Kleine Erdnuss

06.11.2009 um 08:10 Uhr

uralte ungelöste fragen

in der morgendlichen dunkelheit taumelte ich durch die wohnung. ich hasse es, so früh aufzustehen. es ist nicht meine zeit - ich finde mich nicht. die düsterkeit eines traumes hielt mich noch umfangen, während ich ein pausenbrot zurechtzimmerte, die brotdose klemmte, der käse war alle und der kaffee irgendwie kalt.

ich schlich mich leise in das erdnusszimmer. ich hasse es früh aufzustehen, aber noch mehr hasse ich es, sie zu wecken. schrittchen für schrittchen näherte ich mich ihrem bett. ihre beinchen lugten aus der decke heraus, ein großer verträumter haufen schlaf türmte sich vor mir auf mit blonden verkringelten haaren und leisen schnaufenden geräuschen. 

ich kann nicht widerstehen. ich kletter die leiter hoch und leg mich ein bisschen zu ihr. geb ihr einen kuss und schaue ihr beim erwachen zu. und sie erwacht. sieht mich. lächelt. und umschlingt mich mit ihren weichen armen. "mama?" flüstert sie in mein ohr.

"ja." flüster ich lächelnd zurück.

"was ist wichtiger? herz oder verstand?"

ich mache eine pause und sammel mich. mein impuls ist einfach 'herz' zu sagen. mein impuls ist auch, mich zu wundern, wie man aus dem schlaf heraus so tiefgehende fragen stellen kann. vielleicht aber kein wunder. vielleicht sollten wir gar nicht versuchen uns nach dem aufwachen zu finden. vielleicht sollte man sich dieser halbwelt überlassen und sie einfach annehmen. vielleicht gibt es dort wichtige fragen und antworten zu finden, die nichts mit den terminen und konzepten des alltags zu tun haben.

"ich denke, es ist beides wichtig. sie arbeiten zusammen."

"meinst du, der eine kann nicht ohne den anderen?"

"ja. das meine ich. man kann sie nicht voneinander trennen."

"ja. aber wer ist stärker?"

"das ist unterschiedlich."

"bei jedem anders? oder mal so mal so?"

"oh. das ist auch schwierig. ich kann nur sagen, dass es mir am besten geht, wenn ich auf mein herz höre."

"hört dann dein verstand dem herz zu und dann macht deine hand was?"

"äh... ja? ja. ja vielleicht. so könnte es zum beispiel sein."

"dann ist es vielleicht wie beim körper."

"beim körper?"

"das herz ist da auch wichtiger als das gehirn."

"ach."

"ja. das herz pumpt dem gehirn kraft zu, also blut, nä?, und dann erst kann das gehirn dem körper sagen, was er machen muss."

"ja." ich bin rat- und fassungslos.

"ohne blut kein denken."

"ja." die fassungslosigkeit weicht erschütterung.

"herzblut eben."

"ja. herzblut."

"kann ich haferflocken?"

"ja." 

"mit banane?"

"klar."

ich taumel in die küche. schnippel banane, gieße milch in eine schüssel voller haferflocken und überlege, warum ich versuche mich zu finden, wenn doch alles da ist...

 

 

31.10.2009 um 14:20 Uhr

email an die maus

libemaus  warom  waksen  di  mandarinen  so  in stöken  geteilt?  bei  einem  apfel istdas  nicht  so.  untbei  der  manderine  doch 
di  apfelsine  est  eine  enleche  opst  sote  wal  si  auch so enstöken geteiltsent unt wist ir auch warom ich das gefrakt habe wal ich di manderinen sogerne mak unt wir haben auch in unsa küche gans file manderinen unt wir haben sofile mnderinen in der küche das esfast eine überswemun gipt
unt üpregens mak ichdimaus ser gerne wal si ser lu sdich ist unt noch filesfiles mer sum bei spil ist si ser slau unt darum hofe ich das si meine frage beantwoten kan unt noch file grüsedeine erdnuss

 

Ich bin fassungslos. Wenn man einmal nicht hinguckt...

30.10.2009 um 10:18 Uhr

alt und neu

Langsam zerbröselt die Erdnuss ihr mühselig gebautes gelbes Legoflugzeug. Sie gibt mir schweigend die größeren Teile, damit ich sie in die aberwitzig winzigen Einzelteile weiter zerlege. Wir arbeiten stumm nebeneinander im schwindenden Licht des Herbstnachmittags und gehen unseren Gedanken nach.

"Es ist ein komisches Gefühl," die Erdnuss bricht leise das Schweigen, "irgendwie wie verkehrte Welt."

Ich weiß genau, was sie meint. Eine Woche zuvor haben wir zwei Stunden damit verbracht, das Flugzeug zu bauen. Jetzt soll ein Hubschrauber daraus werden. Der Weg ist das Ziel... Ich nicke und summe ein "Mmh-mmh"

Sie fährt fort: "Es hat so lange gedauert, das hier zu bauen. Und jetzt? Nehmen wir es auseinander."

Einig schweigend bröseln wir weiter.

Die Erdnuss schnaubt plötzlich in einer Mischung aus Überraschung und Belustigung. "Dabei ist es ganz natürlich." Sie zuckt mit den Schultern und führt eine dieser einstudierten altklugen Bewegungen aus, die so lange noch kindlich wirken werden, wie sie einstudiert sind. "Wenn man etwas Neues schaffen will..."

Sie reicht mir das Heck.

"...muss man eben manchmal etwas Altes kaputt machen."

11.10.2009 um 10:29 Uhr

Man hört nur mit dem Herzen gut.

"Mama?"

...

"Maaaaaamaa!"

...

"Mama-ha?"

...

"MAAAAAMAAAAAAAAAAAA!"

