Kleine Erdnuss

09.02.2012 um 23:30 Uhr

Ding-Dong!

Na, wie gut, dass ich vor der Fortsetzung noch eine Nacht geschlafen habe. Wie gut, dass dazwischen noch ein Morgen lag, an dem ich mich ein bisschen reflektieren durfte.

Der Morgen beginnt bei uns meistens mit der Hummel. So auch diesen Morgen um halb sechs. Bis halb Acht, die erste Stunde war frei, vergingen (wer rechnen kann weißes schon) zwei Stunden und ich war TOTmüde. 

"Mäusschen?" flüster ich der Erdnuss ins Ohr. Sie erwacht, fast wie immer lächelnd, und freut sich, dass die Hummel auch da ist. Wir umarmen uns, und es ist einer dieser Momente, an denen ich eine tiefe Dankbarkeit fühle, dass die Dinge sind, wie sie sind. 

Sie mümmelt ein paar Minuten später ihren Toast, und während ich zwischen Küche und Esszimmer hin- und hertingel, hör ich ihn.

Den Dingdong-Ton.

"Erdnuss?" Noch ganz normal. "Was möchtest du denn aufs Bro-hot?"

Ich SINGE DAS O!

Ich singe nicht nur das O, sondern auch das U!

Zwanzig MInuten später übernimmt nämlich der Erdnusspapa und ich verabschiede mich folgender Maßen von der Erdnuss: "Soo." (Gesungenes O) "Viel Spaß in der Schuu-le" (Gesungenes U) "Ich geh jetzt duu-schen" (noch ein gesungenes U) "und hol dich um drei a-hab!" (JETZT AUCH NOCH EIN GESUNGENES A!)

Ding-Dong! 

Es ist ja so eine Sache, wenn man jemanden neben sich stehen hat. Einerseits macht man einfach weiter, man kriegt es einfach nicht geändert in dem Moment, andererseits registriert der Kopf, was da abgeht, ich stell mir dann die Frage, ob man es durch das Registrieren noch verstärkt, sozusagen Eskalation durch Sensibilisierung.

Kopf schüttelnd stand ich in der Dusche.

Ding-Dong.

Wie sagt mein Therapeut immer? Beobachten. Nicht werten.

Apropos.

Wie ging unser Gespräch gestern weiter?

Nachdem der Lollipop-Satz raus war, dachte ich eine Millisekunde nach.

Ich fragte mich, ob die Erdnuss sich mehr Grenzen von mir wünscht. Weniger Freundin, mehr Mama. Ich fragte mich, was ich anders machen könnte. Ich fragte mich, ob ich es mit der Guter-Cop-Böser-Cop-Nummer nicht übertreibe. Ich fragte mich auch, ob es meine Konfliktunfähigkeit ist, die mich ins Lollipop-Land treibt. Ich fragte mich, ob ich in solchen Momenten authentisch bin. Ich stellte fest, dass mir zumindest nichts Gegenteiliges bekannt ist.

Ja. So viel kann ich in einer Millisekunde denken.

Eine Millisekunde zu lang.

Das Erdnussgesicht verändert sich. Ihre Unterlippe beginnt zu zittern.

"Hejjj." Sag ich. Wahrscheinlich im Dingdong-Ton, was weiß denn ich. Ich sehe nur, wie sich winzig kleine Seen in ihren Augen bilden. Keine Krokodilstränen. Echte Verzweiflung macht sich auf ihrem Gesicht breit. Mit erstickter Stimme sagt sie: "Mama!"

"Hejj..." Sag ich wieder und breite die Arme aus. Sie kommt um den Tisch geflogen und schmeißt sich rein. "Was ist denn?" Ich ahne es zwar, aber fragen wollte ich schon.

"Ich hab was Dooofes zu dir gesagt!"

"Wie bitte?" Ich horche kurz in mich hinein. Nachdenklich? Ja. Etwas besorgt? Auch. Amüsiert? Bis zu den Tränchen auf jeden Fall. Aber beleidigt? Nein. Null.

"Du hast nichts doofes gesagt. Wir haben doch noch darüber gelacht!"

"Ja. Aber dann am Schluss nicht mehr." 

"Ich hab doch nur nachgedacht."

"Worüüber de-henn?" Sie schnieft.

"Ob du vielleicht manchmal was Anderes brauchst. Ein bisschen mehr Ernst vielleicht. Oder weniger Geplapper von mir. Ob ich vielleicht was anders machen kann. DAS hab ich gedacht."

"Aber das SOLLST du nicht! Es tut mir Leid!"

"Ehrlich Süße, dass muss dir nicht Leid tun. Es ist alles in Ordnung zwischen uns." Lollipop? Ist das schon wieder Lollipop? Egal. es kommt einfach aus mir raus. "Es ist in ORDNUNG; wenn du mir sagst, was dich an mir stört. AB-SO-LUT in Ordnung! Du hast es nett gesagt. UND es war auch noch lustig."

"Aber je-hetzt mu-husst du naaachdenken!" Das Schniefen lässt langsam nach.

"Ja Nu." Kein Lollipop. Jetzt wirds lakonisch. "Das mach ich sowieso ständig."  Ich lache ich in ihre Haare hinein.

"Aber ich hab was Doofes gesagt." wiederholt sie. "Zu DIR!" 

"Nee Süße. Erstens DARFST du doofe Sachen zu mir sagen. Aber in diesem Fall gibt es wahrHAFTig schlimmeres als das Wort 'Lollipop-Mama'. Ich finds auch irgendwie schön..."

"Ja?"

"Ja."

"Und wenn ichs aber nervig finde?"

"Weißt du was?" Ich halt sie ein Stück von mir weg und schau ihr in die Augen. "Das Gute ist: Wenn man über sowas einmal gesprochen hat, dann isses raus. Das ist was GUTES! Und wenn du es das nächste Mal nervig findest, dass ich diesen Tooooonfall", ich singe grinsend das o, "habe, dann darfst du 'Lollipop' zu mir sagen. Dann weiß ich nämlich Bescheid."

"Hihi, und ich weiß Bescheid, dass DU Bescheid weißt."

"Jipp"

"Wie ein Geheimwort, nä?"

"Genau!"

"Mama?"

"Ja."

"Weißt du, was ich komisch finde?"

"Nee-hee?" (Lollipop? Mist, wenn man das Geheimwort auch mit sich selber verwendet...)

"Wenn ich Dinge sage. Und gleichzeitig denke, dass ich die Dinge, die ich sage, auch denke."

 

...

 

Ha!

Neues Thema. Neues Glück.

Schon wieder eine Fortsetzung wert.

Wenn du denkst, du denkst...

Gutnachtallerseits.

 

09.02.2012 um 00:24 Uhr

Lolli-Pop

"Mama?"

"Ja-ha?"

"Ich bin so froh, dass Ihr meine Eltern seid!" Hugh! Die Erdnuss hat gesprochen und beißt gleich ein Stück Käsebrot ab. Kaut zufrieden. Grinst mit Brotkrümeln zwischen den Zähnen.

"Das ist schön" antworte ich und grinse zurück. Ohne Brotkrümel. Nur mit Rapunzelsalat zwischen den Zähnen, ich weightwatche, Punktepunktepunktezählen...

Schweigend kauen wir ein bisschen. Papa Erdnuss ist aus. Die Hummel saugt selbstvergessen und hingebungsvoll an einem Stückchen Gurke. Friedlich isses. Und schön.

Plötzlich überkommt es mich: "Hättest du denn nicht manchmal ein paar Sachen anders an uns?"

"Hö?" Die Erdnuss schaut mich verständnislos an.

"Naja, Familie ist ja nicht immer lustig und toll, manchmal ärgert man sich doch auch mal übereinander."

"Joah..." Ein Fragezeichen bildet sich zwischen ihren Augenbrauen.

Ich will nicht weiter nachhaken. Gespannt bin ich allerdings schon, stopf mir aber lieber schnell noch eine Gabel Rapunzeln mit Zwiebeln in den Mund.

Während ich kaue, denkt sie nach. 

"Mama?"

"Ja-ha?"

"Wenn Ihr beide mit mir streitet, DAS ist doof!"

"Du meinst, wenn wir beide schimpfen?"

"Ja, genau."

"Das ist aber selten, oder?"

Ihr erinnert Euch: Guter Cop, schlechter Cop. Es ist ja nicht so, als hätten wir kein System, oder so. Wenn gemeckert wird, lenk ich meistens ein. Aufgabe ist Aufgabe. Ob das nun richtig ist, hab ich schon oft in Frage gestellt, aber vielleicht liegts ja in meiner Natur. 

Doch tatsächlich gibts Themen, wo wir beide sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Fallen mir jetzt natürlich nicht ein, ich erinner mich an Haushaltsdebatten, a lá keine Lust zum Aufräumenhaben...

Nuja. Jedenfalls glaub ich die Situationen zu kennen, und sie sind überschaubar. Innerlich atme ich ein bisschen auf.

