Multipel Blog

15.09.2005 um 09:03 Uhr

VIERZEHN

PAULA:

Diese Schweine! Sogar auf den Flur hatten sie gekackt und ins Bett gepißt ... meine Computer-Equipment im Arsch, sämtliche Lebensmittel aus Kammer und Kühlschrank auf dem Küchenboden verteilt, zermantscht und zertreten, Eier und Tandoori-Paste und kleingetretene Nudeln und Magerquark, überall Grafittis - da war "Schnüffler" noch die freundlichste Bezeichung, an Tür und Wände gesprüht  ... einzig das Fax war weiter funktionsfähig, und aus diesem ragte die Androhung einer einstweiligen Verfügung, würde ich weiter über die Beziehung zwischen Kevin Boll und Sarah Lombard recherchieren. Absender: Die wohlbekannte Kanzlei Flieger. Wieso eigentlich Beziehung? Was ist mir denn da vor die Flinte gelaufen?

Habe die ganze Nacht geputzt, aufgeräumt, all das Zerbrochene in Müllsäcke verfrachtet. Die Tür hat die Polizei mir notdürftig gesichert, und doch waren die ganze Nacht  die Geräusche aus dem Treppenhaus zu hören, richtig gruselig ... so ein schlecht gesichertes Haus auf St. Georg ist doch ein Abenteuerland. Das Gestöhne irgendeines Quickies auf Linoleum war da noch harmlos. Der Typ über mir hämmerte gerade wieder ... seit gestern weiß ich ja auch, wer's ist. Und dieser Heini, der daneben wohnt, hört schon wieder lautstark seine nervtötenden Liedermacher, "Wozu noch beten?" gröhlt da irgendeiner von diesen Klampfen-Barden, diesen Troubadixen, die doch schon 1983 schlicht out waren. "Wo ist der Fanclub der Sehnsucht geblieben?" jault's jetzt ... habe nur Sehnsucht nach Rache! Welches Arschloch auch immer vor hat, mich in die Ecke zu treiben, wer auch immer dafür gesorgt hat, daß ich jetzt erst recht nicht die Miete zahlen kann - dem zahl ich's heim! Ich laß mich doch nicht unterkriegen von so einer kleinen Terror-Aktion! Walraff und Konsorten haben doch auch nicht klein beigegeben! Zum Glück hatte ich mein Laptop wie immer mit mir rumgeschleppt, und das Modem war auch noch heile ...

Habe natürlich sofort die Polizei gerufen und denen auch das Fax gezeigt. Da ist doch der Zusammenhang offensichtlich! Ziehen Sie sich warm an, Frau Lombard!

Waren zwei erstaunlich schnuckelige Typen, wobei sie in diesen neuen, Hamburger Disneyland-Polizei-Uniformen ja immer etwas lächerlich aussehen. Als ich diese Klamotten das erste Mal gesehen habe, dachte ich, es sei wieder irgendein Fetisch-Treff irgendwo in der Stadt ... naja, das Thema hatte Schill ja auch außerordentlich lustvoll in Angriff genommen.

Habe der Polizei lang und breit vom Verschwinden Kevins Bolls berichtet. Davon, was der so alles in Nachbarschaft angerichtet hat. Und daß er jetzt seit geraumer Zeit schlicht nicht mehr auffindbar ist ... Guido, meinen Informanten, habe ich freilich verschwiegen. Die Jungs versprachen mir sogar - augenzwinkernd -, mich über die Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten. Würde mich zwar 'n bißchen was kosten, aber ...

"Außerdem sitzen Sie doch direkt an der Quelle. Hier über ihnen, da wohnt doch der Staatsanwalt Brinkow, in solchen Fällen leitet der meistens die Ermittlungen ..."

Dieser Irre da oben, Staatsanwalt? Meine Güte, was wohnt denn ein Staatsanwalt in einer solchen Drecksbude hier unweit des Hansa-Platzes? Dieser inquisitorische Blick im Treppenhaus erklärte sich so allerdings ...

