Alter vor Dummheit
„Morgen hat 119 Geburtstag“, sag ich. Wider Erwarten sagt meine Schwester nichts. Keinen Ton. Plötzlich fühle ich mich unbehaglich. „Was macht die Wohnung?“ frage ich deshalb, ein Thema, auf das sie sonst immer anspringt. „Wird...“ sagt sie nur. „Hach, ich hab schon wieder so zugenommen!“ versuche ich den klassischen Solidarisierungszwinger. „Du nimmst auch wieder ab“, sagt sie und lässt mich mit meinen erfunden Pfunden im Regen stehen. „Und ich muss das ganze Wochenende arbeiten, beide Tage!“ ein Satz, bei dem sie sich sonst absolut zuverlässig empört. „Und das, wo ich doch schon wieder solche Kopfschmerzen habe...“ Taktik Tränendrüse. „Schlimm.“ Fehlanzeige. „Na gut“, sage ich müde, „dann… machs mal gut, hm?!“ – „Ja, Du auch“, sagt sie. „Okay“, sage ich. Im Hintergrund höre ich eine Zugdurchsage, meine Schwester ist offenbar auf dem Weg nachhause. Gerade als ich auflegen will, fällt ihr noch was ein. „Es ist Deine Sache“, sagt sie. Nochmal die Zugansage, jetzt auf Englisch. „Du musst selber wissen, was Du tust." Englisch mit sächsischem Akzent. "Aber mich ruf bitte nicht an, wenn es Dir danach wieder scheiße geht.“ Ich höre mich schlucken. „DU kannst das so oft mitmachen, wie Du willst, aber mich halt diesmal bitte raus!“ – „Aber ich würde doch nur gratulieren, ich… ich möchte, dass wir Freunde werden!“ – „Mach, was Du willst.“ – „Freunde! “ – „Na, das ist doch schön.“ – „Ich will nicht mehr zurück, glaub mir, ich kann gar nicht mehr zurück!“ – „Ich muss jetzt aufhören.“ – „Gut dann… tschüss.“ – „Tschüss.“ – „Schönes Wochene…“, aber da hatte sie schon aufgelegt.
Na gut, sie ist die Ältere, dann... gratuliere ich eben nicht.
Na gut, sie ist die Ältere, dann... gratuliere ich eben nicht.
