Anleitung zum Entlieben

28.09.2005 um 18:09 Uhr

Dick & zufrieden?

von: Lapared

Got the cake. Was soll ich sagen... Gewicht verlieren ist ein Traum. Aber fett werden... auf diese Art auch.

28.09.2005 um 16:24 Uhr

Pippilein, have you got the Sachertorte?

von: Lapared

Eben klingelte übrigens das Telefon. „Dick“ stand auf dem Display. Sehr gut, dachte ich, halt Dich gut fest, kleiner Holländer, beim letzten Mal konnte ich Dir nicht im zum Begreifen offensichtlich erforderlichen, brutalen Maße weh tun, aber jetzt, jetzt! Jetzt habe ich nämlich Migräne, und glaub mir, mit so einem Hämmern im Schädel wird selbst ein Lamm zum Tier.

Wir haben uns dann zwei Stunden nett unterhalten.

Aber mal unter uns... „Hallo Pippi (er nennt mich Pippi, weil er hofft, meine Witzigkeit, die im konkreten Fall des Einzelwitzes stets unbemerkt an ihm vorbei geht, wenigstens abstrakt und quasi global gebührend zu würdigen)… Pippilein, have you got the Sachertorte? I´m in Vienna, went to Hotel Sacher and asked for the geiler Schokoladenkuchen. Have you got it?“ Wer könnte nach so einer Eröffnung überzeugend richtig echt endgültig definitiv Schluss machen?

28.09.2005 um 13:32 Uhr

Reiseprotokoll

von: Lapared

Als ich gestern Nacht nach Hause kam, habe ich mir einen sehr großen CARLOS eingeschenkt und versucht, Dick anzurufen. Um endlich „reinen Tisch“ zu machen. Aber er ging nicht dran. Einen CARLOS kann man nicht in den Ausguss schütten...
Wegen einer gewissen Unpässlichkeit würde ich mich deshalb für den Moment lieber darauf beschränken, das „Reiseprotokoll“ einzustellen, das in den letzten drei Tagen entstanden ist.

3 Tage München – Reiseprotokoll

Ich habe mir so überlegt... es ist nicht auszuschließen, dass es in München Internet gibt. Die Bayern, die alten Tausendsassa, da kann man nie wissen. Für alle Fälle beginne ich eine Art Reiseprotokoll. Und stelle es ins Netz, sobald ich in München angekommen bin. Also...

Ich sitze im Zug nach München. In einem vollen Zug nach München. Ich hasse es. Warum müssen Menschen ständig reisen? Warum können Sie nicht einfach mit dem Hintern daheim bleiben? Der schnellste Weg zum Weltfrieden wäre meiner Meinung nach: zu Hause zu bleiben. Alle Mann. Vielleicht sollte ich erwähnen: Es ist Sonntag. Und es ist 8.03 Uhr.

Ich habe eine Entschuldigung. Ich muss mir das Baby meiner besten Freundin ansehen, bevor es auf die Uni kommt - das ist man seiner besten Freundin schuldig. Aber welche Entschuldigung hat beispielsweise der Mann neben mir, der es im Übrigen fertig bringt, gleichzeitig zu schlafen und durch die halbgeschlossenen Lieder auf meinem Bildschirm zu äugen und mitzulesen, als ginge ihn das hier irgendwas an (jetzt dreht er sich weg...), wo bitte muss dieser neugierige Otter an einem Sonntagmorgen so dringend hin? Ich hasse es. Es ist 9.12 Uhr.

Es ist 10.11 Uhr und ich hasse es unendlich. Ich sitze im „Großraum/Raucher“ (ich, als frischer, durch die emotionalen Turbulenzen der letzten Tage höchst labiler Nichtraucher). Ich fahre rückwärts. Der Schlafsimulant ist weg, dafür bin ich jetzt eingekesselt von hysterischen Splitterwesen einer vom Reservierungssystem der Deutschen Bahn zersprengten Reisegruppe alter Damen, die verzweifelt versuchen, über Distanzen von bis zu fünf Sitzreihen im lebenswichtigen ständigen Austausch von Reiseproviant (natürlich Eierbroten!) und Befindlichkeitsberichten über Schlaf/Verdauung/Allgemeinbefinden zu bleiben. Mir wird schlecht. Kein guter Zeitpunkt, Reflektionen über mein wieder aufgenommenes Beziehungsleben anzustellen. Und doch kann ich eigentlich an nichts Anderes denken. Denken? Nein denken kann man das nicht nennen, es ist eher ein kognitives Surren, oder, wenn sich Unruhe dazu mischt, ein Gedankenflirren. Irgendwie so was.

