Anleitung zum Entlieben

22.05.2006 um 22:19 Uhr

Noch mal das Ganze… in vier Teilen: TEIL III

von: Lapared

Wo waren wir? Ach ja, auf den Knien...

Ich bin noch so tief in die Knie gegangen. So tief. Aber erstmal versucht sie es, na klar, mit Reden. Warum Dick, warum? (Ein kleiner Service für alle, die das nicht die Bohne interessiert oder glauben, es schon wissen: bitte weiterlesen ab DANN HAT ER MICH NACH HAUSE GEFAHREN, circa hundert Absätze weiter unten, TEIL IV)

Weil ich zu viel bin. Und zu wenig gegeben habe. Weil ich immer zu tun hatte, nicht nur, wenn ich gearbeitet habe. Weil ich schreiben wollte, auch wenn ich bei ihm war, manchmal mehrere Stunden am Tag. Aber vor allem, weil er sich für mich verstellt hat, als er so tat, als ob es ihn das nicht stört. Weil er in Wahrheit keinesfalls leise und fürsorglich und der zauberhafte Dick im Hintergrund ist, sondern laut und ungeduldig und fordernd. Weil er im Mittelpunkt stehen will. Weil er nie mit weniger als allem zufrieden ist. Weil er sich für mich nur ständig beherrscht hat. Weil er nie er selbst war. Weil er mir nichts vom wahren Dick zeigen konnte, aus Angst mich zu verlieren. Weil er sein Haus für mich verlassen hat.

Verstehe.

So nannte er es immer wieder: „Ich hab mein Haus für Dich verlassen“. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass „sein Haus verlassen“ holländisches Psychodeutsch für, wie die Szene hierzulande sagt, „nicht bei sich sein“ ist. Und ich erfuhr: Er war zwei Tage zuvor bei einer Therapeutin gewesen und die hatte ihn darauf gebracht. Eine Psychologin hatte ihm zu der erlösenden Einsicht verholfen, dass er bei mir nicht in seinem Haus sein kann. Nie. Das kann er bei seiner Frau. Wie wahr. Deshalb ist sie seine Frau. Ach ja. Ich schließe meine Kollegen immer mehr ins Herz.

Er sagte, er hätte es Weihnachten schon gemerkt. Er hätte gespürt, wie wahnsinnig schön, aber wie unheimlich anstrengend es ist. Diese Ambivalenz habe er gefühlt, alles, alles tun zu wollen, und doch zunehmend genervt zu sein, weil er dabei nicht er selbst sein konnte. Er habe gespürt, dass er sich ständig beherrscht, und oft sei er aggressiv geworden, wenn ich nicht tat, was er eigentlich wollte, nicht weil ich es nicht tat, sondern weil er sich nicht mal traute, dafür einzutreten, weil ein Streit ein viel zu großes Risiko für ihn war, ein Streit, oh Gott, den verträgt ihre zart keimende Zuneigung vielleicht nicht, hat er sich gesagt, und statt zu fordern, hat er allenfalls gequängelt, dieses besonders schöne, scheinbar belastbare Momente abwartende, klug getarnt vorgetragene Quängeln war alles, was er sich traute, er, der normalerweise jetzt und sofort und laut auf seinen Wünschen besteht. Er wurde immer aggressiver, weil alles, ohne dass mir selbst das klar war, immer nur nach meiner Nase ging, doch er hat seine Wut darüber runter geschluckt, aus Angst mich zu verlieren, auch wenn sie ihm danach wieder und wieder hochkam und schließlich auch in irgendeiner Form bei mir zur Wiedervorlage landete. Wie oft habe ich sein „Dranhalten“ hier im Blog beklagt!

Und dann sagte er genau das, was ich selbst irgendwann einmal so ähnlich über 119 gesagt habe. Er sagte, manchmal hätte er gedacht, ich bin kaputt, ich brauche Pause, sie muss jetzt fahren! Und im selben Moment aber auch: um Himmels willen, hoffentlich will sie nicht fahren, dann liebt sie mich nicht, dann habe ich es nicht schön für sie gemacht, dann werde ich sie verlieren. Mit jedem Tag, den ich blieb und an dem ich mich wohler fühlte, war er schrecklich glücklich, aber gleichzeitig auch fürchterlich erschöpft, weil er sich so anstrengte. Er versuchte, mir alles zu geben, und das Schwierigste für ihn war, dass das, was ich wollte, einfach oft nichts wahr, nichts! Dass ich einfach nur dasitzen wollte, nur da und zuhause sein in seinem gut riechenden Haus, einschlafen und aufwachen neben „meinem Mann“, schreiben und dabei seine Geräusche hören, wenn er in der Küche hantiert oder oben Möbel schleift. Aber er wollte etwas ganz anderes. Er wollte mir doch soviel zeigen, so viele Dinge mit mir machen, gemeinsam machen, und ich wollte das alles gar nicht, ich wollte nur nebeneinander. Das, sagte er, habe ihn so fertig gemacht.

Es tut mir so leid. Ständig, jede Minute seither denke ich... warum bin ich damals nicht mit ihm spazieren gegangen? Warum? Ich Idiotin, ein einziges Mal in den acht Ostertagen hatte er mich wirklich gebeten, etwas zu tun, hat natürlich wie stets hinzufügt, „aber nur wenn Du Lust hast“, aber ich hatte keine Lust, obwohl draußen die Sonne schien, obwohl ich in seinen Augen sah, dass es ihm ein großer Wunsch war, an unserem letzten gemeinsamen Tag. Aber ich wollte lieber in seinem schönen gemütlichen Haus bleiben, wo ich um fünf Uhr Nachtmittags immer noch in Puschen und seinem weichen, tiefblauen Bademantel saß, ungeschminkt und noch mit Sperma in der Frisur, wollte nicht duschen, wollte mich nicht anziehen, wollte genau so bleiben an unsererm letzten gemeinsamen Tag - und er ist alleine gegangen. Ich hab damals gespürt, dass das ein Fehler war, als die Tür hinter ihm zufiel, bekam ich plötzlich diese schreckliche Angst, ihn zur verlieren. Und hab die berühmt-berüchtigten Eierchen verteilt.

