VIERZEHN
PAULA:
Diese Schweine! Sogar auf den Flur hatten sie gekackt und ins Bett gepißt ... meine Computer-Equipment im Arsch, sämtliche Lebensmittel aus Kammer und Kühlschrank auf dem Küchenboden verteilt, zermantscht und zertreten, Eier und Tandoori-Paste und kleingetretene Nudeln und Magerquark, überall Grafittis - da war "Schnüffler" noch die freundlichste Bezeichung, an Tür und Wände gesprüht ... einzig das Fax war weiter funktionsfähig, und aus diesem ragte die Androhung einer einstweiligen Verfügung, würde ich weiter über die Beziehung zwischen Kevin Boll und Sarah Lombard recherchieren. Absender: Die wohlbekannte Kanzlei Flieger. Wieso eigentlich Beziehung? Was ist mir denn da vor die Flinte gelaufen?
Habe die ganze Nacht geputzt, aufgeräumt, all das Zerbrochene in Müllsäcke verfrachtet. Die Tür hat die Polizei mir notdürftig gesichert, und doch waren die ganze Nacht die Geräusche aus dem Treppenhaus zu hören, richtig gruselig ... so ein schlecht gesichertes Haus auf St. Georg ist doch ein Abenteuerland. Das Gestöhne irgendeines Quickies auf Linoleum war da noch harmlos. Der Typ über mir hämmerte gerade wieder ... seit gestern weiß ich ja auch, wer's ist. Und dieser Heini, der daneben wohnt, hört schon wieder lautstark seine nervtötenden Liedermacher, "Wozu noch beten?" gröhlt da irgendeiner von diesen Klampfen-Barden, diesen Troubadixen, die doch schon 1983 schlicht out waren. "Wo ist der Fanclub der Sehnsucht geblieben?" jault's jetzt ... habe nur Sehnsucht nach Rache! Welches Arschloch auch immer vor hat, mich in die Ecke zu treiben, wer auch immer dafür gesorgt hat, daß ich jetzt erst recht nicht die Miete zahlen kann - dem zahl ich's heim! Ich laß mich doch nicht unterkriegen von so einer kleinen Terror-Aktion! Walraff und Konsorten haben doch auch nicht klein beigegeben! Zum Glück hatte ich mein Laptop wie immer mit mir rumgeschleppt, und das Modem war auch noch heile ...
Habe natürlich sofort die Polizei gerufen und denen auch das Fax gezeigt. Da ist doch der Zusammenhang offensichtlich! Ziehen Sie sich warm an, Frau Lombard!
Waren zwei erstaunlich schnuckelige Typen, wobei sie in diesen neuen, Hamburger Disneyland-Polizei-Uniformen ja immer etwas lächerlich aussehen. Als ich diese Klamotten das erste Mal gesehen habe, dachte ich, es sei wieder irgendein Fetisch-Treff irgendwo in der Stadt ... naja, das Thema hatte Schill ja auch außerordentlich lustvoll in Angriff genommen.
Habe der Polizei lang und breit vom Verschwinden Kevins Bolls berichtet. Davon, was der so alles in Nachbarschaft angerichtet hat. Und daß er jetzt seit geraumer Zeit schlicht nicht mehr auffindbar ist ... Guido, meinen Informanten, habe ich freilich verschwiegen. Die Jungs versprachen mir sogar - augenzwinkernd -, mich über die Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten. Würde mich zwar 'n bißchen was kosten, aber ...
"Außerdem sitzen Sie doch direkt an der Quelle. Hier über ihnen, da wohnt doch der Staatsanwalt Brinkow, in solchen Fällen leitet der meistens die Ermittlungen ..."
Dieser Irre da oben, Staatsanwalt? Meine Güte, was wohnt denn ein Staatsanwalt in einer solchen Drecksbude hier unweit des Hansa-Platzes? Dieser inquisitorische Blick im Treppenhaus erklärte sich so allerdings ...
