Kleine Erdnuss

04.02.2010 um 23:46 Uhr

fast ohne worte

oh, sie sehen so unbeschreiblich wahnsinnig unsagbar...

wow...

sie sehen so...

so...

so süß aus im schlaf.

so verletzlich.

und gleichzeitig so unantastbar.

so kostbar.

so voller vertrauen.

der mund leicht geöffnet, die hände auch... 

diese leichtigkeit im gesicht.

alle muskeln schlafen.

und die seele wandert...

25.01.2010 um 09:33 Uhr

Mut

"Im Schwimmbad gab es ein Becken, das war eiskalt!" Die Erdnuss war auf einem Ausflug mit Kevin und seinen Eltern. Ein Spaßbad mit allen Schikanen. Riesenrutsche. Wellenbad. Außenbecken. Der ganze Schnickschnack. Und eben das Kaltwasserbecken.

"Ich bin da nicht reingegangen."

"Nee. Das wär ich auch nicht."

"Der Kevin ist rein!"

"Echt?"

"Ja."

"Wow. Mutig!"

"Bin ich jetzt feige?" Blitzschnell die Frage. Blitzschnell! Das Thema arbeitet also weiter.

Ich muss lachen. "Naja. Man muss ja nicht alles machen, oder?"

"Nee. Ich hatte auch gar keine Lust dazu."

"Na siehste. Dann wär es nicht mutig, sondern sogar ein bisschen dumm."

"Mut ist komisch."

"Ja?"

"Es sind so viele Sachen mutig."

"Ja. Das stimmt."

"Die Wahrheit sagen ist mutig."

"Mmh. Oft. Nicht immer."

"Warum eigentlich?"

Ich muss ein bisschen lächeln. Ich bin so oft mit dem Ehrlichsein gestrauchelt. "Es kommt drauf an, wann du sie sagst. Und wem du sie sagst. Und warum du sie sagst."

"Ja. Es ist zum Beispiel mutig, jemandem zu sagen, dass man ihn liebt."

"Ja. Zum Beispiel."

"Aber es stimmt. Bei dir ist es nicht mutig. Wir haben es uns ja auch schon so oft gesagt."

"Ja. Wir kennen uns ja auch schon ewig."

Die Erdnuss lacht. "Mein ganzes Leben, nä, Mama?"

"Genau."

"Ich mag dich. UND ich liebe dich!"

"Ich mag und lieb dich auch!"

"Warum ist 'Ich mag dich' leichter zu sagen?"

"Wie jetzt?"

"Wenn ich es jemandem zum ersten Mal sage. Dann ist es leichter Ich mag dich zu sagen."

"Naja. Liebe... Es gibt so viele Formen..." Ich denke laut nach.

"ACH! Ich WEISS es schon: Wenn man jemanden liebt, kann man nicht so schnell damit aufhören wie mit dem mögen."

"Ja. Da ist was dran."

"Mögen kann man auch mal unterbrechen."

"Aha?"

"Ja. Die Catrina z.B., die hat einen Fehler."

"Aha?"

"Ja. Immer wenn sie mich was fragt, und ich erkläre es ihr, dann sagt sie, immer, IMMER! weißt du Mama, immer! ..."

Die Erdnuss macht eine bedeutungsvolle Kunstpause.

"Ja, habe verstanden: Immer sagt sie das. Was denn?"

"Dann sagt sie immer: "Das weiß ich schon!""

"Mh. Das ist ein Fehler?"

"Das nervt VOLL!"

"Aber du magst sie."

"Ja-ha. Aber dann nicht."

"Und nachher wieder?"

"Ja. Genau."

Die Erdnuss schiebt sich die Zahnbürste in den Mund und schrubbt. Und ich schau sie an. Diese vielen kleinen Denkfäden, die sie immer in mir anschubst. Mit dem Lieben kann man nicht aufhören. Auch wenn etwas nervt. Das stimmt... Und wenn man das jemandem sagt, der das weiß... Dann ist 'Ich mag dich' schon leichter...

Hach...

Liebe...

06.01.2010 um 21:33 Uhr

Tränen im Schnee...

Schnee! All die weiße Pracht. Überall liegt sie und lädt ein zu allerlei Spaß. So dachte ich. So dachte vielleicht auch die Erdnuss, aber heute nachmittag hatte sie es sich spontan anders überlegt. Mit ihrem besten Freund Kevin sind wir losgezogen. Den Schlitten im Schlepptau. "Ich freu mich!" krähte Kevin vergnügt. "Ich nicht!" schmollte die Erdnuss. Ach, dachte ich, das wird sich geben, sobald wir einen Hang runtergebrettert sind.

Nun. So kann man sich täuschen. Die Erdnuss sah den Hang (der - iiiiiihk - WIRKLICH sehr steil war) und verweigerte. Sie verweigerte mit allem, was sie hatte. Fette Tränen kullerten ihre Wangen herab, während Kevin und seine Mama 'Juchhu' schreiend den Berg runterfuhren. Ich versuchte zu trösten, aber wenn bei der Erdnuss einmal so eine Stimmung angefangen hat, dann hört sie so schnell nicht mehr auf. ALLES wurde in die Waagschale geworfen: "Ich habe ANGST!" und "Es ist mir SO peinlich!" über "Der Kevin hat SPASS und ICH NICHT!" bis hin zu "Ich hab doch GESAGT, dass ich nicht Schlitten fahren will!!!"

