*MONA*log* - Weblog von Mona

03.12.2005 um 00:00 Uhr

Drama im Eis

von: MONAlog

Ich schaue aus dem Fenster und erschrecke. Weisse Flocken wirbeln herum. Winter. Igitt! Jedes Jahr dasselbe Erschrecken. ´Winter... schluck... hab ich glatt vergessen... Wahnsinn, wie die Zeit vergeht... naja, wenigstens kommen bald wieder die Punschstände... und wo krieg ich jetzt bloss schnell einen Flug ins Warme her...´

Ich schaue auf die Strasse runter. Wehe, ich muss mein Auto ausschaufeln oder Eis von den Scheiben kratzen. Dann beschwere ich mich aber! Wegen Belästigung im Alltag! Frage ist nur: bei wem? Aber alles halb so wild. Die Flocken tanzen. Und schmelzen auf der Strasse gleich weg. So gefällt mir der Winter. Können wir das nicht bis März so lassen?

Unsere neue Sekretärin Jasmin zündet eine Kerze an und murmelt: "Woww! Der erste Schnee dieses Jahr." Leider scheint die Sonne draussen, und die Kerze wirkt recht deplatziert. Wären die Schneeflocken nicht, könnte heute ein Frühlingstag sein.
Klipp! Klapp! Ich fahre mein Laptop-Visier ein. Bei dem Wetter bleibe ich nicht im Büro. Ich lasse mein Handy theatralisch piepsen und bin raus.

"Hallo Sebastian! Was tust du gerade?"
"Computern... Was sonst?"
"Wir gehen raus. Die Sonne scheint! Wann kannst du auf der Jockl-Wiese sein?"
"Nö, ich kann nicht, ich muss noch was fertigstellen."
"Keine Widerrede. Ich bin in einer halben Stunde droben."
"Hey, es geht nicht. Ich muss..."
Klack. Ich lege auf. Ich weiss, Sebastian wird kommen. Ich lasse mich da auf gar keine Diskutierereien ein. Er wohnt schliesslich nur fünf Minuten von der Jockl-Wiese entfernt. Und ein bisschen Spazierengehen schadet so einem Computer-Fuzzi auch nicht.

Die Wiese ist sensationell. Eine weisse, funkelnde Schneefläche. Darüber blauer Himmel. Eingerahmt von schneebedeckten Bäumen. Die Stadt ist nicht zu sehen. Winter-Paradies pur. Hier bleibt der Schnee auch liegen. Die ideale Kombination: in der Stadt schmilzt alles weg und nervt nicht. Hier am Berg hat es offensichtlich unter null Grad und sicher schon öfter schneit, denn diese Pracht entsteht nicht so plötzlichl. Es ist wie ein Ausflug in die Alpen.
Sebastian kommt im Eilschritt.
"Hi! Verträgst du überhaupt so viel Sonne? Oder wirst du davon blind?"

Sebastian ist ein Nerd. Theoretisch müsste er viereckige Augen haben. Er rümpft nur die Nase, zieht sich seine rote Mütze tiefer zu den Augen und klatscht schwarze Sonnenbrillen in sein Gesicht.
"Hey, du siehst aus wie ein Gangsta-Rapper... cool..."
Sebastian lacht. Sein Charakter ist alles andere als Gangsta-Rapper-like. Er ist die Sanftmut in Person. Hat allerdings diese Schwäche für Computer, Internet und Ballerspiele. Gegen zwei Uhr nachts trifft er sich dann immer mit amerikanischen Gamern zum Rumballern im Netz und wundert sich, warum seine Abgabetermine so schnell näher rücken und sein Haushalt immer mehr versaut. Ich schaue ihn genauer an und wundere mich, warum er kein bisschen altert. Seit zehn Jahren sieht er völlig gleich aus. Keine Falten. Unglaublich.

Wir wandern über den schneebedeckten Weg. Mütter mit dickangepampften Kindern laufen an uns vorbei. Wie halten die Kleinen nur die Kälte aus?

Im Schnee sehen wir verschiedene Spuren: ein Hase? ein Reh? Sebastian sagt, dass das eindeutig ein Pensionist mit Gehstock gewesen sei. Ich mache ein paar Schritte in den Tiefschnee und frage, ob er mich nur anhand der Schuhspuren erkennen würde. Er sagt: "Nein." Und er hat recht. Alle Schuhabdrücke sehen ähnlich aus. Trotzdem bin ich beleidigt. Er hat mich gefälligst anhand meiner Spuren im Schnee zu erkennen. Basta.

Ein paar Bänke stehen in der Sonne. Sie sind alle besetzt. Schade. Wir wandern weiter über die Wiese. Nach einer kleinen Biegung steht auf einmal ein echt dramatischer Schneemann vor uns. Er hat die Hände schicksalsschwer zu Fäusten geballt gegen Himmel gereckt. Diese Schneefigur hat richtig künstlerischen Ausdruck. Das gibts ja gar nicht...
"Worüber regt sich dieser Schneemann bloss auf?"
"Sicher über das Wetter... entweder es ist ihm zu kalt... oder zu warm... was in seinem Fall ja wirklich fatal wäre."
"Irgendwas verflucht er. Das ist eindeutig. Dieser Schneemann ist von Munch. Ich höre ihn quasi schreien."
"Ja, ich höre ihn auch. Er ruft laut und deutlich: ´Herr, lass Hirn regnen!´ "
"Hey, ich sollte ihn mir einpacken und ins Büro mitnehmen. Ganz meine Worte."
"Wenn du diesen miesen Job weiter machst, dann wirst du auch mal so auf der Wiese landen. Wahrscheinlich ist das ein Kollege von di, der beim Jammern und Rumtoben einfach eingeschneit wurde."
Ich knuffe Sebastian. "Was soll ich denn bloss tun? Was kann ich denn dafür, dass die Mitarbeiter heute keinen braven Sklaven mehr sind? Da muss man mit ihnen rumschreien. Die verstehen einfach keine leisen Töne mehr... Ich warte eh nur mehr drei Monate, bis endlich meine Umschulung zur Supermarkt-Kassiererin vom Arbeitsamt bewilligt wird. Dann bin ich raus aus diesem miesen Job. Versprochen."
Wir lachen.

Die Kälte kriecht allmählich durch meine Schuhe.
"Siehst du, dass auf meinen Schuhspitzen der Schnee liegen bleibt?"
"Ja."
"Dann muss ich reklamieren."
"Ja, und wo? Bei der Frau Holle?"
"Nö, im Schuhgeschäft. Diese Schaffell-Einlagen wärmen nicht ausreichend."
"Die liegen aber unten, bei der Sohle. Und dort bleibt eh kein Schnee liegen."
"Hm."
Stimmt.

So zögerlich Sebastian erst über die Wiese gegangen ist, so beschleunigt sich plötzlich sein Schritt. Er rast auf ein Schneegebilde los.
"Hey, hier bin ich goldrichtig."
Ich stampe nach und sehe Sebastian in einen aus Schnee gebauten Fauteuil fallen.
"Ah, gemütlich..."
Ich glaubs nicht.
"Und wo ist der zweite Ohrensesse?l", raunze ich.
"Tja, Pech gehabt", knurrt Sebastian, "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Und jetzt geh mir bitte aus dem Bild."
Hä? Welches Bild? Ich drehe mich um. Hinter mir steht ein aus Schnee modellierter Fernseher. Ein dünner Ast bildet seine Antenne. Ich glaubs nicht.
Sebastian rekelt sich im TV-Sessel. "Super! Bitte steh mir nicht im Bild rum!"
"Na, warte", sage ich, "Wenn du mir nicht sofort einen zweiten Fernsehsessel baust, dann muss ich wohl deinen Empfang stören.", und gehe langsam und bedrohlich auf die Ast-Antenne zu. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Sebastian neben sich in den Schnee fasst und ein Knödel formt. Oje, Konfrontation. Keiner von uns wird nachgeben. Was als Spass begann, wird jetzt ernst. Ich spüre es und kann es nicht trotzdem nicht mehr stoppen. Ich ziehe den Ast raus. Sebastian schiesst seinen Schneeball auf mich. Ich peitsche mit dem Ast auf das TV-Gebilde ein. Sebastian kreischt "Nicht, du Zerstörerin!" und feuert Unmengen an Schneeball-Salven auf mich ab. Ich attackiere ihn mit dem kleinen Ast. Er springt aus dem Eis-Sessel. Wohl weil er Angst hat, ich könnte den kuscheligen Sessel kaputt machen. Und er hat recht. Kurz spiele ich mit dem Gedanken gegen die Schnee-Lehne zu knuffen. Sebastians Augen sprühen vor Ärger. Dann überlege ich es mir anders. Ich lasse mich auf den Schneesessel fallen und sage "Ah, wie gemütlich!"
Sebastian fxiert mich. "Aber Empfang hast du keinen..." Schadenfoh fuchelt er mit dem Ast herum. Ich atme tief durch.

Dann gehen wir schnell und wortlos zurück zu unseren Autos.

19.07.2005 um 00:00 Uhr

What?! The world is flat?!

von: MONAlog

Ich habe ein Zebra geritten. Und es war schön.
In der Nähe erkannte ich, dass die schwarzen Streifen eigentlich dunkelbraun waren, wenn sie direkt vom Sonnenlicht getroffen wurden.
"Ich werde dein Geheimnis bewahren, denn eine Welt, die nicht nur mehr aus Schwarz-Weiss besteht, ist doch zu gefährlich", flüsterte ich dem Zebra zu.  Zum Zeichen seiner Zustimmung drehte es die Ohren. Die  fedrigen Ohrbüschel glänzten schattenlos.  Ich hörte einen laut vernehmlichen Plumps .
Pferde-Äpfel lagen vor mir.
"Nein! Das ist zu viel! Jetzt kann ich nicht mehr schweigen!"
Ich trat das Zebra und griff nach einem Schilfrohr.

12.07.2005 um 00:00 Uhr

Nicht nur im Meer wimmelt es vor Haien

von: MONAlog

Gestern habe ich meinen Vater besucht. Er hat mir sein Sherlock-Holmes-Kostüm gezeigt. Das hat mich zum Lachen gebracht und gleichzeitig sehr ermüdet.

Als Anneliese mich dann später anrief, ob ich nicht noch mit ihr etwas trinken mag, murmelte ich nur: "Oh, nein, ich bin k.o."

