Meersalzbad

04.03.2011 um 10:55 Uhr

Johannes Friedrichs Mutter ist auch nur eine Mutter

Im Park begegnet uns die, die ich schon im Geburtsvorbereitungskurs nicht leiden konnte. Frau Doppel-bis-Dreifachname trägt Kinderspängchen im neutral-braunen, praktisch zu einem Minipferdeschwanz gebundenen Haar, Wallegewänder und nur bequeme Schuhe. Sie fiel mir damals gleich unangenehm auf, weil sie ungefragt vor unserer Gruppe ängstlicher Erstgebärender folgende Aussagen traf: Eine Mutter sollte bei ihrem Kind zuhause bleiben, sonst keine Kinder kriegen. Eine Mutter, die nicht stillt, begeht ein schweres Verbrechen, das eigentlich strafbar gemacht werden sollte. Eine Mutter, die einen Wunschkaiserschnitt machen lässt, sollte ebenfalls gar keine Kinder kriegen. Eine Mutter, die dieses oder jenes in der Schwangerschaft noch nicht weiß oder wenigstens nachgelesen hat, hätte gar nicht schwanger werden solllen. Immer gab es eine verunsicherte Schwangere, der dann der Mund offenstand und deren Gesicht sich rötlich verfärbte. Frau Doppel-Dreifachname ist angehende Lehrerin, wegen Johannes Friedrich (wie schade, das man den Kleinen noch keine offiziellen Doppel-Dreifachnamen verpassen kann, aber Johannes Friedrich tut es auch, wenn man wirklich immer beide Namen ruft) hat sie ihr Studium natürlich unterbrochen - siehe Aussagen über gute Mütter oben. Im Park trägt sie einen bodenlangen, weißen Mantel, auf dem kein einziger Fleck zu sehen ist. Obwohl ich froh bin, nicht sie zu sein und der Mantel ein bißchen wie ein mittelalterliches Ordensgewand aussieht, bin ich neidisch. Nie käme ich auf den Gedanken, einen weißen Mantel überhaupt in der Nähe von David und/oder einem Park anzuziehen. Egal. Sie kneift die Augen zusammen, legt den Kopf schief und sagt: "Ach, das man euch mal wieder sieht. Der kleine David, oder?". Sie deutet auf David, der gerade mit dem Popo in der Matsche sitzt und sich die Mütze, die schön festgebunden ist, (tackern darf man nicht) vom Kopf ziehen will und dabei laut meckert. "Ja", sage ich, denn was soll ich auch sonst sagen? Johannes Friedrich steht neben ihr, ebenfalls erschreckend sauber, eingemummelt wie ein Marshmellow und glotzt nur. Aber Johannes Friedrich steht ruhig neben ihr, meckert nicht, rennt nicht irgendwohin und trägt seine Mütze wie ein Johannes Friedrich. Frau Doppel-Dreifachname fängt an zu erzählen: "Johannes Friedrich geht jetzt zwei Mal die Woche in die Krippe. Das mache ich nur, um sein Sozialverhalten zu fördern, ich bin ja zuhause." Ich überhöre den letzten Teil und sage: "David geht auch mit Begeisterung in die Krippe." Sie: "Engagierst du dich da irgendwie?" Hä? Was meint sie damit? Mein Engagement besteht darin, dass ich versuche ihn morgens pünktlich zu bringen und nachmittags wieder abzuholen. Das meint sie aber wohl nicht. Sie fährt fort: "Ich bin die Vorsitzende des Elternbeirats der Krippe. Wir achten darauf, dass unsere pädagogischen Vorstellungen umgesetzt werden." Elternbeirat der Krippe? Das gibt es bei uns gar nicht, oder etwa doch? Hätte ich mal fragen müssen? Haben sie mich vielleicht gar nicht zur Wahl eingeladen (nicht, das ich es hätte werden wollen, aber trotzdem)? Und was für pädagogische Vorstellungen sie meint, ist mir auch nicht klar. Die spielen da den ganzen Tag, hauen sich Spielzeug auf den Kopf, beschmieren sich mit essen und werden gewickelt. Und das entspricht meinen pädagogischen Vorstellungen.  "Ich habe keine Zeit, ich arbeite ja auch noch", antworte ich wahrheitsgemäß. "Ach, ja ja", sagt sie nur und bedenkt meinen kleinen Wonneproppen mit einem äußerst kritischen Blick. Dieser liegt jetzt bäuchlings im Dreck und wälzt seinen Schnuller durch einen eigens dafür aufgetürmten Schlammberg vor sich. Johannes Friedrich glotzt. David steht auf, läuft auf Frau Doppel-Dreifachname zu,  - die instinktiv ein Stück zurückweicht in Anbetracht von Davids ausgestreckten, verschmierten Händchen-, bleibt kurz vor ihr stehen, wirft einen gelangweilten Blick auf Johannes Friedrich und saust dann über die Wiese zu ein paar anderen spielenden Kindern. Johannes Friedrich fängt an zu weinen. Die Mutter tätschelt ihm den Kopf und wirkt auf einmal unsicherer als vorher. Johannes Friedrich wird lauter und lauter und wirft sich der Länge nach hin. Frau Doppel-Dreifachname ist gar nicht mehr entspannt, weiß aber auch nicht so recht, was tun, so im weißen Mantel. Ich muß lächeln, nicht bösartig, aber lächeln muß ich. Dann überlasse ich die beidem ihrem Schicksal, schlendere hinüber zu David, der laut lachend über die Wiese rennt.       