Nuja. Was sollten wir machen? Im Schnee sitzen und weinen? Nach Hause fahren? Der ganze weite Weg umsonst? "Sollen wir mal einen kleineren Hügel ausprobieren?" 

"Pah!" schreit mich die Erdnuss an, "Bin ich vielleicht ein Baby?"

So langsam werd ich sauer. Ich versuch mich ein bisschen zurückzuhalten. "Wir schauen uns den anderen Berg einfach mal an. Vielleicht ist der besser?"

"Ich kann dir SAGEN, wie es da ist!" schreit die Erdnuss weiter. "UNBESSER ist es da! UNBESSER!"

Ich stapfe jetzt wortlos davon, während mir meine Tochter entrüstet hinterherschreit. "Jetzt lässt du mich auch noch ALLA-HEINE-he-he-he." Sie bricht schluchzend im Schnee zusammen, wie ich sehen kann, weil ich wieder auf dem Rückweg bin. 

Die Mutter von Kevin, die nun schon zig Male mit ihrem Sprössling den Hang runtergebrettert ist, hebt genervt die Augenbrauen. Das macht mich noch wütender. Sanft rede ich auf die Erdnuss ein. Wir schauen uns den anderen Hügel doch nur an. Runterfahren muss niemand. Sie nickt weinend. Folgt mir weinend. Alle schreien juchhu. Ich beiße die Zähne zusammen. Am kleineren Hügel angekommen, setzt sich die Erdnuss trotzig weinend auf den Schlitten. "Dann fahr eben!" Ich frag noch, ob es wirklich in Ordnung ist. Sie nickt. Der Hügel ist auch steil, aber nicht so lang. Wir brettern los und es ist wirklich ganz cool. Die Bahn ist nicht allzu vereist, ich kann ganz gut bremsen und wir fahren schön weit durch die Bahn zum Ausfahren.

Die Erdnuss weint. "Das war mir VIEL zu schnell!" Ich seufze. Nehm sie in den Arm. Tröste. Frage. "Wovor hast du Angst?" "Vom Schli-hi-hitten zu-hu fa-ha-hallen!" schluchzt die Erdnuss.

Oje. Dicke Umarmung. Weiterweinen. Der Kevin kommt an. Versucht zu trösten. Keine Chance. Versucht zwischen Schneehügeln zu vermitteln. Keine Chance. Spricht Einladungen aus. Keine Chance.

Also ziehen wir irgendwann wieder nach Hause. Die Erdnuss und ich. Sie weint und weint. Nach Hause wollte sie auch nicht so richtig. Nur, wenn der Kevin mitkommt. Aber der sollte noch weiter Schlitten fahren. Obwohl er jetzt AUCH keine Lust mehr hatte. Alle schrottgenervt. 

Der Tag war ohnehin nicht der Beste gewesen. Schweigsam ziehe ich die schweigende Erdnuss mit rotgeweinten Augen hinter mir her über die verschneite Wiese. "Mama?" leises Schluchzen. "Ja-ha?" "Bin ich jetzt ein Weichei?" "Ach Quatsch." "Wieso nicht?" "Ach komm, du traust dich Achterbahn zu fahren und schwimmst und tauchst und kletterst auf Bäume. Wie willst du da ein Weichei sein?" 

Wieder gehen die Schleusen auf. "A-ha-haber das sind ALLES Sachen, die SICHER sind! Da braucht man keinen Mut!" 

Ich überlege kurz. Setze mich zu ihr auf den Schlitten und lege den Arm um sie: "Schau mal: Wie sicher du etwas findest, das kannst immer nur du selbst fühlen. Manche Kinder haben Angst vor Wasser. Die fühlen sich da überHAUPT nicht sicher. Und auf Bäume klettern genauso. Manche gehen bis zum ersten Ast. Manche bis nach ganz oben. Angst ist nicht zu zählen."

"Aber Mut ist doch, wenn man es trotzdem macht, oder?"

"Ja. Das ist auch Mut. Aber Mut kann man auch anders zeigen. Es kann auch mutig sein, zuzugeben, dass man Angst hat." 

"Hast du auch manchmal Angst?"

"Ja."

"Und was machst du dann?"

"Ich überlege, wie wichtig es ist. Wenn mich die Angst von was Wichtigem abhält, versuche ich es trotzdem zu machen."

"Ist Schlittenfahren wichtig?"

"Süße. Das kannst nur du für dich entscheiden."

Sie schweigt. Und denkt nach. Wir stapfen durch die Abenddämmerung. Irgendwann quatschen wir über dies und das. Eine Rutschbahn entdecken wir auch noch. Wir lassen uns auf unseren Skihosenbedeckten Popos darauf hin und herrutschen. 

