Drama im Eis
Ich schaue aus dem Fenster und erschrecke. Weisse Flocken wirbeln
herum. Winter. Igitt! Jedes Jahr dasselbe Erschrecken. ´Winter...
schluck... hab ich glatt vergessen... Wahnsinn, wie die Zeit vergeht...
naja, wenigstens kommen bald wieder die Punschstände... und wo krieg
ich jetzt bloss schnell einen Flug ins Warme her...´
Ich schaue auf die Strasse runter. Wehe, ich muss mein Auto ausschaufeln oder Eis von den Scheiben kratzen. Dann beschwere ich mich aber! Wegen Belästigung im Alltag! Frage ist nur: bei wem? Aber alles halb so wild. Die Flocken tanzen. Und schmelzen auf der Strasse gleich weg. So gefällt mir der Winter. Können wir das nicht bis März so lassen?
Unsere neue Sekretärin Jasmin zündet eine Kerze an und murmelt: "Woww! Der erste Schnee dieses Jahr." Leider scheint die Sonne draussen, und die Kerze wirkt recht deplatziert. Wären die Schneeflocken nicht, könnte heute ein Frühlingstag sein.
Klipp! Klapp! Ich fahre mein Laptop-Visier ein. Bei dem Wetter bleibe ich nicht im Büro. Ich lasse mein Handy theatralisch piepsen und bin raus.
"Hallo Sebastian! Was tust du gerade?"
"Computern... Was sonst?"
"Wir gehen raus. Die Sonne scheint! Wann kannst du auf der Jockl-Wiese sein?"
"Nö, ich kann nicht, ich muss noch was fertigstellen."
"Keine Widerrede. Ich bin in einer halben Stunde droben."
"Hey, es geht nicht. Ich muss..."
Klack. Ich lege auf. Ich weiss, Sebastian wird kommen. Ich lasse mich da auf gar keine Diskutierereien ein. Er wohnt schliesslich nur fünf Minuten von der Jockl-Wiese entfernt. Und ein bisschen Spazierengehen schadet so einem Computer-Fuzzi auch nicht.
Die Wiese ist sensationell. Eine weisse, funkelnde Schneefläche. Darüber blauer Himmel. Eingerahmt von schneebedeckten Bäumen. Die Stadt ist nicht zu sehen. Winter-Paradies pur. Hier bleibt der Schnee auch liegen. Die ideale Kombination: in der Stadt schmilzt alles weg und nervt nicht. Hier am Berg hat es offensichtlich unter null Grad und sicher schon öfter schneit, denn diese Pracht entsteht nicht so plötzlichl. Es ist wie ein Ausflug in die Alpen.
Sebastian kommt im Eilschritt.
"Hi! Verträgst du überhaupt so viel Sonne? Oder wirst du davon blind?"
Sebastian ist ein Nerd. Theoretisch müsste er viereckige Augen haben. Er rümpft nur die Nase, zieht sich seine rote Mütze tiefer zu den Augen und klatscht schwarze Sonnenbrillen in sein Gesicht.
"Hey, du siehst aus wie ein Gangsta-Rapper... cool..."
Sebastian lacht. Sein Charakter ist alles andere als Gangsta-Rapper-like. Er ist die Sanftmut in Person. Hat allerdings diese Schwäche für Computer, Internet und Ballerspiele. Gegen zwei Uhr nachts trifft er sich dann immer mit amerikanischen Gamern zum Rumballern im Netz und wundert sich, warum seine Abgabetermine so schnell näher rücken und sein Haushalt immer mehr versaut. Ich schaue ihn genauer an und wundere mich, warum er kein bisschen altert. Seit zehn Jahren sieht er völlig gleich aus. Keine Falten. Unglaublich.
Wir wandern über den schneebedeckten Weg. Mütter mit dickangepampften Kindern laufen an uns vorbei. Wie halten die Kleinen nur die Kälte aus?
Im Schnee sehen wir verschiedene Spuren: ein Hase? ein Reh? Sebastian sagt, dass das eindeutig ein Pensionist mit Gehstock gewesen sei. Ich mache ein paar Schritte in den Tiefschnee und frage, ob er mich nur anhand der Schuhspuren erkennen würde. Er sagt: "Nein." Und er hat recht. Alle Schuhabdrücke sehen ähnlich aus. Trotzdem bin ich beleidigt. Er hat mich gefälligst anhand meiner Spuren im Schnee zu erkennen. Basta.
