Kleine Erdnuss

25.08.2009 um 22:27 Uhr

Am Anfang war das Ei

Nachdenklich habe ich gerade die fünf gekochten Eier in den Kühlschrank geräumt. Nachdenklich, weil die Erdnuss sich ein gekochtes Ei für die Schule gewünscht hat. Statt dem Wiener Würstchen, das ich ihr verweigert habe. Leilah hat immer ein gekochtes Ei dabei. Ich habe gelacht. "Und sie schält das dann in der Frühstückspause?" Kichernd machte ich die entsprechenden Handbewegungen. "Oh ja!" Die Erdnuss schaut begeistert. Liebevoll klopft sie ein imaginäres Ei auf und piddelt unsichtbare Schalenstückchen auf den Tisch. "Kann ich auch ein Ei haben für morgen?"

Ich öffne den Kühlschrank, begutachte die Eierkiste. Noch sechs Eier und bis zum 4. September haltbar. Nuja, dann koch ich sie halt. Gekochte Eier kann man immer mal gebrauchen. Und sei es eben für die Brotdose, warum nicht, wenn es der Erdnuss doch so gefällt.

Als ich diese Eier im Kühlschrank verstaute, dachte ich plötzlich an Nintendos, an Handies, an kleine Spielzeugfiguren von XY oder Z, an... Tja, an was? Da wird noch so viel kommen. Eier kochen. Eine meiner leichtesten Übungen. "Kann ich ein Ei?" "Klar, kannst du ein Ei. Wieso solltest du kein Ei können?" Aber wo führt das hin? Erst koch ich Eier, dann muss ich mich am Kiosk und bald beim Kaufhof an der Kasse anstellen. Hinter jedem zweiten Schulutensil auf unserem schlauen Zettel stand "Markenware", es ist ja noch nicht mal so, dass ich Unterstützung vom System bekomme...

Am Ende wird mich die LEhrerin fürs Eierkochen kritisieren. Vielleicht SOLLEN gar keine Eier mitgebracht werden. Am Ende ist aber der Radiergummi nicht gut genug, oder der Spitzer?

Hab ich erwähnt, dass ich müde bin? Merkt man, dass ich keinen einzigen zusammenhängenden Gedanken hinbekomme? Ja, merkt man, ne? Wenn ich JETZT ins Bett gehe, bekomme ich siebeneinhalb Stunden Schlaf. In einer Stunde sind es nur noch sechseinhalb. Und zu meiner Lieblingszubettgehzeit an sind es nur noch 5. Und zu wenig Schlaf macht dick. Dann hab ich DIE Entschuldigung. Mein Kind ist jetzt in der SCHULE, meine Fettleibigkeit ist dem SCHLAFMANGEL geschuldet.

Schön.

Dann räum ich jetzt die Eier wieder aus dem Kühlschrank und mach Eiersalat. Wie macht man bloß Eiersalat? Viel Mayo, oder? Und dann sind se weg, die Eier, und dann gibt es morgen mal eins und danach nur noch in ab-so-lu-ten Ausnahmefällen.

Nintendo, Handies, wo kommen wir denn da hin? 

Mh?

Und alles nur, weil die Leilah immer ein gekochtes Ei in der Schule mithat. Es INTERESSIERT mich nicht, was die ANDEREN haben...

Ich üb schon mal...

24.08.2009 um 22:10 Uhr

Fragen über Fragen

Ich, Sunnysightup SPunkt, habe am Mittwoch, den 19.08.2009 um 15.30, alles verkehrt gemacht, was eine Mutter nur verkehrt machen konnte.

Als ich die Erdnuss am Morgen, (ey sagt mal, wie kommt man eigentlich auf Dauer mit SO einer Uhrzeit klar, he?) ins Schulhaus laufen sah, liefen sie, die Tränen. Ich dachte, ich hätte sie alle vergossen, am Vortag, in der Kirche, in der Aula, auf dem Schulhof, zuhause, im Schwimmbad, ja sogar im Reptilienhaus, wo die Erdnuss unbedingt hinwollte, stieg mir nochmal das Wasser inne Augen.