"Ja." Die Erdnuss kaut wieder genüsslich und zufrieden. "Das ist nicht oft, aber wenn, dann fühlt's sich ziemlich doof an. Musst du auch mal ÜBERLEGEN: ZWEI..." Sie macht eine Kunstpause und hebt zwei Finger hoch. "...gegen einen!" Anklagend schwebt ihr kleiner Zeigefinger vor meinen Augen. 

"Erdnuss?" 

"Ja-ha?"

"Auch wenns sich manchmal so anfühlt..." Wie formulier ich das jetzt nur? "...wir sind nicht gegen dich."

"Es fühlt sich aber so an."

"Ja, das kann ich mir vorstellen, aber mir ist schon wichtig, dass du das weißt..." Wie erklär ich ihr das nur? Wie soll man denn 'Erziehung' umschreiben? Ach! Ich lasses besser. Ich sag jetzt einfach nix mehr.

Plötzlich kichert sie. Und ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das erleichtert. 

"Mir fällt noch was ein!" Die Erdnuss gluckst in sich hinein. 

"Aha! Ich bin gespannt!"

"Manchmal..." Sie holt tief Luft. "Da nervst DU mich!"

"Ach was!" Ich kann nicht anders. Ich muss mitkichern.

"Manchmal, da hast du diesen Toooonfall." Sie singt das 'o' hoch und runter. 

MIST! Ich erkenn mich wieder. Finds aber auch knallerlustig. Lachend frag ich nach: "Wann denn?" 

"Ach zum Beispiel gestern, als wir spazieren waren, da hast du gesagt: Hach wie schö-hön," schon wieder singt sie, "dass wir hier durch die Sonne laufen, ojö-ojö, ist das schö-hön!"

Wir lachen jetzt beide. Mir bleibt fast der Salat im Hals stecken. GeNAU so hab ichs gesagt. Es ist auch ein bisschen gruselig, aber sie hat mich so perfekt imitiert - ich bin neben amüsiert auch völlig verblüfft.

"Weißt du, Mama, manchmal, da bist du eben voll die Lolli-Pop-Mama. Und DAS nervt." 

Uuh. Jetzt wird es ernst. Sie grinst noch. Aber da ist auch viel Nachdruck dahinter.

Kritik. Echte Kritik. 

Mannometer. 

Wie es weiterging, kann ich erst beim nächsten Mal schreiben. Die Lolli-Pop-Mama muss jetzt ins Bett. Sonst ist sie morgen unausstehlich... 

Plopp! Licht aus!

 

 

Fortsetzung folgt.

 

19.01.2012 um 12:11 Uhr

Gemeinsam

Ich erinner mich sehr gut an den ersten gemeinsamen Lachanfall mit der Erdnuss. Ich erinnere mich deshalb so gut, weil ich so verblüfft war über diese Veränderung und wie viel das ausmacht. Bis dahin hatte ich entweder SIE zum Lachen gebracht und herzlich mitgelacht. Oder ich hatte ÜBER sie gelacht, woraufhin SIE dann wiederum herzlich mitgelacht hat. Ein Objekt, das wir gemeinsam für witzig befunden hätten, hatten wir noch nicht gefunden.

Und dann war dieser Tag im November 2008. Sie war noch keine 5 geworden und wühlte mit mir in der Gartenerde, um Blumenzwiebelchen zu vergraben. Sie griff immer mal wieder nach einer Pflanze und wollte sie ausreißen und ich erklärte ihr den Unterschied zwischen Unkraut und Blumen.

Das wurde als schönes Spiel in unsere Gartenarbeit integriert. SIe griff nach etwas, lachte und fragte: "Blume oder Unkraut?" Und ich lächelte und sagte sehr oft Unkraut. Der grüne Haufen neben ihr wuchs und sie freute sich wie ein Schneekönig, dass sie Dinge aus der Erde ziehen durfte. Irgendwann kam erneut ihre Frage, erneut meine Antwort, sie zog, kräftig, zog, zog und zog, noch kräftiger, sie stemmte ihre kleinen Beinchen in die Wiese, bis die Pflanze schließlcih und endlich nachgab und sie mit ihr in der Hand rücklings ins Gras plumpste.

Nun. Das an sich bedient ja durchaus einen gewissen Slapstick-Humor. Doch das hätte uns allenfalls zum Schmunzeln gebracht.

Völlig verdattert saß die Erdnuss im feuchten Gras. Ich schaute sie ebenso verdattert an. Sie hielt die Pflanze in die Höhe, ich schaue die Pflanze an, ich schaue die Erdnuss an, die Erdnuss schaut die Pflanze an und dann fragend mich.

"Äh..." Eine riesige Mohrrübe nahezu so groß wie der Erdnusskopf hing unter der Erdnussfaust. Wir staunen beide sprachlos. 

Und irgendwann beginnt es. Sie schaut die Mohrrübe an und fängt an zu kichern. "Blume oder Unkraut?" kräht sie und fällt einfach um. Und auch ich schmeiß mich neben sie ins Gras und wir halten uns die Bäuche und schütteln uns vor Vergnügen und die Welt ist so in Ordnung. So unglaublich in Ordnung.

Wir haben ein Foto geschossen von der Rübe und der Nuss. Sie hielt sie grinsend hoch. Leider ist das Foto in den digitalen Untiefen unseres Computers verschollen. Ich find es nicht mehr. Aber dieser Moment. Er ist noch da...

Neulich hatten wir wieder einen solchen Moment. Und neulich. Und neulich. Und neulich. Es sind viele. Wir glucksen und gickeln und wackeln uns sehr oft gemeinsam durch Koinzidenzen, Wortspiele und seltsame Gesichter.

Manche Sachen kann man eigentlich nicht nacherzählen. Ich versuche es trotzdem: Wir saßen auf der Terrasse. Sie hielt plötzlich einen zappelnden Fisch in den Händen. Natürlich nicht in echt. Aber sie tat so. "Iiiiiiiiiiiiiih, er springt WEEEEEEEEEEEG, er springt WEEEEEEEEEEEEEEG," rief sie, während sie hektisch im Kreis sprang und wie wild mit den Händen zappelnde Bewegungen vollführte. "hilf mir MamAAAAAAAAAAAAAAH! Hilf miiiiiiiiiiiiiiiir!!!!" Und mit diesen Worten warf sie ihn mir zu. Ich tat dasselbe. Versuchte den zappelnden Fisch zu halten und sprang mit seltsamen Zuckungen umher. Wir schauen uns durch die Lachtränen hindurch an und die Salven nehmen kein Ende. Wir werfen den Fisch hin. Und her. Laufen dabei um den Tisch. Werden nass vom leichten Nieselregen. "Nimm DU IHN!" "Neiiiiiiin! DUUUUUUU!" Wir werfen das arme imaginäre Tier. Wir halten es hoch. Und heben es wieder vom Boden auf, nachdem wir es wild kichernd auf dem nassen kalten Gras verfolgt haben.
Irgendwann nimmt die Erdnuss resolut einen Eimer: "Hier!" befiehlt sie mir. "Schmeiß ihn rein!"

Und das tue ich.

Ich werf den Fisch in einen Eimer. Verzückt schauen wir im zu, wie er im Regenwasser seine Kreise zieht.

Wir lächeln uns still zu.

Vielleicht wussten wir beide, dass so etwas nur zwischen uns möglich ist.

06.12.2011 um 13:38 Uhr

Still believing...

"Ich muss meine Schuhe putzen!" Die Erdnuss schmiss gestern ihren Ranzen in die Ecke und polterte gleich damit heraus. Ich hob eine Augenbraue. "Schuhe putzen?" "Na, für den NI-KO-LAUS!" Ungeduldig schaut sie mich an. "Achso!" Ich bin überrascht. Ich dachte, wir stellen beide schmunzelnd und wissend, dass das alles Schmu ist, irgendeinen großen Stiefel nach draußen und damit hat es sich. Aber die Erdnuss ist voll im Mysteriumsfieber. "Einen Teller! Mit unseren Plätzchen! Und Nüssen! Das dürfen wir nicht vergessen!" Huch? Das auch? Gut. Mit der Zungenspitze im Mundwinkel schrubbt die Erdnuss nach den Hausaufgaben ihren Gummistiefel. Poliert ihn liebevoll. Hält ihn zwischendurch immer hoch und wischt fachmännisch an allen möglichen Stellen herum. Sogar an der Sohle.

Die Nikolausgeschenke sind schon im Küchenschrank aufgestapelt. Abends gestaltet die Erdnuss liebevoll den Kekseteller für den Nikolaus. "Wo sind die Glitzersternchen?" Und: "Hast du noch eine Idee, was wir noch drauflegen können?" Wir runden den Willkommensgruß durch Hustenbonbons ab. Die Erdnuss ist begeistert. "Es geht ja auch grad was rum, nä, Mama?" Wie kann man so etwas Erwachsenes sagen und noch an den Nikolaus glauben?

