Anleitung zum Entlieben

09.04.2006 um 23:58 Uhr

Ich nicht kritikfähig??? Frechheit!!!

von: Lapared

„Wie unser Vatter!“ trompete ich ins Telefon, „wie unser Vatter!“

10 Minuten zuvor hatten D. und ich den ersten Krach gehabt. 11 Minuten zuvor war ich bei ihm angkommen. Unverletzt. Meine Schwester ist erleichtert.

„Er muss meine Curd-Fotos ja nicht toll finden,“ empöre ich mich (und lüge, er muss!), „jeder kann doch seine Meinung haben…“ (bitte, kann es zwei Meinungen geben über Curd-Fotos?) „aber dann soll er sie doch bitte auch als Meinungsäußerung formulieren: Ich finde, dass die diese Fotos nicht gut sind… Und nicht als Feststellung: Diese Fotos sind nicht gut“ (Diese Fotos sind toll hingegen dürfte er gerne als Feststellung formulieren, da bin ich nicht so.) – „Hat er tatsächlich gesagt: Diese Fotos sind nicht gut?“ – „Schlimmer. Er sagte es nicht so wums vor die Schwarte, sondern in dieser unglaublich einfühlsamen Sonderpädagogenmanier, Du weißt schon. “ – „In etwa so...?“ meine Schwester mit ihrer wärmsten, freundlichsten Stimme: „Curds Minenspiel hast Du bei diesen Fotos sehr hübsch herausgearbeitet, aber vielleicht überlegst Du mal, ob Du demnächst nicht immer seinen Kopf abschneidest, dann werden Deine Fotos noch besser!“ Ach, wie fühle ich mich verstanden: „Genau! Nach allen Regeln der Behindertenpädagik: Negative Kritik unbedingt mit einem Lob einleiten…“ – „…und natürlich nie als Kritik formulieren, sondern als Anregung!“ – „Aber in der Sache fest!“ - „Feststellung, nicht bloß als Meinung!“ Meine Schwester seufzt: „Ach ja, wie unser Vatter!“ Und nach einer kleinen Pause: „...eigentlich sehr nett!“ - "WAS???" donnere ich, vom eigenen Blut verraten. „Naja, D. ist Künstler, er versteht mehr von Bildern als Du und sagt Dir, wie Du´s besser machen kannst. Er nimmt Dich ernst.“ – „Sprich weiter, Ex-Schwester!“ – „Und dabei bemüht er sich, Dich nicht zu kränken, weil er Dich liebt. Wie unser altes Papilein...“ – „Käse! Toll muss er sagen, ein einfaches, mit ein klein wenig Enthusiasmus vorgetragenes TOLL!“ – „Er soll Dir was vorspielen?“ – „Er muss ja keine oscarreife Vorstellung sein, ich finde jeden überzeugend, der sagt, dass ich toll bin!“ – „Hör mal...“ meine Schwester gibt sich energisch, „Du bist toll, Curds Fotos sind toll! Wirklich!“ – „Du willst mich doch nur aufbauen!“ – „Nein im Ernst, ganz große Klasse!“ – „Jetzt schleim nicht so rum!“ – „Ich schleime nicht!“ – „Du siehst mich viel zu unkritisch, ich bin Deine Schwester!“ Ich höre es am anderen Ende sehr tief ein- und wieder ausatmen. Ein... und wieder aus. „Ja, Du bist meine Schwester. Und dazu ein sehr, sehr komplizierter Mensch.“

Käse!

Aber abgesehen von dieser kleinen Missstimmung am Anfang läuft es prima. Höm.