04.03.2011 um 09:28 Uhr

Verschiedene Welten

Ich bin in einer Telefonkonferenz mit sehr wichtigen Menschen. Leider hatte ich diesen Termin vergessen und so keinen Babysitter. David und ich allein zu hause. Mein Sohn versteht viel mittlerweile, nicht aber, warum Mama jetzt ganz dringend ganz in Ruhe telefonieren muß. Die wichtigen Leute sind humorlos. Die Chefin habe ich vier Mal persönlich getroffen, gelächelt hat sie noch nie (und das eine Treffen dauerte einen ganzen Tag). Sie ist klein, hat schwarze, kurze Haare die aussehen wie ein Helm, bewegt sich wie ein Roboter und spricht auch so. Langsam, deutlich, monoton. Man muß sehr genau zuhören, denn Sätze wie "We can proceed as you suggested" gehen nahtlos über, ohne die geringste Stimmmodulation, in Sätze wie: "Your calculation is way too high and unacceptable. I want you to get back to me with a new suggestion by the end of business today." Reizend. In dem Telefonat geht es um einen wichtigen Vertrag, ihre Mitarbeiter, eifrig bemüht ebenfalls robotermässig und schön kritisch rüberzukommen, sind auch in der Leitung. Schlecht. Ganz schlecht alles. David will den Hörer. Wir ziehen, beide noch stumm heftigst daran. Die Stimme tönt monoton durch den Hörer und ich versuche zuzuhören und gleichzeitig David abzulenken. Ich wedele mit der freien Hand mit Stofftieren vor seinem Gesicht, schlage ein Buch auf, schlage ein anderes Buch auf, hole das große Plastikauto, falle dann selbst darüber bei dem Versuch David endgültig den Telefonhörer zu entwinden und es macht ein lautes Geräusch. David fängt an zu schreien. Ich flüchte auf den Balkon und ziehe die Tür hinter mir zu. Es ist eiskalt, aber mir ist furchtbar heiß. David hämmert von innen gegen die Balkontür, sein Gesichtchen ist dunkelrot und sein Gebrüll auch durch die geschlossene Tür ohrenbetäubend. Ich räuspere mich vernehmlich, huste eifrig und tue alles, um zumindest die Spitzen seines Geschreis zu übertönen. Mir wird immer noch heißer, ich habe bei Minusgraden Schweißperlen auf der Stirn stehen, die monotone Stimme fragt, ob jemand Fragen hat. Ich hätte so gerne, dann wissen sie, dass ich zugehört und verstanden habe, was beides nicht stimmt und so habe ich auch keine Frage. So bleibt mir nur zu sagen: "No, fine". Davids Stimme hat sich mittlerweile so hochgeschraubt, das ich Angst habe, die Scheibe könnte zerspringen. Seine Gesichtsfarbe geht ins bläuliche über. Ich denke mir plötzlich: Was mache ich hier? Was für eine Rabenmutter! Und ja, das ist ein wichtiger Termin, aber ich habe es eben vermasselt, ich hätte es nicht vergessen dürfen, aber es war auch ein Fehler, sich so einzuwählen. Ich kann meinen David da nicht so stehen lassen. Also lege ich einfach auf, gehe ins Wohnzimmer, David fällt mir in die Arme, hört schlagartig auf zu weinen. Ich zittere und bin völlig erledigt. Ich schicke per Mail eine halbherzige Entschuldigung, erzähle was von technischen Störungen und höre auf diese Mail bis heute von den Robotern keine Antwort. Unprofessionell. Darf mir nicht passieren. Ist es aber. Ich habe einen Fehler gemacht, den ich zukünftig vermeiden sollte, aber dann, dann habe ich in der Situation das richtige gemacht. Ganz ehrlich, als berufstätige Mutter hat man es nicht leicht. Wer was anderes behauptet, lügt.      