Nicht falsch verstehen. Ich belächel das nicht. Ich finde es gut. Ich bin nur einfach überrascht. Gestern abend war ich dann so unGLAUBlich kaputt, dass ich es beinahe vergessen hätte, den Stiefel zu füllen und obligatorisch vom Keks abzubeißen. Stellt Euch das mal vor: Die Erdnuss rennt voller Erwartung zur Tür und - nüschte! Der Supergau! Aber beim Zähneputzen fiel es mir wieder ein. Gottseidank.

Heute morgen hätte ich fast nicht daran gedacht, dass ich ja überrascht sein muss über die Geschenke. Als Non-food-Artikel hat die Erdnuss eine schicke Taschenlampe (wat DIE heutzutage eine Leuchtkraft haben ist schier unglaublich) und eine DVD "Nightmare before Christmas" bekommen. Beinahe hätt ich ohne hinzukucken eine Inhaltsangabe zum Film gegeben. 

Das gibt Weihnachten schon wieder einen neuen (alten) Aspekt. Den die Großmutter übrigens noch nie verstanden hat. Nie, niemals, NIE werde ich ihr die Aktion im letzten Jahr verzeihen. Die Erdnuss zweifelte vorher so ein bisschen rum, ob es den Weihnachtsmann nun gibt oder nicht. Zur Bescherung hatten wir es einem Zufall zu verdanken, dass sie wirklich vollends überrascht war. Zusätzlich achte ich immer auf fremdes Geschenkpaper und verpack dann noch ein paar Geschenke in dem bekannten Geschenkpaier und geb dann scheinbar verlegen zu, dass ich einige Geschenke noch dazugelegt habe, aber dass der REST auf jeden Fall NICHT durch uns unter den Baum geraten ist. Beim Auspacken hatte die Erdnuss sich immer wieder neu überzeugt und uns immer wieder gefragt: "Nä? Das KANN gar nicht von Euch sein, weil..." Mit immer wieder neuen Argumenten zimmerte sie sich den Weihnachtszauber zusammen, bis das Geschenk von Oma an der Reihe war. Es war in irgendeinem Spielzeugladen professionell verpackt worden, unterschied sich also ganz ordentlich und war nochmal Anlass, zu bekräftigen, dss DAS nun wirklich nicht von UNS verpackt worden ist. Mit leuchtenden Augen griff sich die Erdnuss also das Geschenk. Die Oma, die schon insgesamt sehr sauertöpfisch schaute, regte sich und ich befürchtete schon, dass gleich was kommt. Breit lächelnd hielt die Erdnuss mir das Paket hin: "DU hast das nicht verpackt? Oder?" "Ich habe damit NICHTS zu tun" hob ich unschuldig meine Hände. "Papa? Du?" Auch der Papa schüttelte den Kopf: "Ich bin TOTAL gespannt, was drin ist!" Die Erdnuss dreht sich zu Oma: "Oma? Du hast das auch nicht verpackt, oder?" Die Oma zögert. "Oma?" hakt die Erdnuss nach ein paar Sekunden nach. "Naja." Die Oma zuckt mit einem halben Lächeln mit den Schultern. "Ich habs im Geschäft verpacken lassen. Hab es aber für dich gekauft."

Ohne Worte oder?

Die Erdnuss hat geschluckt. Und dann still ausgepackt. Und es dann glaub ich gleich wieder vergessen. Weil da der geile Drache von Schleich drin war. 

Aber dieses Problem mit der Egozentrik der Weihnachtsgeschenke haben wir seit nunmehr 7 Jahren. Auch dieses Jahr gibt es schon wieder Feilschereien, ob Geschenke anonym unter dem Weihnachtsbaum liegen oder der Kaufende am besten noch den Preis nennt!

Mann.

Jetzt hab ich mich in Rage geschrieben.

Dabei wollte ich doch nur loswerden, wie schön ich es finde, dass die Erdnuss noch den Husten vom Nikolaus heilen will...

 

 

24.11.2011 um 09:11 Uhr

Wir sind wir.

"Mama?"

"Ja-ha?"

Wir liegen gemütlich auf dem Sofa, die Hände auf dem Bauch verschränkt, die Hummel schläft, der Kater schnurrt zufrieden zwischen uns. Alles ist gut. Einer dieser Momente, in denen alles ruhig ist innen drin. Wir neigen unsere Köpfe zur Seite und schauen uns an.

"Ich möchte nicht erwachsen werden."

Ich runzel erstaunt die Stirn. "Warum denn nicht?"

"Ich will nicht von dir weg."

"Ach!" Ich lächel ein bisschen geschmeichelt und denke nach.

WIr schweigen.

"Naja." Sag ich nach einer gewissen Zeit. "Wenn du erwachsen bist, dann ist das Gute, dass du dann ja deinen eigenen Weg gehen WILLST. Du musst dann nicht von uns weg. Du WILLST es dann."

"Ich will das nicht wollen." Sie sieht mich voller Liebe an. Wie es nur ein Kind kann.

"Aber schau: Wir haben uns doch dann nicht weniger lieb. Du kannst immer zu uns kommen. Ich koch dir IMMER dein Leibgericht. Wenn du traurig bist, werd ich dich IMMER trösten. Und wenn du einfach so kuscheln willst, werd ich dich richtig feste umarmen. Und wenn du was erzählen willst, werde ich IMMER zuhören. Und wenn du Probleme hast, kannst du immer zu uns kommen. Ich bin doch nicht weg, wenn du was Eigenes machst. Ich bin doch da und wir siwqsaaaaaweeeee (der Kater schreibt mit, ed. Sunny) sind deine Familie. So ist das doch ne gute Sache, oder?"

"Mmmmh, ja. Kann sein." Die Erdnuss ist nicht überzeugt.

Wir schweigen wieder eine kleine Weile.

"Aber Mama?" Sie schaut jetzt an die Decke.

"Mh-mh?" Ich schau sie an, wie sie sorgenvoll ihre Nase kraus zieht.

"Wenn ich mir den Papa und die Oma anschau...."

Ich weiß gleich, was sie meint... Der Papa und die Oma sind so eine eigene Sache. Die Oma redet und redet. Der Papa schweigt und versucht neutral zu gucken. Keine gute Sache. Was sag ich jetzt nur?

"Naja. Der Papa und die Oma sind schon mal Junge und Mädchen. Das ist das eine."

"Stimmt!" Sie schaut mich glücklich an. "Und ich weiß auch die andere Sache!" fährt sie vergnügt fort und macht eine schöne Pause.

"Ja-ha?"

"Die Oma ist die Oma."

"Genau!" Ich grinse. "Und ich bin ich."

Die Erdnuss nickt überzeugt. "Du bist du. Und wir sind wir."

So isses. Und ich hoffe, so bleibts auch.

24.10.2011 um 21:02 Uhr

Matrix

"Mama?"

"Ja-ha?" Wir stehen an der Ampel, die metallisch tickt, und warten darauf, dass sie uns grünes Licht gibt. Es ist die doofe Ampel an der Ecke, an der man sich schon mal gerne 2 min die Füße platt steht.

"Manchmal denk ich, das Leben ist falsch."

"Dein Leben?"

"Nee. Das Leben so für sich."

"Falsch?"

"Naja. Nicht echt eben." 

Ich glaube zu ahnen, worauf sie hinaus will, aber so richtig kann ich es noch nicht glauben. Ich hake nach: "Was meinst du mit 'nicht echt'?"

"Irgendwie, dass uns vielleicht einer verarscht."

Wow. Das wird ja immer besser!

"Wer denn?" frag ich wie aus der Pistole geschossen.

Die Erdnuss zuckt gleichmütig die Schultern: "Weiß nicht. Der Gott vielleicht?"

Ich lache leise vor mich hin. "Gott verarscht uns?"

Empört schaut mich die Erdnuss an: "Ja, weiß man's?"

Endlich Grün. Wir gehen schweigend über die Straße und fragen uns vielleicht beide, was das System mit den Ampeln eigentlich soll. Ob grün wirklich grün ist. Das Auto wirklich echt. Der Boden...

Surreal...

Die Erdnuss überlegt weiter: "Vielleicht ist es aber auch der Feind vom Gott. Hat Gott Feinde, Mama?"

"Tja..." jetzt überlege ich. "Feinde... Wenn man es so will, gibt es einen Gegensatz. Den Teufel."

"Gegensatz?" fragt die Erdnuss.

"Naja...." Ganz vorsichtig rutsch ich auf dem dogmatisch dicken Eis christlicher Vorstellungen herum. "Gott steht für 'das Gute' und der Teufel für 'das Böse'."

"Ja!" Die Erdnuss nickt energisch. "Das ist doch genau sowas! Wer hat denn festgelegt, was gut ist und was schlecht?"

Mannomann. Das sind mal Fragestellungen! 

"Gute Frage!" Ich nicke erstaunt und voller Anerkennung. "ICH bin ja der Meinung, dass alles, was ich jetzt erstmal gut finde, auch ein bisschen was Schlechtes hat. Und andersrum. Alles Schlechte hat auch was Gutes."

