Anleitung zum Entlieben

21.11.2006 um 22:02 Uhr

Neues… Und Zurück.

von: Lapared

Gerade arbeite ich für eine Agentur, für die ich vorher noch nie gearbeitet habe. Eine tolle Agentur. Wirklich, ganz toll. Überzeugt, dass Kreativität nur in Freiräumen entsteht, kann jeder arbeiten, wie und wo er will, und kommen und gehen, wann es ihm passt – so ungefähr. Hauptsache, dass am Ende des Werbejahres ein paar Cannes-Löwen auf dem Schreibtisch stehen. Und das Allerbeste an der Agentur: Es funktioniert. Die können sich da mit Preisen totschlagen. Ganz toll ist das.

Nicht jetzt unbedingt für mich, die mich gerade Grenzen beflügeln - Regeln, Verbote, Eheringe… Ich persönlich fühle mich wie ein verdientes altes Legehuhn, das am Ende seiner Tage zum ersten Mal einen blühenden grünen Garten sieht und denkt: Scheiß Gestrüpp, so kannisch net arbeite! Und sich innerhalb des schönen großen Gartens aus Ästchen und Stöckchen zitternd einen neuen Käfig baut. So viel zum Tagesgeschehen.

Und was die Hummerkrabbe angeht. Die Rückfahrt war eigentlich der angenehmste Teil der kleinen Reise. Immerhin lagen die Karten auf dem Tisch, wir mussten nur noch heraus finden, wer von uns der größere Verlierer ist. Der Sieger kriegt den letzten Nudelsalat.

„Okay“, sag ich, „ich gebe zu, Du hast es nicht leicht. Du bist hässlich und Du bist Alkoholiker und Du lebst mit über vierzig bei Deiner Mutter. Aber andererseits bist Du Chef. Du hast täglich Leute um Dich, die vertraglich dazu verpflichtet sind, für wichtige Meetings zur Verfügung zu stehen, in denen Du die Verbitterung über die Erbärmlichkeit Deiner Existenz nach Herzenslust an ihnen auslassen kannst. Wer hat das schon?“

„Das ist wahr, Lpunkt. Ein echtes Privileg...“

„Ich, zum Beispiel, stehe, wenn man es genau betrachtet, viel beschissener da. Ich sehe gut aus, ja, aber wie lange noch? Drei, vier, fünf Jahr vielleicht, die Wunder der plastischen Chirurgie schon einkalkuliert, danach bin ich nur noch eine dürre alte Schabracke, komplett gestört, nach 500 Stunden Analyse zu 100 Prozent therapieresistent, und mit niemandem, an dem sie ihren Frust auslassen kann - außer sich selbst.“

„Siehst Du! Deshalb hab ich Dir die Stelle angeboten. Du könntest Praktikanten, Juniortexter und meinetwegen auch die Empfangsdame drangsalieren. Du wolltest ja nicht!“

„Deshalb? Das war aber wirklich fürsorglich von Dir.“

„So bin ich. Fürsorglich. Andere hätten ihre Mutter längst ins Heim gegeben!“

„Ja, im Grunde bist Du fantastisch… Krieg ich den Rest vom Nudelsalat?“

Ich habe den letzten Nudelsalat bekommen. Danach hat er aus dem Fenster gesehen und mit der Bahnwagensessel-Allergie gekämpft, die seine Schleimhäute manchmal reizt und seine Augen tränen lässt. Und ich habe geschlafen und damit es echter wirkt ein bisschen geschnarcht. Irgendwann ist er dann auch eingenickt.

Ich weiß, er hatte es nicht so gemeint, als er sagte, er hoffe, wir würden miteinander schlafen. Aber am Ende der Reise waren wir – glaube ich – trotzdem beide ganz zufrieden. Irgendwie…

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenBloomsbury schreibt am 22.11.2006 um 08:54 Uhr:Die ganze Geschichte mit der Hummerkrabbe - einem Verlag als Kurzgeschichte anbieten - so etwas ähnliches habe ich schon mal gelesen (Milena Moser: Der Ausflug, aus: Schlampenbuch) - Frage: WIE bietet man einem Verlag eine Kurzgeschichte an? Weiß Lapared das? Weiß es irgendjemand?
  2. zitierenMarle schreibt am 22.11.2006 um 09:13 Uhr:Einen schönen Tag im Garten, zitterndes altes Legehuhn, streck mal Deine Flügel aus, oder weißt Du gar nciht mehr, dass Du die hast?

    Du machst das schon.
  3. zitierenwalkunafraid schreibt am 24.11.2006 um 19:56 Uhr:Streck mal deine Flügel aus ist ein sinniger Kommentar! Vielleicht gehts ja echt mal um einen Perspektivwechsel? Oder um ein anderes Konzept?
    Flügel ausstrecken versuch ich grad auch mal...

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