Kleine Erdnuss

29.07.2008 um 19:07 Uhr

'Kindergarten' ist ein viel zu langes Wort für das Display eines Handys

Dinge, die die Welt nicht braucht: Außerreguläre Anrufe aus dem Kindergarten. Mein Display leuchtete auf, 'Kiga' blinkte es neurotisch auf und ab, apropos neurotisch, ich denke eigentlich tagsüber bei JEDEM Klingeln, dass es ein Notfall ist, aber irgendwie war es nie einer, deshalb wog ich mich in Sicherheit, PUSTEKUCHEN: Kiga, Kiga, Kiga, Kiga. Tüdelüüüdü, tüdelüüüdü, tüdelüüüdü-düüt.

Mit zitternden Fingern ging ich ran. Der gefürchtete Satz lautete: "Die Erdnuss hatte einen Unfall."

Bäh! Das will man nicht hören. Der freundliche Erzieher sprach weiter: "Nichts schlimmes. Eine Eisenstange..." (iiiiiiiiiiiiiiiiik) "auf den Fuß" (Puuuuuuuuuuuuuuuuuuuh!) "genauer der Zeh." (Pfüüüüüh!) "Sie weint und es blutet und es tut weh." (iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiik) "Am besten, Sie kommen gleich vorbei."

Fünf Minuten später: Die zitternde Erdnuss mit einem halb angelutschten Eis in der Hand, knallrotgeweinte Birne. "Me-me-me-MAMAAAAAAAAAAH!" Der Zeh war knallerot und aufgeschürft. Sah RICHTIG nach AUA aus. Unfall. ARbeitsunfall, um genau zu sein. Ja-ha. EIn Arbeitsunfall. Die Erdnuss arbeitet jeden Tag von 9-16 Uhr im Kindergarten. Sie arbeitet hart und will auch schon mal zwischendurch eine EIsenstange in die Erde rammen. Nur Arbeitsschuhe hatte sie nicht an. Scheiße. Schöne Scheiße. "Me-me-me-Mama? Ich will kein Eis." Oje. Dann isses ernst.

Jedenfalls haben wir jetzt wegen einem fies aufgeschürften Zeh sage und schreibe drei Stunden im Krankenhaus verbracht. Nach einer halben Stunde Wartezeit hört das Zittern und Weinen auf. DIe Erdnuss schaut sich um. Mit dem Rotz in der Nase verkündet sie: "Der Raum sieht aus, wie ein Badezimmer ohne Klo." "Ja, und die Badewanne fehlt." "Ja, aber ein Waschbecken ist da." "Genau."

Schweigen.

"Soll ich einen Witz erzählen?"

"Ja, den kann ich jetzt brauchen."

"Äh, kommt Fritzchen in einen Klorollenladen."

"Hahaha"

"Mama! Ich hab noch gar nicht angefangen."

"Doch. Und der Anfang ist schon mal lustig... " 

"Mh?"

"Der Witz fängt gut an."

"Ach? Ja? Ja. Stimmt." Kichern. Endlich. Endlich wird wieder gekichert. Wir haben uns dann die Wartezeiten zwischen Röntgen, Wundesäubern, Wunde verbinden und Bericht für den Kinderarzt schreiben schön vertrieben. Zeitschriften haben wir durchgeguckt (Cate Blanchet ist eine schöne Frau, finden die Erdnuss und ich), Tierraten gespielt (der Papa musste natürlich 'Pupsfrosch' nehmen, hihihi), und ich hab die Erdnuss im Schreibtischstuhl des Chefarzt im Affenzahn um die Krankenliege drumrum gerollt (so viel zur Sorge um den Zeh.)

Nix gebrochen. Nagel noch dran. Wir durften nach Hause. Gingen über die Eisdiele. Zogen Vanille und Schokoeis ein. Jetzt isses wieder gut.

Aber wisst Ihr, was ich blöd finde? Genauer gesagt, absolute Scheiße? Dass nie die Wahrheit gesagt wird.  "Soo. Jetzt machen wir den Hautfetzen ab, aber das tut gar nicht weh." HA! NATÜRLICH TAT ES WEH. ES TAT SOGAR BEIM HINGUCKEN WEH! "S, jetzt säubern wir die Wunde, aber das ist GAR NICHT schlimm." WAS? BITTE? Ihr schabt mit einem metallenem Gerät in der offenen WUnde meiner Tochter rum, die völlig außer sich gerät, und behauptet, es wäre nicht schlimm? NICHT SCHLIMM? HALLO? HALLO-HO? Wer hat den Schuss nicht gehört? Ich oder Ihr? Mh? 