Ich bin aber doch hin. Und aus einem Bier wurden vier.
Am Tisch sass mit uns auch eine sprühende Evita, die wieder einmal alles im Leben grossartig fand: "Ach, ich bin so glücklich, dass ich diesen Job machen darf. Das ist so ein Geschenk. So viele Leute, jeden Tag andere. Und immer bin ich gefordert, mich auf sie einzustellen. Es ist so toll!" Ich proste ihr zu und sage - natürlich gelogen - dass es mir ganz genauso geht. Was bin ich nicht dankbar... Evita glüht. Ich starre ihr genau ins Gesicht. Da sind doch auch schon einige Fältchen sichtbar. Evita hat offensichtlich schon ein paar Biere mehr intus als ich, denn sie ist kein Frischling mehr, der sich blenden lässt. Nein, sie schwebt schlicht und einfach in der Euphorie eines Schwippses und wird morgen mit einem dicken Kopf aufwachen.
Wir erzählen uns, was sich so in den letzten Monaten getan hat und wer was mit wem gemacht hat.
"Was? Du hast bei der letzten Geschichte mit der Katharina zusammengearbeitet?", Evita kreischt ungläubig auf.
"Kennst du die?"
"Natürlich! Was für eine tolle Frau!"
Ich nicke mal vorsichtshalber. Also, Katharina ist ganz okay, sie ist eine passable Sekretärin, leider etwas schlampig und stets mehr an ihrem eigenen Vorteil (sprich: kurzen Arbeitstag) interessiert als am Fortgang des Projekts. Ehrlich gesagt war es für mich manchmal anstrengend, mit ihr zusammenzuarbeiten. Sie ist nett, aber ich hatte wahrlich schon viel bessere Sekretärinnen...
"Woher kennst du die Katharina denn eigentlich?"
"Ich habe sie in Brasilien getroffen. Wahnsinn, diese Frau! Die muss ich unbedingt bald mal wieder sehen, so eine Liebe. Ein richtiger Schatz! Was wir miteinander erlebt haben..."
"Aha."
Damit liess ich es erst mal bewenden. Denn ich wollte weder über Katharina lügen müssen, noch mir uralte Geschichten aus Südamerika anhören. Ich bin urlaubsreif und momentan nicht sehr für Sonne-Sand-und-Meer-Geschichten aufgeschlossen.
Evita machte das Achselzucken gar nichts aus. Katharina war sofort vergessen. Evita schwärmte im gleichen Atemzug von anderen Dingen weiter. "Ich bin da an etwas dran. Sensationell. Das wird eine grosse Sache!"
Natürlich erzählte sie uns nichts weiteres darüber. Sie weckte unsere Neugierde und erging sich in nicht überprüfbaren Details der Genialität dieser Geschichte. Anneliese feixte mir zu, ich sollte doch nachhaken, weil ich doch immer alles rauskriege. Aber wie gesagt: ich war müde. Und Betrunkene, die mir sensationelle Geschichten erzählen wollen, beeindrucken mich nicht mehr. Ich fürchte, das ist das Alter, grins. Ich überliess die Konversation mit Evita dem wortkargen Alfred und plauderte stattdessen mit Anneliese über ihre geplante Übersiedlung nach Deutschland. Sie war hier unzufrieden, aber ich fürchte, dass sich das mit der Übersiedlung nicht wirklich ändert. Naja, egal. Ich wünsche ihr das Beste, denn Anneliese ist eine ganz Liebe.

Plötzlich tauchte am Nebentisch eine Truppe von der Konkurrenz auf. Wie lange sassen die denn schon da? Hatten wir irgendwelche Interna ausgeplaudert? Hatten uns die belauscht? Peinlich.
Wir umarmten uns wie Skorpione zur Begrüssung.
"Hallo, mein Lieber!"
"Servus, mein Augenstern."
Entwarung. Die scheinen gerade erst gekommen zu sein...  Also, zum Verständnis. Auch Evita und Anneliese sind von der Konkurrenz. Im Grund ist in diesem Business jeder ein Konkurrent, weil wir bloss gebündelte Einzelkämpfer sind. Aber dann gibt es eben auch noch die richtige Konkurrenz. Die feindliche Konkurrenz. Die ticken in einem anderen Takt. Halten immer ihre Ellbogen gespitzt. Die reden anders als wir. Die üben täglich des Morgens ihre Coolness vor dem Spiegel. Die finden Heiterkeit und Gespräche peinlich und nippen wortlos mit finsteren Gesichtern an ihren Biergläsern. Das ist dann für die ein ausgelassener Abend.
Weil sie nun schon mal da waren, redeten wir auch kurz mit ihnen. Was sich denn getan hatte und so. Markus beschwerte sich, dass er ein Projekt abgeben musste, weil es mit einem anderen Projekt zeitlich kollidierte.
"Du Armer."
"Die Geschichte geht aber noch weiter: kaum habe ich abgesagt - und ich hatte dabei schon so eine Ahnung - habe ich erfahren, dass das andere Projekt verschoben wird."
"Auf wann?"
"Auf nächstes Jahr!"
"Du Armer!"
"Und du konntest es nicht mehr rückgängig machen?"
"Nein, das war dann ein paar Tage später und natürlich schon an jemand anderen vergeben."
"So ein Pech."
"Ja, ich hänge heuer richtig in der Luft."
Scheisse, was fühle ich mich mies, wenn ich Mitleid heuchle. Dabei könnte ich tanzen vor Freude. Markus, dieser Dumpfkopf  im Perfekten-Schwiegersohn-Look, hatte vor mehreren Jahren eine Bekannte von mir fies ausgebootet. Er weiss natürlich nicht, dass Verena mir die Details erzählt hat, sonst würde er mir seinen Kummer nicht so offenherzig anvertrauen.
"Oje", sage ich nochmals und breche auf. Das muss ich gleich Verena berichten... Beim Handy-Tippen im Auto stelle ich fest, dass sich Verenas Nummer geändert hat. Verdammte Schnelllebigkeit! Ich platze fast.

Zufällig ruft mich am nächsten Tag Katharina an. Katharina, die tolle Frau. Was nicht ein wenig PR verändert? Kommt sie mir nicht jetzt auch gleich viel besser vor? Nein!
"Sag mal, Katharina, hast du Telefonnummer von Verena?"
"Welcher Verena?"
"Die Verena von Kismantic."
"Verena, Kismantic, nie gehört."
Soviel zu Katharinas besonderem Einsatz und ihrer Branchenkenntnis... Trotzdem war ich weiter  gut aufgelegt.
"Weisst du, wen ich gestern getroffen habe? - Evita!"
Ich erwarte einen Jubel auf der anderen Seite der Leitung. Nichts.
"Evita?"
"Ja, Evita. Du musst sie in Brasilien getroffen haben. Sie hat total von dir geschwärmt. Was für eine tolle Persönlichkeit du nicht bist und so..."
"Echt?"
"Es hat sich angehört, als wärt ihr totale Busenfreundinnen, die mindestens fünf Mal kreuz und quer durch Südamerika gereist sind."
"Nee, also ich kenne da schon eine Evita, aber mit der bin ich nicht mal richtig befreundet. Wir kennen uns halt. Also,  Evita ist eine sprühende Persönlichkeit, aber offen gestanden, ich habe viel eher das Gefühl, mit dir gut befreundet zu sein als mit Evita."
Ich schlucke und wechsle das Thema. Was für ein armes Ding, diese Katharina doch sein muss, wenn sie glaubt, wir wären befreundet... Wir haben zusammen gearbeitet, und das noch nicht mal gut. Hält sie schon die Tatsache, dass ich sie bei Fehlern nicht gleich mit 110 Dezibel angebrüllt habe für einen Freundschaftsbeweis? Hoffentlich hat sie wenigstens ein paar andere richtige Freunde und nicht nur mich. Schluck...

11.07.2005 um 00:00 Uhr

Zurück in die Zukunft

von: MONAlog

Die Welt saust mir in ungewohnter Intensität um die Augen und um die Ohren.

Vorbei die Zeit des Tunnel-Blicks vom Computern und Alles-auf-das-Wesentliche-Reduzieren.
Vorbei ist die Zeit des Kommando-Gebens, ohne selbst die Richtung zu kennen.
Vorbei ist das die-Ahnung-zu-einem-Faktum-Aufblasen.

Die Wirtschaft ist meine Lieblingsseifenblase, denn sie nährt mich gut.
Aber:

Leben ist, wenn der Inhalt stinkiger Mülltonnen im Regen ein eigenes Aroma annimmt und ich durch die Strasse gehe und zu eruieren versuche, wo die Duft-bzw. Gestankgrenze ist.

Leben ist, zu testen, um wieviel Grad die Pflastersteine heisser sind als der Asphalt unter dem Auto und wie der Staub auf der Windschutzscheibe in die Handfläche bröselt.

Leben ist zu lächlen, wenn die Kinder im Supermarkt quängeln, wenn ihnen ihre Mutter keinen Bonito-Zucker-Kaustick kauft.

Leben ist, wenn ich nicht mehr neidisch werde, wenn ich Menschen in Gastgärten sitzen sehe.

Leben ist, wenn ich mir fades Gerede anhöre und dann einfach sage: "Das ist aber ganz schöner Schwachsinn, Mann."

Leben ist der Geschmack von frischgekochten Speisen, die nicht aus Fast-Food-Pampe bestehen.

Leben ist schön.

08.06.2005 um 00:00 Uhr

Und dann ist es eben doch passiert...

von: MONAlog

... dass ich nämlich aufs Atmen vergesse und eine Zigarette nach der anderen rauche.

... dass ich auf Essen vergesse und mir nachts bei der Tankstelle ekelerregende Chips hole oder die tagealten, geschmacklosen Reiswaffeln knappere mangels Alternativen.

... dass ich mich über meinen totalen Einsatz ärgere, weil er eben nicht so honoriert wird, wie ich mir das vorstelle. Finanziell sowie nicht. Und undankbar sind die Biester auch...

... dass ich mir vornehme, alles cool - "the jamaican way", nämlich mit völliger Ignoranz - zu regeln und dann über die noch grössere Ignoranz von Kollegen und Lieferanten frappiert bin.

... dass ich mich frage, ob es das alles wert ist?

... dass ich von der unerwarteten Kompetenz der guten Mitarbeiter überrascht bin und wieder Spass an dem Wahnsinn finde.

... dass wir alle wie eine rackernde und tackernde Maschine funktionieren und nebenbei noch so etwas wie familiäre Gefühle entwickeln.

... dass ich mir zwischendurch ein wenig Zeit zum Baden abknapsen kann.

... dass ich dem Ende des Projektes entgegenhechle und mich frage, ob das tatsächlich der elitäre Lebensstil der Führungskräfte ist.

... dass ich mir vornehme, mich bald als Kassiererin oder Taxifahrerin einschulen zu lassen, um bei diesen Job eine ruhige, zwar übelbezahlte Kugel dafür aber mit garantiertem Feierabend zu schieben.

... dass ich nachts davon träume, in einem Amt zu sitzen und alle bittstellenden Antragsteller mit einem barschen "Nein. Kommen Sie in einem Jahr wieder. So geht das auf keinen Fall."  hinauskomplementiere.

... dass ich mir wünsche, keine Probleme mehr lösen zu müssen. Und dass ich mir keine Pseudo-Problemchen von Beteiligten mehr anhören möchte, die letztendlich immer ihre Wurzel in einem unausgesprochenen, latenten Psycho haben, der gerade bei Stress ausbricht.

... dass ich das Geld nehme und renne!

... dass ich feststelle, dass ich das Geld eigentlich gar nicht bräuchte und mich dann umso mehr frage, warum ich dann eigentlich renne.

16.05.2005 um 00:00 Uhr

Zwischendurch das Atmen nicht vergessen!

von: MONAlog

Was ist das Tolle am Stress?

... dass er einem in seinen Sog saugt und im Strudel dann alles nur stromlinienförmig verzogen wahrnehmen lässt...

... dass die Frage "Was ziehe ich heute an?" völlig in den Hintergrund rückt und im Zweifelsfall einfach das nächstliegende (im wahrsten Sinn des Wortes) angezogen wird...

... dass es keine privaten Querelen gibt, weil es schlicht kein Privat-Leben gibt...

... dass ich in fünf Minuten Dinge erledige, für die ich üblicherweise drei Tage brauche...

... dass es dabei das Wichtigste ist, immer völlig relaxt zu wirken, damit die Anderen wirklich neidisch werden und sich als völlige Versager fühlen...

... dass sich in der Zwischenzeit tausende Dinge anhäufen, die zur Seite geschoben werden und mich dann irgendwann in ihrer monolithischen Masse erschlagen...

... dass er irgendwann vorbei ist, nämlich im Juli!

Oh, Juli, was für ein schöner Monat! Juli! Wieviele Tage noch bis dahin? Juli! Wo werde ich dich verbringen? Daheim? Am Meer? Darf bei all dem Stress nicht vergessen, im Internet nach Flugangeboten Ausschau zu halten! Wichtig! Muss das gleich an den Anfang meiner To-Do-Liste setzen... Dann halte ich den Wahnsinn noch bis Juli durch...