Die Jungs halfen mir sogar noch ein wenig beim Aufräumen, nahmen sogar Kot- und Pisse-Proben mit, machten viele Fotos. "Solche Typen, jetzt mal ganz unabhängig davon, wer dahinter steckt, sind gefährlicher als normale Einbrecher. Wenn die so ein Bedürfnis haben, Ihnen Angst und Schrecken und Ekel einzujagen, dann sind's immer auch potenzielle Vergewaltiger ..." Bei dem Blitzen in diesen grünen Polizistenaugen war ich mir so sicher auf einmal nicht mehr, ob er da nicht selbst Tendenzen hätte bei Bedarf und Gelegenheit ... waren ja lustige Aussichten. Aber wo sollte ich hin?

Habe dann noch - dem Handy sei Dank, mein Festnetz-Telefon hatte im Zuge des Verwüstens meiner eigenen Wohnung das Zeitliche gesegnet - wie blöde Redaktionen durchtelefoniert, Fernsehen, Print, alles. Wurde überall schon vom Vorzimmer abgewimmelt ... komisch, dachte, der Name Sarah Lombard würde da ziehen ... und ausgerechnet nach einer solchen Nacht hätte ich meinen ersten Termin bei diesem leckeren Montgomery-Clift-Double ...

 

SARAH:

"Was zum Teufel wagen Sie, mich hier zu Hause anzurufen? Mein Mann weiß doch nichts  ..."

"Sehr geehrte Frau Lombard, was fällt denn Ihnen eigentlich ein? Sie bringen mich in eine sehr schwierige Lage .."

"Sie mich auch, zum Glück ist mein Göttergatte gerade Joggen, was soll der denn denken ..."

"Ich mache mir auch so meine Gedanken.. warum konnten Sie nicht meine Initiative abwarten? Diesen Security-Dinest zum Angstmachen schickt man doch nicht zum selben Zeitpunkt los, an dem man auch die Androhung einer einstweiligen Verfügung startet."

"Aber ich habe doch gar nicht ..."

"Erzählen Sie mir doch nichts! Die haben sogar überall Spuren hinterlassen, diese Dilettanten - hatte gleich heute morgen den Herrn Staatsanwalt Brinkow am Telefon,  der mir mehr als deutlich machte, daß er auch nicht wisse, wie er in diesem Fall eine Zusammenarbeit mit mir ermöglichen solle. Mitten in den Flur haben diese Schwachmaten geschissen, und ein Fax meiner Anwaltskanzlei steckt da für alle sichtbar und droht Frau Hansen, sie solle gefälligst Recherchen zur Beziehung zwischen Frau Lombard und Herrn Boll unterlassen. Meine Güte, das ist ein Desaster!"

"Wie können Sie nur von einer Beziehung schreiben!!!! Es gibt auch Anwälte, die man auch Anwälte ansetzen kann, lieber Herr Flieger ..."

"Liebe Frau Lombard, erstens hält man in diesem Rechtswesen zusammen, da werden sie wenig Erfolg haben. Zweitens habe ich noch - noch, liebe Frau Lombard! - die relevanten Redakteure und Verlagsleiter davon überzeugen können, daß die eine oder andere Information über den einen oder anderen Mandanten, und da sind weiß Gott größere Kaliber als Sie dabei, Frau Lomabrad, nicht mehr zu ihnen gelangen würde, wenn sie über Sie und Ihre minderjähirge Liebschaft berichten  sollten. So ein Spiel kann  man aber nur bis zu einem gewissen Punkt ausreizen, da muß ich die Fäden schon in der Hand behalten, und wenn meine Mandanten dann selbst irgendwelche Banden engagieren, die wirklich alles falsch machen, weiß ich auch nicht mehr, ob ich da überhaupt noch bereit zu bin."

"Aber Herr Flieger, ich habe doch gar nicht, ich kenne solche Leute doch gar nicht ..."