Genug, dachte ich, aber nöööööööö, da rannen sie wieder die Wangen herab, fertig, ich war fertig mit der Welt. Achim, der überaus nette Mann von Kristina (naa? erinnern wir uns?) textete wie verrückt auf mich ein, während ich mehr oder weniger verstohlen mit dem Handrücken in meinem Gesicht rum wischte. Er merkte nüscht, typisch Mann, was war ich froh, dass wir von DIESEM Elternteil Cathrinas begleitet wurden.

Im Büro saß ich da. Dumdidumdidumdidum. Viertel vor Neun. Jetzt ist die erste Stunde rum. Neun Uhr fünfunddreißig. Jetzt ist große Pause. Elf Uhr fünfunddreißig. Übermittagsbetreuung. Dreizehn Uhr. Mittagessen. Vierzehn Uhr. Hausaufgabenzeit. Fünfzehn Uhr. Ich stürme haltlos aus dem Büro.

Schweißüberströmt komme ich am Hort an. Ich schmeiß mein Fahrrad ins Gebüsch (kein Witz) und renne fast über das Gelände. Die Erdnuss kommt mir mit einem schlecht gelaunten Flunsch entgegen. "Was ist los?" frag ich alarmiert. (Alarmiert? Hä? Warum? Sie ist halt schlecht gelaunt...) "Sag ich nicht." Ok, das kann ich grad so stehen lassen. Aber dann geht es mit mir durch. Ich arbeite mich von "Wie wars?" bis hin zu "Wie sind denn die Kinder in deiner Klasse?"  über "Hat die Lehrerin die Hausaufgaben kontrolliert?" und (das ist mir jetzt ziemlich peinlich) "Was hat sie denn zu den Hausaufgaben gesagt?".

Die Erdnuss hatte brilliante Hausaufgaben gemacht. Sie sollte ALLE Wörter aufschreiben, die sie kennt. Und das waren so viele, dass sie EINE Stunde daran gesessen hat, obwohl ich sie immerzu bremsen wollte. Und sie hat TOLLE Wörter geschrieben, z.B. POLISIE und KESTE und BAOM und HAOS und ZEDE (wer rausfindet, was letzteres heißt, bekommt einen Lutscher) - und da wollte ich natürlich direkt mal wissen, ob das ein Sternchen oder ein Bienchen oder was weiß ich, was es inzwischen anstelle einer EINS gibt, gegeben hat.

Erwähnte ich schon, dass mir mein Verhalten peinlich ist? Mir war es auch in diesem Moment peinlich, aber ich KONNTE nicht anders. Während die Erdnuss "ja", "nein" und "vielleicht", wahlweise "will ich nicht sagen" oder "muss ich dadrüber reden?" hinausschnodderte, kriegte ich mich vor lauter Sorgen nicht mehr ein, und fuhr fort mit meiner Fragenkanonade. Peinlich. Ich kann es nicht oft genug sagen. Achja: Verkehrt. Absolut verkehrt. Und das wissentlich...

Irgendwann kippte die Stimmung ins Ungute. Die Erdnuss schmollte auf dem Sofa, ich schmollte am Esstisch, den Ranzen sollte ich gar nicht aufmachen und das schicke orangene Käppchen für die Ersklässler war verloren gegangen, irgendwo im Nirwana oder im Ranzenfach in der Schule.

Shit.

Ich versuchte, wieder in meinen Körper zurückzukehren, es war schlimm, mich bei all diesen Fehlern zu beobachten. Manche sagen: Ich komme nicht aus meiner Haut. Ich kam nicht wieder in sie zurück. Irgendwann gelang es mir. Ich sagte einen authentischen Satz, ach quatsch ganz viele, nämlich die Folgenden: "Erdnuss. Es tut mir Leid. Ich weiß, dass du müde bist. Ich weiß, dass du nicht reden willst. Ich versteh das. Aber versteh auch, dass ich so neugierig bin. Ich WEISS doch noch gar nichts über eure Schule." Misstrauisch linst mich die Erdnuss über das Sofakissen an. "Und weißt du," fahre ich fort, "ich möchte doch nur, dass du glücklich bist. Und dann frag ich, um rauszufinden, wie es dir geht."

"Du willst, dass ich glücklich bin?" Ernst schaut die Erdnuss hinter dem Sofakissen hervor. 

"Ja." antworte ich voller Inbrunst.

