Als die Erdnuss das erste Mal Schnee gesehen hat, ist sie völlig ausgerastet. Sie war ca zwei Jahre alt, hatte einen winzigen knallroten Schneeanzug an, eine blaugelb getreifte Bommelmütze auf, und sie strahlte über alle Backen.
Entzückt stand sie mit offenen Mund da, versuchte die Flocken damit aufzufangen, beobachtete, wie sie auf ihrer Hand wegschmolzen, wühlte auf den Autos im kalten Pulver und formte natürlich kleine Würste und lachte sich halb schlapp. Dabei wiederholte sie völlig hingerissen immer wieder nur ein Wort, das mich heute noch zu Tränen rühren kann, wenn ich daran denke:
"Schnei!! Guck Mama, Schnei! Schneiiii!!!" Ihre Stimme überschlug sich, sie rannte von Schneeinsel zu Schneeinsel und ging vor jeder in die Hocke. "Schnei!" "Da!" "Schnei!" "Hat schneit!"
Oh mein Gott, war das süß. Süß-süß-süß.
Heut sagt sie natürlich "Schnee", aber die Faszination ist nicht kleiner geworden, Das liegt vermutlich daran, dass wir allerhöchstens zwei Mal im Jahr Schnee haben. Jetzt allerdings ist die Herangehensweise differenzierter:
"Mama, die Welt steht Kopf!"
"Mh?" Ich wach grad auf, da fühlt sich das immer so an...
"Es schneit!"
"Mh?"
"An Oooostern!"
"Ach." Ich schmeiß mir den Bademantel über. Schau aus dem Terrassenfenster. Oje. Die schönen frisch gepflanzten Primeln... Alle weg. Oje.
"Und ich weiß auch, warum!"
"Was warum?"
"Warum es geschneit hat."
"Mh?"
Mit einem ernsten und allwissenden Gesicht zeigt die Erdnuss bedeutungsschwanger auf die weiße Wolke mit den Styroporschneeflocken, die wir gestern noch aufgehangen haben.
"Du meinst, es schneit, weil du die Wolke gebastelt hast?"
"Ja-ha! Und ich brauche auch den Schnee."
"Wofür denn?"
"Für ein Experiment."
"Oho. Ein Experiment."
"Ja-ha. Ein Experiment für dich und den Papa."
"Was denn?"
"Ich werde,"
Sie macht eine Kunstpause, erhebt ihren Finger, runzelt leicht die Stirn.
"den Schnee"
Sie beugt sich vor, die Augen werden größer.
"blau färben."
So. Nun war es raus. Innerlich muss ich lachen, genauso, wie ich lachen musste, als ich vor einigen Wochen die Pappkartons (!) in ihrem Zimmer entdeckt habe, die mit blauer Milch gefüllt waren, naja, die blaue Milch, die durchgelaufen war, nicht zu vergessen. Nach einem kurzen Anflug von Ärger sah ich die blaue halbe Kreide, den blauen Staub drumherum und erkannte den Entdeckergeist dahinter.
Blaue Milch. Ist doch großartig, oder?
"Blau färben?" frag ich erstaunt und neugierig.
"Ja-ha. Aber nicht nur das!"
"Herrje, was denn noch?"
"Ich werde"
Jetzt legt sie den Finger an den Mund und winkt mich heran. Verschwörerisch flüstert sie weiter.
"den Schnee"
Sie breitet die Arme aus, wie ein Zauberer im Varieté, verbeugt sich leicht und platzt heraus:
"verSCHWINDEN lassen!"
Ist das geil?
Das könnte klappen. Jetzt mal schnell ein Schüsselchen Schnee hereinholen. Hoffentlich lässt er sich noch schnell blau färben, bevor er verschwindet.
Schnei. Wie schön!