Ding-Dong!
Na, wie gut, dass ich vor der Fortsetzung noch eine Nacht geschlafen habe. Wie gut, dass dazwischen noch ein Morgen lag, an dem ich mich ein bisschen reflektieren durfte.
Der Morgen beginnt bei uns meistens mit der Hummel. So auch diesen Morgen um halb sechs. Bis halb Acht, die erste Stunde war frei, vergingen (wer rechnen kann weißes schon) zwei Stunden und ich war TOTmüde.
"Mäusschen?" flüster ich der Erdnuss ins Ohr. Sie erwacht, fast wie immer lächelnd, und freut sich, dass die Hummel auch da ist. Wir umarmen uns, und es ist einer dieser Momente, an denen ich eine tiefe Dankbarkeit fühle, dass die Dinge sind, wie sie sind.
Sie mümmelt ein paar Minuten später ihren Toast, und während ich zwischen Küche und Esszimmer hin- und hertingel, hör ich ihn.
Den Dingdong-Ton.
"Erdnuss?" Noch ganz normal. "Was möchtest du denn aufs Bro-hot?"
Ich SINGE DAS O!
Ich singe nicht nur das O, sondern auch das U!
Zwanzig MInuten später übernimmt nämlich der Erdnusspapa und ich verabschiede mich folgender Maßen von der Erdnuss: "Soo." (Gesungenes O) "Viel Spaß in der Schuu-le" (Gesungenes U) "Ich geh jetzt duu-schen" (noch ein gesungenes U) "und hol dich um drei a-hab!" (JETZT AUCH NOCH EIN GESUNGENES A!)
Ding-Dong!
Es ist ja so eine Sache, wenn man jemanden neben sich stehen hat. Einerseits macht man einfach weiter, man kriegt es einfach nicht geändert in dem Moment, andererseits registriert der Kopf, was da abgeht, ich stell mir dann die Frage, ob man es durch das Registrieren noch verstärkt, sozusagen Eskalation durch Sensibilisierung.
Kopf schüttelnd stand ich in der Dusche.
Ding-Dong.
Wie sagt mein Therapeut immer? Beobachten. Nicht werten.
Apropos.
Wie ging unser Gespräch gestern weiter?
Nachdem der Lollipop-Satz raus war, dachte ich eine Millisekunde nach.
Ich fragte mich, ob die Erdnuss sich mehr Grenzen von mir wünscht. Weniger Freundin, mehr Mama. Ich fragte mich, was ich anders machen könnte. Ich fragte mich, ob ich es mit der Guter-Cop-Böser-Cop-Nummer nicht übertreibe. Ich fragte mich auch, ob es meine Konfliktunfähigkeit ist, die mich ins Lollipop-Land treibt. Ich fragte mich, ob ich in solchen Momenten authentisch bin. Ich stellte fest, dass mir zumindest nichts Gegenteiliges bekannt ist.
Ja. So viel kann ich in einer Millisekunde denken.
Eine Millisekunde zu lang.
Das Erdnussgesicht verändert sich. Ihre Unterlippe beginnt zu zittern.
"Hejjj." Sag ich. Wahrscheinlich im Dingdong-Ton, was weiß denn ich. Ich sehe nur, wie sich winzig kleine Seen in ihren Augen bilden. Keine Krokodilstränen. Echte Verzweiflung macht sich auf ihrem Gesicht breit. Mit erstickter Stimme sagt sie: "Mama!"
"Hejj..." Sag ich wieder und breite die Arme aus. Sie kommt um den Tisch geflogen und schmeißt sich rein. "Was ist denn?" Ich ahne es zwar, aber fragen wollte ich schon.
"Ich hab was Dooofes zu dir gesagt!"
"Wie bitte?" Ich horche kurz in mich hinein. Nachdenklich? Ja. Etwas besorgt? Auch. Amüsiert? Bis zu den Tränchen auf jeden Fall. Aber beleidigt? Nein. Null.
"Du hast nichts doofes gesagt. Wir haben doch noch darüber gelacht!"
"Ja. Aber dann am Schluss nicht mehr."
"Ich hab doch nur nachgedacht."
"Worüüber de-henn?" Sie schnieft.
"Ob du vielleicht manchmal was Anderes brauchst. Ein bisschen mehr Ernst vielleicht. Oder weniger Geplapper von mir. Ob ich vielleicht was anders machen kann. DAS hab ich gedacht."
"Aber das SOLLST du nicht! Es tut mir Leid!"
"Ehrlich Süße, dass muss dir nicht Leid tun. Es ist alles in Ordnung zwischen uns." Lollipop? Ist das schon wieder Lollipop? Egal. es kommt einfach aus mir raus. "Es ist in ORDNUNG; wenn du mir sagst, was dich an mir stört. AB-SO-LUT in Ordnung! Du hast es nett gesagt. UND es war auch noch lustig."
"Aber je-hetzt mu-husst du naaachdenken!" Das Schniefen lässt langsam nach.
"Ja Nu." Kein Lollipop. Jetzt wirds lakonisch. "Das mach ich sowieso ständig." Ich lache ich in ihre Haare hinein.
"Aber ich hab was Doofes gesagt." wiederholt sie. "Zu DIR!"
"Nee Süße. Erstens DARFST du doofe Sachen zu mir sagen. Aber in diesem Fall gibt es wahrHAFTig schlimmeres als das Wort 'Lollipop-Mama'. Ich finds auch irgendwie schön..."
"Ja?"
"Ja."
"Und wenn ichs aber nervig finde?"
"Weißt du was?" Ich halt sie ein Stück von mir weg und schau ihr in die Augen. "Das Gute ist: Wenn man über sowas einmal gesprochen hat, dann isses raus. Das ist was GUTES! Und wenn du es das nächste Mal nervig findest, dass ich diesen Tooooonfall", ich singe grinsend das o, "habe, dann darfst du 'Lollipop' zu mir sagen. Dann weiß ich nämlich Bescheid."
"Hihi, und ich weiß Bescheid, dass DU Bescheid weißt."
"Jipp"
"Wie ein Geheimwort, nä?"
"Genau!"
"Mama?"
"Ja."
"Weißt du, was ich komisch finde?"
"Nee-hee?" (Lollipop? Mist, wenn man das Geheimwort auch mit sich selber verwendet...)
"Wenn ich Dinge sage. Und gleichzeitig denke, dass ich die Dinge, die ich sage, auch denke."
...
Ha!
Neues Thema. Neues Glück.
Schon wieder eine Fortsetzung wert.
Wenn du denkst, du denkst...
Gutnachtallerseits.
Unglaublich. In meinem kindlichen Übermut habe ich den Smiley-Button ausprobiert. Na gut. Warum nicht?