22.12.2010 um 13:39 Uhr

Der Klingone und Mama fällt vom Stuhl

Beginnen wir mit dem Erfreulichen: David läuft, rennt und redet fließend. Welche Sprache das jedoch ist, wissen wir nicht. Klingonisch kommt dem Wortsalat recht nahe. Außerdem erteilt er mit ausgestrecktem Arm Befehle: "Krrrongglllck!" Wer dem Befehl nicht folgt muß mit einem verärgerten: "Rrritmmmllxytoopap. Imiomiomlacklackrimat." rechnen. Papa, Mama, nein, jo, lecker, heiß (nur geflüstert, gehaucht) und Hase (mit Betonung auf dem e!) kann er auch schon sagen. Das plus klingonisch reicht mit fast 1.5 Jahren, um gut durchs Leben zu kommen und über Mama und Papa zu herrschen. Unser kleiner Alien hat Humor und einen ausgeprägten Dickkopf, er ist unendlich verschmust und schläft größtenteils immer noch in unserem Bett. Ja, ja, ich weiß, u-n-m-ö-g-l-i-c-h und er wird da noch mit 20 liegen. Ich bezweifele das und wir werden noch ein bißchen so weiter machen. 

Ich darf dafür noch durch die Welt reisen und nutze die Gelegenheit, um mich gnadenlos vor den neuen amerikanischen Kollegen zu blamieren. Nachdem ein kleiner Kreis bis morgens um 4 gebechert hat und tapfer am nächsten Tag um 7 Uhr beim Frühstück saß, war mir das plus Zeitverschiebung plus überheizter Meetingroom wohl doch zu viel und nach dem ersten Satz meines Chefs bin ich vom Stuhl gekippt. Also, wirklich, nicht metaphorisch. Nach einem peinlichen Auftritt mit den US-Rettungssanitätern: "Who is the president of the United States?" (äh, Angie?), "What day is today?", "What is this place called?" (und das wußte ich wirklich nicht mehr), habe ich einfach weitergemacht und getan als wäre nichts gewesen. Im Nachhinein bin ich mir nicht sicher, ob das meinen Ruf nicht noch weitergeschädigt hat...macht die Nacht durch, kippt um und dann geht es gleich weiter mit ihr - sie scheint das zu kennen! Nun ja, passiert ist passiert und so haben die Kollegen wenigstens was zu reden.

Vielleicht werde ich das Jahr noch beschließen in den nächsten Tagen mit einem ausführlicheren Bericht von meinem letzten grandiosen Auslandsauftritt. Zum ungünstigsten Zeitpunkt auf der Reise zwischen Berlin Tegel- London Heathrow und Frankfurt und wie lange das dieser Tage schlimmstensfalls dauern kann, aber noch sind meine Nerven nicht weit genug wiederhergestellt, daß ich darüber berichten könnte.  Das Trauma muß erst verarbeitet werden. 

An dieser Stelle Euch schon mal ein wunderbares Weihnachtsfest, erholsame Tage, keinen Streß und ganz viel Liebe und Gesundheit!

02.08.2010 um 08:22 Uhr

Fiesta Tropical

Eigentlich hatte ich einen schönen, langen Urlaub. Geplant. In der Realität sieht es so aus: Eine Kundin dreht durch, zwingt mich tagelang trotz Urlaub bis tief in die Nacht im Büro zu hängen, erpresst mich vor der Präsentation mit einer abartigen Psychonummer("Wenn Sie nicht JEDES KLEINSTE DETAIL kennen - und das vermutet der Global President für Ach-was-weiß-denn-ich, dann wird das für ihn und sein Team ein SCHLACHTFEST! Und Sie wissen ja, was für Ihr Unternehmen derzeit auf dem Spiel steht!"). Nach einer erfreulich guten Präsentation unter diesen Umständen (ja, ich knicke nicht ein und ich kenne jedes gottverdammte Detail!) und zwei schlaflosen Nächten kehre ich erschöpft nach hause zurück...zu einem fiebernden, jämmerlich weinenden Kind. Davids Papa und ich fahren noch abends zum kinderärztlichen Notdienst und erhalten dort ein Rezept für Antibiotika: Der kleine David hat was verschleppt und vereiterte Nebenhöhlen. Als er sich ein paar Tage später wieder halbwegs erholt, werde ich krank. Draußen regnet es. Wir sind bei Oma und Opa, ich starre in den Regen und wiederhole stumpf: Was für ein Sch...-Urlaub!  Davids Papa ist ebenfalls durchgehend schlecht gelaunt und grüblerisch.  Er hängt in diesem Urlaub vor dem PC, schlägt sich die Nächte um die Ohren und meckert. Nur David erhält -immerhin- von ihm freundliche Aufmerksamkeit. David hat überhaupt wenigstens noch viel Spaß. Oma und Opa organisieren ein Non-Stop-Unterhaltungsprogramm. Wenn die Tochter schon am Rande der Depression schwebt, soll der Enkel wenigstens bespaßt werden.