Heut abend haben wir Ronja Räubertochter zuende gelesen. Wir haben nicht mehr über Angst gesprochen. Beim Rausgehen sagte die Erdnuss: "Mama? Kennst du das, wenn du noch mit jemanden reden willst, aber nicht weißt, was du sagen sollst?"

Ich lächel. "Ja. Das kenn ich ganz genau." Ich mache eine Kehrtwendung und erkletter ihr Hochbett. Sie strahlt mich an. "Kommst du noch zu mir?" "Klar." Wir kuscheln. Kichern ein bisschen rum und sagen nicht mehr viel. Das Leben ist kompliziert. Das geht auch an einer 7-Jährigen irgendwann nicht mehr spurlos vorbei...

 

29.12.2009 um 01:20 Uhr

Onkel Marius

Als Onkel Marius die kleine Erdnuss das erste Mal erblickte, war er um die 26 Jahre alt. Er hatte mit Kindern so viel am Hut wie mit Origami oder Töpfern. Ein Mittzwanziger, der unglaublich wenig Zeit hatte, weil er so unglaublich viel leben und arbeiten musste. Ich kannte ihn nicht besonders gut. Habe ihn auch bis heute nicht besser kennen gelernt. Es ist halt Marius. Immer hektisch. Immer höflich. Immer kurz angebunden. 

Als wir ihm die Erdnuss damals als drei Tage altes Würmchen in die Arme legten, sagte er nicht viel. Er saß nur da und traute sich nicht mehr auch nur die kleinste Bewegung zu machen. Das Bündel verschwand fast in seinen langen Armen. Marius ist beinahe absurd groß. Er schaute aus seiner Schwindel erregenden Höhe auf den Minimenschen herunter, der sich manchmal genüsslich räkelte und diese unglaublich niedlichen Schnaufer von sich gab, und hielt still. Neben ihm saß wie immer seine Freundin Yvonne (zu der ich immer Iwonne sage) und langweilte sich (ebenfalls wie immer). Und auch wenn das Marius normalerweise immer schrecklich nervös machte, dass sich Iwonne langweilt, war die jetzt absolut abgemeldet. Ich hörte ihn vor sich hin murmeln und verstand erst nach einer halben Stunde, was er in regelmäßgen Abständen immer wieder flüsterte: "Knuffig." sagte er. Und dann wieder: "Knuffig." Und prompt nach einer Weile: "Die is knuffig." Ich, die ich vorher eigentlich immer nur die Erdnuss angucken konnte, bestaunte nun andächtig den sichtlich ergriffenen Onkel Marius.

"Knuffig."

Die Erdnuss hat nun ihrerseits einen Faible für Onkel Marius. Den hat sie seitdem. Sie sieht ihn ungefähr ein bis zwei Mal im Jahr. Ein jedes Mal strahlte, gluckste und hüpfte sie vor Freude. Seit sie ihrer Liebe mit Gesten aktiv Ausdruck verleihen kann, umarmt sie seinen Fuß, sein Knie, hangelt sich auf seinen Schoß, kräht MAAAAH-LUS, und natürlich inzwischen Marius. Ihre Augen strahlen, wenn sie nur seinen Namen hört. Und ein jedes Mal, wenn sie vor ihm steht, strahlen die seinen. 

Gestern saßen wir alle gefangen unter einem mit Gold durchwirkten Tüllweihnachtsbaum bei Tante Uschi fest. Wie ICH mich dabei fühlte, habe ich hier hinreichend beschrieben, aber Gott sei es gelobt, dass Marius und die Erdnuss sich im Schneidersitz auf den Boden setzten und kramten. Ja. Besser kann man es nicht beschreiben. Sie kramten. Gott sei übrigens ebenso gelaobt für die Tatsache,d ass Iwonne nicht dabei war. So war Zeit. Zeit für die kleine blonde quirlige Nichte. Marius blätterte in diversen Anleitungen. Die Erdnuss kruschelte in ihren Weihnachtstüten, nachdem sie von Tante Uschi gezwungen wurde, ein Weihnachtsgedicht aufzusagen (ich sage nur: Zickezacke, Hühnerkacke, aber davon ein andermal), zog hier und da was interessantes hervor, was sie leise mit ihrem Onkel besprach. Zwischendurch wurde sie nicht müde, ihm mit Uschis Weihnachtselch auf dem Kopf rumzuhauen, was Marius nicht nur stoisch, sondern mit einem amüsierten Lächeln über sich ergehen ließ. Sie kicherten, kuschelten und wuselten auf dem mintgrünen Teppich herum. Es war eine Freude das mit anzusehen.

Knuffig.

So wenig ich ihn kenne, den Onkel Marius. Ich liebe ihn dafür, wie er die Erdnuss liebt. Und ich liebe es zu sehen, wie sehr sie ihn liebt. Und dafür wollen wir jetzt gar nicht Weihnachten verantwortlich machen, neinneinnein, aber ich gebe zu, dass wir Onkel Marius ohne Weihnachten dieses Jahr gar nicht zu Gesicht bekommen hätten.

Und das wäre traurig gewesen...