"Naja." Die Erdnuss schaut mich zweifelnd an. "Beim Essen ist es eindeutig, oder? Manches ist einfach schlecht. Das können wir nicht mehr essen."

"Ja-ha-ha," trumpfe ich auf, "der Apfel mit dem Wurm drin ist aus UNSERER Sicht schlecht, aber aus der Perspektive des Wurms..." Ich mache eine schöne Kunstpause.

Die Erdnuss staunt: "STIMMT!"

Wir schweigen eine Weile...

"Wie kommst du eigentlich drauf, dass das Leben 'nicht echt' ist?" frag ich irgendwann nach.

"Ach, ich weiß nicht." Die Erdnuss denkt stirnrunzelnd nach. Dann hellt sich ihr Gesichtsausdruck auf. Grinsend schaut sie mich von der Seite an: "Es macht mir einfach Spaß, mir solche Sachen auszudenken. Stell dir vor, um unsere Welt wäre eine Haut und innen is eine Kunstwelt und außen wär das echte Leben. Das ist doch interessant, oder?"

Ein Kracher! Das ist sogar SCHWEINE-INTERESSANT! Ich kann gar nicht ausdrücken, wie interessant ich das finde!

"Ja." sag ich schließlich. "Ich find das auch interessant. Es gibt verschiedene Geschichten, die das Thema behandeln."

"Oh!" Verzückt schaut sie mich an. "Die würd ich GERN mal lesen."

"Ja. Da musst du noch ein bisschen warten. Aber ich freu mich schon drauf, was du dazu sagst..."

Sie zieht einen Flunsch. "Das ist doof. Ich interessier mich doch JETZT dafür!" 

Die anschließende Diskussion über für Kinder geeignete Filme und Literatur war auch super, aber sie würde hier zu weit führen. Jedenfalls ist es wunderbar, wenn man plötzlich mit der eigenen Tochter in den Untiefen der Philosophiekiste wühlen darf. 

Ich bin überrascht.

Und definitiv begeistert!

14.10.2011 um 21:40 Uhr

Ego

Jedes Jahr im Oktober bin ich um diese doofen Wahlplakate rumgeschlichen. Bei der Erdnuss im Kindergarten bzw. Hort, heißt Nachmittagsbetreuung, ist es nicht etwa so, dass man in einer Elternversammlung sitzt und sich nach ganz fürchterlich langem peinlichen Schweigen eine resignierte Mutter oder ein mutiger Vater meldet, um das unbeliebte Amt der Elternvertretung auf die gestressten Schultern zu laden. Nein. Neinneinnein. In dieser Einrichtung gibt es eine lange Tradition von einem Elternrat und um da reinzukommen, muss man sich schon anstrengen. Naja. Anstrengen nicht gerade. Aber man muss richtig doll gewählt werden. Man hängt Wahlplakate aus mit Foto und Motivationsschreiben und dann bekommt man zwei Wochen lang Bemerkungen zugeraunt und am Wahlabend wird ausgezählt und alle sitzen da gespannt wie die Flitzebogen.

Deshalb wollt ich das nie. Das war mir zu viel Bimbam. Aber doch: Jedes Jahr dachte ich doch, dass ich es eigentlich machen sollte. Ich mag den Kindergarten. Er ist toll. Und die Leiterin ist toll. Und die Erzieher AUS-NAHMS-LOS sympathisch. Hammer.

Aber sich da in den Flur hängen? Und in Großbuchstaben schreiben, warum man sich für das Amt geeignet hält? Nö. Nönönö. Hab ich bislang nicht hingekriegt.

Jetzt aber, wo die Hummel auch noch einen Platz bekommen hat, fühlte ich mich so verpflichtet, dass ich es wagte. Ich habe ein Foto genommen, aufgeklebt, Motivation hingeschmiert und mich aufgehängt. Das Plakat. Mit mir drauf. Nicht mich. Versteht sich. 

Und schon zwei Minuten später begann ich mir mit einem imaginären Hammer auf den Kopf zu hauen. "Mitmachen"? Wie schwach klingt das denn? "So gut ich kann"? Ja. Es geht noch schwächer. Und auf dem Bild lächel ich so breit, dass, wenn man genau hinsieht, meine Zahnlücke zu sehen ist. Auweiha. Ich werd so abkacken. Ich krich keine Stimme. Naja. Zwei vielleicht. Meine und die von Papa Erdnuss. Ich werd so abkacken. Sowas von. Peinlich.

Nuja. Hab ich am Ende gedacht. Dann hab ichs eben immerhin versucht. Was solls?

In der Zeit des Wahlkampfs nun wurde ich öfter mit einigen aufmerksamen Blicken bedacht. Gesagt hat eigentlich kaum jemand was. Meine Theorie, dass ich abkacken würde, verstärkte sich.

Und letztens hat wohl Zoes Mama bei uns angerufen. Ich war nicht da. Aber mein Mann, bei dem ich das ein oder andere mal meine Abkacktheorie angedeutet habe, berichtete mir grinsend davon. Nu muss man sagen: Die Zoe-Mama und ich... Ähm, wie soll ich das sagen? Also verkehrt ist sie nicht. Aber wir haben uns null zu sagen. Wir verabreden unsere Kinder und sind höflich zueinander. Mehr ist eigentlich nie gewesen.

Sie soll also über irgendeine Schulangelegenheit gesprochen haben, so mein Mann (der sich sowas niemals ausdenken würde, das KANN er nämlich gar nicht) und dann hat sie folgendes gesagt:

"Ich finds übrigens super, dass Sunny für den Elternrat kandidiert." 

Soweit so schön. Da hätt ich mich schon wie ein EIerbärchen gefreut. Aber nein. Sie hat es sogar noch begründet. Und jetzt passt auf:

"Bei Sunny hat man das Gefühl, dass sie es wirklich machen will und das nicht für ihr Ego braucht."

Na? Ist das was? IST DAS WAS? Ich mag ja Riesenprobleme mit meinem Ego haben, aber jetzt zeichnet sich die Tendenz deutlich ab, dass man es nicht me-herkt!

Ach ich freu mir.

Und bin baff.

Drei Stimmen sind auf jeden Fall mehr als zwei...

Schön.

07.10.2011 um 09:00 Uhr

Geheimnis

"Mama?"

"Jipp?"

Entspannt sitzen wir nach dem Augenarzttermin im Park. Ich Latte Macchiato, sie Vanille-Eis. Es windet ein bisschen und uns fallen Haselnüsse auf den Kopf (ich sag nur Newton). Schön isses in der (eigentlich) letzten Stunde Religion, die sie schwänzen durfte, auch wenn sie nun wahrscheinlich eine Brille bekommt und keiner so richtig weiß, ob sie nun weit- oder kurzsichtig ist.

"Darf ich dir was erzählen?" Sie griemelt dabei und ich ahne schon, dass es nix banales sein wird. Also verbeiß ich mir das Zurückgriemeln, die Erdnuss ist wahnsinnig empfindlich und macht - schwupps - wie eine kleine Muschel gleich wieder zu, wenn sie irgendwelche störenden Schwingungen empfängt.

"Klar. Du darfst mir alles erzählen."

"Letzte Woche... als ich beim Justin war... " Sie lächelt jetzt und da ist dieses süße Leuchten in ihren Augen, sie schleckt beiläufig an ihrem Eis und dann hat sie es mir erzählt. Ihr Geheimnis. Das sie noch niemanden erzählt hat. Und das war so süß, und als ich vorsichtig nach den Einzelheiten gefragt habe, hat sie auch die gerne und bereitwillig erzählt und die Einzelheiten waren so goldig, so romantisch, wie aus einem wunderschönen Kinderbuch. Und Nein. Sie wurde nicht geküsst. Viel besser. Viel kitschiger. Und nachdem wir alles zuende gequasselt hatten, haben wir uns angestrahlt. Und - Herrje - das war ja so schön.

"Oh Mann!" sag ich nach einer Weile des Schweigens. "Das ist ja UNglaublich romantisch."

"Ja, nä?" Der Romantik nicht angemessen schleckt sie sich hemmungslos ein bis zwei Mal um die Vanillekugel. 

"Und seitdem?"

"Nix seitdem." Nochmal schleckt sie sich rundherum. Ihr Kinn ist ein bisschen verschmiert, aber das macht ihr nix. Und mir jetzt erstmal auch nicht.

"Seid ihr ganz normal miteinander?"

"Klar." Sie nickt und grinst in den Haselnussbaum. 

Besser gehts doch nicht, oder? Was romantisches sagen und erleben und danach ganz normal miteinander sein. Und das auch noch gut finden. Wat wär ich gern nochmal Kind. Meine Güte!

