihm geschrieben hatte, dass ich ihn doch bitte diesen Abend mal sprechen möchte, wollte er gleich wieder verschwinden, doch konnte ich ihn noch abpassen.

Und nett dass wir über alles gesprochen haben, aber im Endeffekt sei ihm eh alles egal, was ich zu sagen habe. Das war der generelle Ton, habe noch nie so einen Macho erlebt. Im Übrigen sei ich ja von ihm abhängig und er könne machen, was er wolle, da die Wohnung ja ihm gehöre. Und wenn er bspw. morgens laut Radio hören wolle, dann tue er das eben. Ist ihm doch egal, wenn ich nicht schlafen kann, dann müsse ich eben so früh ins Bett gehen, dass ich dann morgens aufstehe, wenn er es auch tut. Und da ich ja sowieso nur 110 Dollar wöchentlich bezahle, was für die Wohnung viel zu wenig sei, habe ich nur Anspruch auf ein Zimmer, wenn das Wohnzimmer dann praktisch einige Zeit nicht existent ist, könne ich mich nicht beklagen. Außerdem habe er keine Lust, mich immer nach der Miete zu fragen (musste er nie, ich habe ja schon immer eine halbe Woche vor dem Fälligkeitsdatum bezahlt, nur hat er mir schon immer Tage vorher die sms geschrieben!!!). Der Hammer war ja immer noch, als er sagte, dass er keine Lust habe, für mich aufzuräumen und zu putzen, dabei war ich immer die Dumme, die alles abgewaschen hat! Und so weiter und so fort… könnte noch Seiten von diesem Gespräch schreiben. Das dreiste war aber nicht nur der Inhalt, vor allem die Haltung und der Ton. Dabei hat er in einer Sache Recht: Viel kann ich nicht machen, im Endeffekt bin ich ihm recht hilflos ausgeliefert, da er den Bond hat. Allerdings habe ich noch den Schlüssel zu seiner Wohnung. So endete das Gespräch, was ich auch an Argumenten brachte, er sagte nur, dass ihn das ja gar nicht interessiere. Ich solle nächste Woche ausziehen, und er behalte den Bond. Und da ich während meines Urlaubs diese Woche alle meine Sachen inklusive des Laptops in der Wohnung lasse, habe ich dann schließlich lieber klein beigegeben. Kann er sich freuen, gibt ihm ein Gefühl der Größe - und der Mensch ist 31! Irgendwie fehlt da noch ein bisschen Reife.

Vor allem bin ich mir nicht sicher, ob er das z.T. nicht wirklich so sieht. Hat er eine so verzerrte Wahrnehmung, dass er wirklich denkt, er putzt die ganze Zeit? Es scheint mir fast so, obwohl es nicht fassbar ist. Aber über Wahrnehmung hier zu diskutieren, würde ins Endlose gehen. In anderen Bereichen steht allerdings definitiv fest, dass er mich angelogen.

Dabei geht es gar nicht nur um das Geld für mich, obwohl der verlorene Bond schon viel Geld ist. Vielmehr ist mir ist klar geworden, wie wichtig es doch ist, dass man jemandem vertrauen kann – doch wem? Vertrauen: The positive expectation that another person does not act opportunistically to satisfy his own self-interst. Es ist also doch noch etwas von der Uni hier hängen geblieben, in diesem Fall Entrepreneurial Leadership! Wie soll man je einem Menschen vertrauen können wenn nicht einmal denen, mit denen man zusammen wohnt? Wichtigste Lehre dieses Jahren: Vertraue erst einmal niemanden. Und man wird feststellen, dass auch kaum jemand Vertrauen verdient hat, eine Handvoll wirkliche Freunde ausgenommen. Eine krasse Erkenntnis, die ich eigentlich nicht unterstützen möchte. Aber zzt. fordert die Erfahrung Tribut, sowohl in der Uni (und nicht nur hier in Australien) als auch in der WG.