"Oh, dann habe ich einen Tipp für dich." Ein Griemelgrübchen erscheint in ihren Wangen. Was freue ich mich über dieses Griemelgrübchen.

"Was für einen Tipp?" frage ich nichts ahnend.

"Stell einfach nicht so viele Fragen." Lachend versenkt die Erdnuss diesen Treffer. 

Der saß. 

Am nächsten Nachmittag sind wir schweigend nach Hause gelaufen. Freitag lachte sie wieder auf dem Nachhauseweg. Schule war nur noch zufällig Thema. Am Wochenende sowieso nicht. Schließlich fragt ja jeder Hinz und Kunz: "Naaaaaaaaaaaaaaaaaa? GeFÄLLTS dir in der Schuuule?"

Heute sind wir die Namen auf der Adressliste durchgegangen und haben festgestellt, dass laute Jungens doof sein können. Und die Leilah, die ist nett. Mit der hat die Erdnuss auf dem Mädchenklo gekichert. Und da hab ich mich erinnert, dass ich auch viel auf dem Mädchenklo gekichert habe. Und dass das schön war, das fiel mir auch wieder ein. 

Gute Nacht allerseits. Es läuft. Es läuft ganz gut...

 

 

21.08.2009 um 22:39 Uhr

Wespentanz

"Achtung eine Wespe!!!!" Warnend schreit Zoe die Erdnuss an und weist eifrig auf das gelbschwarze Flugtier, was ebenso eifrig um die blonden Locken meiner Tochter seine Kreise zieht.

Die Erdnuss schließt kurz die Augen, öffnet sie wieder und lächelt vergnügt. "Was müssen wir machen?" fragt sie Zoe mit einem Glucksen in der Stimme. Und Zoe antwortet mit Begeisterung: "TANZEN!"

Und dann tun die beiden etwas so herzzerreißend niedliches und effektives, das mir der Atem vor Ehrfurcht stockt: Sie tanzen. Mit beiden Armen angewinkelt winden sie sich in geschmeidigen Bewegungen, die kleinen Popos wackeln hin und wackeln her, Mädchenkichern ertönt aus strahlenden Gesichtern, die Wespe - sie ward nicht mehr gesehen, sie wurde weggetanzt.

Die nächste ließ nicht lange warten. Sie tanzen wieder, drehen sich po-wackelnd und wild glucksend im kreis - weg isse.

Verblüffend.

An der nächsten Ecke hält eine auf meine Hand zu. Ich bin neugierig. Statt zu schlagen (Strategie 1) oder zu erstarren (Strategie 2) stelle ich mein Fahrrad ab und dreh mich mit angewinkelten Armen powackelnd im Kreis. Weil das albern ist und Spaß macht, beginne ich zu lachen. Aus den Augenwinkeln sehe ich die Wespe die Flucht ergreifen oder das Interesse verlieren. Eines von beidem, jedenfalls verschwindet sie und das war der Zweck der Angelegenheit. Oder eben genau nicht. Beim Tanzen vergaß ich glatt, um was es ging. Unzweckmäßiger Wespenwegfliegtanz. Er wirkt. Heute noch drei bis vier Mal ausprobiert. Immer ist die Wespe davongedudelt. Schwupps.

Und übrigens: Freitags sind Hausaufgaben "besonders scheiße".

 

18.08.2009 um 00:16 Uhr

Die rosarote Taucherbrille

Es ist so weit. Die Erdnuss kommt in die Schule. Morgen. Morgen wird sie ihren Schulranzen schultern, die Schultüte in die Arme nehmen und wenn dann in der Aula ihr Name vorgelesen wird, wird sie nach vorne tapsen und vielleicht wird sie sich nochmal grinsend zu uns umschauen, aber dann ist sie in ihrer Klasse, in der 1a nämlich und dann muss ich erstmal intravenös einen Kaffee zu mir nehmen und viele viele Zigaretten im Gebüsch vor der Schule rauchen.

