Anleitung zum Entlieben

04.06.2007 um 20:35 Uhr

Erste Eindrücke

von: Lapared

Ach, ich denke mal, das wird ganz nett. Pragmatische Chefs. Gelassenes Personal. Alle wollen vor acht zu hause sein – und was beflügelt mehr als ein gemeinsames Ziel?

Ein bisschen misstrauisch bin ich noch, ob das, was wie Gelassenheit aussieht, in Wirklichkeit vielleicht bloß temporäre Erschöpfung ist (in der vergangenen Woche waren immerhin zwei wichtige Präsentationen, wird erzählt), aber ich denke, ich hoffe... ich bin endlich auf die winzigen Subspezies der Werber gestoßen, für die ein Leben außerhalb der Agentur existiert. (Böse Zungen würden sagen: zweite Liga.) Mein zuständiger „Kreativ-Partner“ aus dem Art-Ressort heißt Pucki (ja, Pucki) und Pucki interessiert sich erklärtermaßen nur dafür, dass es am Ende gut aussieht. „Ich bin null der Denker“, sagt Pucki, „ich bin Gestalter“. Gestalter, fein. Womöglich gar begnadeter Gestalteter. (Begnadeter Gestalter = Werberdeutsch für „besonders guter Grafiker“, oft aber auch ironisch für „unfassbar hohle Nuss“). „Pucki“, sage ich, „null Denker, das stimmt doch nicht, beim Gestalten musst Du Dir doch auch was denken, hm?“ Ich denke, man muss Pucki nur ein bisschen fordern. „Nee“, sagt Pucki, „irgendwie mach ich das alles aus dem Bauch.“ Pucki, soviel steht fest, hat keine Lust zu denken, Pucki wird keine große Hilfe sein. Na, ich hoffe nur, ich bete, mir fällt was ein.

03.06.2007 um 22:30 Uhr

Keine zwei Meinungen

von: Lapared

Wenn ich eins an WE hasse... er hat immer zu allem eine ganz klare Meinung. Er weiß genau, was er richtig oder falsch findet, und zwar sofort. Kein Hin und Her, kein einerseits, andererseits, kein Grau, nur Schwarz oder... Schwarz.

Heute telefoniere ich mit meinem Papa. Wir plaudern so ein bisschen über dies, über das, und plötzlich, so ganz beiläufig im Nebensatz erzählt er, dass er ab Dienstag ja diese Ausstellung hat. „Welche Ausstellung?“ – „Ach, nur ein paar Bilder.“ Mein Papa malt. „Welche Bilder?“ Er malt schon sein Leben lang. „Ach, nix Dolles.“ Er wollte immer Maler werden, schon als Kind, da trieb er in einer alten Badewanne über den Dorfteich, sah in die Wolken und träumte von einem Leben für die Kunst. Aber die Zeit verging, andere Sehnsüchte zogen auf, greifbarer... kurz, er meine Mutter geschwängert und aus der Traum. Durch den Krieg für die Freuden von Sicherheit und regelmäßiger Nahrung sensibilisiert, ließ er den anderen Pinsel Pinsel sein und entschied, Beamter zu werden. Um zuverlässig für seine Familie sorgen. Doch dann im Ruhestand... „Gib mir mal Mama!“ --- „Ja, Dein Vater hat eine Ausstellung, vierzig Bilder, alle von ihm.“ Nein! „Ja!“ Mit anderen Worten, am Dienstag erfüllt sich ein bisschen ein Lebenstraum.

„Da muss ich doch hin!“ sage ich zu WE. „Klar musst Du dahin.“ Soweit Konsens. „Bloß wie, ich bin doch ab Montag gebucht, Dienstag muss ich Kampagnen ausdenken, Mittwochmorgen ist schon das erste Abstimmungsmeeting, o weh...!??“ – „Klar denkst Du Dienstag Kampagnen aus. Bis Mittags. Dann bekommst Du schon wieder Migräne, Du Arme... und musst ganz schnell weg!“ – „Ich weiß nicht, WE, ich weiß nicht... Als Freier darf man nicht krank werden, als Freier vertritt man die, die krank werden, Freie sind gesund oder sie werden nicht gebucht.“ – „Ach Unsinn, jeder kann krank werden - was meinst Du, wie Dein Vater sich freut!“ – „Ich weiß nicht, ob es meinen Vater wirklich freut, wenn die einzige Agentur, die seine Tochter seit Ewigkeiten bucht, unzufrieden ist. Wenn danach überhaupt keiner mehr mit ihr arbeitet, weil sie als unzuverlässig gilt. Ich glaube, es würde ihn mehr freuen, wenn seine Tochter sich zukünftig wieder aus eigener Kraft einen Staubsauger leisten kann...“ – „Das kann sie auch. Am Mittwoch ist die Migräne verflogen, seine Tochter arbeitet fleißig weiter, macht einen prima Job und kann noch viele schöne Staubsauger kaufen.“ – „Sieben Stunden Fahrt! Um eine halbe Stunde auf einer Ausstellungseröffnung zu stehen.“ – „Eben, nur sieben Stunden, er hat sein Leben lang davon geträumt. Verdammt Lpunkt, ich versteh nicht, was es da zu überlegen gibt?!“ Hach. „WE, weißt Du was ich grad so überlege?“ – „Hm?“ – „Ich denke, mehr als einen Staubsauger brauche ich eigentlich nicht.“ – „Überhaupt, Staubsaugen wird überbewertet.“ – „Und weißt Du, was ich noch überlege?“ – „Hm?“ – „Diese Abstimmungsmeetings gibt es fast täglich… können die wirklich alle sooo wichtig sein?“ – „Interessanter Gedanke.“– „Und ich finde… Sieben Stunden im Auto sind eigentlich optimal, um in Ruhe über Kampagnen nachzudenken.“ – „Im Büro kommt man ja zu nichts.“ - „Du WE, weißte was ich überlegt hab... Ich glaub, ich werd Dienstag mal zu Papas Ausstellungseröffnung fahren.“ – „Echt? Obwohl Du gebucht bist? Du bist mir eine…“ – „TJA.“ – „Super, dann komm ich mit… und wir wechseln uns beim Fahren ab."