Ein paar Bänke stehen in der Sonne. Sie sind alle besetzt. Schade. Wir wandern weiter über die Wiese. Nach einer kleinen Biegung steht auf einmal ein echt dramatischer Schneemann vor uns. Er hat die Hände schicksalsschwer zu Fäusten geballt gegen Himmel gereckt. Diese Schneefigur hat richtig künstlerischen Ausdruck. Das gibts ja gar nicht...
"Worüber regt sich dieser Schneemann bloss auf?"
"Sicher über das Wetter... entweder es ist ihm zu kalt... oder zu warm... was in seinem Fall ja wirklich fatal wäre."
"Irgendwas verflucht er. Das ist eindeutig. Dieser Schneemann ist von Munch. Ich höre ihn quasi schreien."
"Ja, ich höre ihn auch. Er ruft laut und deutlich: ´Herr, lass Hirn regnen!´ "
"Hey, ich sollte ihn mir einpacken und ins Büro mitnehmen. Ganz meine Worte."
"Wenn du diesen miesen Job weiter machst, dann wirst du auch mal so auf der Wiese landen. Wahrscheinlich ist das ein Kollege von di, der beim Jammern und Rumtoben einfach eingeschneit wurde."
Ich knuffe Sebastian. "Was soll ich denn bloss tun? Was kann ich denn dafür, dass die Mitarbeiter heute keinen braven Sklaven mehr sind? Da muss man mit ihnen rumschreien. Die verstehen einfach keine leisen Töne mehr... Ich warte eh nur mehr drei Monate, bis endlich meine Umschulung zur Supermarkt-Kassiererin vom Arbeitsamt bewilligt wird. Dann bin ich raus aus diesem miesen Job. Versprochen."
Wir lachen.
Die Kälte kriecht allmählich durch meine Schuhe.
"Siehst du, dass auf meinen Schuhspitzen der Schnee liegen bleibt?"
"Ja."
"Dann muss ich reklamieren."
"Ja, und wo? Bei der Frau Holle?"
"Nö, im Schuhgeschäft. Diese Schaffell-Einlagen wärmen nicht ausreichend."
"Die liegen aber unten, bei der Sohle. Und dort bleibt eh kein Schnee liegen."
"Hm."
Stimmt.
So zögerlich Sebastian erst über die Wiese gegangen ist, so beschleunigt sich plötzlich sein Schritt. Er rast auf ein Schneegebilde los.
"Hey, hier bin ich goldrichtig."
Ich stampe nach und sehe Sebastian in einen aus Schnee gebauten Fauteuil fallen.
"Ah, gemütlich..."
Ich glaubs nicht.
"Und wo ist der zweite Ohrensesse?l", raunze ich.
"Tja, Pech gehabt", knurrt Sebastian, "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Und jetzt geh mir bitte aus dem Bild."
Hä? Welches Bild? Ich drehe mich um. Hinter mir steht ein aus Schnee modellierter Fernseher. Ein dünner Ast bildet seine Antenne. Ich glaubs nicht.
Sebastian rekelt sich im TV-Sessel. "Super! Bitte steh mir nicht im Bild rum!"
"Na, warte", sage ich, "Wenn du mir nicht sofort einen zweiten Fernsehsessel baust, dann muss ich wohl deinen Empfang stören.", und gehe langsam und bedrohlich auf die Ast-Antenne zu. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Sebastian neben sich in den Schnee fasst und ein Knödel formt. Oje, Konfrontation. Keiner von uns wird nachgeben. Was als Spass begann, wird jetzt ernst. Ich spüre es und kann es nicht trotzdem nicht mehr stoppen. Ich ziehe den Ast raus. Sebastian schiesst seinen Schneeball auf mich. Ich peitsche mit dem Ast auf das TV-Gebilde ein. Sebastian kreischt "Nicht, du Zerstörerin!" und feuert Unmengen an Schneeball-Salven auf mich ab. Ich attackiere ihn mit dem kleinen Ast. Er springt aus dem Eis-Sessel. Wohl weil er Angst hat, ich könnte den kuscheligen Sessel kaputt machen. Und er hat recht. Kurz spiele ich mit dem Gedanken gegen die Schnee-Lehne zu knuffen. Sebastians Augen sprühen vor Ärger. Dann überlege ich es mir anders. Ich lasse mich auf den Schneesessel fallen und sage "Ah, wie gemütlich!"