"JA-HA!" brülle ich laut aus dem Badezimmer, die Waschmaschine läuft, ich flitze zwischen kleinen Klamottenhäufchen durch die Wohnung, die ganz kurz aufblitzende Sonne zeigt mir, dass die Fenster dringend mal wieder geputzt werden müssten bzw. dass die letzte Putzaktion richtig peinliche Streifen hinterlassen hat, in der Küche steht der Putzeimer in einer Pfütze, die sich aus dem kleinen Riss langsam und stetig ausbreitet, der Esstisch ist übersät von Quittungen, Zeitschriften und kleinen Papierchen, von der halbgepackten Riesentüte mit der Sommerkleidung mal ganz abgesehen, und der Ruf "Mamaaa!" übertönt die Fußballberichterstattung aus dem Radio.Kurz: Stress. Genauer: Haushaltsstress, und ich weiß nicht, ob ich schon erwähnte, dass ich in der Haushaltbewältigung ungefähr zwischen 3- und 4+ angesiedelt bin. Inzwischen ist es noch nicht mal mehr Bocklosigkeit. Ich habe viel Lust auf eine sauber Wohnung. Ich bin nur einfach völlig unbegabt.

"KOMMST DU MAAAAAAAAL?"

"WAS DENN?" Meiner Stimme ist anzumerken, dass jetzt aber auch wirklich etwas sein muss. Was wichtiges. Was richtig wichtiges.

"ICH WILL DIR WAS ZEIJJJJ - GEN!"

"Ich komme!" Genervt stapfe ich quer durch den ungemachten Haushalt in ein bunt zusammen gewürfeltes Kinderzimmer, wo mir die Erdnuss etwas schüchtern (sie kennt meine Stimmung) ein paar zusammengetackerte Blätter überreicht. 

"Ich habe etwas geschrieben." brüllt die Erdnuss. Sie brüllt, weil sie meinen alten MP3-Player geschenkt bekommen hat, den sie aber nur mit diesen überdimensionalen gepolsterten Kopfhörern hört. Sie sieht so süß aus mit den schwarzen Riesenohren und dem kleinen runden Gesichtchen darunter. "Magst du es lesen?"

Bumms. Die Stimmung schlägt um. Gerührt nehme ich die Blätterchen entgegen und richte mich auf einen kleinen Satz ein. Es waren aber mehrere Sätze, ich brauche meine Zeit, um sie zu entziffern und sie treffen mich mitten ins Herz. Ich schau sie an. Tränchen steigen mir in die Augen. "Das ist wunderschön." sag ich. "Ja." sagt, äh brüllt die Erdnuss, "das habe ich gedacht und aufgeschrieben. Und jetzt möchte ich dir NOCH was zeigen!"

Alles. Alles kann sie mir zeigen. Ich hab Zeit. Ich hab alle Zeit der Welt. Gemütlich lasse ich mich auf ihrem Hochbett nieder, während die Erdnuss in hektischen aber zielsicheren Bewegungen zu tanzen anfängt. Sie bewegt ihre Arme wie ein Rapper, lässt ihre Füßchen wirbeln und  hüpft in einem Rhythmus, den ich nicht hören kann, auf und ab. Irgendwann zeiht sie umständlich den Kopfhörer ab und stellt fest: "Du kannst die Musik gar nicht hören, oder?" Ich lächel. "Doch." sag ich. "Ein bisschen schon." Sie nickt fachmännisch. "Ein bisschen ist nicht genug." Ihr CD-Recorder wird angeworfen, eine Plastikpalme zum Mikro umfunktioniert und dann geht es los.

Sie tanzt, tanzt und singt laut in die gelbgrüne Plastikpalme, sie wackelt mit dem Po, schmeißt die Arme in die Luft und zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger in alle vier Ecken ihres Zimmers. Sie rennt zur Leiter des Hochbetts, lässt sich schwingen, klettert ganz hoch, schmeißt mir Kusshändchen zu und springt und swingt weiter. Es ist das schönste Musikvideo, was ich je gesehen habe.

Was stand in dem kleinen gebastelten Büchlein? Die folgende Wahrheit:

DAS IST EINE GESChIHCDE ÜBA LIDA MEISTENZ IST MAN SER GLÜKLIH WEN MAN MUSIK HÖRT ÖGENTWI HAT MAN EIN GUTES GEFÜL UNT MAN HT ÜBAHAUPT KEINE ANST DAROM IST MAN SER GÜKLEHC WEN MAN MUSIK HÖERT MEISTEN WEN MAN SUSAMEN IST.

Und das lass ich jetzt unkommentiert hier stehen...

 

 

04.10.2009 um 21:12 Uhr

Grenzen...

Es begab sich vor ungefähr sechseinhalb Jahren, als die Erdnuss noch ein winzig kleines Würmchen von vier Monaten war, da gingen wir spazieren. Vater Mutter Kind im beginnenden Frühling. Sie war ducrh nichts dazu zu bewegen grade in ihrem Kinderwagen zu liegen, also waren wir dazu übergegangen, sie entgegen der Hinweise in Broschüren udn Ratgebern ein bisschen erhöht zu setzen.

Sie schaute uns an. Ernst. Mit wissender Abschätzigkeit. Sie hielt unseren Blicken stand. Minute um Minute. Ihr fester Blick wanderte von ihrem Vater zu ihrer Mutter. Sie registrierte. Verarbeitete. Ordnete ein. 

Dem Vater dieses zauberhaften Kindes ist damals ein Seufzer entschlüpft. "Sie ist uns haushoch überlegen." hat er gesagt und mich bedeutsam angesehen. Ich wusste genau, was er meinte. Und bei dem heutigen Dialog beim Abendessen musste ich wieder daran zurückdenken.

"Essen Schweine wirklich alles, Mama?"

"Ja. Schweine sind Allesfresser."

Die Erdnuss zuckt mit den Schultern. "Das glaub ich aber nicht Mama."

"Es ist aber so."

"Essen die denn auch Eisen?"

"Naja. Die essen eben alles, was man essen KANN. Nahrungsmittel eben."

"Und Holz?"

"Holz ist kein Nahrungsmittel."

"Und was ist mit Holzwürmern."

"Naja," jetzt hilft nur noch Rausreden, "die essen ja auch nicht wirklich Holz, die essen dieNährstoffe aus dem Holz, so wie ein Regenwurm, der ja auch nicht die Erde frisst, sondern Schädlinge darin. Äh..."

Besonders mein 'Äh' fand ich sehr überzeugend. Die Erdnussschaut mich völlig indigniert an.

