Komm geh

17.02.2009 um 04:39 Uhr

Nr. 1

von: Janvier

Eine silberne Haarspange hielt die in der Mitte gescheitelten, von der Sonne aufgehellten Haare streng zusammen. Ich trug ein hellblaues Shirt und meine erste Hüfthose. Den Ellbogen auf einem grauen Tresen lehnend hielt ich einen Telefonhörer ans Ohr. Die Osterferien waren gerade vorbei. Ich war sechzehn, hatte eine aufreibende Zeit hinter mir. Plötzlich war ich interessant für Jungs; plötzlich hatte mein Bruder gepetzt, daß ich rauche; plötzlich hatte ich meinen ersten Knutschfreund und wieder nicht; plötzlich hatte ich ein eigenes Leben, eines, das nichts mit meiner Familie zu tun hatte, das ich mir selbst erschaffen hatte; plötzlich hatte ich mich selbst erschaffen. Ein dreiviertel Jahr zuvor war ich zum ersten Mal alleine geflogen. Mein innerer Angsthase und ich waren in einen Segelflieger gestiegen und sind losgedüst, ganz allein und alle Queen Songs laut singend, die ich kannte. Eine bunte Aura von Selbstsicherheit war um mich gewachsen. Dann kam dieser braunäugige Junge auf mich zu, während ich im  Internetcafé eines Bekannten mit einer Freundin telefonierte.

Sie: Ich muss dir jemanden vorstellen. Ein Freund von J.. (Ihr damaliger Freund.)

Ich: Wie sieht er denn aus?

S.: Braune Augen.

I.: Aha.

Ich sah gerade sehr freche, braune Augen vor mir.

S.: Netter Hintern.

I.: Ähä...

Zwei braune Augen auf einem Knackarsch grinsten mich an.

S.: Und trägt eine schwarze Lederjacke. Weisste, die mit Reissverschluss am Ärmel und schwarze Stoffhosen drauf.

I.: Äähäää???

S.: Wirst ihn beim Grillen nächstes Wochenende kennenlernen.

I.: Ähem, meinste?

Vom Tresen aus sah ich, daß er sich auf einer lokalen Chatseite tummelte. Ich legte auf, setzte mich an den gegenüberliegenden Rechner und meldete mich unter einem Gruppenpseudonym ein. Wir, d. h. eine Zockergruppe einschließlich meiner selbst, hatten damals Spaß daran, billige Flirtchats mit penetranter, bunter Flimmer- bzw. Blinkschrift ungemütlich zu machen. Und gemeint sind anständig große Schriftgrößen. Was ein Spaß. Ich trieb also meinen Unfug mit ihm, vergleichbar mit Hauen im Kindergarten. Es brauchte nicht lange und er stand lachend hinter mir.

Und es brauchte überhaupt nicht lange, mich auf seinen zitronengelben Roller zu bekommen...