Sebastian fxiert mich. "Aber Empfang hast du keinen..." Schadenfoh fuchelt er mit dem Ast herum. Ich atme tief durch.
Dann gehen wir schnell und wortlos zurück zu unseren Autos.
Ich schaue auf die Strasse runter. Wehe, ich muss mein Auto ausschaufeln oder Eis von den Scheiben kratzen. Dann beschwere ich mich aber! Wegen Belästigung im Alltag! Frage ist nur: bei wem? Aber alles halb so wild. Die Flocken tanzen. Und schmelzen auf der Strasse gleich weg. So gefällt mir der Winter. Können wir das nicht bis März so lassen?
Unsere neue Sekretärin Jasmin zündet eine Kerze an und murmelt: "Woww! Der erste Schnee dieses Jahr." Leider scheint die Sonne draussen, und die Kerze wirkt recht deplatziert. Wären die Schneeflocken nicht, könnte heute ein Frühlingstag sein.
Klipp! Klapp! Ich fahre mein Laptop-Visier ein. Bei dem Wetter bleibe ich nicht im Büro. Ich lasse mein Handy theatralisch piepsen und bin raus.
"Hallo Sebastian! Was tust du gerade?"
"Computern... Was sonst?"
"Wir gehen raus. Die Sonne scheint! Wann kannst du auf der Jockl-Wiese sein?"
"Nö, ich kann nicht, ich muss noch was fertigstellen."
"Keine Widerrede. Ich bin in einer halben Stunde droben."
"Hey, es geht nicht. Ich muss..."
Klack. Ich lege auf. Ich weiss, Sebastian wird kommen. Ich lasse mich da auf gar keine Diskutierereien ein. Er wohnt schliesslich nur fünf Minuten von der Jockl-Wiese entfernt. Und ein bisschen Spazierengehen schadet so einem Computer-Fuzzi auch nicht.
Die Wiese ist sensationell. Eine weisse, funkelnde Schneefläche. Darüber blauer Himmel. Eingerahmt von schneebedeckten Bäumen. Die Stadt ist nicht zu sehen. Winter-Paradies pur. Hier bleibt der Schnee auch liegen. Die ideale Kombination: in der Stadt schmilzt alles weg und nervt nicht. Hier am Berg hat es offensichtlich unter null Grad und sicher schon öfter schneit, denn diese Pracht entsteht nicht so plötzlichl. Es ist wie ein Ausflug in die Alpen.
Sebastian kommt im Eilschritt.
"Hi! Verträgst du überhaupt so viel Sonne? Oder wirst du davon blind?"
Sebastian ist ein Nerd. Theoretisch müsste er viereckige Augen haben. Er rümpft nur die Nase, zieht sich seine rote Mütze tiefer zu den Augen und klatscht schwarze Sonnenbrillen in sein Gesicht.
"Hey, du siehst aus wie ein Gangsta-Rapper... cool..."
Sebastian lacht. Sein Charakter ist alles andere als Gangsta-Rapper-like. Er ist die Sanftmut in Person. Hat allerdings diese Schwäche für Computer, Internet und Ballerspiele. Gegen zwei Uhr nachts trifft er sich dann immer mit amerikanischen Gamern zum Rumballern im Netz und wundert sich, warum seine Abgabetermine so schnell näher rücken und sein Haushalt immer mehr versaut. Ich schaue ihn genauer an und wundere mich, warum er kein bisschen altert. Seit zehn Jahren sieht er völlig gleich aus. Keine Falten. Unglaublich.
Wir wandern über den schneebedeckten Weg. Mütter mit dickangepampften Kindern laufen an uns vorbei. Wie halten die Kleinen nur die Kälte aus?
Im Schnee sehen wir verschiedene Spuren: ein Hase? ein Reh? Sebastian sagt, dass das eindeutig ein Pensionist mit Gehstock gewesen sei. Ich mache ein paar Schritte in den Tiefschnee und frage, ob er mich nur anhand der Schuhspuren erkennen würde. Er sagt: "Nein." Und er hat recht. Alle Schuhabdrücke sehen ähnlich aus. Trotzdem bin ich beleidigt. Er hat mich gefälligst anhand meiner Spuren im Schnee zu erkennen. Basta.