"Na, Sie sind ja ein ganz hübsches Mädchen und ich habe jetzt was gut bei Ihnen. Kommen sie heute abend ins Atlantik, da habe ich eine Suite angemietet. Und tragen Sie bitte Turnschuhe."

Der Kerl legt auf. Mein Gott, wo bin ich denn da rein geraten? 

 

 

14.09.2005 um 22:25 Uhr

ZWISCHENSPIEL

DER ALLWISSENDE ERZÄHLER

Kevin freut sich jeden Abend auf die Kette. Die, die nur ums Fußgelenk gewunden ist und in der Wand verankert. So eine wie bei der Reemtsma-Entführung. So, daß er sich normal bewegen, na ja, fast, kann. Abends kommt immer diese Gestalt im Mönchsgewand, mit der Sturmhaube darunter, und löst die Fesselungen, die ihn an alle vier Bettpfosten fixierten. Immer abwechselnd: Ein Tag auf dem Bauch, einen auf dem Rücken. Kevin zählt schon nicht mehr die Tage. Abends wird ihm ein Fernseher hingestellt - heute läuft Champions-League. Dabei findet Kevin Fußball blöde ....

Was das hier alles soll, das fragt er sich täglich. Gut, das war eiegentlich immer so ein erotischer Traum von ihm gewesen ... Cowboy- und Indianer-Spielen fand er ja auch immer toll, mochte das, wenn der Marterpfahl zum Einsatz kam. Und bei Sarah träumte er immer davon, daß sie mal so wie in diesen Filmen, die er in der Boutique Bizarre gekauft hatte, obwohl er dafür doch viel zu jung war, auftreten und mit ihm umgehen würde ... sie war doch auch so groß und dunkel und so eine starke Frau.  Und es war doch nur Spaß, auf die Kreditkarte seiner Mutter bei dieser Agentur 'ne lustige Action zu buchen. Und dann das ... waren's vielleicht doch die selben, die er gebucht hatte, und Mutter hatte die Kreditjarte gesperrt, und jetzt ließen sie ihn zur Strafe versauern? Aber da war doch erst dieser türkische oder so Junge gewesen, der ihm eine Gardinenpredigt hielt und dann ging. Und dann wußte er nur noch, wie ihm jemand dieses übel riechende Tuch vor die Nase hielt ...  vielleicht hat Mutter ja auch schon die Lösegeldforderungen vorliegen. Und will nicht bezahlen, weil sie's auf Dauer nicht ertrug, all diesen Streß mit den Nachbarn, und er hätte sie auch wirklich nicht schlagen sollen, sorry, Mama, sorry!!!!!!  ... sie hatte ihn nur entsetzt angeschaut und wie erstarrt  "Wie Dein Vater ... wie Dein Vater .." gestammelt.

Diese Gestalt in diesem blöden Gewand, die nur morgens und abends kam, also entweder beim Morgenmagazin oder so um die Tagesschau herum, ihm zu trinken brachte und ihn wahlweise fest- oder losband,  hatte noch kein Wort mit ihm geredet. Zuerst hatte Kevin sich gewehrt, aber da war dann diese Knarre, und die machte ihm Angst, und dann ließ er's geschehen ...

Jetzt kommt sie wieder hineinspaziert, die braune Kutte, stellt ein Grillhähnchen hin, mit Pommes. Und erstmals 'n Bier.

"Stell Dir nur mal vor, das wäre Deine Henkersmahlzeit ...". Die Stimme, die das sagt,  ist die eine Mannes ...  

14.09.2005 um 21:58 Uhr

DREIZEHN

BASTIAAN:

Im Fernsehen läuft die Champions-League, Werder gegen Barcelona ,ohne Ton, und Rio Reiser am Klavier tönt dazu aus meinen Boxen: "Der Traum ist aus". Seltsame Doppelbedeutung angesichts dessen, daß die Bremer sich so früh im Spiel von Barca haben austanzen lassen ...