"Regenwürmer? HÄ?"

"Naja. Der Regenwurm scheidet die Erde ja wieder aus. Behält nur die Nährstoffe in sich."

"Wie der Holzwurm?"

"Äh, ja." (Glaube ich. Glaube ich zumindest.)

"Dann," die Erdnuss grinst und stößt zufrieden ihre Gabel in ein Stück Fischstäbchen. "essen wir auch keine Fischstäbchen." Triumphierend lässt sie das Stück Fisch in ihrem Mund verschwinden.

Sprachlos schaue ich sie an. Sie zwinkert mich an. Sie wagt es mich anzuzwinkern, nachdem sie mich nach allen Regeln der Kunst verbal ausgeknockt hat.

Ich stammel noch irgendwas von Verdauung, aber es ist nicht besonders klug.

Haushoch überlegen. Wir werden weiter sehen...

 

 

 

 

30.09.2009 um 00:11 Uhr

Ich zähl bis drei.

Von "Ich zähl bis drei." kann man halten, was man will. Bei der Erdnuss hat es immer geklappt. Mal spielerisch, mal ernst, mit eins, zwei und ..., kam ich immer weiter, wobei ich nie drei sagen musste, vielleicht weil ich einmal konsequent bei drei den Spielplatz verlassen oder tatsächlich nix mehr vorgelesen habe, ich weiß es nicht mehr.

Letztens kletterte sie auf mir herum. Das war lustig, das war toll, aber irgendwann wurde es mir zu viel - ich sagte: "Erdnuss, geh mal kurz runter von mir." "Nee-hee." war die kichernde Antwort. "Ich mein es Ernst," lache ich. "Na-hein. Meinst du nicht." "Bitte, Erdnuss, geh runter. Das ist jetzt echt zu viel." "Zu vie-hiel, po-pie-hil." (Habe ich den positiven Einfluss der Schule eigentlich schon erwähnt?) Jedenfalls denk ich genug jetzt und spreche die Zauberformel: "Ok. Ich zähl bis drei. Eins, zwei und..." Sie verharrt. Man spürt ihre Anspannung, aber sie bewegt sich keinen Millimeter. "Drei." sage ich, selber etwas verblüfft.

Wir schweigen eine Weile andächtig. Sie auf meinem Schoß mit dem Rücken zu mir. Irgendwann dreht sie sich vorsichtig zu mir rum und griemelt: "Mama?" "Ja-ha?" "Das war das erste Mal, dass ich bis drei abgewartet habe."

"Ja." Ich muss lächeln. Aber ich fühl mich auch ganz seltsam.

Wir schweigen wieder.

Plötzlich kicher ich: "Und? was ist passiert?"

"Nichts!" quiekt sie vergnügt.

Jetzt muss ich richtig lachen. "Genau. Was soll denn auch passieren?"

Wir lachen so sehr, dass wir umfallen. "Es könnte BUMM machen!" japst sie. "Ja oder die Welt könnte untergehen." "Hahahaha, die WELT könnte untergehen." Die Erdnuss ist außer sich und hält sich den Bauch, genau wie ich. "Bei Drei," -kicher- "geht die We-he-helt"-prust-"unter"

Wir kugeln uns gackernd auf dem Boden, zählen dramatisch bis drei und machen bedeutsame Pausen, beobachten das harmlose Nichts und freuen uns, dass wir vor nichts in der Welt Angst haben müssen, was man nicht sehen, hören, anfassen, schmecken oder riechen kann.

Eins, zwei und...

drei.

[...]

*kicher

 

20.09.2009 um 19:37 Uhr

Vergleiche hinken...

Es hat so schrecklich lang gedauert, bis wir uns aufraffen konnten heute. Geplant war eine Fahrradtour. Nur ich und die Erdnuss. Die Trödelei schien kein Ende zu nehmen. DIe Erdnuss lümmelte auf dem Sofa , ich wischte lustlos in der Küche rum, packte mal hier und da ein Teil fürs Picknick ein und die Zeit zog scih in die Länge. Keiner von uns wollte so richtig los. Warum verzögert man nur schöne Dinge? Aus Angst vor Enttäuschung? Weil es Kraft kostet zu starten? Aus mangelndem Vertrauen? Mangelnde Energie? Isch weeses nit, irgendwann sprach ich ein Machtwort, stemmte mich gegen den inneren Schweinehund und gegen den der Erdnuss und irgendwann riss sie diese waberige Hülle aus Faul- und Unentschlossenheit. Schon auf der kleinen Straße vor unserem Haus streichelte uns der kühle Wind, die Sonne ließ den blauen Himmel strahlen, die Bäume rauschten in unseren Ohren und wir grinsten uns fröhlich an. "Macht Spaß, nä, Mama?" "Ja!" strahl ich zurück. Und wir treten in die Pedalen, immerzu gradeaus, genießen den Fahrtwind, Schatten, Sonnenflecken, Kastanien auf dem Boden, glitzerndes Wasser neben uns, und wir fahren vorbei an den vertrauten Plätzen, wo wir sonst Rast machen, in unbekannte Gefilde, an schicken Restaurants vorbei, die ich allesamt noch nicht kannte, Wiesen, Hügel, bunte Schirme, irgendwann wird der Weg schmaler, die Büsche dichter, die Bäume höher, die Gegend wilder und plötzlich öffnet sich das Dickicht und wir sehen ihn, bestaunen den Riesensandstrand, der sich vor unseren Augen breit macht.

Er ist wirklich riesig. Flach geht es ins Wasser. Tausende von Muscheln liegen herum. Einige Weiden sorgen für Schattenplätze und ich kann unser Glück kaum fassen.

"Oooooh" entfährt es mir. "Das ist wie im Paradies."

Die Erdnuss seufzt. "Das IST das Paradies."

"Ja. Das stimmt."

