Anleitung zum Entlieben

13.07.2006 um 19:24 Uhr

Notfruf, Abgang oder Pendelverkehr?

von: Lapared

„Warst Du eigentlich dabei, als der Anruf wegen seines Vaters kam?“ Meine Schwester hat diesen speziellen Tonfall und obwohl ich ihr Gesicht nicht sehe, weiß ich, dass zwischen ihren Augenbrauen zwei tiefe Längsfalten äußerste Bedenklichkeit signalisieren. Miss Marpel hat Witterung aufgenommen. „Ich hab es klingeln gehört, aber das Gepräch hab ich nicht mitbekommen.“ – „Hm.“ Ein bedeutungsschweres Hm. „Du denkst, das hat er nur erfunden?“ frage ich. Die Falten springen von ihrer Stirn auf meine. „Nein, nein “, nach gesätem Misstrauen gibt sich Miss Marpel wieder betont arglos, „so was erfindet man doch nicht!“ Schweigen. Würde ich Fingernägel kauen, würde ich jetzt Fingernägel kauen. „Nein, so was erfindet man nicht“, antworte ich, hole tief Luft und füge hinzu „aber...“. Ich stocke. Es ist nie zu spät, mit dem Fingernägel kauen anzufangen. “Aber was?“ - „Was wohl?“ Die Art, wie sie mich pädagogisch sanft an die von ihr selbst längst gehegten Zweifel heranführt, macht mich aggressiv. Widerwillig spreche ich es aus. „Aber ich frage mich natürlich schon, ob es mit seinem Vater wirklich so ernst ist.“ – „Hm.“ - „Oder ob ein quer sitzenden Pups im väterlichen Verdauungstrakt für ihn der willkommener Vorwand war, endlich mal wieder nach Hause zufahren.“ – „Hm.“ – „Um sich von mir auszuruhen und bei der Gelegenheit im heimischen Nest auch gleich ein bisschen die Hoffnungen zu schüren, damit SIE es weiterhin für ihn warm hält. – „Hm.“ - „Und wer weiß, vielleicht wird ihm ja auch klar, wie gut er es eigentlich hatte in seinem anstrengungsfreien alten Leben, wie sehr ihm sein Zuhause gefehlt hat und… und er kommt gar nicht wieder. “ – „Das glaube ich nicht.“ – „Doch, genau das tust Du.“ Ich bin wütend. „Nein, mein Schatz, so optimistisch bin ich nicht. Ich fürchte, er kommt wieder. Ich fürchte, dieser Pimmel pendelt nach Lust und Laune hin und her.“ Jetzt ist sie wütend. Ich versuche einen kleinen Deeskalations-Joke. „So sind sie, die Pimmel: Pendler...“ - „Käse. Nur, wenn man sie lässt.“ - „Was soll ich denn tun?“ – „Nagel ihn fest!“ – „Aua.“ – „Oder bist Du Dir selbst nicht mehr sicher? Darf Dick pendeln, weil Du selbst nicht weißt, wo Du stehst?“ Ich höre sie leise grinsen. Ich höre, sie denkt, jetzt hat sie mich. Ich lasse von meinem abgekauten Daumennagel ab und trompete in den Hörer: „DOCH! Doch. Ich möchte, dass er zu mir kommt. Ich will mit ihm zusammen sein. Aber ich wünschte, er würde sich zumindest am Anfang eine eigene Wohnung nehmen, damit wir ein bisschen Zeit haben, uns aneinander zu gewöhnen!“ – „Ja und?“ – „Leider kommt das für ihn nicht in Frage.“ – „Warum nicht?“ – „Wovon? Er verdient hier doch kein Geld!“ - „Und das Schöne ist, wenn er bei Dir wohnt, muss er es auch nicht!“ – „Bei Dir hat er keine Chance, hm?“ - „Nein, ich stehe nicht auf Blond.“ - „Dann dürfte es Dich sicher freuen, dass er sich seit gestern nicht gemeldet hat.“

Das hat er tatsächlich nicht.