Anleitung zum Entlieben

05.08.2012 um 18:15 Uhr

Statt Autan

von: Lapared

Ich habe das Gefühl, sie rüsten auf. Die Mücken, meine ich. Die Evolution hat ihre winzigen Körper mittlerweile mit lernfähigen Miniaturgehirnchen ausgestattet. Vor zwanzig Jahren setzten sie sich noch wunderbar sichtbar an weiße Tapeten. FFFLATSCH. Inzwischen stülpen sie kleine Tarnkappen über, sobald nachts das Licht angeht. Oder sie schwirren hinter den Schrank und warten ab, bis man nach erfolgloser Jagd wieder einschläft. Die Schweine.

Aber ein Buch kann helfen.

Von Esther Vilar gibt es einen ziemlich wunderbaren kleinen Roman, er heißt „Rositas Haut“. Ich schreibe ziemlich, weil Esther Vilar eine streitbare Autorin ist. In den 70ern hat sie die gesamte Frauenbewegung – allen voran Alice Schwarzer, mit der sie sich ein legendäres Fernsehduell lieferte -  in Schnappatmung versetzt, als sie in ihrem Weltbestseller „Der dressierte Mann“ behauptete, nicht die Frauen würden durch die Männer unterdrückt, sondern umgekehrt. Inzwischen nennt sie das selbst Polemik.

In „Rositas Haut“ kommt sie ohne aus. Es ist ein liebevoller, witziger, romantischer Roman (zumindest bezogen auf Insekten). Mit erstaunlichen Wendungen (nicht unbedingt für Zartbesaitete). Und sehr erotisch. Normalerweise sind mir erotische Bücher unangenehm (ich bin doch so verklemmt). Aber dieses Buch ist gleichzeitig heiß und völlig unpeinlich, versprochen. Und obwohl es bestimmt schon zwanzig Jahre her ist, dass ich es gelesen habe, musste ich in den vergangenen Wochen oft daran denken.

Es spielt an einem tropisch heißen Nachmittag, den ein Mann und eine Frau im Bett verbringen. Rrrrrrrrrrrrrr. Der Mann ist ein reicher Kühlschrankfabrikant und die Frau seine junge Angestellte und Geliebte Rosita, die es auf mehr anlegt (da bleibt Vilar Vilar). Die beiden werden beobachtet. Von einem Mosquito, der oben auf dem Ventilator sitzt, anfänglich. Sssssszzzzz.

Der Mosquito verliebt sich in Rosita. Von Begierde übermannt kann er nicht anders: Wollüstig erforscht er die Täler, Gebirge und Spalten ihres warmen duftenden Körpers. Nicht weniger lustvoll als ihr Kühlschrank-Macker versenkt er seinen Stachel in Rosita. Es kommt zu Unstimmigkeiten. Und so viel sei verraten: Der kleine Mosquito – das Buch ist 30 Jahre alt, er gehörte zu einer früheren Evolutionsstufe - überlebt den Nachmittag nicht. 

Das alles erzählt er uns höchstpersönlich. Nach seinem Tod. In einer Bar im sechzigsten Stock eines New Yorker Wolkenkratzers. Zur Strafe für die Entgleisungen in seinem Mosquitoleben wurde er nämlich als Mensch wiedergeboren. Nun sitzt er da, schlürft einen Drink, sinniert über Seelenwanderung und erzählt dem Typ neben ihm an der Bar die Geschichte von Rosita, dem Fabrikanten und den Umständen, die zu seinem Tode führten.