Aber das nur am Rande. Morgen reicht vielleicht schon ein Pflaster. Jetzt ist sie stolz auf den Verband.

Puuuuuh...

 

19.07.2008 um 12:41 Uhr

Unterschiede

"Ich hab keine Angst. Respekt hab ich."

"Aha? Kannst du denn den Unterschied zwischen Respekt und Angst erklären?"

"Ja-ha. Angst ist, wenn man etwas ganz häßlich findet und sich doll fürchtet, und dann will man wegrennen. Bei Respekt findet man alles schön, alle Menschen und Tiere und so, also auch irgendwie trotzdem schön, und dann will man nicht wegrennen, dann bleibt man da."

Ich mache ein sprachloses Gesicht. Die Erdnuss fasst zusammen:

"Also, ich mein, bei Angst läuft man weg und bei Respekt bleibt man da."

Und ich? Ich sitz jetzt hier und denke über diese Worte nach, und je mehr sie durch meinen Kopf wandern, um so wahrer erscheinen sie mir. 

Jetzt gehts in die Badewanne. Wer weiß, was ich heute noch lerne...

 

17.07.2008 um 10:31 Uhr

Überfrachtet...

"Mama?" "Ja?" "Guck mal, was ich mit den Händen kann."

Ihre Fingerchen formen ein Herz. Darüber bildet sie mit den beiden Mittelfingern eine Art Brücke.

"Oho. Ein Doppelherz." sage ich beiläufig und bin zugegebenermaßen mehr beim Wäscheaufhängen als sonstwo.

"Nee." Die Erdnuss schüttelt energisch den Kopf. "Ein Doppelherz geht so." Die Mittelfinger machen einen Knick. "Ich habe aber so gemacht." Über dem Herzknick der Zeigefinger erscheint wieder die Brücke.

"Ok., Und was ist das?"

Die Erdnuss lächelt. "Das ist ein Mann und eine Frau, die stehen so auf einem Felsen und schauen sich an und die eine fällt fast runter und beide sind verliebt."

"Aha." Ich überlege... "Ähm. Und wie geht die Geschichte aus?"

Schulterzucken. "Weiß nicht. Es ist nur ein Bild." 

Tja, nur ein Bild. Genau hinhören ist nicht so einfach. Beinahe hätte ich nur gelacht und nichts bemerkt. Vor allem hätte ich es wieder vergessen. Genau so, wie ich vergessen würde, dass "das Gegenteil von Klopapier ein Taschentuch" oder "Vorgestern zweimal rückwärts schlafen" ist. 

Man hört es, nickt, lacht beifällig und vergisst es wieder...

Eine Geschichte, die ich nicht aufgeschrieben habe, habe ich stattdessen sehr oft erzählt, daher dachte ich, dass ich sie nicht vergessen würde. Eine richtig gute. Irgendwas von Elvis und einer Straße und der Liebe des Lebens...

Jetzt ist sie weg. Keine Details mehr da. Nur grobe Bruchstücke. Ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass Kinder wie Träume sind. Sie sind der Spiegel unser aller Unterbewusstseins.

Es ist nahezu paradox, dass wir diejenigen sein sollen, die ihnen etwas beibringen. 

 

05.07.2008 um 21:16 Uhr

Schwimmbad

 
 
 
 
 
 

05.07.2008 um 02:59 Uhr

Possierliche Tierchen

"Ich mach dir ein Rätsel, ja Mama?"

"Ok?" Ich freu mich. Wir sind happy. Richtig happy together. Aalen uns in der Sonne auf der Wiese, kleine Tröpfchen verdunsten an unseren Körpern, unsere Haare sind feucht, in unseren Augen spiegelt sich glasige Sommermüdigkeit und dieses weiche süße Gefühl hüllt uns ein, diese Mischung aus Erschöpfung und Leichtigkeit. Einfach nur schön.

"Ich mal was. Und du musst raten, was es ist."