Nach einer halben Stunde wird die Sache dann vorbei sein (hat gar nicht weh getan, er hat gar nicht gebohrt), dann muss ich für die Familie Spaghetti Bolognese kochen (Memo an mich: Badezimmerspiegel noch putzen) und ganz und gar hoffentlich sind wieder alle in Zeitnot und verschwinden nach ein bis zwei Stündchen, dann fahren wir nämlich bei 35 Grad im Schatten zu diesem Schwimmbad mit der Riesenrutsche und die rutschen wir dann zehn bis zweihundersiebenunddreißig Mal herunter und das wird ein Spaß, aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen.

Das eigentlich denkwürdige, das nämlich an diesem denkwürdigen Vorabend zur Einschulung passiert ist, ist nämlich das Folgende: Die Erdnuss hat geduscht.

Nein. Neinneinnein. Das macht sie schon öfter... Mal baden, mal duschen. Wir sind eine sehr reinliche Familie, öhöm. 

Was ich aber hinwiederum niemals mehr vergessen werde, ist - mal abgesehen vom Enthusiasmus, den sie bei der Säuberung mal wieder an den Tag legte - wie sie mich fragte, ob sie beim Haare waschen eine Taucherbrille anziehen kann. Ich grinse mitten in ihr grinsendes Gesicht und nicke. Wir sind beide gleichermaßen begeistert von dieser Weltidee, ne WELTIDEE, die Erdnuss, der TITAN! Ich bring ihr also die Taucherbrille, sie zieht sie sich umständlich über ihre schon feuchten Haare, ruckelt noch ein bisschen hin und her über den Augen, dreht sich um und verschwindet kopfüber im Duschstrahl.

Und das ist das denkwürdige Bild, das ich zum denkwürdigen Vorabend des ersten Schultags meiner wunderbaren Tochter immer im Herzen tragen werde:

Die nassen blonden feinen Haare, die glänzend am Kopf kleben, die rosa Ohrmuscheln, die durch die Riemen der Taucherbrille in einen absurden Winkel gedrängt werden, über die sich tropfende Haarbüschel schmiegen, der sonnengebräunte Rücken mit den gekreuzten weißen Streifen vom Badeanzug, der kleine Popo, die hängenden Arme und das vor Vergnügen strahlende Gesicht mit der Riesentaucherbrille um Nase und Augen, was sich nach einer kleinen Weile zu mir umdreht.

Ein Meer von Liebe überschwemmt mein Herz, wenn ich an dieses merkwürdige kleine Wesen mit der Riesentaucherbrille unter der Dusche denke, ein warmes, ein weiches, ein so unglaublich süßes Gewässer. 

Ähm.

Meer? Süßes Gewässer? was red ich?

Egal.

Rosarote Taucherbrille.

Bei Muttis muss das Meer nicht salzig sein...

 

10.08.2009 um 21:42 Uhr

Hygiene-Trick

 

"Mama?"

"Ja-ha?"

"Ich KANN noch nicht ins Bett!"

"Warum nicht?" Ja, warum eigentlich nicht, es ist 21.15, wir haben rumgealbert, geduscht, Zähne geputzt, vorgelesen, geknuddelt und den sechsten Zahn ausgiebig betrachtet, der heute ausgefallen ist...

"Ich muss noch Hände waschen!"

"Hö? Du hast geduscht."

"Ja. Aber man MUSS viel Hände waschen!" Sie macht eine ihrer Kunstpausen. "Wegen der SCHWEINEgrippe!"

"Oha."

"Also?" Sie schaut mich ernst an. "Darf ich noch Hände waschen?"

Kann man dazu nein sagen? "Klaro!"

Während sie am Waschbecken steht, und sich die inzwischen gar nicht mehr pummeligen Händchen einseift, frag ich mal vorsichtig nach.

"Erdnuss?"

"Ja-ha?" Meditativ kreisen ihre Fingerchen über dem Waschbecken. Verträumt schaut sie dabei in den Badezimmerspiegel.

"Was weißt du eigentlich über die Schweinegrippe?"

"Die will man nicht haben!"

"Und was noch?"

"Die kriegt man auch nicht, wenn man ordentlich Hände wäscht."

"Aha. Und warum will man die nicht haben?"

"Was?"

"Naja, was ist denn schlimm an der Schweinegrippe?"

Sie zuckt Gottseidank die Schultern. Ich kann die ganze Grippe-Hysterie nicht ausstehen. 

"Weißt du denn, was Grippe ist?"