Ein tolles Buch, das ich hiermit sehr empfehle. Insbesondere all denjenigen, die wie ich der Liebling der Mücken sind. Es hilft nicht gegen die Stiche. Aber gegen die Aggressionen. 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenIna schreibt am 06.08.2012 um 11:09 Uhr:Ich habe zwar dieses Jahr bisher erst wenige Stiche abbekommen, aber das Buch werde ich trotzdem mal lesen... :-)))
  2. zitierenNugget schreibt am 06.08.2012 um 11:39 Uhr:Ich glaube, die Geschichte kenn ich. Jedoch wirklich als Geschichte/kürzeren Text, nicht als Buch. Ist aber schon was her.
    Fällt mir ein - ist es nicht so, dass nur die weiblichen Mücken stechen, nicht die männlichen?
  3. zitierenAndreaken schreibt am 07.08.2012 um 09:51 Uhr:Hi Lchen, habe am Bodensee unbestochen einer Mückenarmada getrotzt, die sich auf alle meine Mitsitzenden stürzte. Hähä, und das nicht mit dem Marktführer, nein.... ein Konkurenzprodukt von DM für schlappe 1,49 (oder so) hielt stand! Roter Deckel weiße Sprühflasche, satt einsprühen und einfach im Biergarten sitzen ohne ständiges Umsichschlagen. Sieht sowas von cool aus......fast wie Curd
    Lieber Gruß: Andrea
  4. zitierendiddlmausanja schreibt am 07.08.2012 um 19:58 Uhr:Liebe Leidensgenossinnen,
    seit dem mich eine Invasion von kroatischen Mücken gezählte 40 mal pro Wade gestochen hatten, reagiere ich nun auf den Mist allergisch. Ein Mückenstich lässt nun mein komplettes Bein anschwillen und durch die Hose durch merkt man noch die Hitze der Entzündung.
    Das berühmt berüchtigte Mittel aus meiner Heimat hilft schon lange nicht mehr.
    Ich denke Darwin erklärt alles: die Mücken, die zu doof zum Verstecken waren, sind alle durch Zeitungen und Pantoffeln"ausselektiert" worden, und konnte die Doofheit nicht mehr vererben. Zurück bleiben nun diejenigen, die sich verstecken, und da diese dann Futter kriegen und sich vermehren, sind das nun alle! Nur die Weibchen brauchen das Blut als Futter für die Nachkommen, daher stechen nur diese ( das war vor 30 Jahren noch nicht bekannt oder man durfte noch nicht über die lesbische Beziehung zu einer Mücke sprechen).
    Meine Beobachtung ist aber: es gibt ein Aggressionsgefälle der regionalen Mückenhorde. In Norddeutschland stechen die noch "harmlos", während ich im Rheinland mit Cortison an die Geschichte gehen muss. Dafür schmeissen die geflügelten Horrorgeister in Norddeutschland die Motorsäge an und stechen sogar in dicke Hornhaut oder Schwielen in den Händen. Wir befinden uns also am Scheidepunkt der Evolution, wo intelligente, aggressive und bewaffnete Mücken die alt bewährten Mittelchen ad acta legen.
  5. zitierenShellie schreibt am 08.08.2012 um 09:48 Uhr:Ooooooh Mücken, meine Todfeinde Nr.1!!! Arme Diddlmausanja, ich leide mit Dir.
    Pass gut auf, dass Dir keine Kriebelmücke über den Weg fliegt, die sehen noch
    nicht mal aus wie "normale" Mücken, eher wie kleine Fliegen und sind megagemein:

    "Diese winzigen schwarzen Mücken mit Buckel beißen blutende Wunden und sondern Histamin ab, daß zu beachtlichen allergischen Reaktionen führen kann (dicke schmerzende Schwellungen, Fieber, Schüttelfrost, Schwindel, Müdigkeit etc.)."
  6. zitierendiddlmausanja schreibt am 10.08.2012 um 19:58 Uhr:@ shellie vielen Dank für das Mitleid, aber ich kriege gerade Angst, was nach deiner Beschreibung noch alles sein kann. Und Mücken mit Buckel? So genau habe ich noch nicht hingeguckt, als das mir ein Buckel aufgefallen wäre, ich merke erst später, dass mich eine gestochen hat. Mein Freund sagt, noch schlimmer wären Bremsen und blinde Fliegen, da würde mir dann der Arm abfallen.
    Na tolle Aussicht. Kann bitte jemand die Frauenwelt retten?
  7. zitierenIna schreibt am 26.08.2012 um 11:37 Uhr:Habs gerade ausgelesen, ein schönes Buch!!!

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