Anleitung zum Entlieben

12.04.2006 um 00:25 Uhr

Unter uns

von: Lapared

„Das muss jetzt wirklich unter uns bleiben“, sage ich zu meiner Schwester. „Was Sexuelles?“ – „Er sagt so schrecklich oft Ich liebe Dich!“ – „Das Ferkel!“ – „Im Ernst. Mindestens dreißig Mal am Tag.“ – „Du versündigst Dich.“ – „Varianten wie Ich liebe Dich sehr, oder Ich liebe Dich wirklich, Lpunkt nicht mitgerechnet!“ – „Da draußen sind Millionen, die hungern und darben und die dankbar wären für ein einziges Ich liebe Dich am Tag!“ – „Wem sagst Du das, ich wäre auch dankbar, wenn es nur ein einziges wär! – „Das darfste echt keinem erzählen!“ – „Er sagt es immer mit dieser besonderen Stimme. Er starrt mich an, sekundenlang, und er verzieht keine Miene. Lapared, sagt er dann und wartet einen Moment, bis ich ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit schenke, Lapared, ich liebe Dich, so dermaßen von Glück überwältigt, als hätte er gesagt, Lapared, ich habe einen Gehirntumor.“ – „Er wäre nicht der Einzige, der Liebe für eine Art Geisteskrankheit hält.“ – „Er sagt es völlig situationsunabhängig. Ich erzähle zum Beispiel einen Schwank aus unserer Jugend, zum Beispiel von meinem Faschingskostüm als alkoholkranker Häuptling eines amerikanischen Indianerreservats...“ – „Der Brüller!“ – „Ich lege mich mächtig ins Zeug, ich sprühe vor Witz, ich schließe mit dieser Hammerpointe...– „Du mit Schnapsflasche auf dem Grundschulkarneval?“ – „Und er guckt mich an, mit unbewegtem Gesicht, und sagt: Ich liebe Dich!“ – „Möglicherweise ist es ein Sprachproblem.“ – „?“ – „Vielleicht versteht er Dich nicht und denkt Ich liebe Dich ist nie verkehrt!“ – „Dreißig Mal am Tag?“ – „Das ist in der Tat etwas inflationär.“ – „Und Morgen fahren wir nach Paris, in die Stadt der Liebe, da erhöht er bestimmt auf sechzig!“ – „Was wollt Ihr in Paris?“ – „Einen Tisch kaufen.“ – „Ja, das können sie, die Franzosen, Tische bauen.“ – „Er will ihn restaurieren und weiterverkaufen und vom Gewinn einen Laptop anschaffen, damit wir mailen können!“ – „Er liebt Dich!“ – „Jetzt fang Du auch noch an!“ – „Er tut es, verdammt noch mal!“ Ich muss heulen, ich schäme mich, ich hab nicht vergessen, wo ich vor einem Jahr war. „Ich weiß“, sage ich, „und das ist wunderbar, ein Segen, mein größtes Glück... Er soll es nur nicht ständig sagen!" - "Du bist verrückt." - "Ich weiß, aber das muss wirklich unter uns bleiben. Im Blog erzähle ich nur, dass ich heute bei Mr. O. war.“ - "Dem siebzigfachen Oscargewinner aus Köln?" - "Richtig." - "Das war doch sicher auch spannend." - "Das war super." - "Na siehste."

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