Wir rennen ausgelassen durch den Sand zum Wasser. Weich umspült es unsere Füße, die Sonne glitzert auf den Wellen, ein Krebs wird angespült und wir retten ihn, indem wir ihn wieder zurück ins Wasser bringen. Dann Picknick, dann Sandburg, dann Klettern auf den Felsen. "Wie im Urlaub." stelle ich fest, als wir wieder zurück zum Wasser laufen. "Wir haben Urlaub!" lächelt die Erdnuss. "Stimmt. Es fühlt sich an, als wären wir am Strand." Jetzt schaut mich die Erdnuss fassungslos an. "Mama!" Ihre Stimme klingt entrüstet. "Das IST ein Strand."

Wie Recht sie hatte. Und wie bescheuert, dass wir Großen immerzu Schubladen brauchen, um festzumachen, wo wir gerade stehen...

Wir hatten Urlaub heute, wir waren am Strand. Wir waren im Paradies.

Einfach mal eben so.

16.09.2009 um 18:00 Uhr

nicht genug

ich kann immer noch nicht genug bekommen von diesen kleinen menschen, wie sie mit ihren riesenranzen die treppe hocheiern. ich kann mich noch dran erinnern an diese ersten schultage, an das gewusel, den geräuschpegel in dem großräumigen treppenhaus, alles war riesig und unübersichtlich und mit jedem tag wuchs der stolz darüber, dass ich mir eine kleine ecke mehr erearbeitet habe, mich sicherer fühle, die toiletten finde und die turnhalle..

es war auch eine zeit der unsicherheit, eine unsicherheit, die ich einfach so hinnahm, die ich nicht in frage stellte, weil ich sie nicht in frage stellen konnte. 

die erdnuss liebt die schule, sie liebt den unterricht, liebt ihre lehrerin. auf dem bild in der lokalpresse strahlt sie in die kamera, selbstbewusst und stolz.

und ich kann nicht genug kriegen von dem bild, wie sie mit ihren riesenranzen die treppe hocheiern, selten, ganz selten dreht die erdnuss sich um und grinst mich noch mal an..

in die wehmut mischt sich stolz, stolz über den wippenden zopf, die unabhängigkeit, den mut und die begeisterung.

das ist, das spür ich ganz genau, der anfang von ihrem ganz eigenen weg. und das ist wunderschön. ich lerne zwei dinge, die mir stets extrem schwer gefallen sind: geduld und vertrauen.

mensch...

 

16.09.2009 um 08:25 Uhr

nicht genug

ich kann immer noch nicht genug bekommen von diesen kleinen menschen, wie sie mit ihren riesenranzen die treppe hocheiern. ich kann mich noch dran erinnern an diese ersten schultage, an das gewusel, den geräuschpegel in dem großräumigen treppenhaus, alles war riesig und unübersichtlich und mit jedem tag wuchs der stolz darüber, dass ich mir eine kleine ecke mehr erearbeitet habe, mich sicherer fühle, die toiletten finde und die turnhalle..

es war auch eine zeit der unsicherheit, eine unsicherheit, die ich einfach so hinnahm, die ich nicht in frage stellte, weil ich sie nicht in frage stellen konnte. 

die erdnuss liebt die schule, sie liebt den unterricht, liebt ihre lehrerin. auf dem bild in der lokalpresse strahlt sie in die kamera, selbstbewusst und stolz.

und ich kann nicht genug kriegen von dem bild, wie sie mit ihren riesenranzen die treppe hocheiern, selten, ganz selten dreht die erdnuss sich um und grinst mich noch mal an..

in die wehmut mischt sich stolz, stolz über den wippenden zopf, die unabhängigkeit, den mut und die begeisterung.

das ist, das spür ich ganz genau, der anfang von ihrem ganz eigenen weg. und das ist wunderschön. ich lerne zwei dinge, die mir stets extrem schwer gefallen sind: geduld und vertrauen.

mensch...

 

25.08.2009 um 22:27 Uhr

Am Anfang war das Ei

Nachdenklich habe ich gerade die fünf gekochten Eier in den Kühlschrank geräumt. Nachdenklich, weil die Erdnuss sich ein gekochtes Ei für die Schule gewünscht hat. Statt dem Wiener Würstchen, das ich ihr verweigert habe. Leilah hat immer ein gekochtes Ei dabei. Ich habe gelacht. "Und sie schält das dann in der Frühstückspause?" Kichernd machte ich die entsprechenden Handbewegungen. "Oh ja!" Die Erdnuss schaut begeistert. Liebevoll klopft sie ein imaginäres Ei auf und piddelt unsichtbare Schalenstückchen auf den Tisch. "Kann ich auch ein Ei haben für morgen?"

Ich öffne den Kühlschrank, begutachte die Eierkiste. Noch sechs Eier und bis zum 4. September haltbar. Nuja, dann koch ich sie halt. Gekochte Eier kann man immer mal gebrauchen. Und sei es eben für die Brotdose, warum nicht, wenn es der Erdnuss doch so gefällt.

Als ich diese Eier im Kühlschrank verstaute, dachte ich plötzlich an Nintendos, an Handies, an kleine Spielzeugfiguren von XY oder Z, an... Tja, an was? Da wird noch so viel kommen. Eier kochen. Eine meiner leichtesten Übungen. "Kann ich ein Ei?" "Klar, kannst du ein Ei. Wieso solltest du kein Ei können?" Aber wo führt das hin? Erst koch ich Eier, dann muss ich mich am Kiosk und bald beim Kaufhof an der Kasse anstellen. Hinter jedem zweiten Schulutensil auf unserem schlauen Zettel stand "Markenware", es ist ja noch nicht mal so, dass ich Unterstützung vom System bekomme...

Am Ende wird mich die LEhrerin fürs Eierkochen kritisieren. Vielleicht SOLLEN gar keine Eier mitgebracht werden. Am Ende ist aber der Radiergummi nicht gut genug, oder der Spitzer?

Hab ich erwähnt, dass ich müde bin? Merkt man, dass ich keinen einzigen zusammenhängenden Gedanken hinbekomme? Ja, merkt man, ne? Wenn ich JETZT ins Bett gehe, bekomme ich siebeneinhalb Stunden Schlaf. In einer Stunde sind es nur noch sechseinhalb. Und zu meiner Lieblingszubettgehzeit an sind es nur noch 5. Und zu wenig Schlaf macht dick. Dann hab ich DIE Entschuldigung. Mein Kind ist jetzt in der SCHULE, meine Fettleibigkeit ist dem SCHLAFMANGEL geschuldet.

