Anleitung zum Entlieben

18.08.2006 um 22:05 Uhr

Mein Mann

von: Lapared

Das nenn ich mal einen Arzt! Graue Schläfen. Aristokratische Erscheinung. Und RRRRrrrrrrrrrrrrrrr... diese sexy melancholische Abgeklärtheit. Die sanfte, fast zärtliche Stimme… Die dunkel schimmernden Augen. Augen, bei denen man sich unweigerlich die Frage stellt: Was mögen sie schon alles gesehen haben? Wie viele unschuldige Babys mit Vorhofflimmern, wie viele junge, blühende Leben bedroht von Durchblutungsstörungen der Koronararterien, und vor allem... wie viel hoffnungslos verschlagene Golfbälle, die einfach für immer ins Nichts verschwanden. Ich fass es nicht, der Mann sieht aus wie aus einem Chefarzt-Casting für eine Pilcherverfilmung. Unterm Kittel trägt er bestimmt einen dunkelblauen Zweireiher mit Goldknöpfen.

Ein Graf. Im Ernst. Graf.

Ich habe nichts gegen Menschen, die schon durch Geburt was Besseres sind. Ein goldener Löffel im Arsch? Warum nicht, wer´s tragen kann! Und dieser Graf hat es ja trotzdem zu was gebracht. „Interessieren Sie sich aus familiären Gründen für Kardiologie?“ eröffne ich freundschaftlich, „Ich meine, wenn man in dem Bewusstsein aufwächst, blaues Blut zu haben...?“ – „Machen Sie sich bitte frei.“ – „Gern. Also sind arterielle Erkrankungen bei Blaublütigen nicht häufiger?“ - „Eher seltener, aber das hat vermutlich mit den Lebensumständen zu tun, nicht mit dem Blut.“ – „Ihr trinkt nicht so viel Cola und esst weniger Chips.“ – „Hat Ihre Ärztin gesagt, Sie sollen nicht so viel Chips essen?“ – „Nein, sie hat gesagt, ich soll nicht so viel runterschlucken.“ – „Sie haben einen Blutdruck von 110 : 100.“ – „Toll! Toll, dann ist er ja wieder unten.“ – „Nun...“ - „Sehen Sie, es wirkt! Früher hätte ich mir nämlich so alberne Blaues-Blut-Scherze verkniffen!“ – „Hören Sie. Ihr oberer Wert, also der, der eigentlich oben sein sollte, und Ihr unterer Wert, der, der eigentlich unten sein sollte, sie liegen viel zu nah beieinander, viel zu nah.“ - „Ich komme aus einem sozialdemokratischen Elternhaus, stets um Nivellierung und Ausgleich bemüht, sicher liegt´s daran.“ – „Das gefällt mir nicht.“ - „Könnten Sie Ihre politischen Ansichten bitte außen vor lassen, wir haben einen Blutdruck zu heilen!“ - „Frau L., halten Sie das hier eigentlich alles für einen riesen Spaß?“ SCHLUCK. Hach, wie ernst er jetzt guckt. „Nein.“

Der Graf hat sich dann noch eingehend mit mir beschäftigt. Ein toller Arzt. Er sagt, wir müssen die Ursache finden. Er sagt, ich sei zu jung und zu dünn für Bluthochdruck. Zu jung und zu dünn. Zu JUNG und zu DÜNN. Endlich... mein Mann.