04.12.2004 um 20:44 Uhr

Kings Canyon

von: Jessica

Heute durften wir sogar fast bis 5 Uhr schlafen! Aber diesmal stand auch kein Sonnenaufgang auf dem Programm. Frühes Aufstehen war dennoch sinnvoll, da der Kings Canyon das heutige Ziel war, der für seine Hitze bekannt ist. So waren in der vorherigen Woche dort morgens schon 50 Grad gemessen worden! Und insbesondere die ersten Meter sind anstrengend, da man zunächst nur bergauf laufen muss bis man auf dem oberen Felsbereich des Canyons angekommen ist. Wenn man all das, was ich in den letzten Tagen auf der Tour gesehen habe, überhaupt vergleichen kann, dann glaube ich, dass ich den Kings Canyon am beeindruckendsten fand. Die roten Felsen sind in Schichten gelagert, welches faszinierend aussieht. Wir machten einen gut 6 km langen Walk an den Felsen entlang und in den Canyon hinein zum Garden of Eden, einem Wasserloch im Canyon. Man konnte sich immer nur wieder umsehen und versuchen, alles in sich aufzunehmen, da es mit nichts zu vergleichen ist, was ich bislang gesehen habe. Und insbesondere hier in Australien habe ich in letzter Zeit viel gesehen. Ich hoffe nur, dass die Fotos gut geworden sind, es lässt sich schließlich nur schwer in Worte fassen und beschreiben. Wer es nicht gesehen hat, kann es nur schwer nachvollziehen.

Auf dem Rückweg fuhren wir über eine Dirt Road nach Alice Springs zurück, welches „nur“ 4,5 Stunden dauerte (statt 7…). Viel wichtiger war aber, dass man auf diese Art viel mehr von der Landschaft mitbekommen hat, z.B. jede Menge wilde Dromedare.

03.12.2004 um 22:45 Uhr

Sonnenaufgang am Ayers Rock

von: Jessica

Ein bisschen sanfter hätte ich mir das Aufwecken ja doch vorgestellt. Vor allem um 4 Uhr morgens! Aber Beeilung war angesagt, um rechtzeitig an einer Stelle anzukommen, von der man gut den Sonnenaufgang am Uluru bewundern konnte. Und wieder muss ich sagen: Es sah zwar gut aus, aber die Farben waren nicht so toll, wie immer beschrieben und auf Fotos dargestellt. Vor allem sind wir schon weitergefahren, bevor die Sonnenstrahlen über den Uluru kamen, welches bestimmt gut ausgesehen hätte. Aber von der anderen Seite und im Tageslicht sah der Uluru gigantisch aus – und so anders als alles, was ich bislang gesehen habe. Wir wurden zu einem 10 km Walk um den Uluru herum abgesetzt und konnten uns daher freuen, dass es noch so früh war, denn es wurde zunehmend heißer. An einigen Stellen waren keine Fotos erlaubt, da es sich um heilige Stätten der Aborigines handelte. Es gab aber immer noch genug zu dokumentieren, um die Erinnerung festzuhalten. Hoffe ich nur, dass die Fotos auch mit meiner einfachen Kamera gut geworden sind. Man gewöhnt sich ja schon schnell an Digitalkameras! Danach ging es kurz zum Besucherzentrum und weiter zu einem Zwischenstopp in Yulara. Ich bin dort noch einmal auf einen Sandhügel hochgegangen, um einen Blick auf den Uluru in seiner Ganzheit bei Tageslicht zu bekommen – das entsprechende Foto fehlte mir nämlich noch.

Danach fuhren wir zu einer Rinderfarm, wo auch immer das genau war. Das Positive war auf jeden Fall, dass es dort einen Swimmingpool zur Abkühlung nach dem Lunch gab! Weiter ging es zu unserer Übernachtungsstelle – ein wirkliches Erlebnis im Outback. Über eine Dirt Road von der Rinderfarm ging es zu der Stelle, bei der weit und breit keine Menschenseele war. Über dem Feuer kochten wir ein Stir Frey, das wirklich lecker war – von ein bisschen Sand mal abgesehen, der aufgrund des starken Winds nicht zu vermeiden war.

Diese Nacht war ein Erlebnis der anderen Art. Am späten Nachmittag hatte sich der Himmel zugezogen, sodass keine Sterne zu sehen waren. Dafür fing es um 23 Uhr das erste Mal an zu tröpfeln, die relative Abkühlung weckte einen zum ersten Mal auf, nachdem man gerade eingeschlafen war. Zunächst dachte ich schon an, unter den Wetterschutz zu ziehen, aber die Aussicht, dort schon um 3 Uhr von unserem Guide aufgrund dessen Vorbereitungen geweckt zu werden, war auch nicht so verlockend. Und dann war es auch schon wieder trocken. Als es dann das zweite Mal später zu tröpfeln anfing, war ich schließlich zu müde, um aufzustehen, so wurde sich nur um Schlafsack verkrochen und die die Unterlage/Wetterschutz hochgezogen. Irgendwann ist das einfach alles egal.