20.04.2005 um 00:00 Uhr

Nieder mit dem Effizienzismus !

von: MONAlog

Ich gebe es zu. Ich habe eine Marotte. Ein mitunter blöde Marotte.
Mir liegt nichts an Geld. Ich finde Geld an sich dumm und peinlich. Ich halte Geld für ein verdammt blödes Organisationssystem. Ich verstehe nicht, warum so viele Leute hinter Geld, Schnäppchen und Sonderangeboten her sind. Den Euro habe ich bis heute noch nicht richtig verstanden. Im Business feilsche ich zwar auch herum, aber weniger weil mich das Geld interessiert, sondern weil mich das Herumspielen und der Schabernack daran reizt. Ich mag nur Geschäfte, bei denen alle profitieren.

Aber dann habe ich eben auch meine Marotte. Und die heisst Effizienz. Und mit der behindere ich mich manchmal selbst. So muss ich zum Beispiel für die nächsten zwei Monate ins Ausland. An sich keine grosse Sache. Alles firmenmässig organisiert. Muss nur in den Flieger steigen, einchecken und dann halt meinen Job machen. Soweit so gut. Wenn da nicht meine Marotte wäre...

Meinen Zwang zur Effizienz stört es nämlich, wenn meine Wohnung zwei Monate leer steht. "Was für eine Verschwendung", sagt mein kleiner Effizienz-Teufel, "eine leerstehende Wohnung ist eine nicht genützte Wohnung. Eine nicht genützte Wohnung ist eine tote Wohnung. Eine tote Wohnung bringt schlechtes Karma."

Also habe ich herausposaunt, dass ich meine Wohnung gerne zur Verfügung stelle, falls sie jemand braucht.  Überall habe ich das in den letzten Wochen nebenbei angemerkt.
"Aha", haben alle gesagt, "Interessant. Muss mal drüber nachdenken."
Ein paar haben sich auch nach der Miete erkundigt.
"Das ist nebensächlich", habe ich dann gesagt, "darum geht es nicht. Es geht darum, dass sie eben genützt wird. Dass irgendjemand etwas davon hat."
Sie haben mich eigenartig angesehen. Fanden das nett, aber komisch.

Und jetzt sind plötzlich  alle gleichzeitig auf mich zugekommen.

"Ja, ich bräuchte die Wohnung, weil ich seit zwei Jahren mit Elisabeth zusammenwohne. Eine Beziehungspause würde uns mal ganz gut tun."
"Hey, du, was ist mit deiner Wohnung? Weisst du, eine Freundin aus Berlin würde gern eine Zeitlang nach Wien kommen. Könne sie deine Wohnung haben?"
"Sag mal, Mona, deine Wohnung. Du hast das doch unlängst erwähnt. Ich schreibe doch da so heimlich an einem Roman, und ich habe mir überlegt, dass mich das vielleicht inspirieren würde, wenn ich den an einem fremden Ort schreibe, so ausserhalb meines normalen Umfeldes."
"Wegen deiner Wohnung... ein Cousin von meinem Freund bräuchte eine Bleibe... ist ein netter Kerl... dem wäre schon mal mit ein, zwei Monaten geholfen, da könnte er dann in Ruhe weitersuchen..."

Ja,  auf einmal wollen alle bei mir einziehen.

Und mir wird jetzt erst bewusst, was ich mir damit eingebrockt habe. Ich muss nun nämlich alle meine persönlichen Dinge erst mal verräumen. Schliesslich gibt es in jedem Haushalt Dinge, die nicht für die Allgemeinheit bestimmt sind. Und meine Dokumente und die wertvolleren Dinge muss ich halt bei einem Freund deponieren. Uff! Warum konnte ich nur meine Klappe nicht halten? Wie schön wäre es gewesen, einfach wegzufahren und wieder zurückzukommen, ohne mir Gedanken über die Ordnung in meinen Kästen zu machen und darüber nachzudenken, was sich jemand wohl bei diesem und jenem denken könnte. Ich muss noch mal richtig putzen, bevor ich den Interims-Mieter reinlasse. Und kann nur hoffen, dass nachher auch noch alles da ist und dass  die Geräte in meiner Wohnung richtig bedient werden.

Darüberhinaus muss ich noch entscheiden, wem ich die Wohnung letztendlich gebe. Und die anderen werden dann sicher sauer auf mich sein. Das werden sie natürlich nicht offen sagen, sondern eher so hinterrücks erwähnen: "Ja, erst sagt sie, jeder könne die Wohnung haben und dann wird es doch nichts."

Beim nächsten Mal - das schwöre ich mir - werde ich nichts sagen, sondern einfach meine Koffer packen und aus. Ich verfluche meinen kleinen Effizienz-Teufel. Und grüble darüber nach, wer denn der ideale Interims-Mieter sein könnte: der Schreiber, der Beziehungsflüchter, der unbekannte Cousin oder die unbekannte Freundin? Und ob ich Miete verlangen soll oder nicht? Und weil mir Geld ja so egal ist und mich das Herumrechnen nervt, werde ich wahrscheinlich nur eine symbolische Miete verlangen wollen und hoffen, dass man mir zumindest keine horrende Telefonrechnung hinterlässt oder so. Und was  mich am meisten ärgert ist:  ich habe kaum Zeit, muss noch einiges vor meiner Abreise erledigen und sollte nebenbei noch  meine Wohnung gästetauglich machen. Aufräumen, ordnen, persönliche Unterlagen wegsperren, Informationszettel schreiben, etc.

Mensch, bin ich blöd!

19.04.2005 um 00:00 Uhr

Die Flügel des Sex

von: MONAlog

Oje, ich habe heute einen richtigen Kater. Zuviel getrunken und zuviel geraucht. Dennoch hat sich der gestrige Abend "ausgezahlt". Ich habe sensationelle und zugleich empörende  Branchen-News erfahren. Was so ein paar Bierchen nicht alles bewirken...

In der Firma BenziCo hat sich eine Abteilung völlig pulverisiert. Alle Kern-Mitarbeiter wurden von einem Tag auf den anderen entlassen. Nein, anders: sie wurden nicht entlassen, sondern ihre Zeitverträge wurden einfach nicht mehr verlängert. Nur der Abteilungsleiter ist geblieben, und ein paar unwichtige Chargen. Was ist dort passiert? Das war unter anderem die  zentrale Frage unseres inoffiziellen Branchentreffs. Besonders spannend war dabei, dass  einer von uns ganz sicher die Wahrheit kannte. Er ist nämlich noch immer in dieser Firma beschäftigt.  Er weiss, was wirklich passiert ist. Aber er hat ein Schweigegelübde ablegen müssen. Er heisst Albert. Und wir sind zu viert und löchern ihn. Der Arme. Zu schweigen fällt ihm sichtlich schwer.

"Das muss irgendwas mit Geld gewesen sein, stimmts?"
"Ja, da hat einer Geld hinterzogen und die anderen haben es gedeckt..."
"Genau, Veruntreuung, Betrug, irgendsowas muss es gewesen sein..."
"Ja, bei diesem scharfen Vorgehen muss es etwas ganz Gravierendes gewesen sein."
"Aber wer kann sich vorstellen, dass Irmgard Geld hinterzogen hat? Oder dass sie so etwas gedeckt hätte? Oder dass die Ilse klaut? Oder dass der  Herwig betrügt?"
"Stimmt auch."
"Oder dass der Peter finanziell getrickst ha?
"Ja, kann ich mir das auch nicht vorstellen."
"Vielleicht war es auch nichts Finanzielles, sondern es ging um eine Art Meuterei auf der Bounty."
"Was soll das bitte sein?"
"Naja, dass der Abteilungsleiter etwas wollte, und die anderen haben sich geweigert, es umzusetzen..."
"Ja, aber was sollen sie da so verweigert haben? Und warum?"

Albert windet sich. Er könne nichts sagen. Aber es sei nichts Finanzielles. Das beruhigt uns alle. Wir schätzen die gekündigten Kollegen nämlich alle. Klar, man kann nicht in die Leute reinschauen, aber als Betrügerbande konnte ich sie mir nur schwer vorstellen.

"Okay, nichts Finanzielles. Dann lag es sicher an der Disziplin oder so."
"Du meinst, sie sind immer zuspät gekommen und deshalb rausgeflogen?"
"Nein!"
Wir lachen.
"Dann wären wir ja alle auch schon längst rausgeflogen..."
"Naja, unsere Firmen sind halt toleranter..."
Brüllendes Gelächter.
"Sicher... wir arbeiten für die tolerantesten und liebsten Firmen, die wir uns nur vorstellen können..."
Das Gekicher mündet in Stille.
"Vielleicht hat der Abteilungsleiter eine falsche Grundrichtung vorgeben wollen. Und die anderen wollten da nicht mitziehen, weil sie den Irrtum erkannten."
"Ja, aber welche grundlegenden Dinge wurden in dieser Abteilung je besprochen?"
"Stimmt. Dort ging es doch nie um Grundlegendes."
"Vielleicht hat einer einen Grosskunden beleidigt?"
"Und die anderen haben dann die anderen Kunden beleidigt? Das passt doch nicht..."
"Vielleicht wurde in der Firma ein Drogentest gemacht. Und die sind einfach alle nicht durchgekommen."
"Das hört sich plausibel an. Das ist es."

Albert schüttelt dezidiert den Kopf.

"Pfuh, geh, das macht keinen Spass mehr..."
"Albert, bitte red endlich!"
"Ja, Albert, sags!"
"Komm, lass uns nicht weiter dunsten!"

"Nein, versteht mich, ich kann nichts sagen... das habe ich versprochen..."
"Okay, Albert, wir machen das jetzt so: wir sagen etwas. Und du sagst dazu nichts, du schüttelst einfach deinen Kopf oder nickst. So kannst du dein Wort halten, und vielleicht finden wir es doch raus..."

Albert spürt, dass unser Jagdinstinkt geweckt wurde, und dass wir nicht mehr aufhören werden, ihn zu löchern. Er fügt sich.
"Na gut, aber ich sage sicher nichts... Und ich nicke auch nicht... nur wenn es völlig verkehrt ist, dann schüttle ich den Kopf."
Damit können wir leben. Wir bestellen schnell noch eine Runde, dann geht es los...

Eine Viertelstunde später haben wir es rausgekriegt: Irmgard, der schon manchmal ein heimliches Verhältnis mit dem verheirateten Abteilungsleiter nachgesagt wurde, hat mit Peter, dem wirklich sexy aussehenden Büro-Boten herumgeschmust. Wenn nicht Ärgeres. Es muss auf alle Fälle hoch hergegangen sein im Büro. Und die Ilse und der Herwig haben das gewusst bzw. zu decken versucht. Der Abteilungsleiter hat dann die Zwei inflagranti erwischt und ist voll Eifersucht ausgezuckt. Und prompt hat er alle, die davon wussten, eliminiert. Wie ein stalinistischer Diktator.

"Wahnsinn", sage ich. "Das ist ja vielleicht peinlich."
Robert nickt.
"Aber ich meine nicht, dass deren Rumgevögle peinlich ist. Wirklich peinlich ist doch nur die Reaktion des Abteilungsleiters. Was geht ihn das Privatleben seiner Mitarbeiter an? Ich meine, er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Und dann erwartet er von Irmgard, dass sie jungfräulich lebt? Das darf ja wohl nicht wahr sein!"

Wenn jemand das Privat- und das Berufleben nicht auseinander  kann, dann darf er es halt von Anfang an nicht unseriös vermengen. Sowas! Ich bin jedenfalls empört. Da fliegen vier Leute aus einer Firma, weil ein fremdgehender, grössenwahnsinniger Familienvater auf seine Geliebte eifersüchtig ist... Das ist ja wohl der Gipfel von sexistischer Borniertheit...