Ein paar Bänke stehen in der Sonne. Sie sind alle besetzt. Schade. Wir wandern weiter über die Wiese. Nach einer kleinen Biegung steht auf einmal ein echt dramatischer Schneemann vor uns. Er hat die Hände schicksalsschwer zu Fäusten geballt gegen Himmel gereckt. Diese Schneefigur hat richtig künstlerischen Ausdruck. Das gibts ja gar nicht...
"Worüber regt sich dieser Schneemann bloss auf?"
"Sicher über das Wetter... entweder es ist ihm zu kalt... oder zu warm... was in seinem Fall ja wirklich fatal wäre."
"Irgendwas verflucht er. Das ist eindeutig. Dieser Schneemann ist von Munch. Ich höre ihn quasi schreien."
"Ja, ich höre ihn auch. Er ruft laut und deutlich: ´Herr, lass Hirn regnen!´ "
"Hey, ich sollte ihn mir einpacken und ins Büro mitnehmen. Ganz meine Worte."
"Wenn du diesen miesen Job weiter machst, dann wirst du auch mal so auf der Wiese landen. Wahrscheinlich ist das ein Kollege von di, der beim Jammern und Rumtoben einfach eingeschneit wurde."
Ich knuffe Sebastian. "Was soll ich denn bloss tun? Was kann ich denn dafür, dass die Mitarbeiter heute keinen braven Sklaven mehr sind? Da muss man mit ihnen rumschreien. Die verstehen einfach keine leisen Töne mehr... Ich warte eh nur mehr drei Monate, bis endlich meine Umschulung zur Supermarkt-Kassiererin vom Arbeitsamt bewilligt wird. Dann bin ich raus aus diesem miesen Job. Versprochen."
Wir lachen.
Die Kälte kriecht allmählich durch meine Schuhe.
"Siehst du, dass auf meinen Schuhspitzen der Schnee liegen bleibt?"
"Ja."
"Dann muss ich reklamieren."
"Ja, und wo? Bei der Frau Holle?"
"Nö, im Schuhgeschäft. Diese Schaffell-Einlagen wärmen nicht ausreichend."
"Die liegen aber unten, bei der Sohle. Und dort bleibt eh kein Schnee liegen."
"Hm."
Stimmt.
So zögerlich Sebastian erst über die Wiese gegangen ist, so beschleunigt sich plötzlich sein Schritt. Er rast auf ein Schneegebilde los.
"Hey, hier bin ich goldrichtig."
Ich stampe nach und sehe Sebastian in einen aus Schnee gebauten Fauteuil fallen.
"Ah, gemütlich..."
Ich glaubs nicht.
"Und wo ist der zweite Ohrensesse?l", raunze ich.
"Tja, Pech gehabt", knurrt Sebastian, "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Und jetzt geh mir bitte aus dem Bild."
Hä? Welches Bild? Ich drehe mich um. Hinter mir steht ein aus Schnee modellierter Fernseher. Ein dünner Ast bildet seine Antenne. Ich glaubs nicht.
Sebastian rekelt sich im TV-Sessel. "Super! Bitte steh mir nicht im Bild rum!"
"Na, warte", sage ich, "Wenn du mir nicht sofort einen zweiten Fernsehsessel baust, dann muss ich wohl deinen Empfang stören.", und gehe langsam und bedrohlich auf die Ast-Antenne zu. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Sebastian neben sich in den Schnee fasst und ein Knödel formt. Oje, Konfrontation. Keiner von uns wird nachgeben. Was als Spass begann, wird jetzt ernst. Ich spüre es und kann es nicht trotzdem nicht mehr stoppen. Ich ziehe den Ast raus. Sebastian schiesst seinen Schneeball auf mich. Ich peitsche mit dem Ast auf das TV-Gebilde ein. Sebastian kreischt "Nicht, du Zerstörerin!" und feuert Unmengen an Schneeball-Salven auf mich ab. Ich attackiere ihn mit dem kleinen Ast. Er springt aus dem Eis-Sessel. Wohl weil er Angst hat, ich könnte den kuscheligen Sessel kaputt machen. Und er hat recht. Kurz spiele ich mit dem Gedanken gegen die Schnee-Lehne zu knuffen. Sebastians Augen sprühen vor Ärger. Dann überlege ich es mir anders. Ich lasse mich auf den Schneesessel fallen und sage "Ah, wie gemütlich!"
Sebastian fxiert mich. "Aber Empfang hast du keinen..." Schadenfoh fuchelt er mit dem Ast herum. Ich atme tief durch.
Dann gehen wir schnell und wortlos zurück zu unseren Autos.