Wenn ich eins an WE liebe… er hat nicht nur eine Meinung, er macht auch was.

02.06.2007 um 22:03 Uhr

Reminder

von: Lapared

Man vergisst es ja immer so schnell. Man vergisst, wie weh es tut. Dabei sollte man sich vielleicht ab und zu daran erinnern, einfach, um sich glücklich zu preisen, dass im Moment nichts weh tut. Andererseits... vorstellen, wirklich vorstellen, kann man es sich im Normalzustand ohnehin nicht: eine Wurzelbehandlung, Migräne, Trennungen, Nierensteine, die durch Harnwege wandern, Hammermigräne...

Ich hatte heute gleich drei kleine Reminder. Nummer eins: Migräne, na, aber das kann passieren, wenn man so exzessiv gefordert ist, der Körper mahnt zur Ruhe, zu Schlaf, eine Art Sex-Notwehr. Oder es lag am Wetter. Nummer zwei: Die Erinnerung daran, wie schmerzlich Trennungen sind - denn als ich zur Apotheke kroch, um mir die erlösende Imigran-Spritze zu besorgen, die ich, so sicher fühlte ich mich, nicht mehr vorrätig hatte, rannte oder eben kroch ich HK in die Arme bzw. in einen Arm, der andere lag auf dem Becken seiner Neuen, dem etwas ausladenden). Und ich denke gerade grimmig, was für ein... da, zack, Reminder Nummer drei: Hammermigräne. Als hätte mich ein PFERD getreten. Hach.

Aber positiv fällt mir ja immer wieder auf, dass es gegen diese oder jene Schmerzen erlösende Spritzen gibt. Welch Segen.

01.06.2007 um 21:52 Uhr

Überlegungen über ungelegte Eier

von: Lapared

Bisher war ich ja immer die Gute. So im Prinzip. Die unerwidert Liebende. Die Beschissene. Die Verlassene. Sehr komfortabel, jetzt mal sympathiemäßig gesehen.

Heute, bei meiner kleinen Badepause, hat mich ein Mann angesprochen. Ich kannte ihn. Vom Sehen, wie man so sagt. Er ist fast täglich da. Dieses Jahr, letztes Jahr, vorletztes Jahr. Er kommt, schwimmt eine halbe Stunde, geht wieder. Wie ich, nur, dass ich in der halben Stunde fünf Meter zurücklege und er fünf Kilometer, ungefähr. Unsere Beziehung war bis zu einem „stummen, aber nicht zur Kommunikation ermunternden Nicken zur Begrüßung“ plus „Nicken mit schüchternem Lächeln bei beschleunigtem Abflug“ gediehen. Nun hat er mich also angesprochen. Sehr sympathisch, wirklich. Sehr klug, sehr zurückhaltend, sehr... egal, nett eben. Mein Alter.

Und ich dachte, Lpunkt, was, wenn er dich vielleicht nach Deiner Telefonnummer fragt? Was, wenn er dich eventuell zu einem Kaffee einlädt? Was, wenn er sich möglicherweise gar mit dir treffen will (der alte Draufgänger)? Was, wenn er dir danach immer noch gefallen würde? Gut? Vielleicht sogar ziemlich gut? Was dann?

Ja, ja, ja. Aber ich mache mir eben solche Gedanken. Ich lasse nichts einfach so auf mich zukommen, ich halte nichts von schaun ma mal, ich bin der festen Überzeugung: In bestimmten Situationen sollte man sich vorher überlegen, ob man ins Karussell einsteigt, denn wenn es erstmal fährt, kommt man nicht so leicht wieder raus. So. Und überhaupt. Bin ich nicht langsam zu alt für diesen Rummel? Neue Fahrt, neues Glück - alles Schwindel. Wenn ich mir eins wünsche, wenn ich mir eins wirklich wünsche, dann ein sicheres, warmes Plätzchen und... Ruhe im Karton. Bitte.

Andererseits... (Achtung, wir wechseln das Bild)... Andererseits, wenn man schon alle Eier in einen Korb legt, sollte man dann nicht einigermaßen sicher sein, dass es der richtige Korb ist? Und gesetzt den Fall, dass man nicht sicher ist, nicht ganz, weil es dazu noch viel zu früh ist und weil man tief im Inneren so seine Zweifel hat an der Tragfähigkeit wesentlich jüngerer Körbchen... Ist es dann erlaubt, ein zweites Körbchen aufzustellen? Nur um (eben doch!) einfach mal zu schaun? Oder ist man, Lpunkt, dann... BÖSE?

Wir reden übrigens über ungelegte Eier. Er hat mich nicht gefragt. Nicht nach meiner Nummer, nicht nach einem Kaffee, nichts. Vielleicht nächstes Jahr, oder übernächstes. Und wer weiß, wo ER seine Eierchen... ich meine, in wieviele Körbchen... jedenfalls, es war ja nur so eine... Überlegung. Puuuh.