Aber wo wir schon bei Geheimnissen sind und auch irgendwie bei kleinen Kindern - Ich sag jetzt auch mal was:  Ich freu mich so sehr über die Kommentare hier in dem Blog. Wie ein kleines Kind!! Ich kann es manchmal kaum fassen, nein, ich kann es überHAUPT nicht fassen, dass es Menschen gibt, die meine Geschichten anderen vorlesen. Und noch viel weniger (also NOCH weniger als überHAUPT nicht) kann ich fassen, dass es welche gibt, die diesen Geschichten lauschen. Und so fassungslos ich bin (und das ist mächtig viel), so sehr freu ich mich aber auch darüber.

Dankeschön.

Ich schreib sicherlich für die Erdnuss. Und ich schreib sicherlich auch für mich. Aber dass ich hier wieder mehr schreibe und mir wieder so viel schreibenswertes einfällt (auch wenn sonst ständig schreibenswertes passier), liegt an Euch Lesern.

So. Und jetzt wollen wir mal nicht pathetisch werden. Aber es musste mal raus. 

Einen sonnigen Tag wünsch ich allen. Auch wenn's regnet. Da kümmern wir uns gar nicht drum.

Fröhlich Unglaublich. In meinem kindlichen Übermut habe ich den Smiley-Button ausprobiert. Na gut. Warum nicht?

01.10.2011 um 12:44 Uhr

Spaziergesang

Wir haben diesen Park in einer fremden Stadt gesucht. Die hektischen Wegbeschreibung deiner Großeltern hallen noch in unseren Ohren. "Eigentlich immer gradeaus" hieß es, und "nur ganz kurz" und "Erdnuss, Du KENNST doch den Weg", woraufhin du nur hilflos mit den Schultern gezuckt hast, weil es mindestens ein Jahr her war, dass du ihn gegangen bist.

Wir machen uns auf den Weg, mit einem vergnügten Gefühl der Leichtigkeit, weil wir der bedrückten Stimmung in der Schwiegerwohnung entronnen sind. Wir schubsen und schieben uns kichernd durch die Straße, rascheln durchs Laub, kitzeln und  stupsen uns, hüpfen und rennen. Nach einer Viertelstunde lachen wir beide plötzlich völlig unverabredet auf, weil uns auffällt, dass es keineswegs ein 'ganz kurzer Weg' ist. "Typisch Oma" seufzst du lakonisch, und wir laufen in aller Gemütsruhe weiter. An einem Garten fällt dir tatsächlich ein Apfel auf den Kopf und ich gebe die vielleicht nicht ganz wahre, aber doch eindrucksvolle Geschichte von Isaac Newton zum Besten. Weitere zehn Minuten und etliche Straßenbiegungen weiter schütteln wir nochmal die Köpfe über die absurde Wegbeschreibungund fangen an zu singen. Auf den rosaroten Panther folgt Hit the Road Jack, einer deiner absoluten All-Time-Favorite, und schließlich singen wir voller Inbrunst und in ausgeklügelter Rollenverteilung Mana-Mana von den Muppets, was auch im Kanon erstaunlich gut funktioniert.

Und plötzlich trifft es mich wie ein Schlag. Solche Momente, dieses Gefühl des Einsseins, das wir so oft teilen, sind nun absolut abzählbar. Der einst unendlich scheinende Vorrat an Innigkeit geht zur Neige. Bald wirst du dich von mir entfernen. Und das ist auch gut so. Gesund. Und richtig. Aber ich muss jetzt, in diesem Moment, in dem mir das klar wird, doch die Tränchen wegblinzeln, und als hättest du es gesehen, drückst du meine Hand und machst einen Witz, einen, den ich jetzt wieder vergessen habe, aber der ziemlich gut war, und dann lach ich auch schon wieder...

Und nachher sitzen wir auf der Wiese, ja genau zwischen der Entenkacke, aber es ist uns egal, und wir halten die schmerzenden Füße (ha! kurzer Weg! Ich fasses nicht!)  in den glitzernden See.

"Mama?"

"Ja-ha?" 

"Wolltest du schon immer Kinder?"

"Ja." Ich lächel in die Wolken. "Erstaunlicherweise schon."

"Wieso 'erstaunlicherweise'?"

"Naja. Ich hab halt keine Ahnung, wie ich drauf gekommen bin. Schon als Fünfjährige wollte ich mindestens drei Kinder, aber was weiß man schon als Fünfjährige übers Kinderkriegen?"

Die Erdnuss lacht. "Manchmal ne Menge!" Sie kennt die Geschichte von Julius, der sich die Story von Samen und Ei von der Erdnuss erklären ließ - sie erinnert sich nicht selber dran und die Story seiner wirklich zutiefst pikierten Mutter hab ich auch weggelassen. Ich muss selbst nochmal grinsen, und sage:

"Ja. Ich wusste damals auch, wie die in den Bauch kommen, aber nicht, wie es sich anfühlt, welche zu haben."

"Aber das KANN man doch erst wissen, WENN man welche hat." Oh weise Erdnuss, manchmal schlägt sie mich um Längen.

"Ja, genau." Ich überlege jetzt selber. "Aber irgendwie wusste ich es eben DOCH irgendwie."

"Ich weiß es noch nicht." Die Erdnuss nickt energisch mit dem Kopf. 

Ja wie? Ich halte erstmal die Klappe, weil ich merke, dass ein Sturm der Entrüstung durch mein ohnehin schon angeschlagenes Mutterherz rast. Keine Enkelkinder? Also eventuell? Warum? Warum bloß? 

Timing. Timing ist ja so wichtig. Eine Sekunde zu lange geschwiegen, und schon weiß deine 9-jährige Tochter Bescheid. 

"Mama?"

"Mh-mh?"

"Machst du dir jetzt wieder Gedanken?"

"Ähm..." Kann ich nicht einfach mal wild loslügen, wenn es mir sinnvoll vorkommt? Nö. Kann ich nicht.

"Fändest du das schlimm, wenn ich KEINE Kinder bekomme?"

"Naja.." Rasend schnell versuch ich meine Gedanken zu sortieren. Und dann: "Nein." Stimmt. Schlimm wäre es nicht. "Ich muss zugeben, dass ich es mir wünsche. Aber schlimm wäre, wenn du unglücklich wärst. Also nein. Es ist nicht schlimm."

"Aber du wärst enttäuscht?"

"Ich fänds schade. Aber das ist ja dann mein Problem. Ich wär ja nicht enttäuscht von DIR."

"Gut." Beruhigt nickt die Erdnuss wieder.

"Eine Frage hab ich aber doch noch."

Sie grinst. "Na gut. Aber nur eine, ok?"

"Liegt es ein bisschen an der Hummel?"

"Hö?" Völlig verständnislos schaut sie mich an. "An der HUMMEL?"

"Naja. Dass du noch nicht weißt, ob du dir so viel Arbeit antun sollst. Du kriegst das ja alles genau mit."

"Ja, aber das ist doch DEINE Arbeit. Für MICH ist die Hummel keine Arbeit." Gedankenverloren schaut sie über den See. "Für mich ist die Hummel nur Freude. Wie ein Kätzchen. Nur besser."

Ich schweige. Und blinzel schon wieder ein Tränchen weg. Nur Freude... 

"Erdnuss?"

"Ja-ha."

"Arbeit hin, Arbeit her. Ihr seid beide für mich Freude. Absolut und total und immer Freude."

"Ja." Sie nickt wieder energisch. "Das merkt man auch."

Und da saßen wir... In einigem Schweigen. 

Freude...

Oh Mann. 

 

19.09.2011 um 21:08 Uhr

Mus i denn...

"Mama?" Gelangweilt schaut die Erdnuss vom Comic auf und räkelt sich auf dem Sofa.

"Ja-ha?" Ich steck die Nasenspitze aus der Küche und balancier die Hummel auf meiner Hüfte.

"Kann man Apfelmus selber machen?"

"Kla-har!" ruf ich aus der Küche zurück.

"Ist das schwer?"

"Ich glaub nicht!" Seit ich im Besitz eines Pürierstabs bin, halte ich mich ohnehin für einen Alleskönner.

"Können wir das mal machen?"

"Kla-har!"

"Wann denn?"

"Och..." Ich schau kurz auf die Hummel, die gut gelaunt auf meinem Arm rumquietscht. Apfelvorrat? Sieht ganz gut aus... Pürierstab? Wie gesagt: Vorhanden.  "Wenn du mir hilfst, können wir jetzt anfangen."

Kurz lese ich im Internet nach. Erstmal, so heißt es fast in jedem Apfelmusrezept, muss man Zucker karamellisieren. Ob ihrs glaubt oder nicht: Das hab ich noch NIE gemacht. UND: Ich hab Lust drauf. Geschwind schütten wir einen Esslöffel Zucker in einen Topf. 

"Soll ich rühren?" Fasziniert reckt die Erdnuss die Nasenspitze über den Topf.

"Ja." Wild wühl ich in der Besteckschublade. Holzlöffel? Fehlanzeige. "Hier nimm das."