Sitze hier über dem Curry, frisch gekocht, nicht etwa aus einer blöden Fertig-Paste, mein halbes Gewürzregal fand Eingang in diese Komposition aus Trockenobst und indischer Koch-Alchemie. Komme mir vor wie Hans Albers in "Die große Freiheit Nr.7", als er über frisch gedecktem Tisch zusammenbricht, weil die olle jüngst verstorbene Ilse Werner ihn ausgerechnet in der Szene versetzt, da er ihr einen Heiratsantrag machen will.

Ich vermisse ihn schon, wenn er abends nicht da ist ... warum bin ich so blöd, so blöd, so blöd, Freddy hier hausen zu lassen? Putze auf einmal täglich, gehe einkaufen und überlege den halben Tag, was ich uns abends kochen kann - was soll die ganze Scheiße eigentlich? Bürgerglück? Der Junge interessiert sich doch für mich einen Dreck ... hängt hier nur rum, weil kein anderer Mensch dieses chronische Geschnorre, kombiniert mit so unerträglich anregendem Geräkel in Tanktops und Bademänteln, ertragen könnte. Ertappe mich, wie ich ihn verzückt anstarre, wenn er seine verzickten Scheiß-Tunten-Stories erzählt ... Scheiße! Scheiße! Scheiße! Und dann singt der olle Reiser hier noch "Ich werde Dich lieben bis zum Tod". Aber dann doch bitte bis zu seinem! So pflegt und hegt man plötzlich Mordgedanken ...

Wo treibt dieser Idiot sich eigentlich rum? Traut sich tagelang kaum auf die Straße, und jetzt ist er schon seit Mittags irgendwo unterwegs ... wahrscheinlich Sex im Park, um diese fette Sau, bei der er gerade wohnen muß, zu vergessen ...

Dabei wird seine Panik seit Tagen immer größer. Er hat ein wenig rumspioniert in Othmarschen, rund um sein sein Beinahe-Entführungsopfer herum, und der Junge ist tatsächlich verschwunden ... Polizei oder so hat allerdings noch keiner dort gesehen. dafür jetzt aber zur genüge Freddy ...  Und seinen Kumpel Olaf, mit dem er diese Kidnapping-Agentur gegründet hat, ist ebenso unauffindbar, hat auch auf keinem Wege versucht, mit Freddy Kontakt aufzunehmen ... jetzt schiebt Freddy Panik, daß der entweder dem wahren Entführer zum Opfer fiel oder aber der Polizei. Er kriegt täglich mindestens zwei Heulkicks - süüüüüß!

Uff! Der  Schlüssel dreht sich im Schloß! Freddy!

"Na, Süßer?"

Klar, der Kuß geht nur auf die Wange. Er wirkt erstaunlich fröhlich.

"Basti, das tat sooooo gut!"

Also doch Sex im Park.

"Habe mal wieder einfach so 'nen Nachmittag auf der Schanze gesessen, im Café unter den Linden rumgehangen, das tat soooo gut, mal raus hier ..."

 "Habe Curry gekocht."

"Sorry, Basti, bin sooooo satt - hast Du 'n Bier?"

Hole ihm eins. Schmeiße das Curry in den Mülleimer. Habe es noch nicht mal probiert.

"Sag mal, Dein Nachbar, was is'n das eigentlich für ein Vogel? Steht da im Treppenhaus und starrt mich an ..."

"Das macht der halt so."

Ich weiß auch nicht, ob ich ihn jetzt lieber ermorden oder vergewaltigen will, dieses exiliranische Arschloch, das auch noch heißt, als würde es gleich "Junge, komm bald wieder" anstimmen ... was für ein blöder Name für einen eingedeutschten Kalifensohn oder wasauchimmer diese Eltern verbrochen haben, daß der Ayatollah sie verstieß ... 

