Anleitung zum Entlieben

05.03.2006 um 17:57 Uhr

Doktorspiele

von: Lapared

Ratlos rufe ich meine Schwester an.

„Stell Dir vor, er will mich wegen der Wohnungssache zum Arzt schicken!“ – „Was? Wer?“ – „Dick! Dick will mich zum Arzt schicken! Wegen der Wohnung! Weil ich es so schlecht haben kann, wenn er hier ist!“ – „Moment, ich dachte, es wäre okay, ich dachte, er wollte Dir einen Pappaufsteller bauen?!“ – „Dachte ich doch auch…“ – „Ganz langsam, mal von vorn, was hat er gesagt? – „Also, ich hab ihn angerufen, einfach nur so, um Hallo zu sagen und ein bisschen Süßholz zu raspeln!“ – „Ist doch nett.“ – „Eben. Aber er war von Anfang an so komisch, ignorieren, hab ich gedacht, und munter drauf los geschnattert …“ – „Wie man das so macht.“ – „Eben. Aber er sagt keinen Ton, und als ich dann mein ganzes Pulver verschossen habe: Schweigen. Und was machst Du so, frage ich betont heiter, und er mir Grabesstimme: Ich denke darüber nach, was ich falsch mache. Ich: Ah. Und er: In Deiner Wohnung. Was mache ich da falsch?“ – „Anschleichen in Demutsposition. Bäuchlings robben wir uns an die Thematik ran, um dann aufzuspringen und das Beil zu schwingen, hab ich Recht? Ich kotze, erzähl weiter…“ – „Naja, was sollte ich schon sagen. Du machst gar nichts falsch, sage ich, es liegt an mir, ich kann das im Moment einfach nicht so gut haben.“ – „Selbstbezichtigung, großer Fehler!“ – „Und er: So einfach ist das nicht. Du tust mir weh, Du tust mir sehr weh!“ – „Das Beil!“ – „Und ich: Es tut mir leid, Schatz, es tut mir wirklich leid. Aber glaub mir, ich mach es mir gar nicht so einfach, wenn Du wüsstest, wie viel ich darüber nachdenke, ich frage mich doch auch, woran das liegt…!“ – „Eine Traumflanke, jetzt muss er ihn nur noch sanft reinditschen…“ – „Nee, er dribbelt noch ein bisschen, pass auf: Wenn man Kopfschmerzen hat, geht man zum Arzt, sagt er. Und ich: Hä? Und er: Stimmt´s, wenn man Kopfschmerzen hat, geht man zum Arzt? Und ich: Ja, wieso? Und er - jetzt kommt´s - und er: Weißt Du, ich kann damit leben, dass ich nicht in Deine Wohnung darf, aber DICH beschäftigt es ständig, stimmt´s? DIR lässt es keine Ruhe, DICH macht es doch auch unglücklich?“ – „Traumhafter Spielzug...“ – „Und ich: Ja natürlich beschäftigt es mich! Und er: Es macht Dir Kopfschmerzen. Und wenn man Kopfschmerzen hat, geht man zum Arzt.“ – „Genial!“ – „Aber jetzt durchschaue ich sein Manöver. Dick, sage ich ganz ruhig – weißt Du, so beunruhigend, undurchdringlich ruhig…“ – „Ja, das kannst Du super!“ – „Dick, sage ich, heißt das, Du willst mich wegen dieser Wohnungssache zum Arzt schicken? Glaubst Du, Du hast es mit einer Kranken zu tun? Und als Du das mit dem Pappaufsteller gesagt hast, da hast Du das gar nicht so gemeint, sondern mich nur wie eine Patientin behandelt? Eine Patientin, die man erst mal beruhigt und sagt, es ist alles halb so schlimm, das wird schon wieder, während man heimlich der Schwester einen Wink gibt: alles vorbereiten zum Amputieren!?“ – „Ha! Sehr gut! Und?“ – „Er kriegt es mit der Angst zu tun: Ich habe nur gesagt, wenn man Kopfschmerzen hat, geht man zum Arzt, sagt er, und ich: Aber du hast nicht über meine Kopfschmerzen gesprochen, sondern über mein Unbehagen mit Dir in meiner Wohnung?! Ja, sagt er.“ – „Und dann?“ - Plötzlich fielen mir tausend Sachen ein. Er hat nämlich schon öfter so Andeutungen gemacht. Er hat mal gesagt, er hätte früher auch nicht mit Menschen in einem Zimmer schlafen können…“ – „Das ist nicht Dein Problem!“ – „…aber dagegen gäbe es eine sehr wirksame Therapie. Ich hielt das für einen Scherz und sagte: Vergiss es, ich gehe nicht zum Bund!“ – „Es war kein Scherz?!“ – „Und ein anderes Mal hat er gesagt, das mit meinem Blog sei ja ganz hübsch, um Dinge mal zu artikulieren, aber ob ich nicht irgendwann auch ein professionelles Feedback bräuchte? Und ich: nö. Ich dachte, er meint das vom literarischen Standpunkt…“– „Sanfte Intervention, er behandelt Dich schon geraume Zeit, Du hast es nur nicht bemerkt…“ – „Meinst Du auch, ich muss zum Arzt, ich meine, ich zahle so viel Krankenversicherung, im Prinzip…?“ – „Ohne Leidensdruck keine Therapie, hast Du Leidensdruck?“ – „Ich dachte nicht, aber…“ – „Er macht Dir welchen?“ – „Naja…“ – „Ich sag dazu nichts!“ – „Aber?“ – „Ich sag dazu nichts!“ – „Okay.“ – „Aber willst Du wissen, was ich denke?“ – „Bitte!“ – „Ich glaube nicht, dass es krank ist, wenn man sein Refugium braucht. Das geht vielen Menschen so, insbesondere – mit Verlaub – alten Schachteln, die immer allein gelebt haben und die dann – sorry - auf den letzten Drücker doch noch jemanden finden! Ich weiß, das glaubst Du mir jetzt nicht, denn sowas kommt in Deinen Hollywoodschmonzetten, die Du für die Realität hälst, weil es alles ist, was Du außer Deiner Arbeit noch siehst, vielleicht nicht vor, aber bei B.s Freunden Karl und Anne ist das auch so!“ – „Sex and the City ist ein durchaus realisti… “ – „Käse! Karl und Anne sind ein Herz und eine Seele - also, was man so sieht - und die meiste Zeit sind sie bei Karl, aber Anne sagt, trotzdem braucht sie ihr eigenes Reich und da hätte Karl nichts verloren…“ – „Hm. Ich weiß gar nicht, ob ich immer mein eigenes Reich brauche, nur im Moment…“ – „Darum geht es doch gar nicht!“ – „Verstehe. Und Karl schickt Anne nicht zum Psychiater?“ – „Anne IST Psychiater. Sie leitet ein psychiatrisches Krankenhaus. Glaub mir, sie ist durchaus auf Zack!“ – „Das hast Du Dir doch jetzt bloß für mich ausgedacht?!“ – „Hab ich nicht!“ – „Hast Du wohl…“