 

26.12.2009 um 20:07 Uhr

Weihnachten bei Fam. Erdnuss

So. Jetzt isses auch schon fast wieder vorbei. Und wie jedes Jahr frage ich mich, was denn all die Aufregung soll. Alle möglichen Gefühle werden in dieses Fest projiziert. Drei Tage. Drei winzig kleine Tage im so großen Jahr.

Und dann all die Rituale. Schon allein für den Heiligen Abend. Baum schmücken. Kirche. Bescherung. Gutes Essen. Weihnachtslieder. Kerzen. So allein hört sich das ganz schön an. Aber was da alles dran hängt. An Organisation. Erwartungen. Absprachen. Arbeit. Wir machen es uns so verdammt schwer. Ich versteh es nicht. Ich versteh es einfach nicht. Vielleicht bin ich einfach nicht der festliche Typ. Vielleicht funktioniert es bei mir einfach nicht auf Knopfdruck. Ich kann nicht anders: Ich finde es albern.

Projektion. Das ist ja auch so ne systemische Sache, nä?

Die Erdnuss fand es lustiger, das Lametta in ihrem Haar zu verteilen. Dass es nachher nicht mehr zu gebrauchen war, ließ zuerst ein Grummeln in meinem Bauch entstehen. Aber dann dachte ich: Warum nicht? Es glitzert. Es ist lang und silbrig. Haare. Warum nicht? Auf meinen Blick grinste die Erdnuss: "Das ist vielleicht nicht der Sinn der Sache," ja, das sagte sie wirklich wortwörtlich, "aber," ihre Hände vollführten in Zusammenarbeit mit den Schultern eine um Nachsicht bittende Geste, "so ist es ein bisschen witziger." Das brachte mich zum Lachen. Neben der Tatsache, dass die Erdnuss nun aussah, wie die Frau aus der Band der Muppetshow.  Das war auch noch witzig. In der Kirche musste die Erdnuss aufs Klo. Warum es in einer Kirche keine Möglichkeit gibt, auf Toilette zu gehen, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Zu irdisch? Ich weiß es nicht. Ich hock also mit meiner Tochter im Gebüsch. Die Straßen sind leer. Gegenüber streitet sich ein Paar auf dem Balkon. Sie rauchen und zischen sich gemeine Sachen zu. Im Gebüsch ist es zu kalt zum pinkeln. Die Erdnuss fängt an zu weinen und will nach Hause. Also gehen wir mitten im Krippenspiel, bei dem genierte Teenager aus der Realschule nebenan so tun, als wären sie Maria, Josef, die Hirten und die drei Könige.

Für die Bescherung haben wir uns dieses Jahr was Gutes ausgedacht: Wir würfeln die Geschenke, auf denen kleine Zahlen von 1-6 versteckt sind. Das hat schön lange gedauert, und jedes Geschenk bekam seine Würdigung. Die Weihnachtsmusik haben wir irgendwann abgestellt. Der Papa hat die Gitarre ausgepackt und wir haben 'Don't worry, be happy' gespielt. Das fand die Erdnuss, die eine ganz schreckliche präpräpubertäre Zappelphase durchmacht, zwar langweilig, aber dafür konnten wir danach mit dem 'Roten Pferd' punkten. Essen war sehr lecker. Wirklich sehr. Und dann haben wir das geschenkte Spiel gespielt. Dummerweise haben die Verwandten die besten Geschenke für sich behalten. Natürlich besteht man auf persönliche Übergabe. Das ist dann gestern und heute passiert. In der wundervollen Sonne haben die Erdnuss und ich Blumenzwiebeln im Garten verteilt, während ihre Großmutter es sich nicht nehmen ließ, ein paar Lieder auf der Blockflöte zum Besten zu geben. Streit gab es keinen. Aber ich frage mich einfach jede Minute, was das soll.

Mich setzt der ganze Weihnachtskram unter Druck. Ich spreche es ganz offen aus. Ich sehe die Liebe nicht. Wo sollen sich denn plötzlich Schleusen öffnen? Bin ich verkorkst? Ist es meine Geschichte? Morgen steht der letzte Weihnachtsbesuch an. Und ich sage mir ganz ehrlich: Ich kenne diese Leute gar nicht. Wir sehen sie das ganze Jahr nicht. Sie rufen nicht an. Sie wollen nicht wissen, wie es uns geht. Warum soll ich sie zum 'Fest der Liebe' behelligen? Und sie mich?

Das tut mir alles ganz schrecklich leid. Weil doch Weihnachten auch das Fest der Kinder ist. Und weil ich spüre, dass meine Gleichgültigkeit, ja sogar Abneigung gegenüber Weihnachten der Erdnuss nicht gerade die leuchtenden Augen zu geben vermag, die ich mir für sie wünschen würde. 

Ich würde uns einen liebevollen Umgang zwischen den Generationen wünschen. Ich würde uns wünschen, gesünder groß geworden zu sein. Ich würde uns allen wünschen, freier zu sein. Warum verdammt nochmal soll ich an einem bestimmten Datum mehr lieben als sonst? Farben und Symbole verwenden, die mir nichts bedeuten?

Es ist wie es ist: Ich kann kein Weihnachten. Ich lerne Jahr für Jahr dazu. Und ich mag bestimmte Momente. Aber meistens haben sie weder mit dem Fest noch mit seinen Ritualen zu tun. Mir fehlt die Spontanität. Mir fehlt die Natürlichkeit.

