Anleitung zum Entlieben

21.07.2005 um 21:40 Uhr

Autorenlesung

von: Lapared

Was bin ich nur für ein gesegneter Mensch. In meinem ganzen Leben war ich noch nicht ein Mal gezwungen, Geld mit etwas zu verdienen, das ich nicht auch ohne Geld tun würde. (Nicht in dem unangenehm vereinnahmende Ausmaß, in dem ich es dann gegen Monatsgehalt getan habe, aber im Prinzip.) Andererseits... Dafür war ich in meinem Leben schon oft gezwungen Dinge zu tun, die ich normalerweise nicht mal für Geld getan hätte. Angefangen mit dem Trinken handwarmer Vollmilch als Säugling (ich nehme an, Muttermilch gilt als Vollmilch), bis hin zum neulich erwähnten „conferencierartigen Begleiten“ einer 500-köpfigen Familienfeier ausgerechnet meiner eigenen Verwandtschaft in einem Restaurant mit dem Namen „Jägerhof“. Es sind eben doch die Herzensbande, die das Allerschlimmste von uns erzwingen. Und nicht materielle Notwendigkeiten.

Daran musste ich gestern zurückdenken, als ich beim Entsorgen der absichtlich oder unabsichtlich in meiner Wohnung versammelten Erinnerungstretminen auf die alte Eintrittskarte für eine Autorenlesung stieß, zu der ich 119 mal begleitet hatte. Eine Autorenlesung. War das Liebe, oder was? Ich meine, was sonst bringt einen erwachsenen, sehtüchtigen Alphabeten dazu, sich herdenmäßig zusammengepfercht mit anderen erwachsenen, sehtüchtigen Alphabeten auf harter Bestuhlung geduldig vor einer Person aufzureihen, die nicht fürs Lesen bezahlt wird sondern fürs Schreiben? Die nicht für die Bühne geboren und mit der entsprechenden optischen Ausstattung beschenkt wurde, sondern fürs stille Autoren-Kämmerlein, wo dieser ästhetische Mangel niemanden belästigt?
Ganz abgesehen davon, dass es meiner tiefen Überzeugung nach grundsätzlich keinem älter als sechs-Jährigen würdig ist, sich vorlesen zu lassen, war diese Autorenlesung auch noch dadurch besonders demütigend, dass der Autor vor seinem deutschsprachigen Publikum auf Englisch las und man sich also in einer Versammlung von Blendern wieder fand, die Sätze von sich gaben wie „die Subtilität des Humors kommt wirklich nur im Original rüber“ oder „dieser Autor verdient es wie kein anderer, dass man ihn in seiner Muttersprache liest“. Kotz. Da saß ich also mit 119. Und ich weiß noch, wie ich damals heimlich dachte, dass ich noch nie zuvor so glücklich gewesen war.

Obwohl, das möchte ich betonen, „es“ auch damals schon offensichtlich war. Das fiel mir dann gestern zum Glück auch wieder ein. Dass 119 an jenem Abend nämlich vorgezogen hatte, allein in Reihe drei zu sitzen, statt Seite an Seite mit mir in Reihe acht. Ich frage mich wirklich, warum in Himmels Namen ich damals so glücklich war. Vielleicht war der hässliche Autor ja doch ein göttlicher Leser.

Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.