Später rief meine Schwester mich noch mal an. Da war ich längst wieder auf dem Teppich, aber sie inzwischen richtig auf der Palme, manchmal ist sie wie eine Löwenmutti...

„Ich hab Dir einen Termin bei Anne gemacht. Dick wollte doch, dass Du zum Arzt gehst!“ – „Du spinnst! – „Du brauchst ihn wirklich: Um zu lernen, wie man sich gegen Menschen abgrenzt, die einen zum Arzt schicken, nur weil man mal keinen Besuch haben will!“ - „Du sagst doch auch immer, dass ich einen an der Schüssel habe!“ – „Ja, aber ich mag Deine Schüssel, ich will, dass sie bleibt, wie sie ist!“ – „Er meint es lieb! Er macht sich Sorgen! Er will mit mir leben, deshalb…“ – „Das ist keine Entschuldigung!“

Doch. Ich glaube: doch. Die einzige.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenverdammt schreibt am 05.03.2006 um 21:41 Uhr:ach was hast du doch für eine süße Schwester :) hihi macht richtig Spaß hier zu lesen, nur ich kommentiere so selten bzw jetzt das erste mal. also ich meine dieser eine termin wird nicht schaden aber für wirklich nötig halte ich ihn auch nicht...
  2. zitierenchaos schreibt am 05.03.2006 um 21:57 Uhr:Deine Schwester ist wirklich klasse...ist doch schön, wenn jemand einen mag, so wie man ist (inklusive aller Schüsseln)...