"Was hörst du da eigentlich für 'ne Liedermacher-Kacke? Ist ja voll düster ..."

Also umbringen.

"Warum hämmert der eigentlich nur frühmorgens und abends und am Wochenende so rum, der Nachbar?"

"Na, Schätzchen, da denk doch mal nach ..."

"Ach so, Leute, die arbeiten gibt's ja auch noch ... übrigens war die Tür in der Wohnung unter ihm eingetreten, und irgendjemand hat  "Schnüffler" und "Fotze" daran gesprüht ..."

13.09.2005 um 09:08 Uhr

ZWÖLF

SARAH:

Kein Morgen ohne Kater mehr. Schon wieder 'ne Flasche Gin gestern abend. Mein Göttergatte war direkt nach dem Joggen ins Bett gegangen, so saß ich da, schaute mir die Politrunde in der ARD an, entschied mich, trotz Gysi, Nichtwähler zu bleiben und mußte mich betäuben. Es ist Zeit, wieder auf Tour zu gehen, auf die Bühne zu steigen und raus aus dieser Idylle, in der ständig diese ach so süße Göre mit ihren Blümchenkleidern an meinen Beinen hängt und mein Göttergatte sein vermeindliches Recht einfordert  ...

Zum Glück hilft Sabine mir mit der Kleinen und im Haushalt. Dieses Dienstmädchenprivileg genieße ich, hätte jetzt keine Lust, Smalltalk mit all diesen so unglaublich engagierten Müttern zu halten, Ex-Öko und jetzt bestsituiert, in dieser Kindertagesstätte in Ottensen. Die haben ihren Sinn gefunden, ich hingegen sitze hier eingekuschelt in eine Wolldecke in der frühmorgendlichen Kälte auf der Veranda, die Aspirin ist geschluckt und meine Rosensammlung treibt noch ein paar letzte Blüten... gerade Yellow Charles Austin, über den Rosenschöpfer-Gott David Austin schrieb, die Nachblüte würde nicht immer ganz befriedigen, entfaltet noch einmal ein paar prachtvolle Trichterblüten, die mit ihrem warmen Gelb den Glauben an eine bessere Welt nähren ...

Die letzten Tage waren die Hölle - seit diese Blondine mit ihrem Presseausweis sich hier in mein Leben drängte und gar nicht mehr aufhörte, mich mit Fragen nach Kevin zu löchern. Ist es denn sooo spannend, wenn eine langsam alternde Pop-Diseuse sich was Frisches für's Bett sucht? Habe nervös jeden Tag alle möglichen Zeitungen gekauft, alle möglichen Boulevard-Magazine durchgezappt , ob dieses Miststück mit seinem toughen Karrierefrauen-Charme schon irgendwelche Berichte gestartet hat.

Bisher nichts. Offensichtlich recherchierte sie noch. Möchte nicht wissen, welche Kübel Mist meine ach so ehrbaren Nachbarn über mich ausgeschüttet haben. Die sitzen da doch neiderfüllt, daß so eine Ex-Punkette wie ich das hübscheste Haus im Umkreis hat und zudem 'nen Kerl mit Geld, der wahrscheinlich täglich in deren Fantasie ihre welke Begierde anstachelt und den all diese Dreck- und Gledsäcke rundherum insgeheim hassen, weil ihr eigenes Haar immer schütterer wird und ihrr Körper sich langsam der Form von fauligen Birnen annähert, während mein Göttergatte wie Adonis durch die Gegend spaziert. Wahrscheinlich hat die Frau Journalistin da in ein echtes Wespennest gepiekst ...