Aber natürlich war es nicht nur sein mangelndes Vertrauen in die Streitbeständigkeit meiner zarten Gefühle, das ihn zu ihm so gar nicht nicht ähnlich sehender Milde zwang. Da war außerdem das schlechte Gewissen, er war ja – fast hätten wir es alle schon vergessen, gell? – er war immerhin verheiratet, da lässt man Madame ungeduschte Abgrenzung doch schon mal die Zügel und spaziert allein. Klagt nicht, wenn sie - ohne direktes Dick´sches Zutun geradezu skandalös zufrieden! – lieber einfach hinterm Rechner hockt. Sagt nichts, wenn sie ständig Fotos von dem Stoffzwerg macht, statt verzückt durch die Stadt der Liebe zu flanieren und unablässig Dickchens Hand zu halten. Das schluckt so ein Dickchen mitsamt seiner völlig legitimen, Männer unter 1,75-typischen Aufmerksamkeitssucht, sobald ihm einfällt, dass seine von Lchen vernachlässigte kleine Hand ja auch nicht ganz ohne Makel ist. Normalerweise steckt ein Ring daran.

Seit Tagen mache ich mir immer wieder diese Vorwürfe. Seit Tagen denke ich darüber nach, warum ich nur so eine Arschgeige war. Aber ab und zu, wenigstens ab und zu, pfeife ich mich auch zurück. Dann fällt mir ein, was er noch von sich gesagt hat. Am 17.Mai, als die Sonne untergegangen war. Dass er einer ist, der immer alles will, und immer noch mehr, und immer das Schwierigste, dass er dafür kämpft und kämpft und sich selbst dabei verletzt, bis er nicht mehr kann und mit einem Mal gar nichts mehr will. Und ach, dass er deshalb niemals glücklich sein würde. Der Arme.

Also. Dieser Spaziergang hätte gar nichts gerettet, gar nichts. Nach dem Spaziergang wäre etwas anderes gekommen. Perfekt schwimmen, sagte er immer, wolle er mir beibringen - mir reichte eigentlich, dass ich nicht untergehe. Und kochen - mir reichte, dass es schmeckt. Und gemeinsam, immer gemeinsam – mir reichte nebeneinander. ICH hätte ihm nie gereicht. Bis ES ihm irgendwann ganz von selbst gereicht hätte.

Korrigiere: Ich habe ihm nie gereicht. Bis es ihm am 17. Mai ganz von selbst (and with a little help from a fucking shrink) pünktlich zum Sonnenuntergang gereicht hat.

Und noch etwas hat er gesagt, als die Sonne weg war. Er sagte, wir beide, das wäre wie Jojo. „Wir ziehen uns an und stoßen uns wieder ab“, sagte er, „wir ertragen einander nur, solange wir um einander kämpfen aber nicht, wenn wir uns haben.“ – „Brillant“ sagte ich, „könnte von mir sein! Hast Du das aus meinem Blog?“ Aber dann sagte ich noch etwas, und das war die Wahrheit, das war so verdammt noch mal die Wahrheit. „Die letzten vier Stunden, dachte ich, ich hätte Dich!“ sagte ich, „und außer Glück war da nichts, nichts! Nicht der leiseste Impuls, Dich wieder wegzustoßen. Reines, goldenes, hundertprozentiges Glück.“

Der Impuls wäre schon noch gekommen, sagte er.

Und ich, ganz klein ohne meine Beine, hab gebettelt und gefleht. „Du kennst mich doch gar nicht, wir waren beide nicht wir selbst, beide nicht, gib mir eine Chance, lass mich zeigen, wie ich lieben kann, trotz allem, trotz allem lieben ist doch meine Spezialität. Du wirst sehen, da laufe ich zu Höchstform auf, Du wirst mich kaum wieder erkennen.“ Und er sagte: „Ich will aber nicht, dass ich Dich nicht mehr erkenne, ich will nicht, dass jetzt Du Dein Haus verlässt!“ – „Aber ich verlasse es nicht, ich bin zuhause“, habe ich geweint, „jetzt bin ich doch endlich zuhause, ich liebe Dich und Du willst mich nicht, ich bin so was von zuhause!“ Immer weiter runter, immer tiefer in die Knie.

(Fortsetzung… siehe TEIL IV)

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenMarle schreibt am 23.05.2006 um 00:44 Uhr:Das geht hier ein bisschen unter, das schreibst Du so mir nichts dir nichts in den letzten Zeilen des Beitrags, den die meisten vielleicht gar nicht mehr lesen, weil sie denken, dass sie ihn schon kennen.

    Es ist ist schlimm, wenn \"trotz allem lieben\" und lieben ohne gewollt zu werden Dein Zuhause ist. Das musst Du versuchen zu ändern, irgendwie musst Du versuchen das zu ändern. Diese Leidensbereitschaft, das ist doch kein schönes Zuhause! Hast Du denn kein besseres verdient? Laparedchen, denk mal nach. Such Dir ganz schnell was Besseres.

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