Und ich gelobe mir, dass ich nie!, nie!, nie!  für diese Firma oder für diesen Abteilungsleiter arbeiten werde, egal wie leer mein Konto ist oder wieviel man mir bezahlen will! Keine Projekte mehr bei BenziCo! Schliesslich habe ich ein Recht auf ein Privatleben! Und ich  kann ins Bett gehen, mit  wem ich will!

15.04.2005 um 00:00 Uhr

Gedreht und doch geschüttelt

von: MONAlog

Eine Freundin ruft mich an.
"Willst du am Abend  zu einer Filmpremiere mitkommen?"
"Ja, warum nicht?"

Wir treffen uns in einem dieser Vorstadt-Multi-Meggga-Maxxi-Plexxe. Links Rolltreppen, rechts Lifte, dazwischen diese "gemütlichen Gastgärten" in der überdachten Glashaus-Atmosphäre von prolligen Einkaufszentren. Wie kann man nur solche Ungetüme in die Landschaft bauen? Und warum hocken die Leute tatsächlich in diesen künstlichen Ghettos rum? Allein die Akustik würde mich da beim Rumsitzen verrückt machen. Es gibt schon einen Grund, warum normale Gastgärten im Freien sind. Weil dort nämlich der Schall nicht hundertmal von den Glaswänden reflektiert immer wieder zurückkommt. Trotzdem: das Multi-Meggga-Maxxi-Ding brummt, weil die Geschmacklosigkeit regiert. In Österreich auch im wahrsten Sinn des Wortes. Wer das politische Gezänk rund um die "Orangenen" in den letzten Tagen mitverfolgt hat, weiss wovon ich spreche...

Iris hat die Karten schon geholt. Hat sie geschenkt gekriegt, weil sie bei einem dieser grauenhaften Medien-Moloche arbeitet. Wir sind spät dran und sausen sofort in den Saal. Der Film startet. Ich weiss nicht mal, welchen Film wir ansehen. Aber das mache ich gern so, dass ich kurzfristig mitgehe und dann gar keine Ahnung habe, was kommen wird. Das gibt mir immer so ein prickelndes Gefühl, wie wenn ich ein Überraschungsei auspacke. Der Film startet fetzig. Ah. Aber schon nach zehn Minuten wird klar, dass das kein filmisches Meisterwerk ist. Als dann noch ein paar Mal peinlich unter Röcke gefilmt wird und auch sonst kein Klischee ausgelassen wird, beginnen Iris und ich flüsternd über den Film abzulästern. So macht dann auch das Ansehen von üblen Filmen Spass: wir ergänzen die blödesten Dialogzeilen mit noch grösserem Blödsinn oder grunzen dazu, wenn es passt. Wir haben jedenfalls Spass!

Das Saallicht geht wieder an: der Regisseur und seine Truppe gehen auf die Bühne und labbern. Der Produzent erwähnt, wieviel Geld er in den Film investiert hat und dass er auf reichliche Verkäufe bei der nächsten Filmmesse hofft. Naja, dann viel Glück. Obwohl: vermutlich wird ihm der Verkauf auch gelingen, denn wenn man sich den Film nicht im Ganzen ansieht - wie dies die Einkäufer gerne tun - dann sieht er vielleicht ganz fetzig und jugendlich aus. Denn kameramässig und technisch haben sie sich ja einiges einfallen lassen. Man sollte nur nicht mehr als fünf Minuten davon am Stück sehen, denn wenn man die Handlung mitkriegt, merkt man leider doch, dass das ein ziemlicher Müll ist.

Danach: Sturm aufs Buffet. Ein Kerl im Anzug stellt sich neben Iris, macht einen Witz zu uns und versucht,  sich so in der Schlange nach vorne zu schummeln. Ich frage Iris, ob sie ihn kennt. Denn er sieht wie ein aalglattes, schmieriges Karriere-Bubi aus. Vielleicht ist er ja ein Kollege aus dem Medien-Moloch. Iris verneint. Danach lasse ich halblaut die Bemerkung fallen, dass ich Leute, die sich versuchen, sich vorzudrängen, grundsätzlich entweder ins Ohrläppchen oder in die Nase beisse. Schwupps ist er weg! Ich hätte es aber tatsächlich getan. Weil solche Typen habe ich echt gefressen. Die würde ich schon am liebsten grundlos vermöbeln. Wenn sie mir einen Grund dazu liefern, umso besser!

Das Buffet ist labbrig und fad.
"Wie der Film", sagen wir und kichern.
In kleinen Katzenschüssel-artigen Tellern essen wir Reis mit Geschnetzeltem.
Ich brauche einen Drink. An einem Tisch sind Flaschen und Gläser aufgereiht. Aber kein Kellner weit und breit. Ich schnappe ein Bier und suche hinter der Theke nach dem Flaschenöffner. Nichts da. Ich gehe zu einer Gruppe Jungs.
"Hey, könnt ihr mir das Bier aufmachen? Mit einem Feuerzeug."
Das können die doch immer. Und ich nicht. Habe es schon hundertmal versucht. Geht einfach nicht. Ich halte ihnen das Bier hin. Sie schauen mich amüsiert an.
"Ein Feuerzeug hätte ich."
Sie lachen.
"Du brauchst da kein Feuerzeug."
"Hä?"
Ich schaue das Bier an: es hat definitiv einen Kronkorken oben drauf. Was erzählen die Jungs da?
"Du musst drehen?"
"Wie bitte?"
Einer der Jungs nimmt die Flasche und dreht den Kronkorken. Das Bier geht auf. Ich glaube es ja nicht!
"Woww! Was sind denn das für neue Verschlüsse!"
Ich lache und bin begeistert von diesem neuen Patent: ein Schraubverschluss, der optisch wie ein Kronkorken aussieht. Ich nehme das Bier zurück und schraube den Verschluss abwechselnd zu und wieder auf. Wie lange es das wohl schon gibt? Merke, dass ich schon seit Ewigkeiten kein Bier im Supermarkt gekauft habe, sondern immer nur in Lokalen getrunken habe. Bin da wohl nicht mehr ganz uptodate.

Iris hat sich mit ein paar Freunden schon um einen der kleinen Bartische geschart. Wir haben vorher ausgemacht, dass wir grundsätzlich nicht mehr über den Film sprechen, weil uns überhaupt nichts Positives dazueinfällt. Also reden wir mit ein paar Bekannten über dies und das. Mein Lieblingsthema ist der neue Bierverschluss, von dem ich ganz fasziniert bin. Plötzlich kommt eine ältere Dame auf unseren Tisch zu. Sie sieht  sehr distinguiert und gepflegt aus. Sie erinnert mich an jemanden.
"Wer ist das, Iris?"
"Weiss auch nicht."
"Die kommt mir unglaublich bekannt vor."
"Ja, mir auch."
"Woher kenne ich die nur?"
Die ältere Dame wendet sich an einen unserer Bekannten.
"Soviele nette Menschen hier, nicht wahr?"
Max unterbricht sein Gespräch und sieht sie irritiert an.
"Ja?"
"Ein schöner Abend, oder?"
"Ja. Aber... hm", es ist spürbar, dass Max das peinlich ist, "Sind Sie sicher, dass Sie mich nicht mit jemanden verwechseln?"
"Nein, nein, kein Problem, wir kennen uns noch nicht."
Die ältere Dame nähert sich souverän Max und umflirtet ihn dezent. Max ist ungefähr dreissig. Die Dame ist ungefähr sechzig.
Die ganze Runde sieht jetzt dieser wunderlichen Szene zu. Neugierig.
"Aha, häm, stimmt, äh, wir kennen uns noch nicht."
Max schaut irritiert und fragend in die Runde und  zu der Dame. In mir blitzt der Gedanke auf: Werde ich auch im hohen Alter, die Buben so ungeniert anbraten?
"Ein so schöner Film."
Max schweigt betreten. Auch ihm hat er Film nicht gefallen, und er hat sich eigentlich unserem Schweigen angeschlossen.
"Hm", sagt Max und nickt, weil er doch diese ältere, distingierte Frau nicht beleidigen will.
"Ein wirklich schöner Film", insistiert die Dame.
Max ist völlig irritiert und windet sich peinlich berührt.
"Hören Sie, ich bin mir sicher, dass sie mich verwechseln! Wir kennen uns doch wirklich nicht? Ich verstehe nicht... Hier liegt ein Irrtum vor."
Schnurrend sagt die ältere Dame: "Ach, seien Sie doch nicht so bescheiden."
Max ist fix und fertig. Was will die von ihm? Ich muss grinsen. Das ist jetzt der Ausgleich für alle blöden Anmachen, die mir je passiert sind. Und ich gebe zu: es macht Spass, anderen beim Abwimmeln zuzusehen.
"Äh, ich weiss nicht, was ich dazu sagen soll..."
"Aber  Sie sind doch  der Regisseur? Ich habe Sie doch eben auf der Bühne gesehen..."
Max ist definitiv erleichtert, dass  sich das so einfach aufklärt und dass er nicht das Herz einer Frau, die seine Mutter sein könnte, brechen muss.
"Nein", lacht er. "Ich bin ganz sicher nicht der Regisseur."
Wir bestätigen alle im Chor: "Nein, er ist sicher nicht der Regisseur."
"Also, ich hätte schwören können... verzeihen Sie..."
Die ältere Dame entschuldigt sich verlegen und geht weiter. Und Iris flüstert mir zu: "Jetzt fällt es mir ein. Das war eine bekannte Schauspielerin. Weisst eh. Hat in dieser Serie mitgespielt..."
Wir kichern alle und sehen danach die Schauspielerin auf Rollenfang aber den ganzen Abend nicht mehr.

11.04.2005 um 00:00 Uhr

Liebe in Zeiten des grauen Himmels

von: MONAlog

Gestern sah ich in der Zeitung ein Bild von einem goldgelben Turron, einer spanischen Süssspeise. Den Turron gibt es nun also auch in unserer Stadt, im feinsten Spezialitätenladen. Von dem war nämlich das Bild in die Zeitung gebracht worden. Diese Biester, die wissen schon was sie tun. Einen goldgelben Turron bei regenverhangenem Wetter in der Zeitung abdrucken zu lassen, ist schwerste Verführung Minderjähriger und weniger Minderjähriger.  Seitdem lässt mich der Gedanke nicht mehr los.

Dieses goldgelbe, süsse Quadrat hat meinen Hinterkopf belagert.  Spanien und Portugal werden mir dabei lebendig. Ich sehe mich in den Strassencafes der Ramblas sitzen, bei Kaffee, Turron und Mineralwasser. Das war stets mein Frühstück. Danach fuhr ich immer an den Strand. Das türkise Meer bildete das farbliche Pendant zum goldgelben Turron. Ich sehe mich unter meinen Sonnenschirm liegen, die Füsse in die Sonne gestreckt. Den Kopf in schattiger Sicherheit, damit er von der Sonne und vom Lesen nicht zu schwer wird. Hin und wieder kommen ein paar einheimische Jungs vorbei: Ob ich Feuer habe? Sie rauchen dann ihre Zigarette im Schatten meines Sonnenschirms und glauben, dass ich die Anbagger-Masche nicht durchschaue. Süss.