Bin gestern schon vorsichtshalber bei diesem Promi-Anwalt gewesen, über den man immer überall liest. Eine protzige Kanzlei, voll mit teurem Designmöbel-Schrott aus dem Stilwerk vollgestopft  - natürlich in einem dieser protzigen Klötze da unten in Neumühlen residierend, mit exklusivem Elblick. Diese postmodernen, architektonischen Frechheiten, die dem normalen Fußvolk den Elbblick versperren und langsam die Privatisierung von Ufer und Strand vorbereiten - warum sollen auch Hartz IV-Empfänger dauerhaft auf die Elbe gucken dürfen? Die sollen sich lieber ordentlich anstrengen dabei, Kaugummis von der Straße abzukratzen, auf daß sie dann ihre 1 Euro-Löhne in Eintritt zum  Elbblick umünzen können ...

Herr von Beust wird das schon präsidial durchlächeln. Der hatte damals sogar angefragt, ob ich nicht auf irgendeinem Rathaus-Empfang - wahrscheinlich einer von denen für die BILD-Redakteure, die sich dafür bedanken wollten, daß er ihren Willen 1 zu 1 in die Politik überführt - auftreten wolle. Da habe ich abgesagt, Junge, ich habe noch rund um die alte Flora und die Hafenstraße gegen Leute wie Dich demonstriert!

Die Absage an den Gralshüter Hamburger Unternehmerinteressen, an diesen Herrn Bürgermeister, der Hamburg auf eine "Marke" reduzieren will, Investoren und Sponsoren unterworfen,  war eines der wenigen Male, daß ich meinen Göttergatten stinkwütend erlebte. Seitdem habe ich glatt ein wenig Angst vor ihm. So viel  Wut in einem einzigen Gesicht, meine Güte, da mußte ich glatt zum Gin greifen, um mich, und ganz die liebe Gattin spielen, um ihn wieder zu beruhigen ...

Der Promi-Anwalt schien recht gelassen. Dreigleisig wolle er fahren: 1.) mit einer einstweiligen Verfügung der guten Hansen drohen, 2.) ihr eine gute Stange Geld anbieten, daß sie die Klappe hält und 3.) sei es ja mittlerweile üblich, es gäbe ja so Security-Dienste, die führen zweigleisig und dann würde Frau Hansen halt ein wenig Angst bekommen ... "Eine freie Journalistin, ich bitte Sie, Frau Lombard, die hat doch keine Chance gegen Sie! Zwei Anrufe in die maßgeblichen Verlage hinein und bei den entsprechenden Sendern, dann kann die den Beruf wechseln ... die Jungs in den Chefetagen, die wissen schon, daß sie mit mir kooperieren müssen ... Frau Lombard, umsonst ist da freilich nichts, wie ja auch sonst nichts im Leben, nicht wahr?"

Na, von meiner eigenen Kontoführung weiß mein Göttergatte ja zum Glück nichts. Der schier unglaublich elegante, grauhaarige Anwalt - ein wenig sah er aus wie Sky Dumont - sicherte mir Diskretion zu, und ich habe von nun an mit meinem schlechten Gewissen Paula Hansen gegenüber zu kämpfen. Darauf noch einen Gin, und dann noch mal 'ne Runde schlafen ...  

11.09.2005 um 18:39 Uhr

ELF

PAULA:

"Das Spiel ist ja schon schlecht, aber der Schiri ist noch schlechter", womit eigentlich alles gesagt ist zu "FC St. Pauli gegen Leverkusen II". Originalzitat meines Sitznachbarn, der angeblichen die besten Frikadellen auf dem Kiez brät. Hinzuzufügen ist nur, daß die Leverkusener Boygroup eigentlich ganz schon schnucklig waren, auch wenn's hart sein muß, 'nen typen wie diesen Ulf Kirsten zum Trainer zu haben ...  Süße Jungs. Daß unser Trainer mit der Qualität des Kaders überfordert ist, ist ebenfalls zu erwähnen. Mit 'nem richtigen Trainer würden wir brillieren. Aber so war's wenigstens ein 1 zu 0, und auch so wußte man wieder, warum man da sitzt. Großartige Gegen-Nazis-Choreographie zu Beginn des Spiels - "Nazis raus, damit unser Viertel lebt", so stand auf dem Transparent. Guter Satz. Ungefähr so lautete er jedenfalls. Umgeben von bunten Luftballons, eben Vielfalt statt Einfalt. Auftakt einer Demo gegen einen Laden auf St. Pauli, der diese unsäglichen Thor Steinar-Klamotten verkauft. Jede ökonomische Struktur, die diese Menschenverächter etablieren, ist gemeingefährlich ... 