"Die will ich nicht haben!"

"Aha."

"Deshalb wasch ich ja Hände" Sie seift und seift und seift. "Gründlich."

"Sehr gründlich." bemerke ich.

"Ja, nä? Muss man auch."

"Mh-mh." Bratenduft steigt mir in die Nase. Endlich betätigt die Erdnuss den Wasserhahn, die Seife fließt von den Fingern, den Handflächen.

"Blit-ze-blank putz ich meine Händchen."

"Ok." Ich grinse.

"Und noch mal." Die Erdnuss greift nach der Seife. "Ich geh nämlich auf Nummer Sicher."

"Auf Nummer Sicher. Soso." Jetzt grinst sie auch.

"Ja-ha. Dann glänz ich wie ein Goldklümpchen."

"Ein Goldklümpchen."

"genau." Spülen.

"Wie" - Seife - "ein" - noch mehr Seife - "Gold" - Schaum - "klümp" - Jede Menge Schaum - "chen"

"Und wann ist man fertig?"

"Man ist niemals fertig, Mama."

Wieder einer dieser Momente, in denen ich mich frage, ob sie sich darüber im Klaren ist, was für kluge Sachen sie manchmal sagt.

"Und man möchte auch niemals ins Bett, nä?"

Jetzt grinst sie noch breiter. Resolut dreht sie das Wasser ab.

"Ach nö. Aber man muss ja irgendwann." Seufzen. "Man muss ja..."

Und niemals ist man fertig.

Wie wahr...

 

 

07.08.2009 um 13:10 Uhr

Von Wörtern, Herzen und komischen Dingen

"Mama?"

"Ja-ha?"

Wir liegen beide auf dem Rücken in ihren Bett und schauen an die Sternchen-Schmetterlinge-Sonnen-Decke. Irgendwie zufällig oder auch mit Absicht, wer weiß das schon, haben wir die gleiche Haltung eingenommen, die Hände auf unserem Bauch verschränkt, die Beine angewinkelt und übereinandergeschlagen.

"Ich möchte endlich ALLES schreiben können."

"Oh, du hast nicht mehr lang, dann lernst du das."

"Ja, aber es soll schon losgehen!"

"Ach ein bisschen Ferien noch vorher können nicht schaden, oder?"

"Ja." Sie seufzt. "Ausschlafen. Noch viel ausschlafen."

Die Erdnuss, die ihr Lebtag nicht nach 7.30 aufgestanden ist, hat eine Woche vor Schulbeginn das Ausschlafen für sich entdeckt und schläft jetzt gern mal bis 10 oder 11. Na? Ist das ein Timing?

"Mama?"

"Ja?"

"Freust du dich, wenn ich ein Schulkind bin?"

"Klar."

Sie muss das fehlende Ausrufezeichen gehört haben, denn sie fragt zögerlich: "Wenn ich ein Schulkind bin, dann bin ich der selbe Mensch, nä Mama?"

"Aber sicher!"  Jetzt aber mit Ausrufezeichen!

"Ja, denn mein Herz pumpt immer nur für dich!"

Lächelnd unterdrücke ich ein Prusten und flüster verschwörerisch: "Und meins für dich!"

"Ist das lustig?" Da hilft kein Unterdrücken, sie kriegt ja doch alles mit. 

"Ein bisschen."

"Ja, 'pumpen' ist ein komisches Wort."

"Mh." Ich denke über 'pumpen' nach. 

"Man kann bei dem Wort an nix denken außer pumpen." Die Erdnuss kichert. "Weißte Mama, so: puomp, puomp, puomp." Mit gutturaler Stimme ahmt sie täuschend echt das Geräusch nach, was im Toilettenabfluss entsteht, wenn man sich mit einem Pömpel dran zu schaffen macht. Wir kichern beide.

"Gibt es noch so Wörter?" hakt sie nach.

Aha! Die Sprachwissenschaftlerin ist gefragt. Lautmalereien als, Moment, eins im Sinn, äh: "Blubbern, z.B." Kichernd blubbert die Erdnuss vor sich hin: "bluobb, bluobb, bluobb." 

"Ist plätschern auch so ein Wort?"

"Joa, ein bisschen."

"Mh. Und klingeln?"

"Genau."