Nun geht es gleich zurück ins Hamsterrad. Ein Blick nach draußen zeigt mir, daß hier, pünktlich zum Arbeitsbeginn, das Wetter natürlich deutlich besser ist. Keine Überraschung.

Ich nehme nun an jedem Preisausschreiben mit Aussicht auf Reisegewinn teil. Ich will mit David sonnenbebrillt unter Palmen liegen, ich einen Mojito in der Hand, David einen alkoholfreien Fruchtcocktail und aufs Meer starren. Okay, von mir aus baue ich im Puderzuckersand auch 1.000.000 Sandburgen und renne David schwitzend hinterher, der keine neue Schwimmwindel will, was lustiges entdeckt hat oder anderen Leuten die FlipFlops klaut - ach ne, an diesem Strand, den ich meine, gibt es ja gar keine anderen Leute. Egal. Ich will, ich will, ich will. Davids Papa darf dann gerne im Hotelzimmer sitzen und am PC spielen. Macht mir dann gar nichts mehr aus.

8.11 Uhr. Ich sitze hier mit nassen Haaren und im Bademantel und müsste mich längst fertigmachen. Davids Papa und David liegen friedlich im Bett und schlafen noch. Ich sehe nicht erholt aus. Psychologisch ist es für die Mitarbeiter doch wichtig, daß die Chefin gut erholt aus einem längeren Urlaub kommt, oder? Tatendurstig, hoch motiviert, entspannt, in die Hände klatschend, mit Ausrufen wie: "So, Leute, jetzt geht es los!" Ich hätte vor Tagen mit einem Selbstbräuner anfangen sollen, jetzt ist es zu spät.

8.18 Uhr, eine Kippe und eine halbe Tasse Kaffee später. Sonnenlicht fällt durch die halbruntergelassene Jalousie. Ich denke: Last night I dreamed of San Pedro..tropical the island breeze, all of nature wild and free, this is where I long to be (keine Ahnung, wie das jetzt in meinen Kopf kommt). Und: Es wird Zeit, ich muß los.

01.07.2010 um 23:42 Uhr

Gratis halbnackter Italiener

Auf dem Babyspielplatz hängen die Mütter schlapp im Schatten, während Babies und Kleinkinder durch den Sand robben, krabbeln und torkeln. Hin und wieder ertönt schreckliches Gebrüll und ein oder zwei der Mütter erheben sich müde und wanken in Richtung ihres Kindes, drücken Schäufelchen in die Hand, wischen Sand aus den Augen, schieben Schnuller in den Mund. Wenn David den Sandkasten betritt, reißen schon einige der überängstlichen Mütter ihre kleinen, in rosa Kleidchen gepackten und erstaunlich sauberen Mädchen an sich. David pflügt nämlich wie ein verrückter Bagger durch den Sand und rechts und links wirbeln meterhohe Sandfontänen auf. Ihn stört es gar nicht, aber unschuldige Opfer am Wegesrand fangen an zu weinen. David liebt es außerdem seine unerklärlich schmutzigen Händchen in die Haare oder auf die Bäckchen insbesondere genau dieser adretten kleinen Persönchen zu schieben und "Eiei" zu sagen. Die klebrige Mischung aus Sand, Saft, Reiscrackern, Brezel und Gelbwurst, sowie einfach Dreck mag einfach nicht jeder. Ich belausche die Gespräche von einer paar Ökomamis und stelle wieder fest, wie wenig Ahnung ich von babygerechter Ernährung habe. "Brezeln sind nämlich krebserregend. Die darf man natürlich gar nicht geben. Manche Mütter geben ihren Kindern ja sogar noch Karotten, wobei jeder weiß, daß daran am häufigsten Kinder ersticken", sagt eine mit unangenehm schriller Stimme, die in ein merkwürdiges weißes, sackartiges Gewand gehüllt ist, von dem irgendwelche blauen Troddeln runterhängen. An denen zieht ihre Tochter seit einer Ewigkeit, die ebenfalls schon ganz alternativ aussieht mit ihrem verwaschenen gelben Kleid mit Hosenträgern. Während ich noch überlege, ob ich die Brezel jetzt demonstrativ auspacken oder sie doch verschämt nach unten in die Tasche schieben soll und David sich gerade mit dem ganzen Gesicht in den Sand legt, ändert sich die Atmosphäre auf dem Spielplatz schlagartig. Blaue Troddeln werden zurechtgerückt, Frauenhände fahren sich an allen Ecken und Enden in die Haare, Stimmen werden lieblicher, wenn sie rufen: "Marie-Antoinette, Rüdiger möchte doch sein eigenes Eimerchen haben. Leg das bitte wieder hin!" (Vorher klang es eher wie: "Verdammt, legs hin, sonst schepperts!"). Ja, da ist er wieder, der Italiener mit den entzückenden Zwillingen Alessandro und Maurizio. Lässig kommt er über den Zaun gesprungen, rechts und links je einen 1,5 jährigen unter die Achsel geklemmt, eine Selbstgedrehte hinterm Ohr. Kaum sind die zwei Piccolos im Sand, zieht er sein Hemd aus und selbst die Bienen hören auf zu summen - Totenstille. Er stopft sich die Stöpsel vom MP3Player in die Ohren und verzieht sich lässig schlendernd auf eine Bank im Schatten. 50 Augen folgen ihm. Zwischen seinen Schulterblättern ist die Tätowierung eines großen Adlers, er hat ein phantastisches SixPack, die Hose hängt auf halb acht und eine Calvin Klein Boxershorts schaut wohldosiert hervor. Er weiß genau, wie sie alle schauen. Und wie er das weiß. Er kommt nur in der Woche, nie am Wochenende. Am Wochenende sind einfach zu viele andere Väter da und das, das ist seine Show. Die Mütter, egal zu welchem Clan sie gehören, von Hanf bis Prada, haben allesamt Sabberfäden in den Mundwinkeln. Wir alle haben Glück, daß während seiner Anwesenheit auf dem Spielplatz bisher keine größeren Unfälle passiert sind, denn wen kümmern jetzt noch die Kinder? David liebt die Zwillinge, darf bei denen natürlich auch immer eiei machen und sie sehen genauso dreckig aus wie er. Ihr Vater schlendert heute zu uns rüber, spielt ein bißchen mit den drei Jungs und schneidet für David Grimassen. Er kann kein deutsch, aber ich italienisch, also unterhalten wir uns ein bißchen über unsere kleinen, dreckigen Monster und lachen. Als ich gehe, spüre ich die 24 zurückbleibenden hasserfüllten Augenpaare in meinem Rücken. Ich drücke David die ganze Brezel in die Hand und sage zu ihm: " Sie hassen uns, aber wir haben es halt raus..."

