Anleitung zum Entlieben

13.10.2013 um 18:21 Uhr

Schwestern im Pool

von: Lapared

Gesternabend in der Supermarktschlange stand eine Frau weiter vorne und irgendwie war mir, als würde ich sie kennen. Aber ich kam und kam einfach nicht drauf, woher. Sie telefonierte gerade, deshalb konnten es natürlich auch ihre Stimme oder ihre Gesten sein, die bei mir vertraute Gefühle weckten. Ihre attraktive, vornehme Erscheinung in dem gedeckten, schwarz-grau-braunen Business-Outfit und den italienischen mindestens-eine-Monatsmiete-Stiefelchen war es jedenfalls nicht. Nee, nie gesehen.

Ich bin ja mehr vom Stern der lustigen bunten Schlumpfpullover. Stil geht anders. Also wo, in welcher Galaxie, waren wir uns wohl schon begegnet? In der Werbung? Im schillernden Filmbusiness? Ich beobachtete die elegante Dame grübelnd. Da sieht sie mich plötzlich an, strahlt… und ruft quer durch den Laden: „Hey! Das gibt´s nicht! Du hast ja Haare!“ Ich verzog keine Miene und sah an ihr vorbei zum Gemüse. „Mit deiner blauen Latexmurmel gefällst du mir aber besser!“ Sie lachte donnernd, dass sich die Weingummiregale bogen. Bei diesem Lachen fiel bei mir der Groschen. Das war Klarinette!

Klarinette ist eine Alliierte, sag ich mal, eine liebe Verbündete. Die Galaxie, in der wir befreundet sind, ist das öffentliche Bad. Im Krieg um die Bahnen, der in einem Großstadtbecken zum Schwimmspaß dazu gehört, halten wir seit Jahren treu zusammen. Lassen uns vorbei, takten unser Tempo oder geben der anderen die Bahn weiter, die eine zuvor im blutigen Nahkampf für sich erstritten hat…

Wie es dazu gekommen ist, weiß ich gar nicht mehr, ohne viele Worte jedenfalls. Wir waren wohl einfach auf einer Welle, im doppelten Sinne. Tatsächlich kannte aber auch ich Klarinette bisher nur mit Gummihaube und Schwimmkostüm. Außerhalb des Beckens waren wir uns nie begegnet, nicht mal beim Duschen. So was gibt´s wirklich.

Ich war verlegen, als sie nun plötzlich so vor mir stand. Im echten Leben. In Klamotten tat sich spürbar eine Kluft zwischen uns auf, ich fühlte mich ein wenig ungepflegt. Noch dazu die Krücken, als wäre ich im Suff die Kellertreppe runter gepurzelt. „Ach, hallo!“ Mehr kam mir nicht über die Lippen.

Doch dann hörte ich Klarinette fröhlich rufen: „Komm, ich lasse dich vor! Auch mit Haaren!“ Und zu den anderen: „Lassen Sie mal meine Schwimmkameradin durch, bitte, die Frau mit den Krücken und der hübschen Perücke…“ Und siehe da, aus Schwestern im Pool wurden Schwestern in der Supermarktschlange.

Einen Steh-Kaffee haben wir dann auch noch genommen. Dabei habe ich erfahren, dass Klarinette gar nicht Klarinette heißt - wer hätte das gedacht! - sondern Helene. Klarinette hatte nur ich sie all die Zeit im Geiste gerufen. Weil das Einzige, was ich aus kurzatmigen Beckenrandplaudereien über sie wusste, war, dass sie beruflich Klarinette spielt, was sehr auf die Schultern geht, weshalb sie zum Ausgleich so viel Rücken schwimmt. Helene. Schöner Name. Wir haben uns beim Kaffee gleich wieder genauso wunderbar verstanden wie im Wasser.

Schon seltsam, wie schnell ein bisschen Kleidung trennen kann.