Obwohl ich gestehe: anfangs war ich tatsächlich so naiv und habe ich geglaubt, dass die ihr Feuerzeug verloren oder vergessen haben. "Warum sollten mich die anlügen?", fragte ich die Freundin, die mir das erste Mal erklärte, wie dieser Flirt-Schmäh funktioniert, "Die können mir doch auch ganz einfach sagen, dass sie gern bei einer Zigarette mit mir plaudern wollen..." Tun sie aber nicht. Warum ist mir bis heute ein Rätsel, aber ich habe mich mittlerweile schon an die absurdesten Codes gewöhnt, so dass mir das gar nicht mehr auffällt, wenn jemand etwas anderes sagt, als er eigentlich meint. Die Hauptsache ist ja stets nur, dass man letztendlich kapiert, was der andere zwischen den Zeilen wirklich will. Wie er es im Detail ausdrückt, ist eigentlich unwichtig. Nur kann ein klarer, eindeutiger verbaler Ausdruck das Leben enorm vereinfachen. Und ich weiss, wovon ich rede... Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass wir quasi im "Wonderland" leben:  Sage, was du willst, und du kriegst es. Aber nicht in dem schwachsinnigen Kontext, der in den letzten Jahren die Runde macht: "Schicke einen Wunsch an das Universum, sage es niemand, und der Wunsch wird sich erfüllen." Mein reales Wonderland funktioniert anders: Sage laut und deutlich und klar und ohne Herumwinden, was du willst, und du kriegst es. Sofort. Und ohne Widerworte. Dein Gegenüber wartet ja nur darauf, dass du dich klar ausdrückst. Weil letztendlich jeder dieses blöde, vage Rumgeeiere satt hat. Aber ich schweife ab...

Zurück zum Turron, das von mir Besitz ergriffen hatte, das mich wie ein Alien gekapert hat und all meine Gedanken gesteuert hat. Ich gehe gestern also ins Bett mit dem Gedanken an die iberische Halbinsel und einen Kaffee mit Turron am kleinen Tellerchen, dazu die harten Papierservietten der südländischen Bars und Konditoreien. Ah, ich nicke ein, träume - zum Glück von etwas ganz anderem - und wache auf. Und da ist er wieder, der goldgelbe Turron. Ich gehe unter die Dusche, putze mir die Zähne, schrubbe mir die Ohren, pappe mir Creme ins Gesicht, frisiere mich. Und sehe doch ständig dieses goldgelbe, dottertriefende Stück Turron vor mir. Kein Honigbrot zum Frühstück. Das wäre ein Sakrileg gegenüber meinem Turron. Mit nüchternen Magen gehe ich ausser Haus. Will ins Büro. Gehe stattdessen jedoch zur U-Bahn. Was tue ich denn da? Um neun Uhr sollte ich im Büro sein. Kurz vor neun Uhr besteige ich die U-Bahn ins Zentrum. Ich glaube, ich mache gerade Blödsinn. Aber ich kann nichts daran ändern. "Es gibt einfach Dinge, die man tun muss", würden die Western-Helden sagen. So fühle ich mich. Wie ein Held in der einsamen Prärie. Nur sind die Kakteen der Prärie die Menschen in der U-Bahn. Ich bin es nicht gewöhnt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Für mich sehen alle Passagiere wie Junkies aus. Oder liegt das nur daran, dass heute Montag ist und alle muffig in die Arbeit fahren? Egal, ich beginne mit meinem Stereoheadset zu telefonieren, damit die Zeit schneller vergeht. Da dieses Headset unter meinen langen Haaren verschwindet und das dazugehörende Handy in meiner Jackentasche schlummert, halten mich ein paar Leute im Wagon offensichtlich für völlig plemplem. Sie glauben, ich beginne mit mir selbst zu reden. Naja, stört mich nicht wirklich, schliesslich halte ich sie auch alle für komplett plemplem...

Im Zentrum steige ich aus und kaufe ich teuersten Spezialitätenladen der Stadt meinen heissgeliebten Turron. Uff, das kleine Ding von gerade mal 200 Gramm kostet 13 Euro. In Spanien und Portugal kostet eine kleine Portion davon gerade mal 50 Cent bis ein Euro. Aber egal. Was sind schon blöde Euro gegen dieses Stück vom Glück? Weil ich schon mal dabei bin, Geld aus dem Fenster zu werfen, kaufe ich auch gleich noch einen sündteuren Kokosnuss-Drink: isotonisches Kokoswasser, hergestellt aus biologisch angebauten  grünen Kokosnüssen. Ein halber Liter um 3 Euro. Die Maroni-Schokolade um weitere 3 Euro ist da ja fast schon ein Schnäppchen. Mit der Bankomatkarte zahle ich an der Kassa für mein "Frühstück" gezählte 19 Euro. Uff. Dieser Wochenanfang haut finanziell ganz schön rein.

Rufe meinen Freund an und erzähle ihm etwas ernüchtert von meinen Einkäufen. Er lacht. Sagt, dass das sicher ein guter Einkauf war.
"Für die 19 Euro hast du jetzt wenigstens total ungewöhnliche  Sachen. Denk nur daran, dass heutzutage ein kleines Bier im Lokal 3 Euro kostet. Da ist es echt schade ums Geld. Aber für solche Besonderheiten finde ich 19 Euro nicht zuviel."
Ich liebe ihn! Ein Mann, der denken kann!
"Aber sag mal, solltest du nicht schon längst im Büro sein?"
"Hmm."
Dieser Mann denkt zuviel...
"Wissen die schon, dass du Frühstück-Shoppen bist?"
"Bist du wahnsinnig! Denen sag ich doch nichts davon. Jetzt fahr ich erst mal in Ruhe heim. Esse entspannt den Turron, trinke das Kokoswasser und dann überlege ich mir, mit welcher Ausrede ich das Ganze wieder hinbiege... Übelkeit, kaputter Wecker, Arzttermin... Aber du verstehst schon, dass ich einfach nicht anders konnte."
"Sicher", sagt er, "wenn du einem goldgelben Turron widerstehen könntest, dann würdest du ja mir auch widerstehen..."
Das verstehe ich zwar nicht, aber ich liebe ihn trotzdem.


04.04.2005 um 00:00 Uhr

Wo Fender nicht mehr vor dem Schrammen schützen

von: MONAlog

Zufällig begegne ich einer ehemaligen Studienkollegin im Café.

"Wow! Freue mich ja total, dich wiederzutreffen..."
"Ja. Wir haben uns ja ewig nicht gesehen."
"Ewig. Stimmt."

Ihre Tochter turnt im Café herum. Anhand dieser Tochter kann ich dem "ewig" sogar eine Zahl zuordnen...

"Hallo, Lea!"
"Hallo!"
"Sag, du bist ja schon riesig: wie alt bist du denn?"
"Neuneinhalb."

"Du, Monika, wir haben uns jetzt neun Jahre nicht gesehen..."
"Das kann in etwa hinkommen."
"Das ist sicher, denn als ich dich das letzte Mal sah, hattest du die Lea als Winzling am Arm."
"Dass die Zeit so rennt..."
"Ich war sogar unlängst nur auf dem Geburtstagsfest von der Hanne, weil ich dachte, dass du auch dort bist."
Hanne ist eine andere Studienkollegin von uns.
"Nein, da ist mein kleiner Sohn" - Monika nestelt ein Foto aus ihrem Portemonnaie - "Ricco" - Monika hält mir ein Foto in Passbildgrösse vor die Nase - "krank geworden. Da musste ich kurzfristig absagen."
"Ja, schade. Schade auch,  dass du dich gar nicht mehr im Kollegenkreis tummelst."
"Na, die Familie braucht eben viel Zeit. "
"Und dann laufen wir uns hier zufällig über den Weg. Schon witzig..."
"Ja, super Zufall."
"Weisst du, ich habe vermutlich gar nicht mehr deine aktuelle Handy-Nummer. Meine habe ich ja auch schon fünfmal geändert ..."

Wir tauschen unsere Handynummern aus.

"Und was tust du so?"
"Naja, nicht so viel... wir übersiedeln demnächst in ein Haus... zum Arbeiten komme ich gar nicht."
"Aber ich habe gehört" - ich grinse, weil das eigentlich absolut vertrauliche Informationen sind - "dass die Agentur dich wieder angerufen hat und dir ein gutes Angebot gemacht hat."
Ich schaue Monika gespannt an und signalisiere ihr, dass ich eingeweiht bin und dass sie nicht lange um den heissen Brei herumreden muss.
"Stimmt. Das war wirklich ein gutes Angebot. Aber ich habe es schweren Herzens abgelehnt. Es geht sich einfach mit den Kindern und der Familie nicht aus."

Ich wundere mich, ob Monika jetzt zu einer Kuchen backenden, Pullover strickenden Super-Mama  mutiert ist. Sie hat schliesslich ihre Mutter, die sie stets unterstützt und bei dem Angebot handelte es sich um ein Teilzeit-Angebot. Komisch. Monika hat scheinbar von der Arbeit die Nase voll.

"Aber ich habe begonnen zu fotografieren. Das geht sich neben den Kindern gut aus."
"Aha", sage ich.

In diesem Moment kommt die Freundin, mit der ich eigentlich verabredet bin, ins Café. Auch sie war mal eine Studienkollegin.

"Ah, du, Selina? Ist ja witzig. Ihr seid noch in Kontakt? Wieso seht ihr euch? Arbeitet ihr zusammen?"
"Nein. Wir treffen uns nur zum Kaffee."
"Echt? Ihr arbeitet nicht zusammen und trotzdem seht ihr euch all die Zeit?"

Selina und ich schauen uns verblüfft an.

"Wie meinst du das?"
"Ja, ich finde das total nett, dass ihr noch in Kontakt seid."
"Monika. Du brauchst dich nicht so zu wundern. Das ist nichts Ungewöhnliches. Ich bin mit fast allen engeren Studienkollegen in losen Kontakt. Das ist ganz normal. Nur zu dir ist der Kontakt abgerissen, weil du entweder keinen Anrufbeantworter hattest oder nicht zurückgerufen hast. Oder weil sich deine Telefonnummer geändert hat. Oder weil du nie zu den fallweisen Treffen gekommen bist. Ich weiss es auch nicht mehr im Detail. Jedenfalls wusste niemand mehr, wo du wohnst und wie du erreichbar bist. Wir hätten auch gern den Kontakt zu dir gehalten, aber wir wussten nicht, wie."

Zu dritt hocken wir uns auf die dicken Polstermöbel und tratschen. Mal sehen, wie lange diesmal der Kontakt zu Monika hält...

26.03.2005 um 00:00 Uhr

Wolken-Tanz und Ananas

von: MONAlog

Eigentlich wollte ich es vermeiden, am Oster-Samstag einkaufen zu gehen. Warum? Ich hatte schlicht und einfach Angst vor den Schlangen an der Kassa. Vor ein paar Jahren musste ich am Tag vor einem Feiertag einkaufen und war dann in solch eine Schlange gepresst, dass ich heute noch ein Trauma davon habe. Wenn mehr als zwei freie Tag rot vom Kalender leuchten, dann hetze ich sicherheitshalber ein bis zwei Tage vorher in den Supermarkt und kaufe jede Menge haltbarer Lebensmittel, wie Konserven, Nudeln oder Tiefkühlwaren.

Aber heute hatte ich meine Vorsätze vergessen bzw. war so gestresst, dass ich vorher beim besten Willen nicht dazukam, meine Vorräte aufzufüllen. Ärgerlich mit mir selbst machte ich mich auf den Weg Richtung Supermarkt. Und war dann echt überrascht: der Laden war wie leer gefegt. Ganz wenige Kunden. Nur nette Kunden. Dafür in der Obst- und Gemüse-Abteilung fast alles zum halben Preis, weil die Waren sonst über die Feiertage verderben würden. Ich konnte mich kaum bremsen, Unmengen an frischen Erdbeeren, Ananas und Spinat zu kaufen. Woww!

An der Kassa war niemand (in Worten: NIEMAND) vor mir.
Warum ist das nicht jeden Tag so? Können nicht alle Grossstädter stets auf Urlaub fahren und mir wieder meine Stadt überlassen?

