Anleitung zum Entlieben

03.02.2013 um 21:27 Uhr

Alte Geschichten

von: Lapared

Als mein Opa aus der Gefangenschaft wieder nachhause kam, passte es zwischen ihm und meiner Oma einfach nicht mehr. Bei ihrer Hochzeit war er ein stolzer, stattlicher Mann gewesen und sie ein junges, naives Mädchen. Dann kam der Krieg. Danach war Opa ein seelischer Krüppel, traumatisiert und verbittert, und meine Großmutter eine Leid erprobte, aber auch starke, selbstständige Frau. Die Ehe funktionierte nicht mehr.

So ging es wohl nicht nur ihnen damals. Die Selbstständigkeit der Frauen empfanden viele Heimkehrer, nach verlorenem Krieg und Gefangenschaft, als weitere Demütigung. Ihre Frauen kamen alleine zurecht. Das musste sich ändern!

Bei dem Versuch, seine Autorität im Hause wieder herzustellen, ging Opa nicht gerade subtil vor. Meine Mutter erzählt oft von dem Winterabend, als sie vom Schlittenfahren leicht verspätet nachhause kam und ein fremder Mann in der Küche saß, den sie Papa nennen sollte. Und der ihr gleich als Erstes eine Tracht Prügel verpasste. Für die Verspätung und alles, was sie sonst noch so angestellt hatte in den Jahren, als er dem Vaterland gedient hatte. Danke, Papa.

Ein würdiger Auftakt für das schöne neue Familienleben. Nach außen gab man sich glücklich, das musste man ja sein, andere Männer waren schließlich gefallen. Innendrin tobte es. „Mama, wann geht der Mann denn endlich wieder?“ - wenn überhaupt, sprachen die Kinder die Wahrheit aus. So ging es oft. Frauenzeitschriften wurden erfunden, um die Frauen wieder auf Spur zu bringen. Zurück an den Herd, meine Damen! (Aber bitte adrett frisiert und gekleidet!) Schließlich wollten die Männer ihre angestammten Plätze wieder einnehmen. Der Schuss ging dann aber nach hinten los, Druck erzeugt Gegendruck, die zweite Welle der Frauenbewegung formierte sich. Allerdings ohne meine Oma. Bei ihr hatte sich das Problem inzwischen anders gelöst.

Oma wurde ein bisschen, nun ja, sagen wir, sonderbar. Sie, die im Luftschutzkeller bei Fliegeralarm trotzig deutsches Liedgut angestimmt hatte, entwickelte in Friedenszeiten eine Angststörung. Sie litt unter Panikattacken und konnte nirgendwo mehr alleine hingehen, selbst zum Milchkaufen musste Opa sie begleiten. Manchmal erzeugt Druck eben auch Deformation. Aber zumindest war die alte Ordnung wieder hergestellt, er groß, sie klein. Die Ehe hielt. Nur Oma hatte eben einen leichten Knall.

In den letzten Tagen habe ich oft an meine Oma gedacht. Und an diese noch gar nicht so alte Geschichte. Ich glaube, wegen Herrn Brüderle und der Art, wie manche ihn als letztes Exemplar einer aussterbenden Art verniedlichen, als drolligen geilen alten Sack. Diesen Optimismus teile ich nicht, diese Spezies stirbt nicht aus. Nicht so schnell. Nach meiner Erfahrung in Werbeagenturen erfreut sie sich sogar blühender Gesundheit. Und auch wenn ich nicht bei Twitter bin, den #aufschrei finde ich super.

P.S. Eine Nachricht noch von Curd. Er hat Burmout, hat er mir erklärt. Ich darf ihn im Moment nicht fotografieren. Er sitzt auf der Couch und guckt Tatort...