Die Erdnuss rührt und rührt geduldig im Kreis. "MAMA!!!" Ich schuckel mit der Hummel Richtung Herd. "Guck doch mal!! GUCK!!! Der Zucker wird FLÜSSIG!!!" Ich werfe einen fachmännischen Blick in den Topf: "Ja. So ist der Plan."

Es wird weitergerührt. 

"Ähm." Die Erdnuss schaut verblüfft in den Topf, schaut verblüfft zu mir. Und wieder zurück in den Topf. 

"Wieso ist das blau?"

'Wieso ist das blau' passt so gar nicht zu unserer Aktion. Verblüfft senke auch ich meine Nase über den Topf. Eindeutig blau. "Ja." sag ich gedehnt, nehme ihr das Rührgerät ab und rühre ratlos im Topf rum. "Wie--so -- ist -- das --- blau?" 

Wir schauen uns an. Wir schauen in den Topf. Dann grinse ich breit. Und hebe die blaue Plastikgabel in die Höhe. Die Erdnuss schaut stirnrunzelnd auf die Gabel. Die keine Gabel mehr ist. Weil sie nämlich keine Zinken mehr hat. Ich sehe, wie bei der Erdnuss die Zahnrädchen der Abläufe ineinander greifen. Dann wirft sie ihre Hand vor den Mund und kichert leise. 

"Haben wir die Gabel geschmolzen?" fragt sie unsicher.

"Jawohl", doziere ich, die Gabel weiterhin in die Höhe haltend. "Wir haben die Gabel geschmolzen." Feierlich nehme ich den Topf und lösche unser Werk mit kaltem Wasser. 

Und dann war kein Halten mehr. Wir lachen so sehr, dass uns die Tränen aus den Augen spritzen. Wir ringen nach Luft und halten uns die Seiten. Als auch noch die Hummel in unser Lachen einstimmt und dieses unschuldige Babygelächter hören lässt, können wir kaum noch atmen. Und als ich mir dann am kalten Zuckerkaramell den Zeigefinger aufschneide und den triumphierend in die Höhe halte, denke ich, dass ein Platzen nicht mehr auszuschließen ist.

"Komm", die Erdnuss seufzt erschöpft. "Ich hol dir ein Pflaster." Sie dackelt davon und kommt wenige Augenblicke später mit einem passenden Pflaster zurück, das sie mir fachmännisch um den blutenden Finger klebt.

Augenhöhe...

Mannomann.

Und Mannomann, was schmeckt selbst gemachtes Apfelmus gut.

Selber machen macht überhaupt süchtig. Aber das ist eine andere Geschichte, und ich hoffe, ich erzähl sie bald.

16.09.2011 um 13:14 Uhr

Gesellschaftstierchen

"Naaaaa?" Nach einem wunderschön sonnigen Ausflug ins Grüne, Kastanien sammeln, Enten füttern, Roller fahren, was noch kurz vorm Losgehen kategorisch als 'laaaaaaaangweilig' bezeichnet wurde, stups ich die Erdnuss beim Abendessen an der Seite an. "Das war doch jetzt DOCH schön beim Picknick, was?"

Die Erdnuss beißt versonnen ins Brot und schaut mich breit verlegen grinsend an: "Stümmt." sagt sie kurz und bündig.

"Sorry." entschuldige ich mich. "Den Spruch KONNT ich mir nicht verkneifen."

"Hä?" Sie schaut mich verständnislos an."Wieso 'verkneifen'?"

"Och." Jetzt ist es an mir verlegen zu sein. "Das war ja ein bisschen klugscheißerisch von mir."

"Ach!" Lässig winkt die Erdnuss ab. "Klugscheiße hin, Klugscheiße her. Ich bin immer dankbar, wenn du was sagst." Sie nickt bestimmt. "Ehrlich!" Weiternicken. "Egal was." Ein weiteres Nicken. "Ich mag es gar nicht, wenn es still ist."

Ja, (klammheimlicher Themenwechsel), die Erdnuss ist ein Gesellschaftstier. Stille, Ruhe, Einkehr - alles nix für sie. Immer muss was summen, brummen, murmeln. Lesen macht sie kribbelig, solange kein Hörspiel oder Musik dabei läuft, am liebsten viele Menschen, die um sie herumwirbeln, je mehr, umso besser. Keine Ahnung, wie ein Kind einer mehr oder weniger soziophoben Mutter so werden kann - aber die gibt sich auch Mühe, das zu überwinden, ich denke, wir beeinflussen uns da gegenseitig. Bestenfalls positiv...

So habe ich zum Beispiel Kristina (göttliche Kristine, ich werde nicht müde, es zu sagen) schon zwei Mal zu uns eingeladen. Mit Mann und allen vier Kindern. Und siehe: Es war gut. Und siehe: Auch wir wurden eingeladen. Schon drei Mal. Und siehe: Ich mag sie immer noch. Untertreibung. Ich verehre sie. Und siehe: Als ich beim Doppelkopf Dumme Kuh zu ihr sagte, lachte sie. Und siehe: Sie hat WIRKLICH Humor. Also zumindest kann sie mit meinem was anfangen. Es gibt eine Mutter, die ich ganz oft beim Stammtisch gesehen habe (Ohja, ich gehe zu Stammtischen! Stolz!), die unendlich viel geplappert hat. Ich fand sie ehrlich nett und total amüsant und ich hatte den Eindruck, dass sie auch weiß, wie viel und wie schnell sie quasselt. Als ich dringend aufs Klo musste und das auch schon mehrmals deutlich gesagt hatte und sie einfach nicht aufhören wollte, grinsend auf mich einzureden, bin ich einfach weggegangen und habe im Gehen gesagt: "Mannometer, du machst es einem nicht leicht, von dir wegzukommen." Bumms. Das hat offensichtlich SO sehr gesessen, dass sie seit zwei Jahren nun GAR nicht mehr mit mir redet. Dabei hab ich es wirklich lustig gemeint. Naja. Wie sagte mein Ex-Chef immer? "You hang around - you learn..."

Und ich bin durchaus selbstkritisch. Zum Beispiel ist mir absolut bewusst, dass dieser Eintrag NULL Struktur hat, ABER: ich veröffentliche ihn trotzdem, weil ich an meinem krankhaften Perfektionismus arbeiten muss.

 

 

20.07.2011 um 11:49 Uhr

Vom Finden...

Mal wieder erschien sie atemlos und verschwitzt in der Terrassentür.

"Mama!" Tief durchatmen. "Du GLAUBST nicht, was ich geFUNDEN habe!" Hecheln. "Du GLAUBST es nicht!" 

Oh Gott. Denk ich. Meine Güte, ist das süß. Das runde Gesicht purpurrot, die blonden Haare verschwitzt, die Augen leuchten. Ein Sommerkind. Das etwas Grünes triumphierend hoch hält.

"Zeig mal!" Ruf ich neugierig. Und vorsichtig, ganz vorsichtig lässt sie ihren Fund in meine Hand gleiten. Es sieht aus wie ein winzig kleine Stück aus dem Rapunzelsalat. Ich schau sie fragend an. 

"Zähl nach!" Sagt sie immer noch außer Atem.

"Äh..." Hilflos schau ich auf das grüne geknautschte Etwas. "Eins?"

"Nee!" Empört pflückt sie es mir wieder aus der Hand und entwirrt es. "Fünf!"

"Fünf?"

"Ja-ha!!" Ungeduldig aber vorsichtig zeigt sie auf einzelne Blättchen. "Das ist kein vier-" Kunstpause. "sondern ein FÜNFblättriges Kleeblatt."

"Quatsch!"

"Zähl nach." Sagt sie gelassen.

Und ich zähle, und siehe: Es waren fünf. Fünf kleine süße Blättchen, eindeutig Klee, und eindeutig zusammen gewachsen. Wow... Fünf Blätter. Die Welt mutiert. Ich sags Euch. Isses der Klimawandel? Wer weiß... Vorsichtig legen wir das Blatt auf den Tisch und bestaunen es. "Wenn DAS kein Glück bringt..." Die Erdnuss schaut sinnierend auf ihren Fund und wendet sich wieder Aufregenderen Sachen zu. Ich hab zwar nichts Aufregenderes, aber doch Anderes zu tun, und so kam es dann folgendermaßen.

Am nächsten Tag liegt ein trockenes hellgrünes Häufchen auf dem Tisch. Vorsichtig nähere ich mich dem Schatz, und als ich ihn in die Hand nehme, besteht er nicht mehr aus fünf Blättern, sondern aus dreihundert Krümeln. Mist. Futsch ist das kleine mutierte Wunder. Mistmistmist.

"Erdnuss?" 

"Ja-ha?"

"Dein Kleeblatt..."

"Ja-ha?"

"Ich glaub es ist futsch..."

"Zeig mal."

Fachmännisch beschaut sie sich den graugrünen Krümelhaufen auf meiner Hand. Sie schaut mich an, mit gerunzelten Augenbrauen, sie denkt kurznach, dann glättet sich ihre Stirn wieder.