Die Jungs halfen mir sogar noch ein wenig beim Aufräumen, nahmen sogar Kot- und Pisse-Proben mit, machten viele Fotos. "Solche Typen, jetzt mal ganz unabhängig davon, wer dahinter steckt, sind gefährlicher als normale Einbrecher. Wenn die so ein Bedürfnis haben, Ihnen Angst und Schrecken und Ekel einzujagen, dann sind's immer auch potenzielle Vergewaltiger ..." Bei dem Blitzen in diesen grünen Polizistenaugen war ich mir so sicher auf einmal nicht mehr, ob er da nicht selbst Tendenzen hätte bei Bedarf und Gelegenheit ... waren ja lustige Aussichten. Aber wo sollte ich hin?
Habe dann noch - dem Handy sei Dank, mein Festnetz-Telefon hatte im Zuge des Verwüstens meiner eigenen Wohnung das Zeitliche gesegnet - wie blöde Redaktionen durchtelefoniert, Fernsehen, Print, alles. Wurde überall schon vom Vorzimmer abgewimmelt ... komisch, dachte, der Name Sarah Lombard würde da ziehen ... und ausgerechnet nach einer solchen Nacht hätte ich meinen ersten Termin bei diesem leckeren Montgomery-Clift-Double ...
SARAH:
"Was zum Teufel wagen Sie, mich hier zu Hause anzurufen? Mein Mann weiß doch nichts ..."
"Sehr geehrte Frau Lombard, was fällt denn Ihnen eigentlich ein? Sie bringen mich in eine sehr schwierige Lage .."
"Sie mich auch, zum Glück ist mein Göttergatte gerade Joggen, was soll der denn denken ..."
"Ich mache mir auch so meine Gedanken.. warum konnten Sie nicht meine Initiative abwarten? Diesen Security-Dinest zum Angstmachen schickt man doch nicht zum selben Zeitpunkt los, an dem man auch die Androhung einer einstweiligen Verfügung startet."
"Aber ich habe doch gar nicht ..."
"Erzählen Sie mir doch nichts! Die haben sogar überall Spuren hinterlassen, diese Dilettanten - hatte gleich heute morgen den Herrn Staatsanwalt Brinkow am Telefon, der mir mehr als deutlich machte, daß er auch nicht wisse, wie er in diesem Fall eine Zusammenarbeit mit mir ermöglichen solle. Mitten in den Flur haben diese Schwachmaten geschissen, und ein Fax meiner Anwaltskanzlei steckt da für alle sichtbar und droht Frau Hansen, sie solle gefälligst Recherchen zur Beziehung zwischen Frau Lombard und Herrn Boll unterlassen. Meine Güte, das ist ein Desaster!"
"Wie können Sie nur von einer Beziehung schreiben!!!! Es gibt auch Anwälte, die man auch Anwälte ansetzen kann, lieber Herr Flieger ..."
"Liebe Frau Lombard, erstens hält man in diesem Rechtswesen zusammen, da werden sie wenig Erfolg haben. Zweitens habe ich noch - noch, liebe Frau Lombard! - die relevanten Redakteure und Verlagsleiter davon überzeugen können, daß die eine oder andere Information über den einen oder anderen Mandanten, und da sind weiß Gott größere Kaliber als Sie dabei, Frau Lomabrad, nicht mehr zu ihnen gelangen würde, wenn sie über Sie und Ihre minderjähirge Liebschaft berichten sollten. So ein Spiel kann man aber nur bis zu einem gewissen Punkt ausreizen, da muß ich die Fäden schon in der Hand behalten, und wenn meine Mandanten dann selbst irgendwelche Banden engagieren, die wirklich alles falsch machen, weiß ich auch nicht mehr, ob ich da überhaupt noch bereit zu bin."
"Aber Herr Flieger, ich habe doch gar nicht, ich kenne solche Leute doch gar nicht ..."
"Na, Sie sind ja ein ganz hübsches Mädchen und ich habe jetzt was gut bei Ihnen. Kommen sie heute abend ins Atlantik, da habe ich eine Suite angemietet. Und tragen Sie bitte Turnschuhe."
Der Kerl legt auf. Mein Gott, wo bin ich denn da rein geraten?