"Klingeling." Die Erdnuss nickt zufrieden. "Und pfeifen?"

"Jipp."

"Pfeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiffffffffffffffffffff!"

"Sehr schön. Du hast das Prinzip verstanden." Ich halt mir die Ohren zu.

"Was ist ein Prinzip?"

"Ein Prinzip ist wie eine Regel oder wie mehrere Regeln"

Die Erdnuss schweigt.

Ich schweige.

Mit Prinzipien und Regeln hammers nicht so, das ist mal klar.

Wir schweigen weiter.

Plötzlich:

"Bu-sen-hal-ter." Die Erdnuss schaut nach rechts zu mir und grinst.

"Busenhalter." wiederhole ich ratlos.

"Busenhalter ist auch ein komisches Wort." 

"Ja, das stimmt."

"Sind das zwei Sachen oder eine?"

"Was?"

"Der oder die Busenhalter."

"Ein Halter."

"Und Busen? Busen sind es doch zwei?"

"Brüste. Zwei Brüste - ein Busen."

"Hö?"

"naja, Busen sagt man zu beiden Brüsten. Und jeder hat dann einen."

"aber man kann doch auch eine Brust haben."

"Wie? Wenn eine fehlt?"

"Nee. Ich zum Beispiel," sie weist mit dem Zeigefinger auf ihr Herz "hab EINE Brust."

"Äh."

"Das Herz schlägt doch in der Brust. Nicht in den Brüsten."

"Äh." Ich denke nach. Ein Vorteil bei Kindern: Man muss immer so viel über Dinge nachdenken, über die man noch nie nachgedacht hat.

"Das versteh ich nicht, Mama."

"Naja, man meint verschiedene Sachen. Die Brust ist das Ganze mit Muskeln, Knochen und alles, also das zwischen Schultern und Rippen, und die Brüste meint man dann, wenn man nur  diese, äh, also, das Weiche da." Sprachnot, die reine Sprachnot.

"Das runde mit der Murmel drauf, nä?" Die Erdnuss kichert. Sie erinnert sich gern an ihre Babysprache. Mit zwei oder so hat sie immer Murmeln zu den Brustwarzen gesagt.

"Ja. Das runde mit der Murmel drauf, das ist die Brust." Ich kicher auch.

"Die Brust? Nee. Das hast du eben noch anders gesagt."

"Naja, wenn man das Runde meint, ist es EINE Art von Brust, wo es eben zwei von gibt, die Brüste eben, und das andere ist eine ANDERE Art von Brust, wo es nur eine gibt."

"Mehrere Leute haben mehrere Brüste, oder?"

"Ja, aber..." Ich seufze.

"Lass mal, ich habs, glaub ich verstanden." Ich höre ein Glucksen in ihrer Stimme. Sie verarscht mich wieder ein bisschen, warum auch nicht... Ich kicher ein bisschen."Busenhalter" sag ich vor mich hin. Die Erdnuss kichert mit. "Es bleibt ein komisches Wort, nä Mama?" "Ja, das stimmt."

"Buuuuuuuuuuuuuuuuuuuusen." Hihihihi. "Und Popo. Popo ist auch ein komisches Wort."

"Stimmt."

"Und Mumu." 

"Mumu sowieso." Gibt es ein gutes Wort für Geschlechtsteile? Männlich oder weiblich? Nee, oder?

"Päääääääääänis!" Haltlos kichert die Erdnuss vor sich hin. Ich grinse. Und dann kommt sie in Fahrt: "Pipi, Arsch, Kacke, Rotze, Kotze, Pimmel, Popel, Schmiere, Schei-ße UND"

Kunstpause.

"Arsch-loch!" Das letzte komische Wort verkommt zu einem verschwörerischen Flüstern.

"Genau." Gelassen falte ich wieder die Hände auf dem Bauch. "alles komische Wörter."

"Warum sind die so komisch? Das versteh ich nicht."

"Na, dann lass mal überlegen. "

"Es GIBT doch all die Sachen. Ich HABE doch ein Loch im Po. Dann muss man auch was dazu sagen, oder?"

"Ja, aber es gibt schöne Wörter dafür und weniger schöne."

"Wer sagt, was schön ist?"

