Anleitung zum Entlieben

16.09.2006 um 22:58 Uhr

Herr H., gesegneter Stuhlgang und der böse Plural

von: Lapared

„Immer von einem Extrem ins andere“, sagt meine Schwester mit einem Anflug von Resignation. Gerade hatte ich ihr von Herrn H. erzählt.

Herr H. trat heute Mittag in mein Leben und wie die förmliche Anrede schon vermuten lässt, nicht in Badehose, was schon mal sehr originell ist, da ich sonst nur beim Schwimmen in menschlicher Gesellschaft und trotzdem gut genug gelaunt bin, um das „Sollten Sie mich ansprechen, wird es mir ein Vergnügen sein, Ihnen ins Gemächt zu treten“ – Lämpchen über meinem Kopf auszuschalten. Der einzige öffentliche Ort, wo ich das sonst tue, ist die Damentoilette. Unvorsichtigerweise, denn genau da hat Herr H. mich erwischt. Auf der Damentoilette eines Coffeeshops. „Die Herrentoilette ist defekt“, sagte er, „stört es Sie, wenn ich hier gehe?“ Ich stand gerade am Waschbecken und wusch mir die Hände. „Meinen Segen haben Sie!“ sage ich.

Allein deshalb hätte es sich schon gelohnt, ihn zu heiraten. Jedes Mal, wenn jemand fragen würde, wie wir uns kennengelernt haben, hätte ich sagen können, dass ich auf der Damentoilette eines Coffeshops seinen Stuhlgang gesegnet habe, ein totsicherer Party-Brüller für den Rest meines Lebens. Weitere Gründe für eine Ehe fielen mir später auf, als er sich zurück im Coffeeshop neben mich setzte und die nächsten drei Stunden nicht mehr von meiner Seite wich: sein schönes, klares Gesicht, seine warme Stimme, seine sanften Augen, seine leitende Position als Chemiker in einem privaten Lebensmitteluntersuchungsding, und die haben, wie wir wissen, gerade Konjunktur. Allerdings wirte er.

„Und deshalb hast Du seine Karte weggeschmissen, als er weg war?“ empört sich meine Schwester. „Das hat doch keinen Zweck!“ verteidige ich mich. „Ich sag ja, von einem Extrem ins andere. Erst läufst Du Monate einem verheirateten Sozialfall hinterher und dann schmeißt Du die Nummer von Mr. Perfect weg, weil er mal im Plural spricht.“ – „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.“ – „Wie schlimm hat er denn gewirt?“ – „Du meinst auf einer Skala von 1: WIR hatten einen super Sommer bis 10: WIR haben die Zwillinge in einem Rudolf-Steiner-Kindergarten untergebracht?“ – „Ich meine wie oft?“ – „Drei Mal: WIR haben eine Spülmaschine, WIR waren letztes Jahr auf Teneriffa, WIR holen ab und zu was vom Chinesen.“ – „Weißt Du noch, in welchen Müllkorb Du die Karte geschmissen hast?“ – „Er lebt nicht allein!“ – „Kein attraktiver Mann in unserem Alter lebt allein, es sei denn, er ist ein Soziopath.“ – „Oder Single.“ – „Ein attraktiver Mann in unserem Alter, der Single ist, ist ein Soziopath!“ – „Ich hab aber keine Lust mehr auf diese Dreiergeschichten, er, seine Frau Schrägstrich Freundin und ich!“ – „Laparedchen, ich fürchte, da musst Du durch, es ist ein steiniger Weg ins Paradies, die Guten sind nun mal meistens vergeben!“ – „Ich bin auch gut, oder? Und NICHT vergeben.“ – „Aber Du bist eine Frau, da sind die Besten am schwersten vermittelbar!“ – „Das hast Du aber lieb gesagt...“ – „Also, weißt Du noch, in welchen Müllkorb?“ – „In meine Handtasche.“ – „Das ist meine Schwester!“ – „Nur, falls ich mal verdächtige Frikadellen im Kühlschrank hab.“ – „Aber warte zwei, drei Tage, bevor Du ihn anrufst!“ – „So oft esse ich keine Frikadellen.“ – „Gut, und verlieb Dich nicht gleich, er lebt mit jemandem zusammen!“

Eben. Und deshalb habe ich die Karte später doch in den Müll geworfen. Den mit der Wasserspülung dran. Zu früh für einen neuen Dreier.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierendaHien schreibt am 18.09.2006 um 14:35 Uhr:gute entscheidung. das sind genau solche geschichten, von denen man sich später oft wünscht, man hätte genau so gehandelt.
  2. zitierenlucha schreibt am 19.09.2006 um 23:33 Uhr:"Die Besten sind am schwersten vermittelbar!"
    Das gefällt mir so richtig gut, obwohl ich vermittelt bin; aber der Weg war lang und steinig und wer weiß .....!
    Wenn auch abgegriffen: Das Leben bietet auch jenseits des soooo Begehrten vieles, was sich lohnt, entdeckt zu werden!!!!!

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