Der Baum brennt. Und ich kneife ein wenig die Augen zusammen. Sehe funkelnde Sterne, deren leuchtend helle Strahlen den warmen Raum erfüllen.

Ein Moment der Stille.

Warum ist das denn so schwer?

23.12.2009 um 08:29 Uhr

Halb neun...

Jetzt müsste ich doch was gehört haben?

Halb neun...

Sie haben meine Handynummer.

Festnetz auch...

Sie ist gut angekommen.

Bestimmt.

Oh Gott. Das will ich nicht noch mal durchmachen.

Und ich weiß genau, dass es erst der Anfang war...

23.12.2009 um 07:56 Uhr

Bis ans Ende der Straße...

Die Erdnuss geht immer mit ihrer Mädchenclique in die Schule. Ich bring sie an die Ecke und dann gehen sie weiter. Einen Kuss darf ich dann nicht mehr. Sie winkt cool, stellt sich grinsend neben Catrina und geht los.

An die Ecke bringen heißt ungefähr 75 m bis ans Ende der Straße...

Heute (weiß der Teufel, warum er mich geritten hat) frag ich also: "Meinst du, du kannst mal alleine bis an die Ecke gehen?"

"Klar."

WAS? Bitte was? Was hab ich denn da überhaupt geFRAGT? Wieso entschlüpfen einem solche Sachen? Wie kommt man denn bitte auf so was? SIE IST SIEBEN JAHRE ALT! SIEBEN! Sie kann doch nciht an die Ecke gehen. Allein. Das GEHT DOCH nicht!!!!

Aber gleichzeitig ist sie eben auch so cool. Sie stellt sich an die Tür, wir hören das Klingeln des Telefons. Catrina und der Rest sind losgegangen. DIe Erdnuss steht gestiefelt und gespornt grinsend an der Tür: "Na, dann geh ich mal, nä, Mama?"

"Äh. Ja."

"Bis bald!"

"Bis bald, Süße! Viel Spaß heute!!!"

"Ja-ha!"

Und dann verschwindet sie im eiskalten Nebel.

Ich renne wie der Wind in die Wohnung. Ziehe Stiefel über meine baren Füße, Jacke an, stürze vor die Tür und will ihr nachsehen. Scheiße! Nebel!!

Ich stürze wieder rein und hole meine Brille.

Stürze wieder auf die Straße und versuche was zu erkennen. Am Ende der Straße fährt ein Auto vorbei. EIN AUTO! Ein AU - - TO!!!!

Und warum erkenn ich nix im kurz aufleuchtenden Scheinwerferlicht? Wieso steht da kein kleines Mädchen, das auf seine Clique wartet. Ist sie um die Ecke gegangen? Steht sie im Gebüsch? Ist sie der Clique entgegen gegangen? Sind sie schon weg? Das kann ja nicht sein, oder? Oweihoweihoweih. Was habe ich getan.

Sie ist allein bis ans Ende der Straße gegangen.

Jetzt sitze ich hier. Und solange nicht viertel nach Acht wird, werde ich meines Lebens nicht mehr froh. Wann rufen die denn an, wenn ein Kind nicht in der Schule ankommt? Muss erst die erste Stunde rum sein? Würde Catrina bescheid sagen?

Ich spring im Dreieck.

Mein Kind ist alleine bis ans Ende der Straße gegangen...

Fünfundsiebzig Meter...

Die Welt...

14.12.2009 um 08:11 Uhr

Die Erdnuss sucht das Supertalent

Am Samstag abend haben wir es uns vorm Fernseher gemütlich gemacht. Bis zur ersten Werbepause Supertalent gucken war die große Ausnahme. Der Herr Papa geht auf eine Party, die Damen liegen im Bett und schauen Bohlen und Co. Naja. Dieser Boxkampf wird erstmal weggezappt, der war dämlich. Überhaupt ist die Sendung dämlich, aber mit der Erdnuss macht es Spaß. Als die ersten Talente anfangen, grinsen wir uns an und heben unsere Daumen. Nach oben heißt super, zur Seite solala, nach unten scheiße. (Jawohl. Scheiße.)

Wir sind uns einig, dass die ersten paar einfach nur solala sind. Richtig Scheiße ist keiner, aber die Erdnuss will auch für keinen anrufen. Ich auch nicht. Die Rockband mit Flashdance-Cover kriegt von der Erdnuss zwei Daumen. Daumen hoch für Coolness, solala für Gesang. Bislang die besten. Dann kommt das magersüchtige Emogirl mit dem verstorbenen Papa, was die Erdnuss unglaublich traurig findet. Gespannt lauschen wir den Klängen von hijo de la luna...

Wir schauen uns an. 

Irgendwie wollen wir dem dünnen Mädchen beide nicht dem Daumenurteil aussetzen. Wir finden die Musik aber auch nicht wirklich gut.

"Mama?"

"Ja."

"Findest du das gut?"

"Nee. Leider nicht."

"Ja. Leider, nä?"

"Mh. ISt doof."

