Anleitung zum Entlieben

11.10.2008 um 10:30 Uhr

Die Schwester der Braut

von: Lapared

Erinnern Sie sich an Spencer Tracy in "Der Vater der Braut"? Oder an Steve Martin, seinen würdiger Nachfolger in dem gar nicht mal so üblen Remake? Erinnern Sie sich an den Monolog am Anfang des Films?

Es ist nach der Hochzeit. Der Sturm ist vorbei. Und Spencer Tracy sitzt da in seinem neuen dunkelblauen (!) Anzug, der ihn ein halbes Vermögen gekostet hat… zwischen den Resten einer Party, die ihn sein ganzes Vermögen gekostet hat… also, er sitzt so da, zieht die Schuhe aus, glaube ich (da bin ich jetzt nicht ganz sicher), und spricht dann diesen Monolog direkt in die Kamera:

Die Väter unter Ihnen kennen das vielleicht. Sie haben diese entzückende kleine Tochter. Sie bewundert sie, Sie schaut zu Ihnen auf. Und dann eines Tages kommt diese entzückende kleine Tochter und sagt Papi, ich heirate, kannst Du im Wohnzimmer die Wand rausbrechen, wir würden die Sause gern hier zuhause feiern… Na, nicht ganz so. Aber so ungefähr.

Ich bin die Schwester der Braut. Und wenn es mein Monolog am Anfang eines Films wäre, säße ich da, zöge mit Sicherheit die Schuhe aus (diese blöden, hohen Schuhe sind ja immer so unbequem), und ich würde sagen:

Die Damen unter Ihnen kennen das vielleicht, Sie haben diese Schwester. Sie fanden sie eigentlich immer ganz sympathisch. Aber dann ruft sie eines Tages an und sagt, Du, hör mal, ich heirate, kannst Du eine Rede halten?

Jetzt wissen Sie, womit ich die nächsten Tage beschäftigt bin. Ich werde eine Rede für die Hochzeit meiner Schwester vorbereiten. Und – das muss ja auch geplant werden, wenigstens strahlend aussehen sollte ich, wenn ich mit meinem Blackout vor hundert Leuten stehe – ich muss mir überlegen, was ich anziehen werde an dem Tag.

Also werde ich heute vormittag erstmal – genau wie Spencer Tracy – auf den Dachboden klettern und schauen, ob der alte, aber eigentlich noch tadellose Anzug, den ich vor 100 Jahren auf der eigenen Hochzeit getragen habe, noch passt. Was in meinem Falle das tadellose Kleid ist, das ich anhatte, als schon meine liebe Freundin Bärbel mich vor 10 Jahren zur Trauzeugin bestellt hatte (auch da hatte ich die reizenden Pflicht, eine Rede zu halten, Texter erwischt es besonders oft). Und am Ende werde ich dann wahrscheinlich - wie der sture, alte Spence – doch zu der Einsicht gelangen, dass ich auf der Hochzeit meiner einzigen Tochter - pardon, Schwester - nicht wie eine aufgeplatzte Presswurst auflaufen kann, nein, nein.

Schweren Herzens werde ich dann heute nachmittag vermutlich losziehen und mir von meinem letzten Geld dieses grauenvoll teuere, wahnsinnig elegante, entzückende weinrote Kleidchen kaufen, dass ich schon seit Wochen, Monaten im Auge habe... mit passenden Schuhen natürlich (jaaaaa, her mit den kleinen, geilen, 15 Zentimeter hohen Klischees)… hechel, hechel, HÖM.