Ich schaute auf den Himmel rauf. Das strahlende Blau begann gerade sich in dichte Wolken zu verziehen. Das war also der Trick: ich muss im Frühjahr einkaufen gehen, wenn gerade noch die Sonne scheint. Denn dann hocken alle anderen  im Park oder in den Gastgärten rum. Und ich habe freie Fahrt zwischen den Supermarkt-Regalen.

"We are  sunshine shoppers, baby!", wäre doch auch ein klasser Song-Titel. Und ich weiss, dass ich dieses Frühjahr einen tollen Mann beim Sunshine-Shoppen kennenlernen werde. Mein armer Freund ahnt noch nicht davon, aber ich weiss es. Nennt es Intuition, nennt es fixe Idee. Ich weiss es eben.

"We are sunshine shoppers, baby!", summe ich vor mich hin. Wenn ich doch nur ein bisschen musikalisch wäre...

24.03.2005 um 00:00 Uhr

Ziegenkäse oder doch Starlet

von: MONAlog

Was ist bloss im Frühjahr immer los?

Sobald die Sonne nach dem Winter wieder wärmt, neige ich dazu mein ganzes Leben in Frage zu stellen. Keine Angst, mir geht es nicht schlecht. Im Gegenteil: ich bin Wohlstands-überfüttert und allzu weich gebettet. Ja, wenn dann der Himmel so blau ist und ich erstmals im Park sitzen kann, dann überkommt mich eine unglaubliche Sehnsucht nach dem echten Leben. Dem Leben, wo man sich abstrudeln muss. Dem Leben mit den Hochschaubahn-artigen Aufs und Abs.

Dann will ich Weltbewegendes tun. Warum nicht mindestens ein Kinderhilfswerk gründen? Oder die Entwicklungshilfe revolutionieren? Oder die sozialen Missstände abschaffen? Ist doch jämmerlich, dass der Alltag sich einfach so alltäglich abspult. Ein Jahr vorbei. Schluck. Geht das schnell! Wo sind die grossen Herausforderungen des Lebens? Wo kann ich endlich Heldin sein? Wo kann ich mich beweisen?
Dann erschrecke ich wieder vor der Grösse der Anforderung. Sollte ich dafür nicht irgendwelche Kompetenzen haben: also zumindest im sozialen Bereich gearbeitet haben? Und meine Mutter-Theresa-Anwandlungen vergehen gleich wieder... Ich hebe mir das für das hohe Alter auf. Da werde ich dann meine Pension spenden und mildtätig werden.

Dann will ich zurück zu den Wurzeln. Überlege, ob ich nicht einen Haufen billiges  Ackerland pachten und dort wetterfeste Ziegen züchten sollte. Ich gebe zu, ich esse gern Ziegenkäse. Einen Ziegenkäse, den es hierzulande leider nicht zu kaufen gibt. Die Idee ist also nicht ganz uneigennützig. Ich stelle mir die ländliche Idylle vor und sehe mich als "Heidi" zwischen all den Ziegen rumhüpfen. Wäre schon ein reizvoller Kontrast zu der ganzen Organsier-Arbeit in der Grossstadt. Und so entspannend. So natürlich. So meditativ.  So im Einklang mit Wetter und Natur. Nur wer den Stall ausmisten soll, bleibt ein Rätsel. Denn vermutlich wird meine Ziegenzucht nicht genug abwerfen, dass ich eine Putzfrau für den Ziegenstall einstellen kann. Das karge, eingeschränkte Leben eines Bauersfrau stellt sich bald als untauglich heraus. Spätestens beim Gedanken, dass ich dann jeden Euro dreimal umdrehen müsste und mir jeden Einkauf genau überlegen müsste, mutiert mein Zukunftswunsch ins Gloriose.

Ein bisschen Ruhm wäre doch fesch. Über einen roten Teppich gehen. Eingeladen werden. Leute, die hinter Terminen mit mir herhecheln. Und ich würde das dazu passende, huldvolle Gehabe einnehmen und mit den üblichen Bonmots angeben, dass der Erfolg natürlich nicht das Ergebnis von Anstrengung und Ellbogen sei, sondern purer Zufall und Glück und dass man dafür natürlich Gott oder dem Publikum oder wem auch immer dankbar sei. Dann würde ich entschweben, bevor kritische oder intelligente Fragen kommen. Und all meinen Alltagskrimskrams müssten Agenten oder sonstige Vasallen erledigen. Ich müsste nur lächelnd repräsentieren, für Fotos posieren und fallweise eine Unterschrift unter Papiere setzen. Das wäre es...

Ich nehme die Sonnenbrille ab. Die Sonne ist hinter einer Wolke verschwunden. Plötzlich wird es recht kalt. Ich stehe auf und setze meinen Weg fort. Ich hänge den Nonnenschleier, das Bäurinnen-Kopftuch und die aufgedonnerte Starletfrisur gedanklich an die Spitze des Kirchturms, an dem ich gerade vorbeigehe.

Habe ich nicht eigentlich ein sehr cooles, angenehmes Leben? Ich verdiene mein Geld recht leicht, habe eine schöne, sonnige Wohnung, einen lieben, verlässlichen Partner, einen grossen, netten Freundeskreis, ein recht abwechslungsreiches Leben. Und ich stelle fest, dass ich mich in meinem Leben pudelwohl fühle. Dass ich Glück hatte, dass sich alles so gefügt hat. Dass ich eigentlich das Leben einer coolen TV-Serienheldin führe. Dass ich das aber gar nicht merke. Dass ich immer gern hätte, was andere haben. Und ich bin mit einem Mal  zufrieden.

21.03.2005 um 00:00 Uhr

Der Kongress tanzt...

von: MONAlog

Wieder zurück zu Hause. Wie angenehm. Wie frei. Endlich muss ich beim Frühstück keine Kollegen mehr sehen...

Berufliche Reisen werden zunehmend grauslicher. Früher - ja, dazu zählt auch schon das letzte Jahr und ja, auch wir werden alt und karrieregeil - war alles viel amüsanter und unbeschwerter. Sind wir da nicht alle hinter coolen Sonnenbrillen am Hauptplatz gesessen und haben uns einen Ast abgelacht. Jeder, der vorbeikam, war willkommen sich dazuzusetzen. Natürlich haben wir dabei auch geschäftlich geredet, aber unser Ziel war das gemeinsame Treffen.

Heuer wurden die Ellbogen ausgefahren. Und bei unserem Lachen haben bestenfalls ein paar dünne Ästchen gewackelt. Der Frost ist ausgebrochen. Die Blicke wurden zielgerichtet: Wer ist denn da? Wer ist wichtig? Und wie schotten wir unsere Runde ab? Dazwischen wurde genörgelt. Wie schlimm denn alles sei... Wie sehr schon wieder Gelder fehlen... Und wie sehr alle nur auf ihren Eigennutzen schauen, wo doch eine gemeinsame Infrastruktur so wichtig wäre...

Ich habe die Gesichter und die Blicke genau beobachtet. Und stelle eine grosse Ähnlichkeit zum hektischen Suchen der Junkies fest. Statt nach dem nächsten Schuss zu gieren, wurde hier nach Kontakten und der eigenen bestmöglichen Positionierung gegiert. Wir waren an den gleichen Orten wie in den letzten Jahren, aber der Charme war verloren. Da half auch der beste Barkeeper nichts mehr. Es ging um Claims abstecken und darum, sie danach zu sichern gegen die Angriffe vom Nebentisch.

Nicht einmal der Alkohol half gegen diese Tendenzen. Die Betrunkenen wurden nur mürrisch und nicht amüsant. Und der Kater am nächsten Tag liess alle noch mehr im Trüben versacken. Was für eine Langeweile! Es war kein Kennenlernen mehr, sondern ein demonstratives Zeigen, wen man kennt und wer man ist. Heiterkeit? Ungeschwerheit? Offenheit? Fehlanzeige. Hier wurde abgewickelt. Business as usual. In einer Branche, die früher kein Business as usual wollte. Die sich lange dagegen sträubte. Bis die Luft eng wurde. Dann waren die guten Vorsätze vergessen.

Neue Schlagworte mussten her: Ein Kongress ist ein Kongress ist ein Kongress ist ein Kongress. Und: ich bin wichtig und meine Freunde sind wichtig und ich bin noch wichtiger und meine Freunde sind noch wichtiger und mein Ich ist am wichtigsten.

Shake it, baby!

15.03.2005 um 00:00 Uhr

Milz und Schnitzel

von: MONAlog

Ein Freund ruft mich an. Er müsse zum Arzt.

"Soll ich dich fahren?"
"Nein, das ist nicht notwendig..."
"Was ist denn los, dass du zum Arzt musst?"
"Ach, ich habe seit einem Monat Schmerzen in der Seite?"
"Hui, und da gehst du erst jetzt zum Arzt?"
"Nein, ich bin eh schon ganze Zeit in Behandlung, aber es wird halt nicht besser."
"Vielleicht brauchst du stärkere Medikamente?"
"Ich nehme eh schon seit einem Monate Antibiotika..."
"Und das geht nicht weg?"
"Nein... grrr!"
"Oje... versteh ich nicht...bei mir helfen Antibiotika immer sofort..."

Uff. Ich bin ein Idiot. Ich beisse mir auf die Zunge. Ich erinnere mich, dass ich Johannes nicht zusätzlich beunruhigen sollte. Er ist seit dem Krebstod seiner Mutter noch so geschockt, dass er stets glaubt, Krebs oder sonst eine tödliche Krankheit zu haben. Und ausgerechnet der hat jetzt so eine hartnäckige Erkrankung. Das Leben ist schon ein zynisches Biest!

"Vielleicht gibt es ja stärkere Antibiotika... Und was sagt dein Arzt dazu?"
"Der sagt, das sei eventuell schon eine chronische Entzündung."
"Aber du hast das doch das erste Mal..."
"Ja..."
"Wie kann es dann chronisch sein?"
"Naja, vielleicht habe ich es vorher gar nicht mitbekommen..."
"Pfff! Die Ärzte sind schon ein Wahnsinn: entweder es ist chronisch und deshalb kaum behandelbar. Oder es ist genetisch und deshalb erst recht nicht behandelbar... Mach dir da nichts draus, das höre ich auch ständig, wenn ich zum Arzt gehe... Genetisch, chronisch, ernährungsbedingt oder psychosomatisch sind scheinbar die Zauberwörter der Ärzte, um sich einer genauen Diagnose zu entziehen..."
"Ja, aber ich möchte jetzt wissen, ob das was Ernstes ist. Weil stell dir vor, ich habe Krebs und ich vertue meine Zeit mit unnötigen Antibiotika-Kuren..."
"Tja.  Ich würde nicht gleich davon ausgehen. Ich denke, die Wahrheitscheinlichkeit spricht dagegen..."
"Ich sage dir eines: ich bin schon so zermürbt. Es wäre mir auch das recht. Wenn ich nur endlich wüsste, was es ist und wenn diese Schmerzen weggehen."
"Du Armer, vielleicht solltest du tatsächlich in eine Klinik fahren und das gleich überprüfen lassen?"
"Andererseits hat der Internist schon kompetent gewirkt... und er kennt meine Krankengeschichte..."
"Verstehe..."
"Ich weiss einfach nicht, was ich am besten tun soll?"

Ich kenne dieses Gefühl genau. Ich habe es bei jedem Arztbesuch. Wenn ich dem Arzt nicht selbst die Diagnose sage, kriege ich auch keine. Und dabei bin ich eine  kritische Patientin. Sprich: ich kann kommunizieren, bin intelligent, weiss Fragen zu stellen, bin Akademikerin. Wenn es mir schon nicht gelingt, eine vernünftige Auskunft zu kriegen, wie geht es dann erst Ausländern oder Hilfsarbeitern? Ich schwöre mir insgeheim, dass  ich später, wenn ich mal  in Pension bin, einen Arzt-Begleitservice für diese Zielgruppen gründen werde.  Nun aber zurück: Johannes ist auch weder Ausländer noch Hilfsarbeiter, dennoch ist er total frustriert.