02.12.2004 um 21:46 Uhr

Tour ins Outback

von: Jessica

Auch wenn es gestern nicht so warm in Alice Springs war, hat es doch keine Abkühlung im Zimmer im Backpackers gebracht. Und so wachte ich sogar schon kurz vor meinem Wecker um 4:20 Uhr diesen Morgen auf!

Ich hatte eine dreitägige Tour mit Wayoutback gebucht, die mich um 5:15 Uhr morgens abholen sollten. Um 5:50 Uhr fuhr der Jeep dann auch vor. Mein Travelagent hatte leider die Uhrzeit falsch am Telefon verstanden… Vor mir stand eine lange Fahrt in Richtung Ayers Rock, nur durch ein paar Pausen wie z.B. bei einer Kamelfarm unterbrochen. Wer nämlich denkt, dass Alice Springs in unmittelbarer Nähe des Ayers Rock liegt, täuscht sich. Aber Nähe ist im Outback ja relativ. Man könnte die Landschaft im Outback als eintönig bezeichnen, eigentlich ist es aber genau das, was sie interessant macht. So etwas kann man nicht in Europa finden, kilometerlang einfach gar nichts außer endlose Weite, vielleicht ein paar Sanddünen, Gestrüpp und die typische rote Erde in verschiedener Farbintensität. Ein paar Kängurus, Kamele und verstreute Rinder. Interessanterweise leben ca. 100000 wilde Dromedare in Australien, die einzigen wild lebenden und reinsten Dromedare weltweit, obwohl sie vor Jahren zum Bau der Zuglinie importiert wurden.

Und dann sahen wir den Ayers Rock – oder Uluru, wie er in der Sprache der Aborigines genannt wird – in der Ferne. Ein Felsklumpen wie im Nichts, rot glühend in der Hitze des Outbacks. Für den heutigen Tag standen aber erst einmal die Olgas auf dem Programm, die im Gegensatz zum Uluru aus einer Ansammlung roter Felsen bestehen. Der Wechsel im Programm hatte seinen Grund im Wetter: Während wir heute nur knapp über 30°C hatten, sollten es morgen schon auf die 40°C zugehen. Auch wenn die gefühlte Temperatur aufgrund der starken Sonneneinstrahlung heute schon höher war. Ohne Schirmmütze oder sonstiger Kopfbedeckung ließe sich das kaum aushalten. Bei den Olgas stand eine Wanderung durch das Valley of Winds an. Die Wasserflasche wurde vorsorglich bei jeder Möglichkeit wieder aufgefüllt und ausgiebige Pausen eingeplant, um den Ausblick zu genießen. Ein super Start, die Felsbrocken sind schon gigantisch.

Dann ging es nach Yulara, dem Touristenresort, in dem wir die Nacht verbringen sollten. Nachdem die Regierung das Gebiet um den Uluru den Aborigines zurückgegeben hat, wurde wildes Campen in der Nähe des heiligen Ulurus verboten und ein Resort 20 km entfernt errichtet.
Dort hatten wir nun einen abgeschiedenen Bereich zum Campen. Doch erst einmal ging es auf einen Sandhügel, von dem der Sonnenuntergang angesehen werden sollte. Dieser stellte sich jedoch als weniger spektakulär als meistens geschildert heraus, welches jedoch hauptsächlich an unserer ungünstigen Position lag. Im Endeffekt ging die Sonne nämlich gar nicht beim Uluru, sondern in der Nähe der Olgas unter, welches jedoch ziemlich weit entfernt war.

Abendessen (Nudeln) gab es danach am Lagerfeuer, bevor das Camp für die Nacht hergerichtet wurde. Das beinhaltete folgende Anweisungen: Zunächst nehme man die Unterlage und rollt sie energisch Richtung Lagerfeuer aus, damit eventuelle Mitbewohner in Form von Schlangen o.ä. gleich ins Feuer geschleudert werden. Dann wird der Reisverschluss geöffnet und das gleiche mit dem geöffneten inneren Bereich wiederholt. Und schließlich kann man seinen Schlafsack hineinlegen und es sich am Lagerfeuer gemütlich machen. Der Sternenhimmel war wirklich unglaublich, so etwas ist man aus Deutschland einfach nicht gewohnt und in Städten wie Sydney auch nicht vorhanden. Mir war vor Australien gar nicht bewusst, wie viele Sterne am Himmel bei klarer Sicht eigentlich zu sehen sind, wie hell der Himmel vor lauter Sternen sein kann. Um diese Sicht vollends zu genießen, habe ich sogar mit Brille geschlafen. Sonst hätte ich ja auch keinen Stern gesehen. Das ist nun einmal das Problem, wenn man ohne Sehhilfe halb blind ist.