Im Vergleich zu diesem Flirren war der Traum der letzten, durch das Reisevorhaben übrigens skandalös verkürzten Nacht geradezu sortiert.
Ich stehe in einer riesigen Halle, eine Art Flugzeug-Hangar, als plötzlich am Ende der Halle ein Tor aufgeht und gelbes Sonnenlicht einflutet, aus dem im nächsten Moment der Schatten eines Riesen auf mich fällt. Ich höre seine Schritte hallend näher kommen, ich versuche, mich hinter irgendetwas zu verstecken, aber plötzlich merke ich, ich verliere mein Gewicht (was unter allen anderen Umständen wirklich ein Traum wäre), ich werde so leicht, ich kann die Füße nicht auf dem Boden behalten, ich steige auf und schwebe bestens sichtbar wie ein Brauerei-Ballon in der Halle, höher, noch höher… und ich denke, wetten, das geht in die Hose, garantiert, ich kann gar nicht fliegen, und wer immer dafür verantwortlich ist, dass ich es doch tue, wird seinen Fehler gleich bemerken und umgehend korrigieren, dann falle ich auf die Fresse, die Chancen, dass ich das überlebe, werden mit jedem Höhenmeter geringer, und davon mal abgesehen, was soll das scheiss Gepiepe???

Tja, das war also mein Traum. Bis zum Piepen des Weckers. Die Deutung liegt natürlich auf der Hand: Der Schwebezustand beschreibt meine Verliebtheit, der Gewichtsverlust die Selbstaufgabe, die diese Beziehung erfahrungsgemäß mit sich bringt, und die Angst abzustürzen die Angst abzustürzen. Eine Möglichkeit. Aber ganz ehrlich - ein bisschen zu naheliegend, diese Deutung, ein wenig zu banal, was? Ich meine... Meine Träume sind, wie der Geist, dem sie entspringen, komplex... verschlüsselt... mehrdimensional - kein Kreuzworträtsel im Apothekenjournal!
Deshalb bin ich auf eine zweite, angemessen vielschichtigere Deutung gekommen. Ich sage nur: Enzymlefax. Der Traum bedeutet, ich brauche Enzymlefax. Es gibt nichts Wirksameres gegen Blähungen. Begebe Dich nie auf längere Reisen in gekrümmter Sitzhaltung ohne Enzymlefax, wollte der Traum mir sagen.

Ich vermisse die alten Damen. Jetzt sind es trinkende Männer. Hätte ich es doch gemacht wie Curd. Der weise, alte Curd. Der sitzt jetzt komfortabel in einer blitzblanken, aprilfrisch duftenden, großen Waschtrommel. Und ich umgeben von Suffköppen in einer verrauchten Sardinenbüchse. Aber... 13.40 Uhr, nur noch eineinhalb Stunden, dann bin ich da.

23.30 Uhr. Es ist großartig. Der Mensch sollte viel öfter verreisen. In andere Welten, andere Lebensweisen eintauchen. Den eigenen Nabel links liegen lassen und gucken, wie sich andere so schlagen. Die beste Freundin zum Beispiel, die man als Halb-Autist seit zweieinhalb Jahren nicht mehr besucht hat, und deren fast erwachsenes bereits mit Zähnen ausgestattetes Kind man nicht mal kennt. Ein sensationelles Kind. Ein Mädchen. Wunderschön. Wir haben auf der Terrasse gesessen, Kuchen gegessen, dem Kind zugesehen... und Curd in seiner Trommel bedauert, der niemals die Bekanntschaft eines so charmanten kleinen Wesens machend wird. Selber Schuld, Curd.

Ach so, mit dem Internet... das klappt nicht. Na ja. Dafür sind die Bayern – wenn ich richtig informiert bin – gute Fußballer.

Montag 12.30 Uhr. Wenn Menschen sich entscheiden müssten: entweder geliebt werden ohne zu lieben oder lieben, ohne geliebt werden – was würden sie wohl vorziehen? Die Mehrheit, denke ich, würde sich wohl lieber lieben lassen. Ein Grund, warum meine beste Freundin meine beste Freundin ist, ist der, dass sie wie ich zur Minderheit gehört. Als ich sie vor einigen Jahren kennen gelernt habe, war sie gerade – wie man so sagt – „unglücklich“ in einen Mann verliebt. Heute ist sie – wie man so sagt – „glücklich“ verheiratet. Übrigens mit demselben Mann. Geht doch.

Montag 23.30 Uhr. Meine Freundin hat den Eindruck, dass es mir gut geht. Ich habe ihr von 119 erzählt. Die ganze Chose. Und auch die Affäre Dick. Die Fast-Affäre Dick. „Liebe ist nun mal keine Prämie für außergewöhnliche Liebenswürdigkeit. Wenig vom richtigen Mann kann mehr sein als Viel vom falschen“, sagt meine Freundin, und etwas leiser: „Aber auch wenn wenig mehr ist, kann es trotzdem ZU wenig sein!“ – „Es geht mir auch gut“, beteuere ich. Und habe den Eindruck, es ist die Wahrheit.