Schön.

Dann räum ich jetzt die Eier wieder aus dem Kühlschrank und mach Eiersalat. Wie macht man bloß Eiersalat? Viel Mayo, oder? Und dann sind se weg, die Eier, und dann gibt es morgen mal eins und danach nur noch in ab-so-lu-ten Ausnahmefällen.

Nintendo, Handies, wo kommen wir denn da hin? 

Mh?

Und alles nur, weil die Leilah immer ein gekochtes Ei in der Schule mithat. Es INTERESSIERT mich nicht, was die ANDEREN haben...

Ich üb schon mal...

24.08.2009 um 22:10 Uhr

Fragen über Fragen

Ich, Sunnysightup SPunkt, habe am Mittwoch, den 19.08.2009 um 15.30, alles verkehrt gemacht, was eine Mutter nur verkehrt machen konnte.

Als ich die Erdnuss am Morgen, (ey sagt mal, wie kommt man eigentlich auf Dauer mit SO einer Uhrzeit klar, he?) ins Schulhaus laufen sah, liefen sie, die Tränen. Ich dachte, ich hätte sie alle vergossen, am Vortag, in der Kirche, in der Aula, auf dem Schulhof, zuhause, im Schwimmbad, ja sogar im Reptilienhaus, wo die Erdnuss unbedingt hinwollte, stieg mir nochmal das Wasser inne Augen.

Genug, dachte ich, aber nöööööööö, da rannen sie wieder die Wangen herab, fertig, ich war fertig mit der Welt. Achim, der überaus nette Mann von Kristina (naa? erinnern wir uns?) textete wie verrückt auf mich ein, während ich mehr oder weniger verstohlen mit dem Handrücken in meinem Gesicht rum wischte. Er merkte nüscht, typisch Mann, was war ich froh, dass wir von DIESEM Elternteil Cathrinas begleitet wurden.

Im Büro saß ich da. Dumdidumdidumdidum. Viertel vor Neun. Jetzt ist die erste Stunde rum. Neun Uhr fünfunddreißig. Jetzt ist große Pause. Elf Uhr fünfunddreißig. Übermittagsbetreuung. Dreizehn Uhr. Mittagessen. Vierzehn Uhr. Hausaufgabenzeit. Fünfzehn Uhr. Ich stürme haltlos aus dem Büro.

Schweißüberströmt komme ich am Hort an. Ich schmeiß mein Fahrrad ins Gebüsch (kein Witz) und renne fast über das Gelände. Die Erdnuss kommt mir mit einem schlecht gelaunten Flunsch entgegen. "Was ist los?" frag ich alarmiert. (Alarmiert? Hä? Warum? Sie ist halt schlecht gelaunt...) "Sag ich nicht." Ok, das kann ich grad so stehen lassen. Aber dann geht es mit mir durch. Ich arbeite mich von "Wie wars?" bis hin zu "Wie sind denn die Kinder in deiner Klasse?"  über "Hat die Lehrerin die Hausaufgaben kontrolliert?" und (das ist mir jetzt ziemlich peinlich) "Was hat sie denn zu den Hausaufgaben gesagt?".

Die Erdnuss hatte brilliante Hausaufgaben gemacht. Sie sollte ALLE Wörter aufschreiben, die sie kennt. Und das waren so viele, dass sie EINE Stunde daran gesessen hat, obwohl ich sie immerzu bremsen wollte. Und sie hat TOLLE Wörter geschrieben, z.B. POLISIE und KESTE und BAOM und HAOS und ZEDE (wer rausfindet, was letzteres heißt, bekommt einen Lutscher) - und da wollte ich natürlich direkt mal wissen, ob das ein Sternchen oder ein Bienchen oder was weiß ich, was es inzwischen anstelle einer EINS gibt, gegeben hat.

Erwähnte ich schon, dass mir mein Verhalten peinlich ist? Mir war es auch in diesem Moment peinlich, aber ich KONNTE nicht anders. Während die Erdnuss "ja", "nein" und "vielleicht", wahlweise "will ich nicht sagen" oder "muss ich dadrüber reden?" hinausschnodderte, kriegte ich mich vor lauter Sorgen nicht mehr ein, und fuhr fort mit meiner Fragenkanonade. Peinlich. Ich kann es nicht oft genug sagen. Achja: Verkehrt. Absolut verkehrt. Und das wissentlich...

Irgendwann kippte die Stimmung ins Ungute. Die Erdnuss schmollte auf dem Sofa, ich schmollte am Esstisch, den Ranzen sollte ich gar nicht aufmachen und das schicke orangene Käppchen für die Ersklässler war verloren gegangen, irgendwo im Nirwana oder im Ranzenfach in der Schule.

Shit.

Ich versuchte, wieder in meinen Körper zurückzukehren, es war schlimm, mich bei all diesen Fehlern zu beobachten. Manche sagen: Ich komme nicht aus meiner Haut. Ich kam nicht wieder in sie zurück. Irgendwann gelang es mir. Ich sagte einen authentischen Satz, ach quatsch ganz viele, nämlich die Folgenden: "Erdnuss. Es tut mir Leid. Ich weiß, dass du müde bist. Ich weiß, dass du nicht reden willst. Ich versteh das. Aber versteh auch, dass ich so neugierig bin. Ich WEISS doch noch gar nichts über eure Schule." Misstrauisch linst mich die Erdnuss über das Sofakissen an. "Und weißt du," fahre ich fort, "ich möchte doch nur, dass du glücklich bist. Und dann frag ich, um rauszufinden, wie es dir geht."

"Du willst, dass ich glücklich bin?" Ernst schaut die Erdnuss hinter dem Sofakissen hervor. 

"Ja." antworte ich voller Inbrunst.

"Oh, dann habe ich einen Tipp für dich." Ein Griemelgrübchen erscheint in ihren Wangen. Was freue ich mich über dieses Griemelgrübchen.

"Was für einen Tipp?" frage ich nichts ahnend.

"Stell einfach nicht so viele Fragen." Lachend versenkt die Erdnuss diesen Treffer. 

