Anleitung zum Entlieben

09.05.2007 um 11:21 Uhr

Hamburger Sexszene

von: Lapared

Er kam einfach vorbei.

Er kam einfach vorbei, fragte „Bist Du in einer Notsituation?“ und ich hätte natürlich gerne geantwortet: „Definiere Not genauer, sprechen wir von materieller Not, emotionaler Not, Zeitnot, Gewissensnot, Wohnungsnot Beweisnot...“ beließ es dann aber bei einem verneinenden „mmh mhh“, weil ich mich während des Küssens nie so differenziert artikulieren kann. „Ich aber“, sagte er, „ich habe einen schrecklich sexuellen Notstand, jedes Mal, wenn ich an Dich denke.“ Ein Mensch in Not, na, da kann man doch nicht wegsehen, da muss man doch helfen.

Sam Jones* sagt (*Sam Jones = Sex-Konfuzius des fortgeschrittenen weiblichen Großstadtsingles): Wer wir im Leben sind, sind wir auch im Bett.

Nein, für WE hat diese Sam-Jonesianische Weisheit wohl keine Gültigkeit. Aber vielleicht kannte ich WE im Leben einfach auch noch nicht gut genug, als ich ihn so unbekümmert zu Mr. Weichei erklärte und ihm zu seinen charmanten Initialen verhalf. Jedenfalls steht er im Bett nicht lange vorm Fenster. Sondern rennt einem knall bumm die Tür ein. Nix Italoschnulze, RRRRRock ´n Roll und... ich steh drauf. Ja, ja. Mr. WE hat auch ganz andere Seiten. Mr. WE kann auch anders. Mr. WE verdient in anderen Kontexten durchaus ein... H. Mindestens eins. Eine Einsicht, die ich persönlich überaus erfreulich fand.

Und was meinen plötzlichen Sinneswandel und meine spontane Hilfsbereitschaft für Menschen in Not angeht...

Sicher wollte ich mich auch "revanchieren". Er war immerhin sehr nett zu mir, sehr nett, hat mich nicht nur verköstigt und übernachten lassen, sondern am nächsten Tag auch durch die Gegend kutschiert. Schließlich war ich in seinem schwarzen Jogginganzug nur sehr eingeschränkt gesellschaftsfähig und es gibt viel zu erledigen, wenn die Schlüssel zu deinem gesamten Hab und Gut ungefragt in fremden Besitz übergegangen sind. Gut, aber da hätte es vielleicht auch eine Bonboniere getan.

Aber dann dachte ich mir... was soll der Geiz. Ein paar Stunden vorher war ich bei der Mammographie gewesen, zum Glück war alles in Ordnung, rechts und auch links, wo „wir“ (wie der Mediziner so sagt), wo „wir ein bisschen Sorgen hatten“. Es war alles in Ordnung. Gott sei Dank. Aber bei der Frau, die vor mir aus der Sprechstunde der Radiologin zurück ins Wartezimmer kam, war wohl nicht alles in Ordnung und... jedenfalls, dachte ich mir plötzlich... wie gesagt, ich dachte, WAS SOLL DER GEIZ, genieße es, dass Du einen unversehrten Körper hast, der Dir und anderen Beteiligten Freude bereiten kann, links und rechts, denn diese Frau... na, ich denke, das muss ich nicht sagen...

War das jetzt zu ernst? Sorry, manchmal liegen Spaß und Ernst eben sehr nah beieinander. Und manche, insbesondere bedächtige ältere Damen wie ich, die gelernt haben, auch über grüne Ampeln nie zu gehen, ohne noch mal links und rechts zu sehen, müssen eben erst knapp am Ernst vorbei schrabben, um sich einfach mal... ins Vergnügen zu stürzen.

Aber das war es, ein Vergnügen.