Anleitung zum Entlieben

04.04.2006 um 21:47 Uhr

Bilanz

von: Lapared

Der Posthaufen hielt noch einige andere unangehme Überraschungen für Lapared bereit (ich schreibe bewusst in der dritten Person, um mich von so viel geballter Dämlichkeit zu distanzieren), und auch diese Überraschungen waren summa summarum entschieden vierstellig. Lapareds quirlige kleine Steuerberaterin Frau Vino hatte sich einmal mehr selbst übertroffen und nach Ausreizung aller Fristverlängerungen, die sie zur Erstellung dieses hochkomplexen Bilanzierungswerkes benötigte, Lapareds Jahresabschluss 2004 gemacht. 2004. Und „Lapared“, das sei an dieser Stelle noch mal erwähnt, steht für eine natürliche Person und kein multinationales Firmengeflecht. Dabei war Steuerkoriphäe Frau Vino zu ihrer eigenen Bestürzung aufgegangen, dass Lapared infolge eines kleinen Kalkulationsfehlers erst ein Drittel der für jenes Jahr fälligen Einkommenssteuer bezahlt hatte. Und dies teilte sie ihrer Klientin in einem der zahlreichen Schreiben mit, die Lapared sich nun, da sie wieder Zeit hatte, endlich bequemte zu lesen. Der Name von Frau Vino ist übrigens ein besonders geistreich gewähltes Pseudonym, das subtil darauf hinweisen möchte, dass die Dame säuft, nur stellt sich in diesem Zusammenhang zweifellos die Frage, wer wohl benebelter ist, die dem Alkohol zugetane Steuerberaterin oder die Klientin, die diese verwirrte Schnapsdrossel seit Beginn ihrer Selbständigkeit in eben 2004 mit der Regelung ihrer finanziellen Angelegenheiten betraut. Lapared jedenfalls kam nicht umhin, sich diese Frage am Abend ihres traurigen Verwaltungstages zu stellen, und auch eine andere Frage, nämlich, wie man als Volljährige derart unbeschlagen in Gelddingen sein kann. Zumindest sie, Laparedchen, war mit einem Schlag mehr als ernüchtert.

Doch nicht mit ihr. Nicht mit Lapared. Mit der ihr eigenen Leidenschaftlichkeit, die sie bei fast allem Tun an den Tag legt, egal ob es es sich um das Lieben, das Leiden oder das Liegenlassen von Post handelt, begann Lapared nun, sich mit der ungeliebten Materie auseinanderzusetzen. Und entdeckte Erstaunlichkeiten. Ein zu versteuernder Gewinn, der beim Übertrag von der Bilanz ins Steuerformular infolge eines weinseligen kleinen Zahlendrehers ihrer gut gelaunten Beraterin mal flink aufs Doppelte gewachsen war, war dabei nur die Spitze des Eisbergs.
Mit der Penetranz eines Schnüfflers vertiefte Laparedchen sich in die Zahlen, der kleine Konz stets an ihrer Seite. Die Haare standen ihr zu Berge am Ende dieses aufschlussreichen Verwaltungstages. Beinahe begann es ihr Spaß zu machen.

Und so fasste Lapared einen Entschluss, dessen Folgen wahrlich noch nicht recht abzusehen sind: In Zukunft mache ich die Scheiße selbst.

Zehn gestellte Rechnungen und zwei Quittungen für Bleistifte, die dagegen zu rechnen sind, so anspruchsvoll kann die Bilanz eines freien Texterleins doch nicht sein.


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