Der saß. 

Am nächsten Nachmittag sind wir schweigend nach Hause gelaufen. Freitag lachte sie wieder auf dem Nachhauseweg. Schule war nur noch zufällig Thema. Am Wochenende sowieso nicht. Schließlich fragt ja jeder Hinz und Kunz: "Naaaaaaaaaaaaaaaaaa? GeFÄLLTS dir in der Schuuule?"

Heute sind wir die Namen auf der Adressliste durchgegangen und haben festgestellt, dass laute Jungens doof sein können. Und die Leilah, die ist nett. Mit der hat die Erdnuss auf dem Mädchenklo gekichert. Und da hab ich mich erinnert, dass ich auch viel auf dem Mädchenklo gekichert habe. Und dass das schön war, das fiel mir auch wieder ein. 

Gute Nacht allerseits. Es läuft. Es läuft ganz gut...

 

 

21.08.2009 um 22:39 Uhr

Wespentanz

"Achtung eine Wespe!!!!" Warnend schreit Zoe die Erdnuss an und weist eifrig auf das gelbschwarze Flugtier, was ebenso eifrig um die blonden Locken meiner Tochter seine Kreise zieht.

Die Erdnuss schließt kurz die Augen, öffnet sie wieder und lächelt vergnügt. "Was müssen wir machen?" fragt sie Zoe mit einem Glucksen in der Stimme. Und Zoe antwortet mit Begeisterung: "TANZEN!"

Und dann tun die beiden etwas so herzzerreißend niedliches und effektives, das mir der Atem vor Ehrfurcht stockt: Sie tanzen. Mit beiden Armen angewinkelt winden sie sich in geschmeidigen Bewegungen, die kleinen Popos wackeln hin und wackeln her, Mädchenkichern ertönt aus strahlenden Gesichtern, die Wespe - sie ward nicht mehr gesehen, sie wurde weggetanzt.

Die nächste ließ nicht lange warten. Sie tanzen wieder, drehen sich po-wackelnd und wild glucksend im kreis - weg isse.

Verblüffend.

An der nächsten Ecke hält eine auf meine Hand zu. Ich bin neugierig. Statt zu schlagen (Strategie 1) oder zu erstarren (Strategie 2) stelle ich mein Fahrrad ab und dreh mich mit angewinkelten Armen powackelnd im Kreis. Weil das albern ist und Spaß macht, beginne ich zu lachen. Aus den Augenwinkeln sehe ich die Wespe die Flucht ergreifen oder das Interesse verlieren. Eines von beidem, jedenfalls verschwindet sie und das war der Zweck der Angelegenheit. Oder eben genau nicht. Beim Tanzen vergaß ich glatt, um was es ging. Unzweckmäßiger Wespenwegfliegtanz. Er wirkt. Heute noch drei bis vier Mal ausprobiert. Immer ist die Wespe davongedudelt. Schwupps.

Und übrigens: Freitags sind Hausaufgaben "besonders scheiße".

 

18.08.2009 um 00:16 Uhr

Die rosarote Taucherbrille

Es ist so weit. Die Erdnuss kommt in die Schule. Morgen. Morgen wird sie ihren Schulranzen schultern, die Schultüte in die Arme nehmen und wenn dann in der Aula ihr Name vorgelesen wird, wird sie nach vorne tapsen und vielleicht wird sie sich nochmal grinsend zu uns umschauen, aber dann ist sie in ihrer Klasse, in der 1a nämlich und dann muss ich erstmal intravenös einen Kaffee zu mir nehmen und viele viele Zigaretten im Gebüsch vor der Schule rauchen.

Nach einer halben Stunde wird die Sache dann vorbei sein (hat gar nicht weh getan, er hat gar nicht gebohrt), dann muss ich für die Familie Spaghetti Bolognese kochen (Memo an mich: Badezimmerspiegel noch putzen) und ganz und gar hoffentlich sind wieder alle in Zeitnot und verschwinden nach ein bis zwei Stündchen, dann fahren wir nämlich bei 35 Grad im Schatten zu diesem Schwimmbad mit der Riesenrutsche und die rutschen wir dann zehn bis zweihundersiebenunddreißig Mal herunter und das wird ein Spaß, aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen.

Das eigentlich denkwürdige, das nämlich an diesem denkwürdigen Vorabend zur Einschulung passiert ist, ist nämlich das Folgende: Die Erdnuss hat geduscht.

Nein. Neinneinnein. Das macht sie schon öfter... Mal baden, mal duschen. Wir sind eine sehr reinliche Familie, öhöm. 

Was ich aber hinwiederum niemals mehr vergessen werde, ist - mal abgesehen vom Enthusiasmus, den sie bei der Säuberung mal wieder an den Tag legte - wie sie mich fragte, ob sie beim Haare waschen eine Taucherbrille anziehen kann. Ich grinse mitten in ihr grinsendes Gesicht und nicke. Wir sind beide gleichermaßen begeistert von dieser Weltidee, ne WELTIDEE, die Erdnuss, der TITAN! Ich bring ihr also die Taucherbrille, sie zieht sie sich umständlich über ihre schon feuchten Haare, ruckelt noch ein bisschen hin und her über den Augen, dreht sich um und verschwindet kopfüber im Duschstrahl.

Und das ist das denkwürdige Bild, das ich zum denkwürdigen Vorabend des ersten Schultags meiner wunderbaren Tochter immer im Herzen tragen werde:

Die nassen blonden feinen Haare, die glänzend am Kopf kleben, die rosa Ohrmuscheln, die durch die Riemen der Taucherbrille in einen absurden Winkel gedrängt werden, über die sich tropfende Haarbüschel schmiegen, der sonnengebräunte Rücken mit den gekreuzten weißen Streifen vom Badeanzug, der kleine Popo, die hängenden Arme und das vor Vergnügen strahlende Gesicht mit der Riesentaucherbrille um Nase und Augen, was sich nach einer kleinen Weile zu mir umdreht.

Ein Meer von Liebe überschwemmt mein Herz, wenn ich an dieses merkwürdige kleine Wesen mit der Riesentaucherbrille unter der Dusche denke, ein warmes, ein weiches, ein so unglaublich süßes Gewässer. 