"Ach, dumme Leute. Weißt du was, Erdnuss? Ich finde ALLE Wörter schön. Jedes hat seinen Platz in der Wörterwelt."

"Weißt du was ich glaube, Mama?"

"Nee."

"Ich glaube, es SIND gar keine komischen Wörter."

"Sondern?"

"Es sind nur komische Dinge."

"Aha?"

"Ja, irgendwie peinlich."

"Ja." Ich überlege kurz. "Das stimmt. Man redet nicht gern dadrüber."

"Kennst du ein komisches Wort für Sofakissen?"

"Nee." Ich lache laut. "Sofakissen sind ja auch nicht peinlich." Oder doch? Ich muss da nochmal drüber nachdenken. Ab sofort unterscheide ich abstrakte und konkrete Peinlichkeit. Denn es GIBT ja peinliche Sofakissen. Im Grunde sind Sofakissen per se peinlich. Also je nach dem. Ähm...

"Kaka und Pipi sind peinlich."

"Richtig. So sehen das die Leute."

"Aber alle machen es."

"Ja. Das ist wie mit der Popelgeschichte. Alle popeln, aber keiner gibt es zu."

"Essen alle ihre Popel?"

Ich zucke die Schultern. "Ach, weiß ich nicht. Macht ja keiner, wenn jemand dabei ist."

"Aber manche?"

"Bestimmt."

"Du?"

"Manchmal."

Die Erdnuss nickt zufrieden. "Ich auch." seufzt sie erleichtert.

Wir schweigen. 

Wir schweigen noch sehr lange. Ich gehe in Gedanken all die seltsamen Konventionen durch, vielleicht macht die Erdnuss ja dasselbe.

An diesem Abend brauchen wir nicht mehr viele Wörter. Zufrieden ist die Erdnuss neben mir eingeschlafen. 

Gute Nacht kleine Erdnuss, du bleibst derselbe Mensch, und wirst dich verändern. Woche für Woche. Monat für Monat. Jahr für Jahr.

Alles fließt. Nichts dauert.

 

 

 

 

 

 

06.08.2009 um 21:39 Uhr

An der Bushaltestelle

 

 

Gleich kommt unser Bus

Davor gibts noch nen Kuss

Wie lange wirds noch dauern

Gleich wird der Regen schauern

Ach wärn wir doch zu Haus

Da kennen wir uns aus

Da kommt die falsche Nummer

Das macht uns richtig Kummer

Wir woll'n hier nicht mehr stehen

Und können auch nicht gehen

Ach da kommt der Bus

Dann macht der Reim jetzt Schluss

 

03.08.2009 um 20:49 Uhr

insektenliebe

Der ein oder andere wird wissen, wie tierlieb die Erdnuss ist. Vor allem zu allem, was kreucht, krabbelt und fleucht. Schnecken, Regenwürmer, Käfer, Spinnen, Wanzen, Fliegen, Ameisen, Bienen, Hummeln...

Immerzu sagt sie: "Guck mal, Mama, WIE SÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜSS!"

Jawohl. Auch Spinnen sind süß. Und schön. Und die Netze sind interessant. Und Ameisen darf man auf keinen Fall zerdrücken, und die Biene hat die Erdnuss auch nur unter der Achsel gestochen, weil die Erdnuss den Arm gesenkt hat.

Als neulich eine Wespe im Plantschbecken landete und sich Zoe und Kathrina hysterisch kreischend in den östlichen Teil unseres Gartens flüchteten, blieb die Erdnuss im Plantschbecken stehen und kreischte ihrerseits: "MAMAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! DIE WESPÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ! DIE WESPÄ ERTRIIIIIIIINKT! RETTE DIE WESPÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH!"