Dann forderte Block 1 reiheum das Stadion zu Wechselgesängen auf - "Hauptribüne, Hauptribüne", "Nordkurve, Nordkurve", und dann ging's los, "St. Pauli" im Wechsel. Etwas pietätlos war das schon, weil Torwart Hollerieth, der uns die 3 Punkte wirklich hochheroisch festhielt, derweil am Boden lag - und blöd die Sprüche im St.Pauli-Fourm, www.stpauliforum.de; daß nun ausgerechnet meine heißgeliebte Haupttribüne da angeblich Jahre von erzählen würde. Glauben die eigentlich, wir bräuchten die Aufforderung von gegenüber, um uns zu amüsieren? Schon deshalb nicht, weil wir ja auch Vollbier kriegen, wenn die Hamburger Polizei mal wieder drangsalieren und gegen die St.Pauli-Fans pubertieren will und der Gegengeraden den Alkohol streicht ... ansonsten war es schon ein Erlebnis, einen so dermaßen unfähigen Schiedsrichter zu erleben. Abseits in der eigenen Hälfte habe ich noch nie jemanden pfeifen sehen ...

Ansonsten bin ich die ganze Woche mit diesem entführten oder auch nicht entführten Kevin beschäftigt gewesen. Alles sehr mysteriös. Eine Woche ist's nun her, daß ich bei der großen Sarah Lombard war - kurioser Zufall, daß gerade eine meiner größten Heldinnen direkt neben einer meiner potenziell größten Stories lebt.  Die habe ich schon vergöttert, als sie noch tiefdüster irgendwo im Paradigma von Isoldes Liebestod als eine Art weiblicher, deutscher Nick Cave melancholische Abende daheim bei Kerzenlicht garnierte und Liebeskummer so erträglich machte. Seit sie rosenstolzisiert jetzt in Pop macht, ist's noch okay und besser als der Rest, aber viel flacher geworden ...