"Ja. Die Arme."

"Aber wenn wirs nicht mögen, dann ist es eben so."

"Die singt so komisch."

"Stimmt. Irgendwie so..." Ich will beschreiben, was mich an dem Gesang stört. Aber es geht nicht. So richtig falsch singt sie ja nicht. Und klassischer Gesang an sich stört mich auch nicht... Wie kann man ausdrücken, was daran blöd ist? 

Ich setze an: "Die singt so..." und breche hilflos wieder ab.

"Mama?"

Das magersüchtige Mädchen trällert in den höchsten Tönen weiter.

"Ja?"

"Es klingt, als würde man zwei Magneten mit den falschen Seiten zusammenhalten."

Ich schweige verdattert.

Genauso klingt es. Genauso. Ich wäre nie darauf gekommen. Und natürlich machen Magneten, die man mit den falschen Seiten zusammenhält, gar kein Geräusch. Aber diese Stimme klingt trotzdem so.

Manchmal frage ich mich wirklich, was auf dem Weg zum Erwachsensein alles verloren geht. Diese Freiheit der Bilder zum Beispiel. Wenn ich Gedichte schreibe, dann spüre ich, wie ich in Klischees rühre und zu keiner annähernd freien Gefühlsbeschreibung fähig bin. Wie kann man zu dieser Freiheit zurückfinden, frage ich mich.

Magneten...

Wow.

10.12.2009 um 23:17 Uhr

Das nervt VOLL!

"Mama! Jetzt hör doch mal auf!!! Das NERVT VOLL!"

Tja. Jetzt hab ich den Salat. Ich nerve VOLL. Ich nerve nicht einfach nur so rum. Ich nerve VOLL. Und so unerwachsen dieser Spruch auch ist, so erwachsen ist er auch. Und so sehr sie grade zeternd und mordio schreiend nach sich selbst sucht, so sehr findet sie sich auch. "Räumst du dein Zimmer auf?" "Klar." "Ziehst du dich jetzt bitte an." "Mach ich."

Klar? Mach ich? Hä? Wo sind die Trotzanfälle?

"Mama? Haben wir es sehr eilig?"

"Warum?"

"Ich frag mich, ob ich noch Zeit habe, das Buch aus der Bücherei noch ein Stück zu lesen."

Nicht nur, dass sie liest. Sie fragt auch noch, ob ZEIT ist. Zeit... Sie hat ein unwiderrufliches Empfinden für Zeit gefunden. Für Regeln. Und Vernunft.

Schade.

Und doch so wichtig.

Um mitzumachen da draußen. 

Und das tut sie...

Wie schön.

30.11.2009 um 00:45 Uhr

eine kleine geste

und da kam sie in die küche, die kleine maus, die ich kaum mehr noch als 'kleine maus' bezeichnen kann. sie sah mich an und wollte was sagen. und dann war da dieser halbüberraschte blick, den wir alle drauf haben, wenn wir niesen müssen. sie nieste. ganz doll.

"uiuiui!" sage ich mitfühlend.

und dann tut sie etwas herzzerreißendes. sie schaut gar nicht zu mir. beiläufig zieht sie ein zerknülltes taschentuch aus der seitentasche ihres geringelten kleides und wischt sich in zwei schwingenden, geistesabwesenden bewegungen über ihr kleines näschen, das so winzig lange nicht mehr ist. "ach", sagt sie schniefend und öffnet den kühlschrank. "das ist nicht so schlimm, wie es sich anhört..." 

und ich hatte wieder dieses bild von ihr. ein großes mädchen. bewusst und unabhängig in der welt stehend. eigenständig. für sich. eine starke persönlichkeit. die ihren weg machen wird. und das ging mir so schrecklich ans herz, so tief hat mich dieses bild getroffen. es hat mich glücklich gemacht und wehmütig und so stolz, so unglaublich stolz...

tja. und ich werde mich offensichtlich nie ändern. egal, wie alt ich werde. ich habe in bewegenden situationen nie taschentücher bei mir.

schnief...

27.11.2009 um 10:29 Uhr

muttersorgen

ich arbeite zu viel. viel zu viel grade. mit dienstreisen und leben aus dem koffer. passt nicht. passt ganz und gar nicht. aber das geld muss reinkommen. und ich fühle mich schlecht. schlecht so schlecht.

heut morgen sind wir auf dem schulweg in einen platzregen geraten. die erdnuss war ausser sich. wir haben uns untergestellt und sie weinte und weinte. so gut es geht, habe ich sie getröstet. den schirm über sie gehalten. mein hosenanzug bis auf die haut durchnässt.

gestern nacht kam ich erst von einer dienstreise nach hause und gleich steht wieder der fahrer vor meiner tür, um mich zum nächsten vortrag abzuholen.

klingt mondän?

klingt urban?

fühlt sich scheiße an.

zerrissen zwischen den rollen.

ich werd grade niemandem gerecht. 

bin traurig. 

und fühle mich schuldig.

und denke so viel an die, die ich liebe.

mehr kann ich grade nicht tun.

mehr  geht eben grade nicht...