30.05.2010 um 21:37 Uhr

Ei ei

Wir sind auf dem Kindergeburtstag eines frisch gebackenen 1jährigen. Das Geburtstagskind thront auf einem Plastikstühlchen, vor sich einen Teller mit geschätzten 30 Mini-Wienerwürstchen und einem fetten Klecks Ketchup. Das Ketchup befindet sich außerdem in seinem Gesicht, an seinen Händen, auf dem Tisch und auf der Mutter. David und ich sehen fasziniert zu, wie sich der kleine Gastgeber Würstchen um Würstchen in seinen Mund schiebt und ähnlich einer Würgeschlange komplett hinunterschlingt. Paul hat nämlich erst zwei Zähne und die liegen ungünstig zum Kauen. Ich kann es kaum glauben, aber tatsächlich vernichtet er auf diese Art und Weise den kompletten Inhalt des Tellers. Und kotzt nicht. Respekt. Als die Babies schlafen, beschließt die Mutter, daß es Zeit für einen Trinkspruch für Paul ist. Der geht so: "Auf den Geburtstag, den ersten, von meinem süßen kleinen Paul!" Dazu müssen alle merkwürdigen Schnaps trinken (ich nicht, ich fahre). Dieses Prozedere wird dann im 5-Minuten-Takt wiederholt, wobei sich der Trinkspruch auf "Auf Paul!" und später auf "Paul" beschränkt, weil die Mutter schon schielt und, wenn sie sich erhebt, mit einer Hand am Gartentisch festhalten muß. Ihr Mann trägt eine Sonnenbrille und mittlerweile ist es 10 Uhr abends. Tatsächlich artet das Ganze in ein fieses Saufgelage aus. Die Mutter vertraut mir schwer lallend an: "Ich komm ja nisch raus..und wennsch mal dringggen kann..." Sie hat den guten Magen offensichtlich nicht an Paul vererbt, weil sie irgendwann, die Hand vor den Mund gepresst, hinterm Haus verschwindet. Auch Davids Papa ist schwer angeschlagen, als wir zu später Stunde nach hause fahren. Er philosophiert über Babies, schwärmt von unserem David und, schläft ein. Dies war also ein erster erster Geburtstag, an dem ich teilgenommen habe. Das lässt für die Zukunft hoffen.