Und dann steht sie da in ihrer Tür, und ihre Gesichtszüge entgleisen, als ich nach Kevin, ihrem Nachbarn frage. Hat die was mit der Sache zu tun? Nach kurzer Irritation lädt sie mich überfreundlich auf ihre prachtvolle Veranda ein, kredenzt mir Gin Tonic und sitzt da angekuschelt an ihren Mann,  der aussieht, als sei er frisch einem Men's Health-Cover entstiegen. Die große, kühle solze Diva macht das Weibchen an der Seite eines wirklich unnatürlich gebräunten Hünen, dessen Hemd, bis zum Bauchnabel geöffnet, den Blick freigibt auf wahrscheinlich mit Wachs enthaarte Brust und Waschbrettbauch - irgendwie widerlich, Yellow-Press-Posen. Macht Riesen-Tam-Tam um mich, die sie noch nie gesehen, demonstriert die ideale Ehe - nur, um wirklich rein gar nichts zu sagen zu haben. Ja, sie hat zweimal oder dreinmal freundlich-nachbarschaftlich mit ihm gequatscht, kennt die Mutter auch nur flüchtig, ein netter Junge - die halbe Nachbarschaft regte sich in den folgenden Befragungen darüber auf, was für ein versautes, kleines Biest der Junge ist, der die Kaninchen der Nachbarn mit mit Reiszwecken gespickten Möhren füttert, Mädchen und Jungs gleichermaßen belästigt, lautstark mitten in der Nacht Death Model hört, reihenweise wildfremde Menschen auf der Straße mit wüsten Beleidigungen quält, und Frau Lombard schildert ihn als netten Jungen von nebenan. Da stimmt doch was nicht. Die hat doch was zu verbergen ... ich verabschiedete mich leicht angeknallt vom Gin Tonic, setzte mich noch an den Elbstrand und blickte auf dieses immer wieder Industriehafen-Panorama, das Flackern auf dem Fluß, weil Blohm und Voss und die anderen sich in ihm spiegeln. Ein paar nette Punks - na ja, oder eben, das, was draus geworden ist - saßen dort rum, mit St.Pauli-T-Shirts, jung und unverdorben, wir hatten noch 'ne Menge Spaß beim Kiffen, über-Fußball-reden, vom Aufstieg träumen und  einfach an einem der späten Sommerabende beim Fackelschein uns gemeinsam zu freuen, daß wir in dieser Stadt leben dürfen. Dann schlenderte ich zu Fuß nach Hause, nach St. Georg, die ganze Zeit an der Elbe lang - erst Altonaer Balkon und dieser Blick auf die Docks, von denen Gehämmer herüberdringt, dann der Fischmarkt, wo heute morgen noch Touristen tobten, dann die Landungsbrücken mit ihren kleinen Barkassen, letztlich die Speicherstadt mit ihren Jahrhundertwende-Rotklinker-Lagergebäuden. Angestrahlt im Dunkel wirken sie immer wie eine Mischung aus Edgar-Wallace-Film-Kulisse und Venedig ohne Gondeln - Hamburg ist einfach die Stadt, in der man am besten durchatmen kann auf dieser Welt, alleine schon wegen des ganzen Wassers, des leichten Windes, der fast immer weht und weil alles diese distinguierte Würde ausstrahlt.

Romantisch druchdrungen, angesäuselt und bekifft wie ich war, fiel mir natürlich dieses Montgomery-Clift-Double aus dem Park wieder ein. Dieser arrogante, unverschämte Therapeut. Der würde mir nicht so einfach entkommen. Ich holte seine Vistenkarte aus der Tasche.  Leicht lallend sprach ich auf den Anrufbeantworter seiner Praxis, ich wolle einen Probetermin in Sachen Therapie, und da könne ich ja wohl einen Rückruf erwarten, immerhin sei ich akut selbstmordgefährdet. Der Rückruf kam natürlich prompt am nächsten Morgen - aber denkste, kein Akut-Termin, die gaben mir die Nummer von irgendeiner Psycho-Ambulanz im UKE und 'nen Date erst nächste Woche Mittwoch. Aber wenn ich noch unter Medikamenten stehen sollte, sollte ich diesen doch lieber nicht wahrnehmen. Na, nötig hat der's aber nicht. Immerhin hatte ich so Zeit, mir noch die dollsten Psycho-Sachen und Symptome auszudenken ...

Die Sache mit der Lombard und Kevin ging mir natürlich auch nicht aus dem Kopf. Man, ey, warum ruft seine Alte nicht einfach die Polizei? Der Junge ist jetzt schon 'ne ganze Weile verschwunden, und sie hängt da nur den ganzen Tag auf ihrem mediteranen  Korbsofa und stopft Valium in sich hinein. Guido, ihr Gärtner, erstattet jeden Tag Bericht, in allen immer das selbe: Nix geschehen. Mache mir unbekannterweise Sorgen um das Jüngelchen, selbst wenn's Typ Schul-Amokläufer ist ... nächste Woche muß ich die Boll selbst in Angriff nehmen. Guido hatte mir 'nen heißen Tipp gegeben, ein paar Sachen - ziemlich übel - über ihren Ex-Mann, die er hundsgemein ihrem Tagebuch entnommen hat, dieser miese Schnüffler. Daß ich das wüßte, würde sie schon dazu bringen, mir exklusiv die Story zu verkaufen, und die ginge dann ausnahmsweise auch mal an die Print-Kollegen ... und dann muß doch auch langsam mal die Polizei ins Spiel kommen ...