    Ich finde es übrigens völlig normal, dass man manchmal sein eigenes kleines Reich benötigt. Es gibt so viele Paare die getrennte Wohnungen haben, weil sie mal allein sein möchten. Müssen die jetzt alle zum Psychiater????? Blödsinn.....



    Allerdings...wie schaffst du es mit Curd zusammen zu leben? grins...

  3. zitierendieFee schreibt am 05.03.2006 um 23:36 Uhr:…weil der so kleine Füsse hat, ist doch klar.
  4. zitierenlucha schreibt am 06.03.2006 um 01:36 Uhr:Unglaublich! aus welchem Jahrhundert stammt Dick! Er soll mal die augen aufmachen: Wieible Paare leben glücklich indem Zustand der \"Zwei-Wohnungs-Situation\" und das übrigens sehr stabil! Wieviele Paare gehen auseinander, die vorher zusammen gelebthaben. Wage zu behaupten, dass manchen ein getrenntes Wohndasein vielleicht sogar die Trennung erspart hätte. Du hast ein Recht darauf, dass Dick dein Bedürfnis akzeptiert, denn dein Bedürfnis ist alles andere als krank! Was ist mit ihm los, warum drängt er so? Was macht ihm solche Angst, vielleicht sollte er dies mal therapeutisch beleuchten lassen!?



    Verbieg dich nicht - und hör auf deine Schwester!! Ist die eigentlich die Ältere? Wenn ja, trotzdem keine Rebellion!!! Sag ich meiner kleinen Schwester nämlich auch immer!
  5. zitierendieFee schreibt am 06.03.2006 um 12:27 Uhr:Also dieses ständige nach dem Mund Gequatsche hier in vielen Kommentaren geht mir so langsam auf den Keks. Es ist ja wohl nicht von der Hand zu weisen, das Lapared ein ausgewachsenes Nähe-Distanz Problem hat. Sonst gäbe es dieses Blog überhaupt nicht. Schliesslich geht es nicht darum, ob sie mit Dick zusammen ziehen will, oder nicht, sondern, dass sie ihn überhaupt nicht in ihrer Wohnung aushält. Das heisst ja nicht, dass das \'krank\' wäre, aber offensichtlich leidet sie darunter oder zumindest unter der Befürchtung, so wohl nie eine längere Beziehung eingehen zu können. In dieser Vermutung würde ich ihr durchaus zustimmen. Das ist was völlig anderes, ob jetzt tausend andere Paare zwei eigene Wohnungen haben, find ich. Warum sollte Lapared sich also da dann keine professionelle Unterstützung von aussen holen? Interessant, dass oft die vehementesten Gegner von therapeutischer Unterstützung, nicht die Betroffenen selber, sondern die Leute aus dem näheren Umkreis sind. Sobald jemand mal vorsichtig andeutet, ob es nicht vielleicht doch langsam angebracht sei, kommt ein entrüstetes \"wieso DAS denn, du bist doch nicht KRANK!! Du bist halt so.\" Klar, sonst würde vielleicht auch das ganze System, zu dem sie selber ja auch irgendwie gehören, in Frage gestellt.



    Aber nur darauf zu hoffen, dass wenn \'der einzig Wahre und Richtige\' kommt, alles von alleine ganz super toll wird, und solange noch nicht alles super toll ist, es eben nicht DER Mann fürs Leben ist, ist doch wohl mehr als blauäugig. Klar, mit 119 konnte sie in die Sauna. Bei dem war es ja nicht gefährlich, der liebte sie ja ganz offiziell nicht. Dick meint es ernst. Fürchtet sie. Da werden alle Selbstverteidigungsbastionen aufgefahren. Vielleicht weil er nicht der Richtige ist!? Vielleicht würde das nicht passieren, käme Mr. Right!? Vielleicht. Aber eben nur vielleicht…



    Es gibt super tolle Coaching-Frauen in Hamburg. Die geben einem eine professionelle Rückmeldung. Die helfen einem wirklich weiter…wenn man möchte…
  6. zitierenlucha schreibt am 07.03.2006 um 13:01 Uhr:Suum cuique!!!

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