Anleitung zum Entlieben

29.07.2006 um 22:34 Uhr

Plaumenkuchen, der neue Käsekuchen

von: Lapared

„Willst Du das alles alleine essen?“

Erschrocken schaue ich von meinem Pflaumenkuchen auf. Pflaumenkuchen, der Käsekuchen der Saison, niemand soll sagen, bei mir wiederhole sich immer dieselbe Geschichte.

„Allerdings!“ brülle ich und drehe Revolverheld ein bisschen leiser, „allerdings.“ Finster sehe ich zu ihm rüber, er hat viel Gepäck. „Drei Stückchen Pflaumenkuchen sind nicht zuviel für eine Frau, die in ihrer Wohnung überfallen wird. Ich fresse mir einen Panzer gegen persönliche Übergriffe an.“ Dick schaut sich um, ich wünschte ich hätte die leeren Keksdosen entsorgt. „Vor allem frisst Du Dir einen Schwimmring an. Den Schlüssel hast Du mir übrigens selbst gegeben.“ – „Jeder macht mal Fehler. Und das wird definitiv ein Panzer, kein Schwimmring, dafür sorge ich schon.“ – „Ach.“ – „Wenn ich hiermit fertig bin, gehe ich 114 Minuten plus Bonusmaterial auf den Stepper, „Caché“ von Michael Haneke, diesem verrückten Österreicher.“– „Vergiss die Sahne nicht. 114 Minuten plus Bonusmaterial, dadurch wirst Du höchstens anderthalb Stücke wieder los!“ – „In dem Film variiert er übrigens sein altes Thema, sehr interessant!“ – „Nämlich?“ – „Wie sich, beginnend mit einer Kleinigkeit, ganz leise der nackte Horror in das gelangweilte Glück von Menschen einschleicht, die vorher vergessen hatten, wie gut es ihnen geht.“ - „Klingt spannend.“ – „Und dabei so realitätsnah!“

Trotzig, ohne Dick anzusehen, mache ich mich an das zweite Stück.

Er: „Vorschlag: Du könntest den Pflaumenkuchen mit dem nackten Horror teilen...“ , ich würdige ihn keines Blickes, „…und Dir den Film danach - zusammen mit dem nackten Horror - gemütlich auf der Couch ansehen, statt auf dem Stepper.“ Ich werfe ihm einen kurzen verachtenden Blick zu. „Rein von der Energiebilanz kommt das aufs Selbe raus“, legt er nach, „und wenn wir uns danach noch etwas bewegen, nimmst Du womöglich sogar ab.“ Er grinst. Er weiß, wo er den Hebel ansetzen muss.

Missmutig lege ich den Löffel weg und schiebe den Teller ein Stück in seine Richtung. Er setzt sich und beginnt zu essen. Meinen Kuchen.

Nach ein paar Löffeln mit vollem Mund: „Gibt es eigentlich irgendeine Regel, wann Du aus Kummer frisst und wann Du hungerst? Als ich Dich das letzte Mal verlassen habe, konntest Du nichts essen und diesmal frisst Du!“ – „Das mache ich immer abwechselnd, beim nächsten Mal hungere ich wieder, auf diese Art und Weise halte ich meine Figur.“ – „Und wenn es kein nächstes Mal gibt, wenn ich Dir keinen Kummer mehr mache?“ – „Dann habe ich ein Problem.“ Dick wischt sich den Mund ab. „Du hast ein Problem: Meine Frau und ich haben uns getrennt. Ich bleibe jetzt bei Dir, Schatz. Ich kann gar nicht mehr zurück.“

Und ob ich ein Problem habe! Ich liebe Pflaumenkuchen, ich hatte mich gerade daran gewöhnt...