Ähm.

Meer? Süßes Gewässer? was red ich?

Egal.

Rosarote Taucherbrille.

Bei Muttis muss das Meer nicht salzig sein...

 

10.08.2009 um 21:42 Uhr

Hygiene-Trick

 

"Mama?"

"Ja-ha?"

"Ich KANN noch nicht ins Bett!"

"Warum nicht?" Ja, warum eigentlich nicht, es ist 21.15, wir haben rumgealbert, geduscht, Zähne geputzt, vorgelesen, geknuddelt und den sechsten Zahn ausgiebig betrachtet, der heute ausgefallen ist...

"Ich muss noch Hände waschen!"

"Hö? Du hast geduscht."

"Ja. Aber man MUSS viel Hände waschen!" Sie macht eine ihrer Kunstpausen. "Wegen der SCHWEINEgrippe!"

"Oha."

"Also?" Sie schaut mich ernst an. "Darf ich noch Hände waschen?"

Kann man dazu nein sagen? "Klaro!"

Während sie am Waschbecken steht, und sich die inzwischen gar nicht mehr pummeligen Händchen einseift, frag ich mal vorsichtig nach.

"Erdnuss?"

"Ja-ha?" Meditativ kreisen ihre Fingerchen über dem Waschbecken. Verträumt schaut sie dabei in den Badezimmerspiegel.

"Was weißt du eigentlich über die Schweinegrippe?"

"Die will man nicht haben!"

"Und was noch?"

"Die kriegt man auch nicht, wenn man ordentlich Hände wäscht."

"Aha. Und warum will man die nicht haben?"

"Was?"

"Naja, was ist denn schlimm an der Schweinegrippe?"

Sie zuckt Gottseidank die Schultern. Ich kann die ganze Grippe-Hysterie nicht ausstehen. 

"Weißt du denn, was Grippe ist?"

"Die will ich nicht haben!"

"Aha."

"Deshalb wasch ich ja Hände" Sie seift und seift und seift. "Gründlich."

"Sehr gründlich." bemerke ich.

"Ja, nä? Muss man auch."

"Mh-mh." Bratenduft steigt mir in die Nase. Endlich betätigt die Erdnuss den Wasserhahn, die Seife fließt von den Fingern, den Handflächen.

"Blit-ze-blank putz ich meine Händchen."

"Ok." Ich grinse.

"Und noch mal." Die Erdnuss greift nach der Seife. "Ich geh nämlich auf Nummer Sicher."

"Auf Nummer Sicher. Soso." Jetzt grinst sie auch.

"Ja-ha. Dann glänz ich wie ein Goldklümpchen."

"Ein Goldklümpchen."

"genau." Spülen.

"Wie" - Seife - "ein" - noch mehr Seife - "Gold" - Schaum - "klümp" - Jede Menge Schaum - "chen"

"Und wann ist man fertig?"

"Man ist niemals fertig, Mama."

Wieder einer dieser Momente, in denen ich mich frage, ob sie sich darüber im Klaren ist, was für kluge Sachen sie manchmal sagt.

"Und man möchte auch niemals ins Bett, nä?"

Jetzt grinst sie noch breiter. Resolut dreht sie das Wasser ab.

"Ach nö. Aber man muss ja irgendwann." Seufzen. "Man muss ja..."

Und niemals ist man fertig.

Wie wahr...

 

 

07.08.2009 um 13:10 Uhr

Von Wörtern, Herzen und komischen Dingen

"Mama?"

"Ja-ha?"

Wir liegen beide auf dem Rücken in ihren Bett und schauen an die Sternchen-Schmetterlinge-Sonnen-Decke. Irgendwie zufällig oder auch mit Absicht, wer weiß das schon, haben wir die gleiche Haltung eingenommen, die Hände auf unserem Bauch verschränkt, die Beine angewinkelt und übereinandergeschlagen.

"Ich möchte endlich ALLES schreiben können."

"Oh, du hast nicht mehr lang, dann lernst du das."

"Ja, aber es soll schon losgehen!"

"Ach ein bisschen Ferien noch vorher können nicht schaden, oder?"

"Ja." Sie seufzt. "Ausschlafen. Noch viel ausschlafen."

Die Erdnuss, die ihr Lebtag nicht nach 7.30 aufgestanden ist, hat eine Woche vor Schulbeginn das Ausschlafen für sich entdeckt und schläft jetzt gern mal bis 10 oder 11. Na? Ist das ein Timing?

"Mama?"

"Ja?"

"Freust du dich, wenn ich ein Schulkind bin?"

"Klar."

Sie muss das fehlende Ausrufezeichen gehört haben, denn sie fragt zögerlich: "Wenn ich ein Schulkind bin, dann bin ich der selbe Mensch, nä Mama?"

"Aber sicher!"  Jetzt aber mit Ausrufezeichen!

"Ja, denn mein Herz pumpt immer nur für dich!"

Lächelnd unterdrücke ich ein Prusten und flüster verschwörerisch: "Und meins für dich!"

"Ist das lustig?" Da hilft kein Unterdrücken, sie kriegt ja doch alles mit. 

"Ein bisschen."

"Ja, 'pumpen' ist ein komisches Wort."

"Mh." Ich denke über 'pumpen' nach. 

"Man kann bei dem Wort an nix denken außer pumpen." Die Erdnuss kichert. "Weißte Mama, so: puomp, puomp, puomp." Mit gutturaler Stimme ahmt sie täuschend echt das Geräusch nach, was im Toilettenabfluss entsteht, wenn man sich mit einem Pömpel dran zu schaffen macht. Wir kichern beide.

"Gibt es noch so Wörter?" hakt sie nach.

Aha! Die Sprachwissenschaftlerin ist gefragt. Lautmalereien als, Moment, eins im Sinn, äh: "Blubbern, z.B." Kichernd blubbert die Erdnuss vor sich hin: "bluobb, bluobb, bluobb." 

"Ist plätschern auch so ein Wort?"

"Joa, ein bisschen."

"Mh. Und klingeln?"

"Genau."