Dienstag 00.12 Uhr. Wie jede Nacht um diese Zeit: die „FRIENDLY Good-Night-Kiss“-SMS von meinem neuen „FREUND“ Dick. Ich habe plötzlich das ungute Gefühl, dass das nicht in Ordnung ist. Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass ich ihm gegenüber möglicherweise nicht unmissverständlich klar war. Ich fürchte, da muss ich noch mal ran. Ich kann nicht schlafen. So etwas fällt mir unendlich schwer. I so hate to hurt you, Dick. Ich bin doch so ein guter, weichherziger Mensch. Außerdem... what if Enzymlefax works, if die Aufwinde abflauen und ich vom Himmel stürze... wer wird mir zur Hilfe fliegen, wenn nicht Du, mein unsterblich verliebter Holländer.

Grüß Gott, Curd Rock,
und herzliche Grüße aus München. Mir gefällt es hier sehr gut, als Ausdruck meiner Wertschätzung für die bayerische Kultur (auch wenn gewisse bei uns gepflegte Traditionen wie z.B. das Internet nicht dazu gehören), trage ich heute Morgen sogar eine Lederhose. Danach gehe ich in die Ausstellung von L.s Freundin und dann vielleicht noch auf die „Wiesn“ (wenn L.s Migräne es zulässt). Das verdanke ich Alles Dir, lieber Curd Rock, denn wenn Du der Welt nicht die Waschtrommel vorziehen würdest, hätte ich Deinen Platz in der Reisetasche nicht übernehmen können und mein Horizont bliebe so beschränkt wie Deiner. Darf ich Dich zu einem Dia-Abend einladen, wenn ich wieder zuhause bin?

HOPE

P.S. L. sagt, mit den Fotos ist Schluss. Ihre 10 M Byte Speicherplatz bei blogigo sind voll, und mehr als 10 M Byte bekommt sie nicht, sagt sie. (Manchmal wünschte ich, ich könnte ihr wenigstens einen meiner Intelligenzknubbel abgeben, dann bekäme sie es vielleicht hin, die Bilder extern zu speichern). Jedenfalls… Es wird wohl nichts aus unserem Diaabend. Schade, ich sehe sehr gut aus in meiner dunkelgrünen, weichen Hirschlederhose.


Dienstag 14.30 Uhr. Am Samstag, bevor ich gefahren bin, hatten 119 und ich nach einem herrlich trägen Nachmittag im mild durch die offenen Fenster fallenden Sonnenlicht in allem Frieden von einander Abschied genommen.

Er: Wie lange bleibst Du?
Ich: Weiß noch nicht.
Er: Ruf an, wenn Du wieder da bist.
Ich: …
Er: Hörste?!
Ich: Mal sehen.
Er: Mal sehen?
Ich: Hase. (Pause) Es ist doch so. (Pause) Ich gehe auf die 40. (Pause) Nach drei Tagen mit einem blond gelockten Kleinkind werden meine Hormone explodieren, meine Uhr wird ticken wie ein Zeitzünder in einem Edgar-Wallace Film und der alte Groll hat einen leichten Schlaf, wie Du weißt. Er wird aufwachen von dem Ticken und wieder anfangen zu brodeln: darüber, dass Du mich nicht liebst und keine blond gelockten Kleinkinder von mir willst. Ich denke, dann ist kein guter Zeitpunkt, Dich anzurufen, was meinst Du?
Er: Ich stimme Dir wie immer zu. Aber dann melde Dich, sobald es nicht mehr brodelt, ja?
Ich: Klar. Sofort nach meiner Mehrlingsgeburt infolge künstlicher Befruchtung kurz vor meinem 45sten.
Er: Für die Rückbildungsgymnastik solltest Du Dir schon noch Zeit nehmen. So lange kann ich dann auch noch warten.
Ich: Keine Sorge. Ich entbinde in der Plastischen, ich werde den Kaiserschnitt gleich mit einer Bauchdeckenstraffung verbinden.
Er: Schön, dann sehen wir uns nach Deiner Mehrlingsgeburt?!
Ich: Spätestens. Oder nächstes Wochenende.
Er: In 7 Tagen oder 7 Jahren, alles klar.


Meine Freundin hat wirklich die bezauberndste Tochter der Welt, aber… kein Ticken, kein Brodeln, kein Grollen. Ich denke, mein liebster 119, wir sehen uns tendenziell eher am Wochenende.


Guten Tag, Curd Rock,
Deine Bevorzugung eines beschränkten Horizonts zeugt von einer Weitsicht, die mir persönlich erst allmählich zuteil wird. Du bist sehr weise, Curd Rock. Ich habe Dir ein Lebkuchenherz gekauft.
Jemand hat meine Intelligenzknubbel mit einem bayrischen Nationalgericht verglichen und sich erkundigt, wo mein Senf wäre. L. sagt, er habe damit zum Ausdruck bringen wollen, dass er mein Äußeres appetitlich findet, aber ich habe mir das erwähnte Nationalgericht angesehen. Wissend, dass Schönheit subjektiv unterschiedlich empfunden wird, möchte ich doch zumindest Eines feststellen: Zwischen meinen Intelligenzknubbel und bayrischen Weißwürsten besteht ästhetisch eindeutig keinerlei Verwandtschaft.
Ich möchte jetzt gerne wieder nach Hause.

H.


Ich auch.

L.