Gut war der Tag
"Darf ich noch in mein Tagebuch schreiben?"
Die Erdnuss war auf einem Kindergeburtstag und hat ein rosa Büchlein gewonnen, eines mit pneumatischen und schrill schillernden Tierchen darauf, von denen keiner so genau sagen kann, ob es sie gibt und wenn ja, wo. Sie will Tagebuch schreiben. Es ist 20.30.
"Nein, darfst du nicht. Es ist endgültig Bettzeit."
Das Gesicht verzieht sich, sie stürmt - das Tagebuch unter den Arm geklemmt - ins Wohnzimmer. Herz zerreißende Schluchzer ertönen.
"Nie-hie da-harf ich wa-has! I-hich ha-hatte das Tagebu-hu-huch doch schon vergessen, u-hund je-hetzt ha-habe ich es wie-hiiiiiiiiieder gefunden und da-haarf ga-haaaaaaar nicht REEEIIIIINSCHREIBEN. Ein BLÖDER TAG- BLÖD! BLÖD! BLÖ-HÖ-HÖÖÖÖÖÖÖÖD!"
"Ok, schreib noch ein bisschen und ich räum noch ein bisschen auf." Mir ist heute nicht nach Konsequenz und wie gut das doch war, denn
nach einiger Zeit ertönt erneut Schluchzen
"Ich mach AAAAAAAAAAALLLES FA-HA-HALSCH!"
"Was ist denn jetzt?"
"Kuck doch, Mama!"
Und da schau ich und wo ich eigentlich einen ungeordneten Buchstabensalat erwartet hätte, steht folgendes:
GUT WA DE TA
"Heißt das 'Gut war der Tag'?"
Ein kleines Lächeln, klein und stolz. Und dann wieder der Schmollmund: "Ja, aber es ist falsch geschrieben..."
Wir ergänzen die 'R's und das 'G', die Erdnuss ist zufrieden. Wir schreiben noch zusammen das Datum eine zwei eine acht zwei einsen eine null und eine sieben.
"Mama, ich kann noch so viele Buchstaben nicht, nä?"
"Oh, du kannst jede Menge Buchstaben."
"Ja, aber nicht alle."
"Kleine Erdnuss, lernen braucht Zeit. Die Kinder in der Schule müssen die Buchstaben auch erst lernen und du bist noch nicht mal da."
"Mpf."
"Möchtest du denn bald in die Schule?"
Grad hat man sich dagegen entschieden, schon keimen wieder Zweifel.
"Wann denn?"
"Nächstes Jahr vielleicht?"
"Mh, weiß nicht."
"Ich auch nicht.", sage ich wahrheitsgemäß.
"Mama, das Problem ist: Ich werd ja größer und das Wollen verändert sich immer."
"Ja, Kleine Erdnuss, da sagst du was. Ich werde zwar nicht mehr größer, aber mein Wollen verändert sich auch oft."
"Kann ich nicht beides haben? Kindergarten UND Schule?"
"Wir warten einfach mal ab. Wie unser Wollen so weitermacht. Ok?"
"Ok."
Jetzt liegt sie da und schläft, und ich finde es so schwer Entscheidungen zu treffen. Dass sie liest und schreibt, mag ich keinem erzählen, die Pädagogen lächeln einen immer so seltsam an, wenn man so etwas sagt, und ansonsten klingt es wie Prahlerei. Nach dem Motto: "Meine kann schon, wie weit ist deins?"
Schule ist Stress, v.a. emotional, und wenn ich sehe, wie sehr sie sich unter Druck setzt und wie sehr sie alles richtig machen will und wie sehr sie leidet, wenn mal eine Kleinigkeit schief geht...
Aber das nur am Rande.
Recht hat sie nämlich, die Erdnuss.
Gut war der Tag.
Sonnig, lächelnd und bunt.