"Klingeling." Die Erdnuss nickt zufrieden. "Und pfeifen?"

"Jipp."

"Pfeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiffffffffffffffffffff!"

"Sehr schön. Du hast das Prinzip verstanden." Ich halt mir die Ohren zu.

"Was ist ein Prinzip?"

"Ein Prinzip ist wie eine Regel oder wie mehrere Regeln"

Die Erdnuss schweigt.

Ich schweige.

Mit Prinzipien und Regeln hammers nicht so, das ist mal klar.

Wir schweigen weiter.

Plötzlich:

"Bu-sen-hal-ter." Die Erdnuss schaut nach rechts zu mir und grinst.

"Busenhalter." wiederhole ich ratlos.

"Busenhalter ist auch ein komisches Wort." 

"Ja, das stimmt."

"Sind das zwei Sachen oder eine?"

"Was?"

"Der oder die Busenhalter."

"Ein Halter."

"Und Busen? Busen sind es doch zwei?"

"Brüste. Zwei Brüste - ein Busen."

"Hö?"

"naja, Busen sagt man zu beiden Brüsten. Und jeder hat dann einen."

"aber man kann doch auch eine Brust haben."

"Wie? Wenn eine fehlt?"

"Nee. Ich zum Beispiel," sie weist mit dem Zeigefinger auf ihr Herz "hab EINE Brust."

"Äh."

"Das Herz schlägt doch in der Brust. Nicht in den Brüsten."

"Äh." Ich denke nach. Ein Vorteil bei Kindern: Man muss immer so viel über Dinge nachdenken, über die man noch nie nachgedacht hat.

"Das versteh ich nicht, Mama."

"Naja, man meint verschiedene Sachen. Die Brust ist das Ganze mit Muskeln, Knochen und alles, also das zwischen Schultern und Rippen, und die Brüste meint man dann, wenn man nur  diese, äh, also, das Weiche da." Sprachnot, die reine Sprachnot.

"Das runde mit der Murmel drauf, nä?" Die Erdnuss kichert. Sie erinnert sich gern an ihre Babysprache. Mit zwei oder so hat sie immer Murmeln zu den Brustwarzen gesagt.

"Ja. Das runde mit der Murmel drauf, das ist die Brust." Ich kicher auch.

"Die Brust? Nee. Das hast du eben noch anders gesagt."

"Naja, wenn man das Runde meint, ist es EINE Art von Brust, wo es eben zwei von gibt, die Brüste eben, und das andere ist eine ANDERE Art von Brust, wo es nur eine gibt."

"Mehrere Leute haben mehrere Brüste, oder?"

"Ja, aber..." Ich seufze.

"Lass mal, ich habs, glaub ich verstanden." Ich höre ein Glucksen in ihrer Stimme. Sie verarscht mich wieder ein bisschen, warum auch nicht... Ich kicher ein bisschen."Busenhalter" sag ich vor mich hin. Die Erdnuss kichert mit. "Es bleibt ein komisches Wort, nä Mama?" "Ja, das stimmt."

"Buuuuuuuuuuuuuuuuuuuusen." Hihihihi. "Und Popo. Popo ist auch ein komisches Wort."

"Stimmt."

"Und Mumu." 

"Mumu sowieso." Gibt es ein gutes Wort für Geschlechtsteile? Männlich oder weiblich? Nee, oder?

"Päääääääääänis!" Haltlos kichert die Erdnuss vor sich hin. Ich grinse. Und dann kommt sie in Fahrt: "Pipi, Arsch, Kacke, Rotze, Kotze, Pimmel, Popel, Schmiere, Schei-ße UND"

Kunstpause.

"Arsch-loch!" Das letzte komische Wort verkommt zu einem verschwörerischen Flüstern.

"Genau." Gelassen falte ich wieder die Hände auf dem Bauch. "alles komische Wörter."

"Warum sind die so komisch? Das versteh ich nicht."

"Na, dann lass mal überlegen. "

"Es GIBT doch all die Sachen. Ich HABE doch ein Loch im Po. Dann muss man auch was dazu sagen, oder?"

"Ja, aber es gibt schöne Wörter dafür und weniger schöne."

"Wer sagt, was schön ist?"

"Ach, dumme Leute. Weißt du was, Erdnuss? Ich finde ALLE Wörter schön. Jedes hat seinen Platz in der Wörterwelt."

"Weißt du was ich glaube, Mama?"

"Nee."

"Ich glaube, es SIND gar keine komischen Wörter."

"Sondern?"

"Es sind nur komische Dinge."

"Aha?"

"Ja, irgendwie peinlich."

"Ja." Ich überlege kurz. "Das stimmt. Man redet nicht gern dadrüber."

"Kennst du ein komisches Wort für Sofakissen?"

"Nee." Ich lache laut. "Sofakissen sind ja auch nicht peinlich." Oder doch? Ich muss da nochmal drüber nachdenken. Ab sofort unterscheide ich abstrakte und konkrete Peinlichkeit. Denn es GIBT ja peinliche Sofakissen. Im Grunde sind Sofakissen per se peinlich. Also je nach dem. Ähm...

"Kaka und Pipi sind peinlich."

"Richtig. So sehen das die Leute."

"Aber alle machen es."

"Ja. Das ist wie mit der Popelgeschichte. Alle popeln, aber keiner gibt es zu."

"Essen alle ihre Popel?"

Ich zucke die Schultern. "Ach, weiß ich nicht. Macht ja keiner, wenn jemand dabei ist."

"Aber manche?"

"Bestimmt."

"Du?"

"Manchmal."

Die Erdnuss nickt zufrieden. "Ich auch." seufzt sie erleichtert.

Wir schweigen. 

Wir schweigen noch sehr lange. Ich gehe in Gedanken all die seltsamen Konventionen durch, vielleicht macht die Erdnuss ja dasselbe.

An diesem Abend brauchen wir nicht mehr viele Wörter. Zufrieden ist die Erdnuss neben mir eingeschlafen. 

Gute Nacht kleine Erdnuss, du bleibst derselbe Mensch, und wirst dich verändern. Woche für Woche. Monat für Monat. Jahr für Jahr.

Alles fließt. Nichts dauert.