"Ich will heute eine Entscheidung vom Arzt!"
"Da hast du Recht."
"Ich werde sagen: 'Ohne Ihre Kompetenz in Zweifel zu ziehen,  ich habe seit einem Monat dieselben Schmerzen. Ihre Medikamente wirken nicht. Welche Untersuchungen schlagen Sie jetzt vor?'"
"Ein guter Plan. Aber lass vielleicht den Einleitungssatz mit der Kompetenz weg. Der könnte missverstanden werden. Es reicht, wenn du sagst, dass du seit einem Monat unveränderte Schmerzen hast. Mehr musst du nicht erklären. Da muss er sich dann überlegen, was zu tun ist..."
"Belehr mich nicht... ich bin eh genug genervt... ich komme mir vor, wie meine eigene Grossmutter... die hat sich auch tagelang vorher überlegt, was sie dem Arzt sagt... mir reichts... muss ich tatsächlich Medizin studieren, nur um richtig behandelt zu werden!!!"
"Du Armer... sag mir, falls ich dich begleiten oder fahren soll..."

Ich schlucke die Beleidigungen von Johannes. Ich weiss schliesslich, wie er sich jetzt fühlt. Da brauche ich nicht jedes Wort auf die Waagschale zu legen. Er hat gerade den Ärzte-Koller. Das kenne ich. Ich ärgere mich jedesmal, wenn ich mit dem medizinischen Apparat in Kontakt komme. Da treffe ich nämlich auf Missmanagement  und pure Ahnungslosigkeit, die mit dem Verschreiben der gängigsten Medikamente übertüncht wird. Und das bei den hohen Kosten, die ich jedes Monat als Sozialabgaben bezahle. Da geht mir auch regelmässig der Hut hoch. Und ich  fühle  mich auch jedes Mal schlecht betreut und habe immer das Gefühl, dass der Arzt gerade aus Unaufmerksamkeit, Überlastung  oder Ignoranz einen Fehler macht, dessen Konsequenzen ich dann tragen muss.

Zum Beweis, dass das nicht nur so dahergesagt ist:
Einmal wollte man mir bei einem Beinbruch   sogar Nickel-Schrauben einoperieren, obwohl ich schriftlich auf meine Nickel-Allergie hingewiesen hatte.  Und als ich auch mündlich nochmals meine Nickel-Allergie ansprach, wollte man mich dennoch zu Nickel-Schrauben überreden, da die  Titan-Schrauben gerade aus oder nicht steril waren...
Ein anderes Mal wollte man mich nach einer lang angemeldeten Operation auf ein Gangbett legen, ohne darüber nachzudenken, dass ich ja nicht mal aufs Klo könne. Und am Gang auf die Bettpfanne zu gehen, ist wohl nicht zumutbar.
Jedes Mal hatte ich dann den Arztkoller und randalierte kurz im Spital.  Zu Recht! Wir haben in unseren Arztpraxen und Spitälern teure und tolle High-Tech-Geräte, aber leider häufig totale Nulpen als Mediziner und noch grössere Flaschen als Manager und Organisatoren...
Da wäre dringend eine Qualitätskontrolle angesagt! An diesem Medizin-Apparat verzweifeln nämlich täglich unzählige Menschen, obwohl sie viel Geld für diese  Sauereien ausgeben und eigentlich die zahlenden  Kunden sind.

"Ach, Scheisse, da muss ich eben durch", sagt Johannes.
"Stimmt, du Armer", sage ich. "Ich lade dich demnächst auf ein Schnitzel ein, damit du den Ärger vergessen kannst."
"Ich mag aber keine Schnitzel..."
"Ich eh auch nicht... aber ich fand, es hört sich gut an."

Johannes lacht. Und das ist das Wichtigste.

11.03.2005 um 00:00 Uhr

Zeichen auf dem Espresso

von: MONAlog

Sara und ich haben uns früher öfter getroffen, zwei bis dreimal in der Woche. Ständig ist sie bei mir im Büro vorbeigekommen. Auch wenn sie mir damals hin und wieder lästig war, wenn sie mir all ihre Sorgen in ausführlichen Details verklickerte, habe ich mich nie beschwert.  Jetzt hat sie einen Freund, und prompt vernachlässigt sie mich und ihre Freundinnen. Warum schaffe nur ich es, Freund und Freundinnen unter einen Hut zu bringen? Mich nervt das jedenfalls: solange  die Freundinnen solo sind,  rufen sie ständig an und wollen was unternehmen. Kaum haben sie einen Freund, rufen sie nicht mal mehr zurück. Dumme Nüsse. Wegen euch funktioniert die Emanzipation bis heute nicht. Weil ihr bescheuerte Fähnchen im Wind ohne eigenen Lebensstil seid ...

Die Stimmung war also leicht angespannt. Prompt geht es wieder los:
"Ach, ich werde nicht bis zum Ende der Veranstaltung bleiben können."
"Verstehe.", sage ich und zünde mir eine Zigarette an.
Geistig streiche ich Saras Telefonnummer aus meinem Handy. Das  war jetzt definitiv das letzte Mal, dass sie mich mit ihrer Wankelmütigkeit und ihren "Ach, ich weiss nicht"-Hin und Her gefoppt hat. Wenn sie sich nicht treffen will, dann soll sie es mir vorher sagen. Aber ich hasse Leute, die kommen, gleich auf die Uhr schauen und nach fünf Minuten sagen, dass sie in einer halben Stunde wieder gehen müssen. Das ist im Geschäftsleben okay. Privat nicht und deshalb nur in Ausnahmefällen tolerierbar, wenn wirklich Dringendes ruft.

Die Kellnerin steht bei unserem Tisch.
"Ein kleines Bier, bitte."
Und noch bevor Sara etwas sagt, weiss ich, was kommen wird.  Jetzt kommt die klassische Blunzn-Nummer: also Pago Marille gespritzt. Oder ein Tee. Oder Apfelsaft mit warmen Wasser aufgespritzt. Oder überhaupt nur ein Glas Wasser. "Nein, kein Mineralwasser, Leitungswasser bitte. Aber bitte nicht zu kalt." Ich fühle mich wie  beim Deja-Vu in einer endlosen  Zeitschleife.
Sara bestellt Tee. Eh klar. Wein oder Bier wäre ja viel zu gewagt. Da könnte ja beim Trinken und Plaudern so etwas wie Stimmung entstehen. Und auch Kaffee könnte zu sehr aufwühlen und unruhig machen. Ahhhh! Ich kann plötzlich verstehen, warum Männer Frauen schlagen. Ich?! Die jeden Schläger-Typ am liebesten sofort töten möchte?! Aber wenn ich die Sprödheit aus Sara prügeln könnte, würde ich es jetzt tun. So seufze ich nur. Nie wieder werde ich sie anrufen. Das schwöre ich mir hoch und heilig. Sara ist ein für allemal verloren für mich. Unsere Verbindung ist gekappt. Ich will nicht mehr solche Freundinnen haben. Das ist schade, weil unsere Freundschaft einmal sehr gut war. Aber jetzt ist es vorbei.

"Habe ich dir schon einmal gesagt, dass mir diese Tee- und Pago-Trinkerinnen extrem suspekt sind?"
Sara sieht mich überrascht an.
"Echt?"
"Ja."
"Warum?"
"Weil es immer die gleichen faden Lieseln sind, die nur Tee, Pago und Wasser trinken."
Sara sieht mich irritiert an.
"Soll ich jetzt was anderes bestellen?"
"Nee, du kannst doch bestellen, was du magst. Ich sage dir nur, was mir so auffällt... und dass es immer ähnliche Menschen sind, die Ähnliches tun oder bestellen."
Sara ist definitiv überrascht. Und ich bin froh, dass ich wenigstens teilweise meinem Ärger Luft gemacht habe.  Ich weiss, sie versteht es nicht. Ist auch egal. Will Sara ja nicht verändern, sondern konstatiere eben nur das Ende einer Freundschaft. Vielleicht bringt sie das ein wenig zum Nachdenken. Früher haben wir nämlich immer gemeinsam massig Cocktails und Wein getrunken, uns grossartig amüsiert, viel getanzt und lange Nächte miteinander und mit Freunden verbracht. Das ist lange her. Unvorstellbar lange her. Ungefähr sechs Monate her.

Die Kellnerin kommt zu uns zurück. Sie könne keinen Tee bringen, weil es irgendein Problem mit dem Wasser gäbe.
"Sieht ganz so aus, als sollte ich wirklich keinen Tee trinken..."
"Nimm doch ein Pago!", gebe ich Sara einen zynischen Tip.
Sie versteht und schaut giftig zurück.
"Ja, gute Idee. Ein Pago, bitte."

Sara und ich sitzen schweigend nebeneinander, bis die Kellnerin unsere Bestellung bringt.

"Prost!"

Ich hebe mein  Bierglas und trinke. In Zukunft werde ich mich verstärkt wieder mit männlichen Freunden treffen.  Den Rest des kurzen Abends bleibe ich eher schweigsam, und Sara schnorrt mich um Zigaretten an. Sie hat nämlich auch zu Rauchen aufgehört. Und deshalb raucht sie jetzt nur mehr geschnorrte Zigaretten. Was für ein Bild des Jammers gibt meine einst so strahlende Sara nur ab... am Heimweg bin ich traurig über ihre seltsamen, freudlosen Veränderungen. Sie ist spröde, geizig und spassfrei geworden. Wegen einem Mann. Darf das denn wahr sein?

Heute früh rühre ich meinen Espresso um und denke mir, dass ich solche Entwicklungen künftig am Kaffee-Schaum ablesen könnte.

08.03.2005 um 00:00 Uhr

Woher und wohin?

von: MONAlog

Elementare Gedanken bebrüten mich, als ich den Wind und den Schneesturm bekämpfe, um doch noch ohne Erfrierungen das Büro zu erreichen. Gestern hatte ein Freund von mir -  Egon -  ungläubig geschaut, als ich ihm erklärte, ich hätte mein ganzes Leben noch keine Haube gebraucht, schliesslich hätte ich ja dichtes Haar.

"Nein, auch nicht bei Schneegestöber, Egon. Wozu? Ich habe meine Haare. Die schützen mich vor der Kälte.  Aber ich trage  festes Schuhwerk. Auf den Füssen wird mir nämlich leicht kalt. Beruhigt dich das?"

"Und du bist so nie krank geworden???"

Jetzt schaue ich ihn ungläubig an. Warum sollte ich krank werden? Nur weil ein paar Schneeflocken auf meinen Haaren liegen? Ich schaue Egon an und erahne seinen ganzen Abgrund. Es zieht mich hinunter in einen Strudel der Sorgen. Wie ein Magnet entwickeln seine düsteren, maladen Gedanken einen zentrierenden Sog. Was nicht ständig alles passieren kann, wenn man nicht aufpasst. Wenn man nicht irrsinnig genau aufpasst und alles richtig macht. Tod und Verderben lauern hinter jeder Strassenecke und in jedem Schneekristall.

"Man", sagt  Erich, " müsse unglaublich auf sich schauen."

Er dürfe nur bestes und kontrolliertestes  Bio-Essen zu sich nehmen. Und Alkohol oder andere Drogen. Oh, nein, bloss nicht. Egon hat für so etwas nicht mehr genug Kraft. All das würde ihn zu sehr schwächen. Er dürfe auch nicht zu lange am Abend aufbleiben, das würde ihn aus dem Rhythmus bringen.