Bei der Arbeit mache ich keine Fortschritte mit meinen neuen Mitarbeitern. Im Gegenteil. Von den Herren an den Rande eines Nervenzusammenbruchs getrieben, schmeiße ich während eines Meetings einen Stift auf den Tisch und rufe verzweifelt: "Ich bin doch hier nicht der Depp!" Das ist untypisch für mich und an den Blicken der Verursacher sehe ich, daß sie sich bezüglich der Richtigkeit dieser Aussage nicht ganz sicher sind. Mir geht es ja genauso. Habe ich doch mittlerweile eine ganz langsame Kindergartensprechweise angenommen, damit sie mich auch verstehen, in der unsinnigen Hoffnung, daß sie Z-U-H-Ö-R-E.N. Ich frage auch immer wieder: "Ja? Seht ihr das auch so? Versteht ihr, was ich meine?" Sie lächeln und nicken, nur, um bei nächster Gelegenheit das Gegenteil zu tun oder zu sagen. Außerdem wird permanent gemeckert: Alles ist so hart, alles ist so schwer, sie brauchen eigentlich 10 neue Mitarbeiter und eine Gehaltsverdoppelung. Der eine der beiden ist an einem  Vormittag plötzlich verschwunden. Sein Team weiß auch nicht, wo er ist. Ich versuche ihn anzurufen, hinterlasse eine dringende Nachricht in seinem Büro - nichts. Und an diesem Morgen ist bei uns wirklich die Hölle los! Ich schicke ihm eine erboste Mail nach zwei Stunden, auf die er umgehend von seinem Blackberry aus antwortet: "Liebe Sarah, bin gerade bei Mercedes, um meinen neuen Wagen zu bestellen. Melde mich direkt bei dir, wenn ich zurück bin." Ohne Kommentar.

Erfreulich hingegen die Fortschritte, die David macht. Ruft man "bravo", klatscht er in die Hände. Hält man ihn auf dem Arm und geht von einer anderen Person weg, winkt er freundlich. Manchmal macht er das auch vor dem Ende einer Begegnung, was dann aussieht wie: "Danke für das Gespräch. Schluß jetzt." Das macht er wirklich, so habe ich den Verdacht, weil er sich langweilt und will, daß seine Mutter endlich aufhört zu reden und was lustiges mit ihm macht. Ich ahne schon, daß er ähnlich undiplomatisch wie sein Vater wird. Außerdem hat er vier Zähne und einen halben, der sich gerade auf den Weg macht. Und Energie, die mir fast unheimlich ist. Er ist permanent in Bewegung und versucht sich überall hinzustellen. Einen Trick gibt es, wenn ich nicht mehr kann und es leid bin, ihm die ganze Zeit hinterherzuwuseln: Wir gehen zu einem fremden Menschen nach hause. Bis er da so rumtobt, braucht er erst mal ein Stündchen, bis er sich traut und Mama kann die Beine hochlegen und den verwunderten Gastgeber fragen: "Ist es okay, wenn ich mal kurz die Augen zumache? So ein halbes Stündchen?"  Abends, wenn wir beide völlig erledigt sind und er auf meinem Schoß sitzt, dreht er sich manchmal zu mir um, sieht mich liebevoll an, streichelt meine Wange und sagt tröstend: "Ei ei ei". Das wirkt Wunder.

11.05.2010 um 07:42 Uhr

Babyparty

Wir machen eine Babyparty (hat doch früher keine Sau gemacht, oder? ist doch erst seit S** in the Ci*t* auch bei uns üblich? )für eine der schwangeren Kolleginnen, deren Mutterschutz nun beginnt. David und ich sind die ersten und verteilen die mitgebrachte Deko: Vier (saubere) Windeln auf dem Tisch der Schwulenkneipe. Der Kellner, ein Megasahneschnittchen, fragt gleichermaßen beunruhigt wie interessiert, ob ich gleich einen Wickelkurs gebe. Ich kann ihn beruhigen und bestelle einen Chai. David bekommt ein Hochstühlchen und thront zufrieden am Tisch. Meine Handtasche, vollgepackt auch mit Spielzeug, kann unausgepackt bleiben, denn David verliebt sich in die laut röhrende Kaffeemaschine und beobachtet interessiert die (überwiegend männlichen) Gäste, die kommen und gehen. Alles ist friedlich und nett, bis David es irgendwie schafft, den kochend heißen Chai zumzukippen - mein Herz bleibt stehen und er schreit wie am Spieß. Es ist ihm, außer einem Schreck, glücklicherweise nichts passiert, aber ich brauche einen Schnaps. David bekommt sein Spielzeug und ich versuche, mich wieder halbwegs zu beruhigen. Dann haut er mir seine kleine Rassel genau ins Auge, und zwar so, daß ich 5 Minuten halbseitig erblinde, die Wimperntusche verläuft und gleich beide Augen klatschrot werden. Als kurz darauf die anderen kommen, sind David und ich eigentlich schon restlos erledigt und bereit, wieder nach hause zu gehen. Es wird dann noch recht nett. Wir reden über Babies, David lässt seinen Charme spielen und genießt die geballte weibliche Aufmerksamkeit. Wir schließen Wetten ab, bei denen es richtig um was geht, wer in welcher Reihenfolge als nächstes schwanger wird. Wir machen der armen Hochschwangeren Mut bei, wie wir glauben, motivierenden Gesprächen über die bevorstehende Geburt. Sätze wie: "Bei meiner Freundin, da war das ganz schlimm. Also 48 Stunden Wehen und die Ärzte wollten der NICHTS geben, und sie hat wirklich drum gebettelt. Sie haben das Baby dann mit einer Saugglocke geholt. Aber so muß das ja nicht sein, das sind Ausnahmen. Bei dir wird es bestimmt easy." sind natürlich nur bedingt motivierend und die Arme wiederholt irgendwann nur noch mantramässig mit gedämpfter Stimme: "Rausgekommen sind die noch alle!" Wir übergeben unsere Geschenke, begleitet von ständigem "ooooh, wie süß", "das ist ja soooo süß!" - und es stimmt auch in den meisten Fällen. Da niemand weiß, was es wird, haben alle geschlechtsneutrale Outfits gesucht, und das ist gar nicht so einfach. Bunte Streifen, weiß und pipigelb (weniger schön) sind die einzigen erhältlichen Farben, die man sowohl einem Jungen als auch einem Mädchen guten Gewissens anziehen kann. Meine Mutter sieht das anders: Sie hat David einen fliederfarbenen Jogginganzug geschenkt (" Das kann der tragen..mit seinem Teint, steht ihm das ganz toll!"). Davids Papa hat als erstes, als wir alleine waren,gesagt: "Den zieht der nicht in meiner Gegenwart an." Dabei ist es bis jetzt geblieben.