"Ach weißt du Mama, das ist nicht so schlimm." Sie wendet sich zum Gehen. Dann dreht sie sich noch einmal zu mir um.

"Es war doch das Finden." Sie nickt mit dem Kopf. "Das Schöne daran war das Finden. Das Behalten ist nicht so wichtig."

Das ist mal wieder etwas, worüber ich lange nachdenken kann. Und das mach ich ja so gern...

 

19.07.2011 um 00:16 Uhr

Durchlässig...

Ich möchte diesen Augenblick nicht wieder vergessen, möchte ihn festhalten und immer wieder Revue passieren lassen, auch wenn er nun schon wieder eine Woche zurückliegt.

Die Erdnuss war zu einer Hochzeit eingeladen. Allein. Als Begleiterin von Justin, dessen Mutter neu heiraten wollte. Das fand die Erdnuss schön, und - wie sie mir kichernd gestand - auch ein bisschen romantisch. Und siehe: Zwei Wochen vorher fragte sie mich mit einiger Verzweiflung, was sie denn anziehen sollte und ob ich ihr denn helfen würde, etwas auszusuchen, was passt.

Das ist jetzt so spektakulär nicht, aber doch ein bisschen. Es war sonst immer selbstverständlich, dass ich Sachen rauslege oder sie spontan unterstütze, wenn sie klamottentechnisch nicht weiterwusste. Aber dieses vertrauensvolle Nachfragen hat mich nun doch gerührt. 

Eine Woche vor der Hochzeit zockelten wir los in ein allbekanntes Bekleidungsgeschäft, um nach Kleidern zu suchen. Wir hatten online schon eine Auswahl getroffen, mussten sozusagen nur noch finden und anprobieren... So stressfrei wurde es natürlich nicht, im Gegenteil, die Stadt war rappelvoll, es regnete in Strömen auf unsere Kapuzen und wir drückten uns an den Häuserwänden entlang. Und doch. Irgendwas war anders. Sie nörgelte nicht, sie wusste irgendwie genau, was sie wollte und sie wusste auch, dass sie mich dazu brauch. Vor dem Spiegel in der Kabine fragte sie mich bei jedem Kleid um Rat. 'Findest du, dass es hier zu eng ist?' 'Findest du, dass die Farbe zu meinen Haaren passt?''Darf man weiß tragen auf einer Hochzeit?' 'Was meinst du zieht der Justin an?' usw usf

Wir entschieden uns dann gleich für zwei Kleider. Ein grau weiß gepunktetes und ein wunderschönes weißes mit blauen und rosa Blumen darauf. Wie die Erdnuss selber sagte, passte das Graue besser zu den Ballerinas und das Weiße besser zur Strickjacke, alles Weitere konnten wir ja an dem Tag entscheiden.

Und dann kam er, der große Tag ihres ersten Dates. Sie soll um 10 Uhr da sein. Um Halb neun unter der Dusche wäscht sie sich sorgfältig die Haare und lässt sie freiwillig von mir föhnen. Und wie sie da steht, halb nackig mit der gepunkteten Unterhose, den Blick aufmerksam in den Spiegel auf mich gerichtet, ein süßes kleines Lächeln in den Mundwinkeln, ach, ich kanns nicht erklären, das war so sie, so sehr meine Erdnuss, so ganz... ich find kein Wort, so... ...greifbar irgendwie...

Wir entscheiden uns für das weiße Glockenkleidchen mit den Blumen. Zauberhaft mit den Schleifchen auf den Schultern. Mir fällt noch schnell ein, ein bisschen Schmuck vorzuschlagen. Strahlend lässt sich die Erdnuss die silberne Kette mit den Freundschaftsanhängern umbinden. Wir entscheiden uns beide gegen ein Armband.

"Machst du mir französische Zöpfe?"

"Klar..."

Ich fange an Haare abzuteilen und zu verflechten. Sie hält mucksmäuschenstill, befühlt ab und zu ihre Schläfen und lächelt. Dann rennt sie zum Spiegel. 

"Schööön." Sie freut sich und ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich mitgefreut habe. Nachdem nun alles fertig war, wage ich gar nicht nach dem Strohhut zu fragen. Ob sie den nun noch auf die perfekte Frisur setzen will?

"Klar!" Die Erdnuss schaut mich entrüstet an und setzt grinsend den Hut auf. "Der gehört doch zu meinem Outfit!"

Und in dem Wort Outfit liegt so viel Stolz und Freude an der Situation...

Wie schön ist das doch, wenn man solche Gefühle teilen kann. Als sie aus der Tür war, musste ich erstmal tief durchatmen, so sehr habe ich ihr Glück mitgenossen...

Leider ist es mit Ungück genauso. Nee. Nicht leider. Es IST eben mit Unglück genauso. Und das Glück wäre nicht so tief und vollkommen, wenn man eben nicht in GENAU demselben Maß mitleiden würde...

16.07.2011 um 00:52 Uhr

Zeugnis-Schneugnis-Po-Peugnis

Heute war Zeugnistag. Da die Erdnuss allen Fragen wie 'Bist du aufgeregt?' oder 'Weißt du schon, welche Noten du bekommst' mit einem gekonnt lässigen Schulterzucken begegnete, meist begleitet von einem 'Mir doch egal, was weiß denn ich?', hatte ich ihn heute morgen vergessen und dementsprechend dem Ranzen auch keine erforderliche Prospekthülle beigelegt, woran mich Cathrina einen Tag zuvor noch eifrig erinnert hatte.

Zehn Minuten also, nachdem die Erdnuss das Haus verlassen hatte und ich ihr dem Tag auf keinen Fall angemessen gesagt hatte, dass ich sie gegen halb drei von der Nachmittagsbetreuung abholen würde, fiel es mir siedend heiß wieder ein: Zeugnistag! Dass der eine Woche vor Schulferienbeginn anberaumt war, ist komisch, und warum, wusste auch keiner so recht, jedenfalls: vergessen.

Ich grübelte also gerade hin und her (unter anderem ergrübelte ich, dass es doch SEHR gluckenhaft ist, ihr eine Prospekthülle in den Unterricht nachzureichen, und verwarf die Idee sofort wieder), ähm, wo war ich, achso, ich dachte also nach, wie ich dem Tag würdig begegnen könnte, wie ich die Erdnuss direkt von der Schule abholen könnte und was wir dann schönes machen könnten, da klingelte Punkt 7 Uhr 45 mein Telefon.

Kristina.

Göttliche Kristina.

Wie schön.

"Hallo! Ich wollt mal fragen, ob wir die Mädels von der Schule abholen sollen und vielleicht dem Zeugnistag zu Ehren ein Mittagessen zusammen einnehmen könnten?"

"Ooooh, wie schöööön." war meine spontane und freudig erregte Antwort.

Kristina lacht. "Na, das find ich aber gut, dass dir meine Idee gleich so gefällt."

"Ja. Ich hab GERADE EBEN gedacht: Huch ist ja Zeugnistag, was KÖNNTE man denn nur schönes und angemessenes machen, da rufst DU an.

"Ha!" Kristina lacht schon wieder. "Das ist ja geistige Verwandtschaft!"

"Ja, klingt so, wa?" sag ich betont beiläufig, strahle aber über alle Backen. Geistige Verwandtschaft! Mit MEINER Kristina! Zu schön um wahr zu sein, ich krieg mich kaum noch ein.

Wir verabreden uns an der Schule und legen auf. Minuten später fällt mir ein, dass ich ja auch was beitragen will, ich denk mir, dass ich den beiden Mädels ein kleines Präsent kaufen könnte. Zwei kleine Schultüten, vielleicht... Mit Krimskrams udn Gekruschel. Ja, das wär was, aberob wohl Kristina damit einverstanden ist, ob sie vielleicht selbst etwas vorbereitet hat, ob sie etwas gegenSüßigkeiten hat, ob, ob, ob? Ichgreif also wieder zum Hörer.

"Hallo Sunny!" Gut gelaunt und beschwingt lacht Kristina ins Telefon.

"Ähm, ich hab mir überlegt, den Mädels zwei kleine Schultüten zu packen. Ein bisschen Süßigkeiten und Gekruschel? Ok für dich?"

"Gekruschel?" Kristina stammt aus dem Norden, wo soll sie den Begriff Gekruschel her kennen?

"Ähm, Gedöns, Dönekens, ähm..."

"Mh?"

"Krimskrams?"

"Ahhh! Krimskrams!"

"Genau!"

"Find ich gut!"

"Super!"

"Sag mal, wenn wir keine EInsA-Muttis sind" Kristina legt das gleiche Maß an Belustigung in das Wort 'Muttis', wie ich es empfinde. "dann weiß ich es aber auch nicht."

"Jawoll!" Ich freu mich wie Bolle. "EinsA-Muttis, das sind wir wirklich!"

"Bis später dann!"

"Ja, bis später!"