"Sehr gut. Da hab ich Lust drauf."

"Es ist ein Tier, ok?"

"Ok."

Sie beginnt zu malen. Die Erdnuss hat die Angewohnheit, vor sich hinzubrabbeln, bei den meisten Dingen, die sie konzentriert tut, aber bei Rätselbildern ist das besonders süß, da sie alles schon beim Brabbeln verrät.

"So. Einen Kööörper, und eine kli-tze-klei-ne Naaase, Haaaaare um die Nase." Sie strichelt konzentriert mit der Zungenspitze im Mundwinkel. "So. Und jetzt der Schwanz. Die di-cke Keu-le dran und noch die Bei-ne und Oh-ren. - Fertig!"

"Aha. Dann zeig mal her." Mh. Wie komm ich aus der Nummer wieder raus? Es ist sowas von eindeutig eine Maus, dass ich im Grunde keine Chance habe, etwas anderes drumherum zu raten. Seht selbst:

 

 

Ratte

 

 

"Ähm...", setz ich an. "Mama?" "Ja?" "Ich sag es dir gleich: Es ist KEINE Maus."

Na toll. Keine Maus also.

Ich schaue so ratlos, dass sich die Erdnuss ein Herz fasst und rausplatzt: "Ich sags dir besser, nä?"

"Ja. Ich glaub auch. Wenn es keine Maus ist, was dann?"

"Es ist -" Kunstpause. "-eine Keu-len-schwanz-ratte."

Eine Keu-len-schwanz-rat-te.

Bumms. Da haben wir es. Gemäß der Erdnuss ist dieses Tier ausgestorben und hat vor vielen hundert Jahren gelebt. Ein sehr gefährliches Tierchen. Und possierlich, natürlich. So ähnlich wie die Steinlaus...

01.07.2008 um 01:16 Uhr

Lebewohl, kleiner Zahn...

 

 

 

ZAHN

 

 

Ohne Worte, oder?

Ich könnte erzählen, wie es passiert ist. Lang, mit viel Umschweife und all die Kleinigkeiten, die dazugehören. Ich könnte erzählen, wie sie mitten auf den See hinausgeschwommen ist. Mit Jessi und Kastor. Und wie sie ein bisschen geweint hat, weil Kastor ihr das Gummiboot nicht sofort geben wollte. Könnte erzählen, dass ich hörte, wie Jessi sie zu trösten versuchte. Und dass ich mit Lisa gerade hektisch in den See aufbrechen wollte, um zu schlichten. Und ganz genau könnte ich all die Aufregung beschreiben, die plötzlich entstand. Kastors Rufe quer über den See: DER ZAHN! DER ZAHN IST RAUS! Das Bild der ERdnuss könnt ich beschreiben, wie sie mir überglücklich entgegen schwamm und vorsichtig wie ein Hündchen kraulte, weil sie den Zahn zwischen Daumen und Zeigefinger transportierte, Und ihr Gesicht. Über ihr Gesicht gäbe es eine Menge zu sagen. Sie strahlte über beide dicken Backen. Das nasse Haar hing ihr wirr ins Gesicht, der Mund weit geöffnet. "Mama, mein Zahn! MEIN ZAHN! MEIN ZAAAAHN!" Wie das Blut aus der kleinen Lücke ins Wasser suppte und welchen Kontrast das zu dem ÜBERglücklichen stolzen Ausdruck in ihren funkelnden Augen das bildete. Ich könnte von Jessis Lächeln schreiben, das so gerührt und glückselig war, als wäre es ihr eigenes Kind gewesen, das soeben seinen ersten Milchzahn verloren hätte. Ach, und die strahlende neidlose neugierige Kinderfreundschaft nicht zu vergessen, die über ein winziges Milchzähnchen gebeugt enger geknüpft wurde. Dann könnte ich noch von den vielen Würstchen erzählen, die wir auf der spontan organisierten Zahnparty verdrückt haben. Und von dem Kloß in meinem Hals, der den Rest des Tages irgendwie drückte und mir ab und an Tränen der Rührung in die Augen trieb.

Nee Leute, das mach ich nicht. Das ist mir alles viel zu anstrengend, das ganze Blabla, da lass ich doch lieber das Bild für sich alleine sprechen...