"Und dann werde man", sagt der ent-ich-te Egon,  "halt wieder leicht krank."
"Vielleicht übertreibst du... Wann war man, äh warst du denn das letzte Mal krank?"
"Vor drei Wochen habe ich mir in einem Bus die Grippe eingefangen. Eh klar. Diese vollgestopften Verkehrsmittel, da müsse man ja krank werden. Ich kann mich genau erinnern, wie einer  - ohne sich die Hand vorzuhalten -  gehustet hat... und der hat mich sicher angesteckt."

Mist. Da gehen mir die Argumente aus. Eine Sekunde lang versuche ich mir dieses Leben vorzustellen. Und tatsächlich auf der Stelle fühle ich mich krank. Mir wird übel. Ich fühle mich wie in einem Gefängnis der "So macht man das"-Regeln, die  zu Spass- und Genussverboten mutieren. Warum unterwirft man sich solch einem zwänglerischen Weltbild freiwillig? Ich muss jedenfalls weg hier. Weg aus Egons Umgebung. Seine Hypochondrien und seine Phobien sind wie eine  ansteckende Krankheit, wenn man sich zu sehr auf ein Gespräch mit ihm einlässt. Dabei ist er eigentlich ein sehr netter, liebenswerter Kerl.

"Ach, Egon, das kommt davon, weil du zu gesund lebst... du  musst Nächte lang weggehen und viele Drogen nehmen, dann wird dein Körper viel restistenter. Du hätschelst dein Immunsystem wie ein Baby... kein Wunder, dass es sich aufführt wie ein unberechenbares, zorniges Kleinkind..."

Egon sieht mich entgeistert an: ohne Haube im Schneesturm spazierengehen und dann noch solche Sprüche klopfen... Für ihn muss ich der pure Satan sein. Ich greife seine kleine Zwangskolonie an, wo jedes Detail seinen genau festgelegten Platz hat und nichts spontan passiert. In seinem fassungslosen Blick rauscht wie im Zeitraffer seine ganze Kindheit vorüber. Seiner überbesorgte Mutter, die ihn immer in ihrem Bett schlafen liess, so dass er bis heute noch keine Kraft für eine längere Beziehung aufbrachte. Er wurde völlig verzärtelt und von seiner Mutter in dieses einsame Schicksal gepresst, so dass er es jetzt gerade schafft neben dem Job all seine Körperpflege und seine Nahrungsrituale einzuhalten. Für Freunde und sonstigen Schabernack bleibt da kein Platz. Armer Egon. Was für ein tragisches, misslungenes Leben.

Ich seufze. "Du, Egon, ich muss weiter... wir rufen uns zusammen, ja... das Essen im Bioladen geht sich doch nicht aus... ein anderes Mal, okay..."

04.03.2005 um 00:00 Uhr

Kakao auf Halbmast

von: MONAlog

Entzogene Steifreifen.
Klingende Hustenzuckerl mit Synthesizer.
Greifarme aus Zuckerwatte klackern.
Wiesenblumen ohne Halme mit Feinripp-Jäckchen.
Inselbärte rollen sich rund um die Wellen.
Polsterzipfel schneuzen Elefantenrüssel und wummern.
Kachelig, fein, homerisch schöpft das Ziegenzebra.
Wir sind da!
Alle!
Danke!

Danke, dass du kommst, Wochenende!

02.03.2005 um 00:00 Uhr

Keine Zähne auf Hawaii

von: MONAlog

... hat leider noch nie jemand zu mir gesagt. Warum auch? Wäre purer Nonsens. Erkennbarer Nonsens. Und klar deklarierter Nonsens.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich zunehmend von Unsinn umgeben bin. Den man aber ja nicht als solchen bezeichnen darf. Weil das gegen die Codes wäre... Und diese Codes beherrschen uns zunehmend. Jetzt werden einige aufstöhnen: "Was heisst beherrschen?! Wir müssen uns doch nicht nach irgendwelchen Codes richten!"

Stimmt, ihr müsst euch nicht an die Codes halten. Nur seid ihr dann halt draussen. Werdet nicht mehr engagiert. Nein, ihr werdet nicht entlassen, weil ihr ja gar nicht mehr unbefristet angestellt werdet. Ihr arbeitet projektweise. Immer schön brav bleiben... Und selbstverständlich könnt ihr jederzeit alles machen, was ihr wollt. Niemand macht euch irgendwelche Vorschriften. Ihr seid schliesslich freie Menschen. Aber falls  ihr gegen die Codes verstosst, dann werden sie nicht mehr mit euch zusammenarbeiten. Ist ja klar. Sie sind schliesslich auch freie Menschen.

"Was soll das mit den Codes bloss heissen?", werden jetzt manche fragen. Und dann kann ich nur auf die Historie verweisen. In früheren Zeiten war es unmöglich, ohne feinen Anzug und teure Schuhe eine gewisse Position zu bekleiden. Damals waren Anzüge und Schuhe teuer. Heute kann sich - aufgrund der braven, billigen und nebenbei  bemerkt undemokratisch lebenden Näherinnen in China - jeder einen teuren, schicken Anzug und elegante Schuhe leisten. Deshalb haben sich die einstigen äusseren Codes nach innen verlegt. Statt einem Dresscode wird ein Verhaltenskodex erwartet. Und was es noch schlimmer macht: ein unausgesprochener und undiskutierter Verhaltenskodex, denn alles andere wäre uncool.

Und was sagen meine unausgesprochenen Codes, wenn mich jemand nett und ernsthaft fragt, ob ich bei seinem nächsten Projekt mitarbeiten will und mir als Vorschlag ein Zeitraum genannt wird, in dem sich das nie ausgehen kann?
Lache ich da? Stehe ich entrüstet auf? Diskutiere ich über Details  um das eigentlich unverschämte Angebot in  ein halbwegs akzeptables Angebot umzudeuten? Will mich da jemand testen? Oder verarschen?

Mein Bauchgefühl sagt: entrüste dich nicht jetzt gleich, sage zu, sei charmant, halte ihn hin und springe dann in letzter Minute ab, wenn es ihm wirklich wehtut, er so seinen Fertigstellungszeitpunkt verpasst und hoffentlich Pönale zahlen muss. Denn das ist ein Feind. Mit dem darf man nicht lieb und verständnisvoll umgehen.
Lieb und verständnisvoll muss man mit den Leuten daheim umgehen. Den Freunden. Den liebenswerten Fremden. Und wo die Freunde und die Feinde stehen, das muss man unbedingt wissen. Das ist das A und O.

Wer der Wirtschaft in den Arsch kriecht, hat schon verloren. Und wird sich im dunklen Braun verirren.

28.02.2005 um 00:00 Uhr

Alles unter Kontrolle

von: MONAlog

Woher ich denn diese schönen Schuhe habe?
Ah, Gerlinde zu treffen, ist immer ein Vergnügen. Sie umschmeichelt mich weich  wie ein Schal aus feinster Seide. Und so sehr ich billige Schleimerei hasse, so sehr liebe ich Gerlindes wohltuende Art. Sie liebt die Menschen wirklich. Sie freut sich, wenn sie mit beiläufigen Sätzen, die ihre Aufmerksamkeit und ihre Wertschätzung zeigen, das Leben  Anderer versüssen kann. Gerlinde ist wie eine Mensch gewordene Katze. Sie reibt sich an erfreulichen Themen, so wie sich Katzen an Tisch- und Sesselbeine schmiegen. Sie lächelt. Und fragt. Und erzählt. Und lobt.
 
Gerlinde zu treffen, heisst: es gibt für ein paar Stunden keine Probleme. Jedes Problem, das man Gerlinde erzählt, ist binnen Kürze der Banalität überführt. Und es stimmt meistens. Irgendwer hat eine Kleingeistigkeit in die Welt gesetzt, die von mehreren Seiten zu Tode geritten wird. Also: wer die Kleinlichkeit aufgibt, verliert das Problem. Sagt Gerlinde.  Bei all dem ist sie nicht oberflächlich. Ihre Fragen sind schlau. Sie ist keine Esoterik-geübte Leugnerin von Fakten, sondern bringt ihre besondere Milde in die Verhärtungen des Alltags. Schon glänzt alles golden.

"Wie gefällt dir mein Mantel?"

Gerlinde hat sich ein tolles Designer-Stück gekauft. Besser gesagt: kaufen lassen. Sie lächelt. Nein, es ist kein Pelzmantel, sondern ein klassisch geschnittener Wollmantel eines deutschen Jung-Designers. Gerlinde hat schliesslich Geschmack.

"Sieht klasse aus. Und steht dir richtig gut."

Hui, auch ich mutiere zur Süssholz-Rasplerin in Gerlindes Nähe. Gerlinde dreht sich im Raum. Der Mantel schwingt. Man kann nicht anders, als sie zu verwöhnen. Ich biete ihr Kaffee an. Wir trinken. Sie erzählt von ihren letzten Wochen in Deutschland. Komisch. Bei ihr ergeben sich immer solch charmante Zufälle: sie trifft da einen Regisseur, da eine Schauspielerin, wird für diese oder jene Projekte angefragt, hilft dann bei diesem oder jenem mit. Alles getragen ist von einer unangestrengten Zufälligkeit. Alles mühelos, traumwandlerisch, selbstverständlich. Ich höre  mir gern diese Geschichten an. Ich beneide sie um ihren stressfreien Lebenstil, um ihre Gelassenheit.
Ich atme tief durch und ziehe an meiner Zigarette.

Dann erinnere ich mich, als ich Gerlinde und  ihren Freund vor Monaten zum Flugplatz brachte. Klar, wir waren spät dran. Ihr Freund hat sie angeschnauzt, weil sie zuviel Schuhe eingepackt hatte.  Oder ähnliches. Für meinen Geschmack hat er sie richtig übel angeschnauzt. Ich hätte ihn da kräftig Kontra gegeben oder überhaupt gleich rausgeworfen. Gerlinde hat darauf gar nicht reagiert. Vielleicht weil er die Flugtickets,  ihre Wohnung und überhaupt ihr Leben finanziert... Oder, weil sie ihn liebt. Das beschwört sie nämlich ständig.

Ich ziehe nochmals an der Zigarette. Mein Bild von Gerlinde changiert und oszilliert wie der aufsteigende, hochkriegelnde Rauch. Ist Gerlinde wirklich so souverän, wie es mir all die Zeit über erschienen ist? Was wäre, wenn all die schönen Geschichten aus der Promi-Welt gar nicht wahr sind?
Was für ein Gedanke!
Ich lächle Gerlinde zu. Sie erzählt gerade von einer Theater-Premiere in  Deutschland. Ich höre nur mit einem Ohr zu. Und der Gedanke erschreckt mich, dass beides wahr sein könnte. Gerlinde, die souveräne Winnerin, der alles in den Schoss fällt. Oder Gerlinde, die charmante Lügnerin, die ihr abhängiges Geliebten-Leben kulturell aufhübscht. Für und gegen beides gibt es Indizien. Einerseits ist ihr Freund ein bekannter Kulturschaffender mit erlesenem Freundeskreis, andererseits könnte es sehr wohl sein, dass Gerlinde in ihren Erzählungen hochstapelt, um ihre Abhängigkeit von seinen Finanzen und seinen Entscheidungen zu kaschieren.  Ich werde diese Skepsis wohl nie wieder  loswerden. Wenn ich Gerlinde künftig sehe, werde ich die Details sortieren: Sagt nur sie das? Ist das überprüfbar? Waren da auch Freunde dabei? Und welche Plausibilität unterstützt das jetzt eher?
Gerlinde lächelt mir zu. Gerlinde ist geschmeidig wie eine Katze. Ich liebe sie,  und ich werde wohl nie zu ihren wirklichen Gedanken vordringen können. Seltsam so eine Freundin zu haben.