Anleitung zum Entlieben

01.11.2006 um 23:15 Uhr

Der große POÄNG

von: Lapared

„Wie geht´s Ihnen?“ Das mag ich wie gesagt an meiner Therapeutin, sie unternimmt nicht mal den Versuch, originell zu sein. „Muss ja.“ Ich selbst bin auch nicht in Plauderstimmung. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig... ei, sie will spielen... vierundzwanzig, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig... Na, gut.

POÄNG.

Ich wende mich ihrem Couchtischchen zu. Ihr Couchtischchen hat mich von Anfang an beschäftigt. Es ist der kleinere der beiden Satztischchen POÄNG, eines IKEA Neoklassikers in Birkefunier für 54,90, zweiteilig. (Ich hab mal Reklame für IKEA gemacht.) Es gibt ja diese psychologische Theorie über Menschen, die Satztischchen kaufen. (Satztischchen sind diese Tischchen zum Ineinanderschieben, absolut identisch, nur in der Größe verschieden, in der Regel zwei, ein größerer, ein etwas kleinerer, manchmal auch drei, aber die psychologische Theorie bezieht sich vor allem auf die 2er-Satztischchenkäufer.) Jedenfalls, nach dieser psychologischen Theorie sind Satztischchenkäufer Menschen, die sich nach Harmonie und Geborgenheit in einer symbiotischen Partnerschaft sehnen, in der Regel alleinstehende freundliche Damen mittleren Alters. Ich stutze... Aber wer bitte kauft erst zwei Satztischchen und reißt sie dann auseinander? Ein kleiner Schauder läuft mir über den Rücken. Das wäre interessant, aber darüber sagt die psychologische Theorie natürlich nichts, so weit ich weiß, und ich müsste es wissen, denn sie ist meine. Mir wird so kalt. Obacht, Laparedchen, denke ich, Obacht...

„Was denken Sie?" fragt die Satztischchenauseinanderreißerin scheinheilig. Ich schaue sie an. Dabei sieht sie so harmlos aus. „Wo ist der große POÄNG?“ Sie verzieht keine Miene. „Sie fragen sich also, wo der große Peng ist... Sie warten auf irgendein großes Ereignis in Ihrem Leben, etwas, das auf einen Schlag alles verändert?“ Schätzchen... Ich lächle. „Warten wir nicht alle auf den großen Peng? Warten und warten und warten und dabei werden wir älter und älter und älter. Und eines Morgens wachen wir auf und schauen in den Spiegel und sehen eine Frau, die Satztischchen auseinander reißt... NICHT WAHR?“ Nicht das leiseste Zucken, alle Achtung. „Satztischchen, ich verstehe nicht?“ Sie verstehen sehr gut. „Und heimlich hassen wir alle Frauen, die jünger sind oder besser aussehen und die uns die Pengs vor der Nase wegschnappen, das haben sie nämlich immer schon getan, während wir geackert und geschuftet haben, um mit unserer mittelmäßigen Begabung soeben das Diplom zu schaffen, haben sie mit den Pengs in den Bars und Cafés rumgehangen, aber wir wussten, auch Ihr mit Euren zehn Pengs an jedem Finger werdet irgendwann alt, und dann guckt Ihr dumm, weil da plötzlich keine Pengs mehr sind, und dann landet Ihr bei uns, dann liegt Ihr bei uns auf der Couch und wir legen eine Packung Tempotaschentücher auf dem billigen kleinen Couchtischchen bereit, falls ihr weint. Und gucken verständnisvoll.“ Sie guckt verständnisvoll. Dann sieht sie zum Couchtischchen, verräterisch. „Die Zeit ist um, Frau Lpunkt. Ich denke, wir müssen das nächste Mal ausführlicher über die Pengs reden.“ Auf dem Couchtischchen steht auch ein kleiner Wecker, TICKA 9,99, auf ihrer Seite, auf meiner Seite liegen die Tempos, berechnendes Luder. „Möchten Sie das?“ lächle ich. Hab ich Dich.

Als ich hinausgehe, werfe ich durch den Türspalt einen raschen Blick ins Nachbarzimmer. Der große POÄNG! Mit einem Kaktus darauf. Das kann ja heiter werden...

Aber ich denke, wir sind heute einen großen Schritt weiter gekommen.