Ich komme mit einem Wasserglas und schöpfe die Wespe ab. Im Glas schwimmt sie im Kreis und summt leise. "Mama! Du musst sie retten!" "Nee, kleine Erdnuss. Bei Wespen hört meine Tierliebe auf. Die sind echt nicht nützlich oder schön, die bringen nur Ärger." Der Erdnuss Augen füllen sich mit Tränen. Sie nickt tapfer. Dreht sich weg und wischt sich eine Träne von der Backe. Nichts, wirklich nichts rührt mich mehr, als diese Wischbewegung. Und dann noch nicht mal Widerworte. Ich betrachte die Wespe. Da summt sie unglücklich vor sich hin. Wenn ich sie raushole, wird sie mich ohne Rücksicht auf Verluste stechen. Ich überlege kurz, dann geh ich zur Gartentür. "komm mal mit, Süße" sag ich. Unschlüssig wackelt die Erdnuss hinter mir her. "Guck mal: Hier gießen wir das Glas aus." Ich zeige auf eine sonnige Stelle im Gras neben dem Baum, da wo niemand lang geht. "Aha?" Die Erdnuss ist immer noch unschlüssig. Ich schütte vorsichtig das Wasser neben den Stamm. "Jetzt liegt die Wespe in der Sonne. Und da trocknet sie die Flügel. Und dann kann sie auch wieder munter weiterfliegen." Die Erdnuss strahlt. "Super. Da ist die Wespe froh, nä, Mama?" "Ja, dann kann sie wieder Leute ärgern" brummel ich vor mich hin. Der guten Laune meiner Tochter tut das keinen Abbruch. Breit grinsend lässt sie sich wieder ins Plantschbecken fallen. Zoe udn Kathrina trauen sich auch wieder. Der Nachmittag ist gerettet.

Nächster Tag: Nach einem anstrengendem Einkaufsmarathon gönnen wir uns ein Abschlusseis am Springbrunnen. Die Erdnuss geht um das ziemlich gammelige Gewässer drumrum, um "Sachen zu suchen". Nicht lange später der Ruf: "MAAAAAAAAAAAAAAMAAAAAAAAAAAAAA! Da schwimmt was im WAAAAAAAAAASSER!"

"och nö! Nicht schon wieder eine Wespe!" schrei ich zurück.

"Neeeeeeee, ich weiß nich, was es ist, aber es ERTRIIIIIIIIIIINKT!" Anklagend richtet die Erdnuss ihren Finger auf das grau-grüne Wasser. 

Mh. Dass sie nicht weiß, was es ist, macht mich schon mal stutzig. Aber auch neugierig. Dann ein erneuter Ruf: "MAMA! ES IST RIESENGROSS!!!!!!"

Oh nööööö! Nö! Nö! Nö! Kein riesengroßes Krabbeltier. Ich will, ich will, ich will nicht. Widerwillig schlurf ich zum gegenüberliegenden Rand des Springbrunnens. Und ja! Es ist groß. Wirklich groß. Ca. fünf Zentimeter lang und anderthalb dick. Ein Riesengrashüpfer schwimmt da seitlich und zappelt nur noch sporadisch. "Der hat nicht mehr lange" denk ich und sage: "Wollen wir ihn retten?" "JAAAAAAAAAAA!" die Erdnuss klatscht in die Hände. Eine Sixpackverpackung schwimmt am anderen Ende, dort geh ich hin, reiß sie aus den schimmeligen Fluten, mit dem Mut der Verzweiflung zerreiß ich sie und schieb sie dem Grashüpfer hin, der sich aus dem Wasser ziehen lässt, dumm isser nicht, der kleine Hüpfer, ach, was red ich, er ist ja riesig. Auch ihn parken wir in der Sonne. Betrachten ihn. Stellen fest, wie schön er ist. Bis er mir in die Bluse hüpft und ich wild kreischend um den Brunnen tanze, was die Erdnuss zu einem Lachanfall animiert, woraufhin sie mit einem Hosenbein im Brunnen landet, was wiederum einen Weinkrampf zur Folge hat, weil ihre Ho-ho-hose jetzt ganz na-ha-hass ist. Der Grashüpfer sitzt derweil auf einem Löwenzahnblatt und putzt in aller Gemütsruhe seine Fühler, während ich beruhigend auf die schluchzende Erdnuss einrede. 

"Sie mögen mich gerettet haben und dafür danke ich ihnen von Herzen, aber sie haben definitiv ein Rad ab, das muss man einfach sagen." denkt er und hüpft davon...

Insektenliebe.

Liebe ist Liebe.

 

01.08.2009 um 22:47 Uhr

Mischmaschbälle

Am Ende eines wundervollen Tages haben wir Mischmaschbälle geknetet.
 
 
 
 
Und den Maus, das Ente und die Elefant.