Anleitung zum Entlieben

10.10.2006 um 18:53 Uhr

Im Auge des Sturms

von: Lapared

Ich gehe ja ungern aus. Ich langweile mich in Bars, ich sterbe auf Partys, ich mag Menschen vereinzelt aber nicht in der Masse. Ich bin, das ist mal spektakulär, am liebsten zuhause. Konsequenterweise wohne ich in der Ausgehmeile, mitten drin. In einer Straße, in der - wie man so sagt – das Leben tobt. Ich nehme nicht daran teil, aber ich habe es ständig im Ohr und das gibt mir das Gefühl, dass ich nichts verpasse. In einer Vorstadtsiedlung im Grünen hätte ich keine ruhige Minute. Aber so reicht mir allein der Lärm des tobenden Lebens, um davon komplett genug zu haben. Und wenn ich doch mal Hummeln spüre, muss ich nur aus dem Fenster gucken, sehe das Gewimmel, und erkenne, dass ich genau da bin, wo ich sein will: zuhause. Also, was ich nur sagen will, meine Wohnung ist für mich ideal.

In letzter Zeit ein bisschen zu ideal. Denn das tobende Leben, ich hab es nicht nur ständig in den Ohren, mittlerweile pustet es sie mir fast weg. Die Fenster sind nicht mehr dicht und was im Sommer „Der Pate“ ist, der in der freien Interpretationen verzweifelter serbokroatische Menschen mit Instrumenten in der Hand (Straßenmusikanten würde ich sie nur nennen, wenn der Lärm, den sie machen, erkennbare Ähnlichkeiten mit Musik aufweisen würde), also, was im Sommer „Der Pate“ ist, der im Minutentakt in meine Wohnung dringt, sind um diese Jahreszeit Regen, Wind und der nächste Winter, der sich an manchen Abenden schon durch gemeingefährliche Temperaturen um die 14 Grad ankündigt. 14 Grad! Auch die ziehen durch die undichten Fenster mehr oder weniger ungehindert in meine Wohnung. Und die knallharten 27 Grad, mit denen ich von innen dagegen halte, die ziehen ebenso ungehindert hinaus. Ja, die Sache mit der Erderwärmung, dahinter stecke ich.

Ich also den Vermieter angerufen. „Herr P., wann kriege ich endlich neue Fenster?“ – „Frau Lpunk, für neue Fenster hab ich kein Geld!“ – „Das ist ja schrecklich. Was machen Sie mit dem, dass ich und die anderen Mieter Ihnen zahlen, 11 Euro pro Quadratmeter, kalt, spenden Sie die an Brot für die Welt?“ – „Nein, aber das Haus frisst mir die Haare vom Kopf!“ – „Und mir erst, mit meinen Heizkosten könnte ich in Rostock einen Saunaclub betreiben.“ – „Dann tun Sie es doch, Frau Lpunkt, viel Glück damit!“ – „Ich werde die Miete mindern!“ – „Das sollten Sie besser nicht, denn ich habe einen Vertrag, da haben Sie unterschrieben, dass Sie sie zahlen.“ – „Als ich den unterschrieben habe, waren die Fenster noch dicht.“ – „Und sehen Sie, Verehrteste, das genau bestreite ich. Die Fenster waren immer schon beschissen. Sie haben eine Wohnung mit beschissenen Fenstern gemietet. Und jetzt müssen sie die Miete für die Wohnung mit den beschissenen Fenstern zahlen. So sind die Regeln.“ - „Die Fenster waren dicht, das wissen Sie genau!“ – „Mag sein, wer weiß. Aber ich bestreite es.“ – „Dann ziehe ich eben aus!“ – „Verständlich, ziehen Sie in die Nähe Ihres Saunaclubs, das ist praktischer!“ – „Ich kündige!“

Ich Rindvieh. Ich habe meine ideale Wohnung gekündigt. Meine geliebte kleine Oase am Nabel der Welt. Meine gemütliche Bleibe im Auge des Sturms. Mein perfektes Zuhause, aus dem ich um nichts in der Welt ausziehen möchte. Nur, weil ich Idiotin so wütend war. Was soll ich denn mit einem Rostocker Saunaclub? Was mache ich jetzt nur? Gilt eine Kündigung im Affekt?

Ich tue einfach, was ich am besten kann, ich tue, als wäre nichts gewesen...

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierensynchrono schreibt am 10.10.2006 um 19:10 Uhr:Und Miete kürzen nicht vergessen... :-)
  2. zitierengrinsebacke schreibt am 10.10.2006 um 22:03 Uhr:Ich sehe, BWL ist ja doch für was gut^^ Aaaalso, solange du die Kündigung nicht schriftlich eingereicht hast, ist sie sowieso nicht gültig, da Kündigungen immer schriftlich sein müssen.
    Also viel Spaß noch beim tun als wäre nix gewesen, is ja noch alles in Butter.
  3. zitierenKFM schreibt am 10.10.2006 um 22:40 Uhr:"Frau Lpunkt", rief der Vermieter "Sie haben doch gekündigt, am Telefon!" „"Mag sein. Wer weiß. Aber ich bestreite es.“ sagte Frau Lpunkt ohne Zeugen und ließ den Vermieter einen guten Mann sein. Und wenn Sie's ihm nicht schriftlich gab, dann wohnt sie da noch heute ...
  4. zitierenflowerwind schreibt am 12.10.2006 um 11:31 Uhr:recht so :)
  5. zitierenFoerdchen schreibt am 13.10.2006 um 10:38 Uhr:Und überhaupt, wenn es dir ohne viel zu hohe Heizkosten wegen dem schlechten Zustand der Wohnung nicht möglich ist, ne erträgliche Innentemperatur während der Heizperiode herzustellen, darfst du die Miete wirklich kürzen. Aber sprich dich mit einem Anwalt ab und verlange ne Kopie deines Mietvertrags. Meine Eltern und ich haben einige Jahre umsonst gewohnt, weil die Heizung nicht ging. *hrhr*

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