Anleitung zum Entlieben

20.03.2011 um 15:50 Uhr

Großer Einsatz für Curds Fotos

von: Lapared

Wenn ich mit Curd draußen Fotos mache, führe ich in der Tat immer ein Messer mit mir. Es ist ein ganz normales langes, schlankes Allzweck-Küchenmesser, das in einer Küche niemandem Angst machen würde. (Es sei denn, es wäre die Küche von Tippi Hedren in dem unveröffentlichten Hitchcock-Frühwerk „Mord in der Küche“, dann vielleicht.) Ich nehme dieses Messer immer mit, weil seine Klinge so dünn ist, dass man es gut in Bordsteinritzen klemmen kann. Und weil es genau so lang ist, dass sich der Griff unter Curds Halstuch und ein Stück in sein Mützchen schieben lässt,  sodass er ein bisschen Hilfe hat beim Stehen. Curds Stehhilfe hat heute zu einem Polizeieinsatz geführt.

Mann am Fenster: „Ja, spreche ich mit der Polizei? Vor meinem Fenster ist eine Frau mit einem 30 cm langen Fleischermesser...“

Ein Anwohner rechts unten im Erdgeschoss hatte das Fenster geöffnet und machte seine Androhung war, die Polizei zu verständigen, wenn ich nicht auf der Stelle verschwinden würde.

Während er mit dem Handy in der einen und einer Flasche Bier in der anderen Hand am offenen Fenster stand und mit der Polizei telefonierte, versuchten Curd und ich einfach weiter unsere Arbeit zu machen. Es handelte sich schließlich um sehr wichtige Fotos. Im Buch, so viel darf ich verraten, geht Curd am Anfang auf tragische Weise verloren. Danach irrt er allein herum und sucht sein Zuhause. Diese Fotos sollten die dramatischen Minuten dokumentieren, als er kurz davor steht, es endlich zu finden – oder ist es doch wieder die falsche Adresse?

Mann am Fenster: „Ja, eine Frau… … Eine Frau mit einer Puppe… Ja, vermummt… Sie trägt eine Mütze mit einem Sowjetstern…  Nein, nicht die Frau, die Puppe!… Und sie hat ein langes Fleischermesser…„

Vor meinem geistigen Auge erschienen Bilder von Curd in Handschellen, wie geil wäre das denn! Mir gefiel die Idee mit der Polizei.

Mann am Fenster: „ICH?… Ich habe nichts getrunken, keinen Tropfen, ich bin ein unbescholtener Bürger, Sie Arschloch!"

Ich spürte, dass der Mann drauf und dran war, es zu vergeigen. Ob ich mal mit der Polizei reden sollte? So ein Messer ist schließlich eine gefährliche Sache. 

Mann am Fenster: „Mein Name? Den habe ich Ihnen doch schon gesagt… Ja… Ja… Ja, und selbst wenn ich heute schon drei Mal angerufen habe!!! Diese Frau ist wirklich gefährlich!“

Die Polizei schien den Mann nicht ernst zu nehmen. In der Tat war er so voll, dass er leicht wankte beim Reden. Sein langes offenes graues Haar wehte mit der ebenfalls grauen Gardine aus dem Fenster und bauschte sich leicht im Wind.

Mann am Fenster: „Ich glaube,  dass sie in der Puppe irgendwas versteckt hat…“

Jetzt erinnerte ich mich auch, woher ich den Mann kannte. Ich hatte ihn schon öfter in dem kleinen Laden an der Ecke gesehen, wo er immer sein Leergut abgab, stets eine ganze Tragetasche voll. Jetzt redete er sich immer mehr in Rage und ich beschloss, dass die Fotos vielleicht doch nicht so wichtig waren.

Mann am Fenster: GEFÄHRLICH!!!… SOWJETSTERN!!… SPRENGSTOFF!!!!…

Während ich mich mit Curd eilig aus dem Staub machte, hörte ich den Mann schimpfen. Es tat mir leid, dass ich ihn so aufgeregt hatte. Ein anderer Nachbar erzählte mir dann, dass er bei der Polizei einschlägig bekannt sei und ich müsse mir keine Sorgen machen, die würden bestimmt nicht anrücken.

   Na, dann... 

P.S. Jetzt sind Sie sicher enttäuscht, dass ich gar nichts von Gerry erzählt habe, hm?! Ja, das war ich auch, als er gar nicht gekommen ist. Eins seiner Mädchen sei krank geworden, schrieb er am nächsten Tag per SMS (er hat zwei Töchter, die eigentlich bei der Mutter leben.) Das war das letzte, was ich gehört habe, vor sechs Tagen. Nein, bitte keine Erklärungsversuche. Beteiligen wir uns gar nicht an den Spekulationen, die Lchens graue Zellen schon wieder munter anstellen. Sagen wird doch einfach leise: Tja… ;)

P.P.S. Stimmt, das Bild ist geschummelt. Das war beim Schanzenfest. Für Messer-Curd sind nur zwei Streifenpolizisten gekommen. Ich musste versprechen, immer ganz vorsichtig mit der Klinge zu sein. Für ein Foto wollten die Beamten leider nicht posieren.