07.05.2010 um 20:49 Uhr

Alter und Alter ego

Heute wär mir danach, mit ein paar Freundinnen ein paar Fläschchen Wein zu trinken und ein bißchen Party zu machen. Ganz viel Blödsinn reden. Tanzen. Nun ja, stattdessen werde ich mich bald ins Bett begeben, weil ich -zur Abwechslung- zum Umfallen müde bin. Die Zeit fliegt mir davon, im Moment.  Entweder ich arbeite oder ich verbringe Zeit mit David - und in beiden Fällen fliegen die Tage nur so dahin. Früher, ante David, habe ich noch viel mehr gearbeitet, aber nebenher gefeiert und eine Menge (guten und weniger guten) Blödsinn gemacht. Jetzt putze ich tatsächlich gelegentlich die Küche, habe eine Steuerberaterin, immer Tempos in der Handtasche und trage beim Autofahren die Brille. Ob sie das meinen, mit "erwachsen werden"? Vielleicht ist es nur eine Phase, weil mein alter ego kann sich ja nicht einfach in Luft aufgelöst haben. Das wird schon wieder um die Ecke biegen.Heute, gerade, hat es sich ja mal ganz leise zu Wort gemeldet, auch wenn ich ihm mit lautem Gähnen gleich das Wort abgeschnitten habe.  Morgen sind wir alle drei auf einer Geburtstagsparty, nächsten Samstag heiratet eine Freundin, wir werden also rauskommen. Und feiern. Gemässigt, versteht sich, wir haben ein Baby bei uns. Außerdem habe ich selbst nächste Woche Geburtstag. Ich werde allen Ernstes 36 Jahre alt. Das erscheint mir höchst unglaublich und deswegen habe ich schon ein paar Mal nachgerechnet. Ich neige dazu, mein Alter zu vergessen. Wenn mich jemand fragt, muß ich seit einigen Jahren kurz nachdenken und mich konzentrieren. Das liegt daran, daß ich innerlich einfach auf der Stufe der 20jährigen geblieben bin. Es fühlt sich nicht so alt an wie 36. Die Zahl ist zu hoch für das Gefühl. Ein netter Kollege, der 50 geworden ist, hat mir gesagt, daß es ihm genauso geht. Das hat mich nicht beruhigt, sondern erst recht beunruhigt. Also werde ich mit 80, in Würde ergraut (und einem schlechten lila Farbstich im weißen Haar), mit Lackhandtäschchen und schnuckeligem Zivi an meiner Seite, genau das Gefühl immer noch haben? Dass ich eigentlich 20 bin?  