Und wat war das schön! Mit umgeschnallter Hummel und den gepackten Schultüten steh ich an der Schule. Die Erdnuss kommt mit einem breiten Grinsen aus der Shcule gerannt. Sie knutscht die Hummel, schmeißt mir ihren Ranzen vor die Füße, umarmt mich. "Du wolltest mich doch erst nachmittags abholen!" "Tja, siehste, Überraschung!" "Tja, siehste, ich habe AUCH eine Überraschung!" "Ehrlich?" "Ja-ha!" Die Erdnuss strahlt. Ihre Augen leuchten und funkeln wie verrückt. Cathrina steht daneben und grinst mit ihren Zahnlücken, als gäbs kein Morgen mehr. Von hinten kommt Kristina, wie immer elegante 5 min zu spät, um die Ecke gerannt. Großes Geknutsche udn Gedrücke. "Ich habe SIEBEN Einsen!!" platzt es aus der Erdnuss heraus. "Und ICH AUCH!" kreischt Cathrina.

Tja. Was soll ich sagen. Beide Klassenbeste. Gibts denn sowas? Identisches Zeugnis. Später nach dem Essen lesen Kristina und ich glucksend die Zeugnistexte vor.

"Habt ihr auch 'Differenzierten UND gewandten' Sprachgebrauch?"

"Ja haben wir, aber ist Cathrina auch eine begeisterte Leserin?"

"Aber ja, und sie "beachtet schon erste Sprachkriterien".

"Mist! Das "versuchen" wir erst."

Wir lachen und kichern und ich fühl mich einfach wohl. Cathrina und die Erdnuss hüpfen auf dem Trampolin, die Sonne scheint. Die anderen drei Kinder sind so zuckersüß, alles ist schön. Alles ist so schön, dass ich erst im Nachhinein gemerkt habe, dass ich die Selbstbeobachtung vollständig eingestellt habe.  Ich war ganz ich selbst, und wie immer, wenn ich ganz ich selbst bin, wird mir ein bisschen unheimlich zumute, aber es hilft nix, da muss ich jetzt durch. Wer nichts wagt...

Am Ende drängt mir Kristina noch Geld für die Schultüte auf. Sie hält mir einen 50Euro-Schein hin und sagt: "Ha! Wenn du DEN wechseln kannst, dann haben wir den Tag sowas von elegant rumgebracht, als hätten wir ihn monatelang geplant..."

"Ha!" Ruf ich begeistert und halte Kristina 40 Euro vor die Nase. "Wenn das nicht perFEKT ist, mh?"

"Ich bin baff!" Kristina grinst.

Ja. Ich auch.

Gute Nacht.

Was für ein schöner Tag!

08.07.2011 um 16:43 Uhr

Bad Cop Mama

Wir hatten so eine schöne Verteilung. Der Papa schimpft, die Mama lächelt verständnisvoll.Der Papa sagt STOPP und die Mama sagt 'ach noch ein bisschen'. Der Papa sagt Nein und die Mama tröstet.

Nicht immer. Aber meistens. Und es hat gut funktioniert.

In letzter Zeit merke ich, wie sie auch bei mir die Grenzen sucht, testet, ausmanövriert.

Und das ist anstrengend, weil ich mir zwar so oft wie möglich Zeit für sie nehme, aber diese immer abzwacke vom Hummelchen. In einer Stillpause von zweieinhalb Stunden waren wir im Schwimmbad. Ich weiß, es ist doof, wenn man alles in diese Zeit quetschen muss, aber es geht zurzeit nicht anders. Wir kamen an und begannen, die Zeit zu nutzen. Wir haben uns wie Hulle darauf gefreut, und siehe: Es wurde wunderschön. Arschbombe, Wetttauchen, Rutschen, Sprungturm (das gute, wenn man da oben steht: Man muss schnell runter, wenn man nicht lange angestarrt werden will), Pommes, Eis, Stadtlandfluss, Sonne satt, perfekt, wenn auch eben kurz.

Nach zweieinhalb Stunden also der Hinweis auf zusammenpacken, und rums, da war es vorbei. 

"Das ist UNFAIR!"

Wie sehr ich das Wort 'unfair' inzwischen hasse, habe ich hier noch nie erwähnt. Zähne putzen? Unfair! Hausaufgaben machen? Unfair! Keine Süßigkeiten zwischendurch? Unfair! Morgens Haare kämmen? Unfair! Zimmer aufräumen? Unfair! Das Schwimmbad verlassen?

Sagen wir es gemeinsam: "Unfair!"

Und ich mache den alten Fehler: Ich fange an zu diskutieren. "Es war doch vorher so ausgemacht.", "Zwei Stunden sind doch besser als gar nicht.", "Das nächste Mal bleiben wir länger.", "Wir hatten doch eben noch so viel Spaß.", "Das Hummelchen hat doch jetzt Hunger."und "Ich kann es doch auch nicht ändern."

Erwartungsgemäß hülft nüschte davon. Sie vershcränkt die Arme, zieht eine Schnute, ist durch nix zu bewegen, ihre Tasche zu packen, sie nörgelt und jammert und meckert vor sich hin, unfair kommt sehr häufig in ihren Sätzen vor. Irgendwann isses mir zu doof, ich presse die Lippen aufeinander, sammel Handtücher ein, marschier zum Mülleimer und wieder zurück, stopfe alle restlichen Utensilien in die Tasche und stampfe mit einem "Auf gehts" Richtung Ausgang.

"Mama?"

"Ja-ha?"

"Warum sagst du nichts mehr?"

"Weil ich glaube, dass es keinen Sinn macht."

"wieso?"

"Naja. Ich habe nicht das Gefühl, dass bei dir was ankommt, von dem,  was ich sage."

"Wieso?"

"Ich habe das Gfühl, dass du nur dich siehst, und das kann ich auch verstehen, aber du musst auch meine Seite sehen."

"Wie ist denn deine Seite?"

"Also: Ich möchte supergern Zeit mit dir verbringen und ich freu mich so drauf, wenn es dann klappt. Ich find es auch schade, dass es so kompliziert ist, aber für mich ist es eben auch ein bisschen stressig, mir die Zeit richtig einzuteilen. Und ich fand es so schön mit dir hier und am Ende gibt es nur Nörgelei..."

Die Erdnuss senkt den Kopf.

"Mama?"

"Ja-ha?"

Weinerlich redet sie weiter: "Ich bin so doof."

"Nein bist du nicht."

"Doch! Du gibst dir sooo viel Mühe und ich bin so Scheiße zu dir."

"Hey, du warst nicht Scheiße, du warst enttäuscht. Und das kann ich verstehen."

"Trotzdem! Ich bin voll doof. Sodoofsodoofsodoof!"

So manch einen mag das jetzt rühren, so manch einer mag das jetzt als einsichtige Entschuldigung ansehen, aber ich habe die Taktik zu oft erlebt, dass ich nicht die Strategie erkenne.Wahrscheinlich unbewusst, aber das ich mich jetzt unbehaglich fühle und sie trösten will, kommt schließlich nicht von ungefähr.

Seufzend lass ich mich auf eine Bank sinken. Die erdnuss wird aus ihrer sodoof-Litanei rausgerissen und schaut mich an. "So kommen wir nicht weiter..." sag ich erschöpft.

"Aber ich BIN doch doof."

"Nein bist du nicht, udn ich denke,d as weißt du auch."

Betreten schaut mich die Erdnuss aus den Augenwinkeln an. "Was denn dann?"

"Du bist du. Und ich bin ich. Ich hab manchmal ganz andere Vorstellungen als du. Und wenn wir zusammenleben wollen, was wir ja TUN" mit großen Augen schau ich sie grinsend an. Gottseidank, sie grinst zurück. "..müssen wir Kompromisse finden, und ja, manchmal," Ich hol tief Luft. "manchma-hal muss ich einfach sagen, so wird es gemacht, und nicht anders."

"Weißt du warum ich so ein schlechtes Gewissen habe?"Die Erdnuss schaut mich direkt an, keine Strategie, einfach ganz klar und durchlässig.

"Erzähl!"

"Du bist immer so..." Sie denkt über da richtige Wort nach. "So... Locker irgendwie. Immer so lieb. Du bleibst ganz ruhig, und ich mecker und mecker und dann bleibst du immer noch ruhig."

"Und das macht dir ein shclechtes Gewissen?"

"Ja."

Ich hab das erstmal so stehen lassen und nicht weiter nachgefragt. Aber es beschäftigt mich. Denn es ist tatsächlich so, dass ich (neben der Überzeugung, dass in der Ruhe die Kraft liegt und dass man besser verständnisvoll aufeinander eingeht) auch eben nicht die Böse sein will, nicht diejenige, die sagt Basta-bumms-aus. Aber das muss ich wohl. Wenn ich mich nicht ganz aufreiben will, aber auch, damit Klarheit herrscht und...

Und... die Erdnuss mich eben auch mal doof finden darf.

Mist.

Das gehört eben auch dazu. 

Ist wichtig.

So zum Abgrenzen und so.

Abgrenzen...

Kommt direkt nach Loslassen, wa?

Seufz...