06.11.2009 um 08:10 Uhr

uralte ungelöste fragen

in der morgendlichen dunkelheit taumelte ich durch die wohnung. ich hasse es, so früh aufzustehen. es ist nicht meine zeit - ich finde mich nicht. die düsterkeit eines traumes hielt mich noch umfangen, während ich ein pausenbrot zurechtzimmerte, die brotdose klemmte, der käse war alle und der kaffee irgendwie kalt.

ich schlich mich leise in das erdnusszimmer. ich hasse es früh aufzustehen, aber noch mehr hasse ich es, sie zu wecken. schrittchen für schrittchen näherte ich mich ihrem bett. ihre beinchen lugten aus der decke heraus, ein großer verträumter haufen schlaf türmte sich vor mir auf mit blonden verkringelten haaren und leisen schnaufenden geräuschen. 

ich kann nicht widerstehen. ich kletter die leiter hoch und leg mich ein bisschen zu ihr. geb ihr einen kuss und schaue ihr beim erwachen zu. und sie erwacht. sieht mich. lächelt. und umschlingt mich mit ihren weichen armen. "mama?" flüstert sie in mein ohr.

"ja." flüster ich lächelnd zurück.

"was ist wichtiger? herz oder verstand?"

ich mache eine pause und sammel mich. mein impuls ist einfach 'herz' zu sagen. mein impuls ist auch, mich zu wundern, wie man aus dem schlaf heraus so tiefgehende fragen stellen kann. vielleicht aber kein wunder. vielleicht sollten wir gar nicht versuchen uns nach dem aufwachen zu finden. vielleicht sollte man sich dieser halbwelt überlassen und sie einfach annehmen. vielleicht gibt es dort wichtige fragen und antworten zu finden, die nichts mit den terminen und konzepten des alltags zu tun haben.

"ich denke, es ist beides wichtig. sie arbeiten zusammen."

"meinst du, der eine kann nicht ohne den anderen?"

"ja. das meine ich. man kann sie nicht voneinander trennen."

"ja. aber wer ist stärker?"

"das ist unterschiedlich."

"bei jedem anders? oder mal so mal so?"

"oh. das ist auch schwierig. ich kann nur sagen, dass es mir am besten geht, wenn ich auf mein herz höre."

"hört dann dein verstand dem herz zu und dann macht deine hand was?"

"äh... ja? ja. ja vielleicht. so könnte es zum beispiel sein."

"dann ist es vielleicht wie beim körper."

"beim körper?"

"das herz ist da auch wichtiger als das gehirn."

"ach."

"ja. das herz pumpt dem gehirn kraft zu, also blut, nä?, und dann erst kann das gehirn dem körper sagen, was er machen muss."

"ja." ich bin rat- und fassungslos.

"ohne blut kein denken."

"ja." die fassungslosigkeit weicht erschütterung.

"herzblut eben."

"ja. herzblut."

"kann ich haferflocken?"

"ja." 

"mit banane?"

"klar."

ich taumel in die küche. schnippel banane, gieße milch in eine schüssel voller haferflocken und überlege, warum ich versuche mich zu finden, wenn doch alles da ist...

 

 

31.10.2009 um 14:20 Uhr

email an die maus

libemaus  warom  waksen  di  mandarinen  so  in stöken  geteilt?  bei  einem  apfel istdas  nicht  so.  untbei  der  manderine  doch 
di  apfelsine  est  eine  enleche  opst  sote  wal  si  auch so enstöken geteiltsent unt wist ir auch warom ich das gefrakt habe wal ich di manderinen sogerne mak unt wir haben auch in unsa küche gans file manderinen unt wir haben sofile mnderinen in der küche das esfast eine überswemun gipt
unt üpregens mak ichdimaus ser gerne wal si ser lu sdich ist unt noch filesfiles mer sum bei spil ist si ser slau unt darum hofe ich das si meine frage beantwoten kan unt noch file grüsedeine erdnuss

 

Ich bin fassungslos. Wenn man einmal nicht hinguckt...

30.10.2009 um 10:18 Uhr

alt und neu

Langsam zerbröselt die Erdnuss ihr mühselig gebautes gelbes Legoflugzeug. Sie gibt mir schweigend die größeren Teile, damit ich sie in die aberwitzig winzigen Einzelteile weiter zerlege. Wir arbeiten stumm nebeneinander im schwindenden Licht des Herbstnachmittags und gehen unseren Gedanken nach.

"Es ist ein komisches Gefühl," die Erdnuss bricht leise das Schweigen, "irgendwie wie verkehrte Welt."

Ich weiß genau, was sie meint. Eine Woche zuvor haben wir zwei Stunden damit verbracht, das Flugzeug zu bauen. Jetzt soll ein Hubschrauber daraus werden. Der Weg ist das Ziel... Ich nicke und summe ein "Mmh-mmh"

Sie fährt fort: "Es hat so lange gedauert, das hier zu bauen. Und jetzt? Nehmen wir es auseinander."

Einig schweigend bröseln wir weiter.