04.05.2010 um 07:55 Uhr

Prostitution & Teleshopping

David hat vier (!) Zähne. Die sind klein und spitz und ich schreie jedes Mal auf, wenn er diese selig grunzend in meinem Oberarm vergräbt und sich festbeisst. Sein Krabbeln ist schneller als mein Gehen und er wuselt in diesem Affenzahn ununterbrochen hinter uns her. Als er gestern von der Küche ins Wohnzimmer kam (er war so schnell, das keiner bemerkt hatte, wie er überhaupt das Wohnzimmer verlassen hat), hatte er etwas großes, braunes im Mund und flüchtete vor uns, als wir es ihm abnehmen wollten. Es war eine Kartoffel! Eine neue Liebe ist geboren. Ich persönlich unterstütze diese Beziehung, weil es besser ist als mein Oberarm. Bei der Arbeit haben alle möglichen Leute Geburtstag. Das ist gut, weil es so ständig Kuchen, Sekt und Brötchen gibt. Zwei Teamleiter haben keine guten Ergebnisse, und, welch Überraschung, es sind die zwei älteren Herrn, die von ihrer neuen Vorgesetzten von Anfang an so hellauf begeistert waren. Jetzt erklären sie der doofen Teilzeitmami auch mal eindringlich, woran die schlechten Ergebnisse liegen: Am Controlling, an der internen Serviceabteilung I und an der internen Serviceabteilung II, an den Kunden. Womöglich auch am Wetter, an mir, an Bloggern, auf jeden Fall hat es nichts, aber auch rein gar nichts mit ihrer Leistung zu tun. Das sind nämlich MANAGER mit ganz viel Erfahrung, die in so einem Sauhaufen einfach nicht arbeiten können. Ich höre aktiv zu, was bedeutet, ich darf nicken und Geräusche machen. Meine sonstigen Einwände, Fragen und Bedenken werden vom Tisch gefegt. Ich muß noch viel lernen. Zwischenzeitlich war ich zwei Mal in Zürich bei wichtigen Pitch-Präsentationen. Ein Pitch ist ein bißchen so wie Prostitution und Teleshopping. Eine Mischung daraus auf akademischen Niveau, das heisst dezenter, indirekter, aber inhaltlich absolut gleich. Man geht zu einem Kunden und bietet sich, seine Arbeitsleistung, seine Wochenenden und 24stündige Erreichbarkeit, seine Mitarbeiter und seine Seele an. Der Kunde hört sich das alles gemütlich an (das eine Mal sitzt eine Dame dabei, bei der ich bis zum Ende, als sie mir die Hand gibt, rätsele, ob sie überhaupt lebt und atmet, so unbeweglich hängt sie auf dem Stuhl, einen bebrillten Blick starr ins Leere und an mir vorbei gerichtet) stellt ein paar gemeine Fragen ("Warum sollen wir SIE wählen?" "Ja, warum denn nicht?"), informiert einen darüber, wie viele andere Leute er auch noch antanzen lässt und man muß alles tun, um zu zeigen, daß man einen besseren value-for-money darstellt. Und da sitzen sie in einer Reihe, ganz entspannt, notieren sich was und wenn man viel Glück hat lächeln sie zwischendurch, wenn man versucht, witzig zu sein. Und das versuche ich jedes Mal, wenn auch nicht immer erfolgreich. Man muß es sich ja schön machen.

21.04.2010 um 08:17 Uhr

Stand der Dinge

Es ist viel los im Moment. Trotzdem kann ich einen Punkt von meiner Liste der guten Vorsätze streichen: Für das Auto, wichtige Präsentationen und Situationen, über die ich mir noch nicht im klaren bin, habe ich mir eine Brille gekauft. So sehen die Straßen also aus. Und die Leute, so im Detail, ich wußte, daß ich das nicht unbedingt sehen will. Ich führe die Brille meinen Männern vor, der große nennt mich Vierauge, der kleine lacht begeistert, wenn ich die Brille auf- und wieder abziehe. Die Sonne scheint und ich renne mit Sonnenbrille in der Gegend herum. Diese hat natürlich keine Sehstärke. Ich verzweifle über meine männlichen Teamleiter. Vielleicht bringen sie mich dazu, männerfeindlich zu werden. Ich hoffe nicht. Unsere Firma schlägt innovative Wege ein und will schlanker werden, was natürlich im Klartext soviel heißt wie Personal, das man schon immer mal loswerden wollte, loswerden, Engländern und Amerikanern mehr Macht geben. Die Welt dreht sich unablässig. Ich habe ein neues, graues Haar. Ich reiße es heraus. Ich komme ins Wohnzimmer und David steht vor dem Couchtisch. Von alleine. Ein dicker Kloß in meinem Hals- jetzt steht er schon. Ich will eine große Box mit Pistazieneis - es gibt sie in keinem der Supermärkte, die ich, mit Brille, aber Sonnenbrille, abfahre. Unser Familienhund wird eingeschläfert, nach 13 Jahren, nach übermässigen Portionen wechselseitiger Liebe und Loyalität. Ein Hund, ja, ein alter Hund mit einem schönen Leben, und es tut trotzdem so unglaublich weh. Ich gehe total verheult zur Arbeit und denke tagelang permanent an diesen treuen Freund, Gary (und ich habe genau jetzt und hier das erste Mal einen Namen nicht geändert). Ich habe keine Lust mehr auf Pistazieneis. Ich muß eine Präsentation vorbereiten und nächste Woche in Paris vor einem möglicherweise ungnädigen Auditorium halten. Die Welt dreht sich weiter. Ich lasse David abends auf meinem Arm einschlafen, bevor ich ihn ins Bett trage.