Die Erdnuss schnaubt plötzlich in einer Mischung aus Überraschung und Belustigung. "Dabei ist es ganz natürlich." Sie zuckt mit den Schultern und führt eine dieser einstudierten altklugen Bewegungen aus, die so lange noch kindlich wirken werden, wie sie einstudiert sind. "Wenn man etwas Neues schaffen will..."

Sie reicht mir das Heck.

"...muss man eben manchmal etwas Altes kaputt machen."

11.10.2009 um 10:29 Uhr

Man hört nur mit dem Herzen gut.

"Mama?"

...

"Maaaaaamaa!"

...

"Mama-ha?"

...

"MAAAAAMAAAAAAAAAAAA!"

"JA-HA!" brülle ich laut aus dem Badezimmer, die Waschmaschine läuft, ich flitze zwischen kleinen Klamottenhäufchen durch die Wohnung, die ganz kurz aufblitzende Sonne zeigt mir, dass die Fenster dringend mal wieder geputzt werden müssten bzw. dass die letzte Putzaktion richtig peinliche Streifen hinterlassen hat, in der Küche steht der Putzeimer in einer Pfütze, die sich aus dem kleinen Riss langsam und stetig ausbreitet, der Esstisch ist übersät von Quittungen, Zeitschriften und kleinen Papierchen, von der halbgepackten Riesentüte mit der Sommerkleidung mal ganz abgesehen, und der Ruf "Mamaaa!" übertönt die Fußballberichterstattung aus dem Radio.Kurz: Stress. Genauer: Haushaltsstress, und ich weiß nicht, ob ich schon erwähnte, dass ich in der Haushaltbewältigung ungefähr zwischen 3- und 4+ angesiedelt bin. Inzwischen ist es noch nicht mal mehr Bocklosigkeit. Ich habe viel Lust auf eine sauber Wohnung. Ich bin nur einfach völlig unbegabt.

"KOMMST DU MAAAAAAAAL?"

"WAS DENN?" Meiner Stimme ist anzumerken, dass jetzt aber auch wirklich etwas sein muss. Was wichtiges. Was richtig wichtiges.

"ICH WILL DIR WAS ZEIJJJJ - GEN!"

"Ich komme!" Genervt stapfe ich quer durch den ungemachten Haushalt in ein bunt zusammen gewürfeltes Kinderzimmer, wo mir die Erdnuss etwas schüchtern (sie kennt meine Stimmung) ein paar zusammengetackerte Blätter überreicht. 

"Ich habe etwas geschrieben." brüllt die Erdnuss. Sie brüllt, weil sie meinen alten MP3-Player geschenkt bekommen hat, den sie aber nur mit diesen überdimensionalen gepolsterten Kopfhörern hört. Sie sieht so süß aus mit den schwarzen Riesenohren und dem kleinen runden Gesichtchen darunter. "Magst du es lesen?"

Bumms. Die Stimmung schlägt um. Gerührt nehme ich die Blätterchen entgegen und richte mich auf einen kleinen Satz ein. Es waren aber mehrere Sätze, ich brauche meine Zeit, um sie zu entziffern und sie treffen mich mitten ins Herz. Ich schau sie an. Tränchen steigen mir in die Augen. "Das ist wunderschön." sag ich. "Ja." sagt, äh brüllt die Erdnuss, "das habe ich gedacht und aufgeschrieben. Und jetzt möchte ich dir NOCH was zeigen!"

Alles. Alles kann sie mir zeigen. Ich hab Zeit. Ich hab alle Zeit der Welt. Gemütlich lasse ich mich auf ihrem Hochbett nieder, während die Erdnuss in hektischen aber zielsicheren Bewegungen zu tanzen anfängt. Sie bewegt ihre Arme wie ein Rapper, lässt ihre Füßchen wirbeln und  hüpft in einem Rhythmus, den ich nicht hören kann, auf und ab. Irgendwann zeiht sie umständlich den Kopfhörer ab und stellt fest: "Du kannst die Musik gar nicht hören, oder?" Ich lächel. "Doch." sag ich. "Ein bisschen schon." Sie nickt fachmännisch. "Ein bisschen ist nicht genug." Ihr CD-Recorder wird angeworfen, eine Plastikpalme zum Mikro umfunktioniert und dann geht es los.

Sie tanzt, tanzt und singt laut in die gelbgrüne Plastikpalme, sie wackelt mit dem Po, schmeißt die Arme in die Luft und zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger in alle vier Ecken ihres Zimmers. Sie rennt zur Leiter des Hochbetts, lässt sich schwingen, klettert ganz hoch, schmeißt mir Kusshändchen zu und springt und swingt weiter. Es ist das schönste Musikvideo, was ich je gesehen habe.

Was stand in dem kleinen gebastelten Büchlein? Die folgende Wahrheit:

DAS IST EINE GESChIHCDE ÜBA LIDA MEISTENZ IST MAN SER GLÜKLIH WEN MAN MUSIK HÖRT ÖGENTWI HAT MAN EIN GUTES GEFÜL UNT MAN HT ÜBAHAUPT KEINE ANST DAROM IST MAN SER GÜKLEHC WEN MAN MUSIK HÖERT MEISTEN WEN MAN SUSAMEN IST.

Und das lass ich jetzt unkommentiert hier stehen...